05.03.1984

TIER-VERSUCHEGrüne Zelle Lurch

Mit Einbrüchen und Brandanschlägen protestieren radikale Tierschützer gegen Tierversuche und gegen das neue Bonner Tierschutzrecht. Militante Versuchsgegner planen Sprengstoff-Attentate. *
Die Einbrecher, zwölf Frauen und Männer, schlugen eine Scheibe ein und kletterten in das Gebäude. Nach anderthalb Stunden fuhren die vermummten Täter, Katzenmasken überm Kopf, mit zwei Lastwagen wieder davon. Beute: 550 Meerschweinchen.
Mit dem "Befreiungsaktion" genannten Einbruch beim Kleintierzüchter Rolf Dunkhase im holsteinischen Ahrensburg wollte eine radikale Gruppe namens "Autonome Tierschützer Deutschland" am Montag letzter Woche gegen "das skrupellose Geschäft mit wehrlosen Tieren" protestieren. Zudem sollten die Meerschweinchen - Wert: mehr als 10 000 Mark - vor einem "qualvollen Tod durch Tierversuche" bewahrt werden.
Der Einbruch ist das jüngste Glied in einer Kette spektakulärer Aktionen, mit denen militante Tierschützer für einen Stopp aller Tierversuche streiten. Denn "mit normalen Mitteln", behauptet eine der Hamburger Autonomen, "kommen wir einfach nicht weiter".
Tierversuchsgegner blockieren immer häufiger Zufahrten von Tierlabors (wie in Göttingen) oder legen Brandsätze (etwa im Foyer der "Mäusebunker" genannten Berliner "Zentralen Tierlaboratorien"), verwüsten Versuchsanstalten (in Hamburg) oder übergießen Apparate mit Salzsäure (in Berlin).
Da nimmt es sich vergleichsweise harmlos aus, wenn in Frankfurt eine "Grüne Zelle Lurch" 50 Labor-Frösche befreit und sich "mit freundlichem Quak, Quak" an die Öffentlichkeit wendet. Den meisten Tierbefreiern ist zum Spaßen nicht mehr zumute.
Die wachsende Militanz in der Szene ist ein Reflex auf die alltägliche "Folter für den Fortschritt" (Tierschützer-Slogan), der in Hunderten von Labors Ratten und Mäuse, Katzen und Hunde, Kaninchen und Affen ausgesetzt sind. Alljährlich kommen bei Versuchen allein in Westdeutschland sieben Millionen Tiere um.
Das 1972 verabschiedete Bonner Tierschutzgesetz verhindert nicht, daß in Laborversuchen Katzen der Schädel zertrümmert wird, Hunde mit Stricken erwürgt oder Kaninchenaugen mit Chemikalien verätzt werden. Denn das Gesetz verbietet lediglich, einem Tier "ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden" zuzufügen - und über Vernunft läßt sich streiten.
Zwar will das Bundeskabinett noch in diesem Monat über eine Novellierung des Gesetzes beraten. Doch Tierschützer befürchten, daß der neue Entwurf außer "ein paar kosmetischen Änderungen" kaum Verbesserungen bringen wird.
"Die Szene steht unter Dampf", sagt einer der Anführer der Autonomen, der Berliner Altenpfleger Andreas Wolff: "Die Leute werden immer frustrierter." Selbst bei den bislang als kreuzbrav geltenden rund 500 000 organisierten Tierschützern, die im Deutschen Tierschutzbund zusammengeschlossen sind, registriert Geschäftsführer Johannes von Korff "wachsenden Unmut": "Der Druck nimmt zu."
Der von Agrarminister Ignaz Kiechle (CSU) vorgelegte Entwurf des neuen Tierschutzgesetzes müßte, kritisieren Tierschützer, eigentlich "Tiernutzungsgesetz" heißen, denn auch weiterhin soll nahezu jedes Experiment erlaubt werden.
Kiechle läßt sich zwar öffentlich feiern, weil künftig zum Beispiel das Kupieren verboten ist ("Bild": "Gut für Hunde - Ohren bleiben dran"). Weil der Entwurf aber weiterhin umstrittene Experimente erlaubt, werfen Tierschützer wie Ilja Weiss vom 10 000 Mitglieder starken "Bundesverband der Tierversuchsgegner" (BTVG) der Regierung vor, sie wolle "nicht die Tiere, sondern vor allem die Tierversuche schützen".
Auch gemäßigte Tierschützer erbost, daß die Novelle jede Tendenz vermissen läßt, die Zahl der Tierversuche wirksam einzuschränken und Grausamkeiten so weit wie möglich zu verhindern.
Anders als die ebenfalls zur Debatte stehenden Gesetzentwürfe der Grünen und des hessischen Sozialministers oder
ein Änderungsvorschlag des Deutschen Tierschutzbundes verzichtet der Kiechle-Text auch darauf, die Anwendung von Alternativmethoden vorzuschreiben, wo immer es möglich ist, etwa Experimente mit Zellkulturen.
In der Fachwelt gehen die Meinungen über Nutzen und Preis von Tierversuchen noch immer weit auseinander. Das Massensterben im Labor sei notwendig, urteilte letzte Woche der Münsteraner Professor Fritz Kemper bei einem Symposium in Bad Nauheim, um die "Menschen nicht mit unbekannten Substanzen zu traktieren", wie sie in neuen Arzneien, aber auch in Lidschatten, Lippenstiften oder Badezusätzen verwendet werden. "Mindestens 90 Prozent aller Experimente sind nachweisbar überflüssig", behauptet hingegen der BTVG.
Die gewalttätige Minderheit unter Westdeutschlands Tierschützern interessiert die Erörterung solcher Grundsatzfragen schon lange nicht mehr. Die Katzen- und Affenliebe vieler Militanter führt dazu, daß "alle Tierversuche" abgelehnt werden. Nicht einmal begründete Ausnahmen im medizinischen Bereich mögen die Militanten hinnehmen; entsprechend radikal agieren sie.
In Münster, bei der Labor-Firma Hazleton, schlugen Unbekannte die Einrichtung kurz und klein. Rund 15 000 Mark Sachschaden richteten Mitglieder einer "Vereinigung gegen den Tiermord durch Tierversuche" an, die im "Deutschen Primatenzentrum" in Göttingen Feuer legten, wo Affen für Forschungszwecke gehalten werden. In Hamburg warfen "Bürger gegen Tierversuche" tote Katzen vor den Eingang der Universitätsklinik Eppendorf; dort stellen Krebsforscher Experimente mit Hunden an.
Noch immer weithin belächelt, versuchen Tierschützer, mit neuen Aktionsformen Schlagzeilen zu machen. In Berlin liefen Versuchsgegner als lebende Fackeln in Asbestanzügen durch die City. In Hamburg scheiterte vorletzte Woche eine ähnliche Aktion (Motto: "Feuer und Flamme für alle Tier-KZs"), weil Polizisten einschritten, ehe ein Demonstrant zum Feuerzeug greifen konnte.
Die bisherigen "Befreiungsaktionen", droht eine Hamburger Autonome, seien "noch harmlose Geschichten". Tatsächlich beobachten Fahnder, die schon seit langem von "einer Art Öko-Terrorismus" sprechen, einen Trend weg von der symbolischen Aktion, hin zum Attentat.
Vielerorts debattieren Militante schon, wie sie an Sprengstoff herankommen. "Irgendwann", sagt der Berliner Wolff, "wird es wieder knallen." Weil sich in der Gesetzgebung, trotz Kiechles Novelle, nichts bewege, müsse es "immer härtere Aktionen geben".
Voller Bewunderung blicken Autonome wie Wolff, der jüngst wegen zweier Brandanschläge in Berlin zu zwei Jahren Haft mit Bewährung verurteilt wurde, nach England. Dort attackieren Tierschützer Angler mit Steinwürfen, manche gehen, mal listig, mal handgreiflich, auch gegen Jäger vor. Eine "Animal Liberation Front", die mitunter Zuchtfarmen überfällt, ist, so der "Guardian", sogar bereit, "für den Tierschutz Menschen zu verkrüppeln und umzubringen".
Den Autonomen, die den Ahrensburger Züchter heimgesucht haben, imponiert so etwas. Die englischen Gesinnungsfreunde, verriet letzte Woche einer der Hamburger Meerschweinchen-Befreier dem SPIEGEL, seien ihm Vorbild: "Die geben voll Power."

DER SPIEGEL 10/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TIER-VERSUCHE:
Grüne Zelle Lurch

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz