05.03.1984

„Wahn-GmbH und Co. KG“

SPIEGEL-Redakteur Jörg-R. Mettke über den Verfassungsschutz und die Polit-Sekte EAP Deutschlands wohl obskurste Politgruppierung nennt sich „Europäische Arbeiterpartei“ (EAP). SPD-Leute argwöhnen, hinter der rechtsradikalen Organisation stecke ein „westlicher Geheimdienst“, CDU-Politiker sehen eine Sekte am Werk. Genaueres weiß offenbar nicht einmal der Verfassungsschutz über die Partei, die selbst nach Auffassung der „Bild“-Zeitung „am Rande der Verfassungsfeindlichkeit operiert“. Dabei ist, Zufall oder nicht, Verfassungsschutz-Chef Hellenbroich ein Bruder des EAP-Geschäftsführers Hellenbroich. *
Hinterm Anschlag auf den polnischen Papst steckten, jetzt ist es endlich heraus, der Club of Rome, die anglikanische Kirche und die Tierfreunde vom World Wildlife Fund - nachzulesen in der Zeitschrift "Spuren und Motive".
Westeuropas Grüne als straff geführte Unterabteilung einer ominösen "Nazi-Internationale", Moskaus Andropow als Marionette des "englischen Adels", Willy Brandt als "Nazi-Kommunist-Agent", was immer das sein mag, die Mitglieder der Jungen Union als "nützliche Idioten" des KGB, Henry Kissinger als durchtriebener Hintermann der Entführung und Ermordung des italienischen Christdemokraten Aldo Moro - auch das gibt''s schwarz auf weiß in "Spuren und Motive".
Das dünne Blättchen mit der gestelzten, höchst ernst gemeinten Unterzeile "Sicherheitspolitische Informationen, Analysen und Meinungen" ist eine wahre Fundgrube für Leser, die wüste Verschwörungstheorien und platt Denunziatorisches mögen. Wer die allmonatlich in Wiesbaden edierten Wahnvorstellungen vom Untergang der Zivilisation im Jahresabonnement beziehen möchte, muß 120 Mark anlegen. Dafür gelangt er allmählich in den kompletten Besitz der kruden Weltanschauung des amerikanischen Unternehmensberaters Lyndon Hermyle LaRouche, 61. Er ist Stifter und Steuermann einer Vielzahl von Kleinstorganisationen in den USA und Westeuropa, zu denen sich seine paar hundert Anhänger unter ebenso edlen wie irreführenden Bezeichnungen als "Europäische Arbeiterpartei" (EAP), "Club of Life", "Anti-Drogen-Koalition" oder "Private Akademie für Humanistische Studien" immer wieder neu formieren müssen.
Seit Jahren schon geben LaRouches Organisationen Anlaß zu abenteuerlichsten Spekulationen. Westdeutsche Politiker rätseln, ob es sich bei den Mitgliedern schlicht um "Spinner" handelt oder ob womöglich mehr dahintersteckt. Jusos argwöhnten, mit Hilfe der bizarren EAP-Maske forschten Westspione die deutsche Linke aus, Willy Brandts Bürochef Klaus-Henning Rosen erklärte jüngst in "Bild", unter dem Deckmantel der EAP werde "von einem westlichen Geheimdienst systematisch Desinformation betrieben".
Sicher ist: Daheim in New York bewirbt sich LaRouche, der sich binnen zweier Jahrzehnte vom trotzkistischen Eiferer zum Rechtsradikalen häutete (SPIEGEL 39/1980), gerade zum zweitenmal um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei - gestützt auf ein ihm blind ergebenes, politisch bedeutungsloses "National Democratic Policy Committee" (NDPC), Nachfahre seiner vor zehn Jahren gegründeten und inzwischen aufgelösten US-Labor Party.
In der Bundesrepublik betreibt Gattin Helga Zepp-LaRouche, 35, derweil die Filiale EAP, die wie alle deutschen La-Rouche-Organisationen in Wiesbaden ansässig und durch moderne Überwachungselektronik von der Außenwelt abgeschirmt ist. Wahlerfolge konnte die auf 250 Mitglieder geschätzte Zepp-Truppe freilich bislang ebensowenig verbuchen wie die amerikanische Vaterpartei: Bei der letzten Bundestagswahl _(Oben: letzte Woche in München; ) _(unten: im Bundestagswahlkampf 1980. )
verirrten sich nur 0,038 Prozent der Wähler mit ihrem Kreuz zur angeblichen Arbeiterpartei.
Zwar führt der Bundeswahlleiter die EAP nach wie vor als Partei in seinen Listen, weil sie die erforderlichen formalen Voraussetzungen erfüllt und mit einer Satzung ("die Bundesrepublik ... als humanistische demokratische Republik gestalten") ebenso aufwarten kann wie mit einem Programm (für Platon und Schnelle Brüter, Beethoven und die BKA-Rasterfahndung). Laut Statut besteht die Aufgabe der EAP-"Führung nicht darin, herrschende Meinungen wiederzugeben, sondern darin, falsche Auffassungen unter der Wählerschaft zu bekämpfen".
Doch Führerkult (LaRouche: "Ich halte die Welt und ihr Schicksal in meinen Händen") und fanatisches Sendungsbewußtsein (Helga Zepp-LaRouche: "Wir selbst müssen denken wie Genies und andere zum Genie erziehen") haben bei aufmerksamen Beobachtern der Szene längst zu der begründeten Überzeugung geführt, die EAP samt Nebenorganisationen sei weit eher als eine auf die totale Abhängigkeit ihrer Mitglieder ausgerichtete "Sekte denn als politische Partei" zu bezeichnen - so das Fazit des Berliner Parteienforschers Michael Fichter nach jahrelangen EAP-Untersuchungen in einem jetzt erschienenen Handbuch.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Irmgard Karwatzki, Parlamentarische Staatssekretärin im Bonner Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, teilt diese Einschätzung: Die EAP arbeite mit "Methoden wie bei Jugendsekten", lege jungen Leuten "den Abbruch von Berufsausbildung oder Studium" nahe, arbeite gezielt auf einen Bruch mit dem Elternhaus hin, halte die Jugendlichen "von frei verfügbaren Nachrichtenmedien fern" und verbaue ihnen so "mit allen Konsequenzen die Zukunft".
Für Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, den Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche in Bayern, bildet die EAP und das um sie gewobene Vereins- und Firmengeflecht längst eine "Wahn-GmbH und Co. KG". Und Jurist Klaus Karbe von der Bonner "Aktion für geistige und psychische Freiheit" (AGPF), einer Arbeitsgemeinschaft sektengeschädigter Eltern, bezeichnet die EAP, die andere gern Nazi schimpft, als "Nazis, wenn auch ohne Hakenkreuz".
In der "humanistischen Republik des LaRouche", so Karbe, hätten nicht nur "Lumpenproletariat" und "Deklassierte" keine Existenzberechtigung, sondern "auch die liberalen, nicht-produktiven Klassen, wozu alle Intellektuellen zu rechnen sind, soweit sie nicht das Prinzip des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bejahen".
Dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) erscheint die EAP, die selbst nach Auffassung der "Bild"-Zeitung "am Rande der Verfassungsfeindlichkeit operiert", seit sechs Jahren keiner Observation mehr bedürftig. Sie ist, so ein BfV-Sprecher, "kein Beobachtungsobjekt mehr" - seit 1978, just dem Zeitpunkt, als sämtliche LaRouche-Organisationen ihre wortradikale Linksverkleidung aufgaben, die den Verfassungsschützern zuvor Anlaß gewesen war, die EAP in die Rubrik "Neue Linke" einzustufen.
Zwar sei, so erinnert sich BfV-Präsident Heribert Hellenbroich, die EAP vor vier Jahren "noch mal unter dem Gesichtspunkt ''Rechtsextremismus'' geprüft worden", aber diese Kontrolle verlief "negativ", weil "dieser Gruppe der übersteigerte Nationalismus fehlt".
Immerhin: Wenn auch der "ganze Katalog unserer Mittel nicht mehr eingesetzt wird", beruhigt Präsident Hellenbroich sich und andere, so lese doch hin und wieder ein Verfassungsschützer frei zugängliche EAP-Quellen. Dem wenigstens hätte, beliebiges Beispiel, im vergangenen Jahr ein LaRouche-Text in der ersten Dezember-Ausgabe der EAP-Wochenzeitung "Neue Solidarität" auffallen dürfen: _____" Meiner Ansicht nach braucht man für Leute wie " _____" Kissinger nur eine tiefe Grube, die mit großen " _____" Betonmauern umgeben ist, damit sich keiner weh tut, wenn " _____" er versucht zu entkommen. Auf dem Boden der Grube ist " _____" eine kleine Öffnung, die zu einem komfortablen Käfig " _____" führt. Jeden Tag würde der Käfig aus hygienischen Gründen " _____" ausgespritzt, und Henry müßte in dieser Zeit in der Grube " _____" seinen Rundgang machen. Sobald er ins Freie tritt, " _____" könnten alle Witwen und Waisen, vor allem aus Pakistan " _____" und all den anderen Ländern, die das Opfer Henry " _____" Kissingers wurden, an die Mauer treten und, wenn sie " _____" wollten, auf ihn spucken. Wenn es nach mir geht, sollte " _____" Henry Kissinger so lange wie möglich unter diesen " _____" Bedingungen leben. Sie sehen, ich bin durchaus " _____" zivilisiert ... "
Präsident Hellenbroich findet, La-Rouche, der Kissinger gelegentlich auch dessen jüdische Abstammung anlastet, sei "einfach geisteskrank", die EAP seit einigen Jahren "abgesunken in einen spinnerten Haufen". Aber gerade unter den deutschen Mitgliedern gebe es durchaus auch "Leute, die nicht auf den Kopf gefallen sind, die großbürgerliche Bildung haben und sich um den Humanismus bemühen".
CDU-Mitglied Heribert Hellenbroich, 46, muß das wissen, denn hier hat er seinen Mitarbeitern Entscheidendes voraus: private Quellen. Bruder Anno, 36, ist nämlich 2. stellvertretender Bundesvorsitzender der EAP und zugleich Geschäftsführer der Nachrichtenagentur EIR ("Executive Intelligence Review"), die den Späh- und Spitzeldienst "Spuren und Motive" herausgibt. Darin wird der Chef, dem großen Bruder bis zum Verwechseln ähnlich, als Experte für "internationalen Terrorismus" gefeiert.
Manchmal, in Wahljahren, kandidierte Anno Hellenbroich, der nach streng katholischer Erziehung und abgebrochenem Medizinstudium sein Leben den LaRouche-Ideen weihte, auch für die EAP. Dann bringt er es, wie bei der letzten Bundestagswahl, im Stuttgarter Wahlkreis "162 Süd" auf 135 Erst- und 84 Zweitstimmen.
Bei Familienfeiern, mindestens zum Geburtstag der Mutter, sehen die fünf Hellenbroich-Geschwister sich regelmäßig. Dann, erzählen Eingeweihte, knistert es schon mal, wenn Anno dem Heribert zu vorgerückter Stunde vorwirft, er sei "doch auch bloß ein Agent der Queen" - getreu der LaRouche-Paranoia, daß "Elizabeth, die Hexe von Windsor", alle Verderber dieser Welt dirigiert. Oder wenn der Verfassungsschützer dem Spurenleser den Rat gibt, mal schön aufzupassen, daß bei der EAP
"nicht noch Antisemitismus dazukommt, sonst ist der Bruch vollzogen".
Doch da, sagt Präsident Hellenbroich, habe ihm EAP-Spitzenfunktionär Hellenbroich "absolut glaubhaft versichert, daß sich solche Sachen wie ''Judenbengel Kissinger'' wirklich auf die USA beschränken". Und danach haben die beiden musikalischen Söhne eines Kölner Musiklehrers ihr vorerst letztes Geigenspiel miteinander absolviert.
Für gewöhnlich geigt EAP-Mann Hellenbroich, der auch dem zentralen La-Rouche-Orchester vorsteht, jedoch nicht mit Gegnern, sondern allenfalls mit Ehefrau Elisabeth. Die wiederum macht sich auch im EAP-Vorstand nützlich, dazu als Vorsitzende der 1979 gegründeten Privaten Akademie für Humanistische Studien und als Chefredakteurin des Akademie-Blattes "Ibykus". Und fällt irgendwo öffentlich ein kritisches Wort über LaRouches Frontorganisationen, ihre wirre Ideologie, ihre Verzweigungen, ihre Proselytenmacherei, ihre Psychotechniken zur geistigen und materiellen Vereinnahmung der Gläubigen - dann gehört es auch zu Anno Hellenbroichs Aufgaben, prompt auf Unterlassung und Schadensersatz zu klagen.
Dies widerfuhr jetzt dem Westdeutschen Rundfunk nach einer Radiosendung, die bislang weitgehend unbekannte Aktivitäten eines LaRouche-Zirkels auf naturwissenschaftlichem Gebiet ausleuchtete: des Fusions-Energie-Forums (FEF), eines 1978 ins Wiesbadener Vereinsregister eingetragenen Ablegers der 1974 von LaRouche in New York gegründeten Einrichtung gleichen Namens. Natürlich, ließ Anno Hellenbroich für die EAP sogleich durch Anwälte einwenden, war das meiste "widerrechtliche Schmähkritik".
Das FEF produziert die deutschsprachige Ausgabe der Zeitschrift "Fusion" und versteht sich laut Satzung als Vorreiter "einer Umwälzung des heutigen physikalischen Weltbildes", bekämpft die "technologiefeindlichen neomalthusianischen Theorien" und streitet für alle gegenwärtigen und zukünftigen Formen von Kernenergie-Gewinnung, vornehmlich für kontrollierte Kernfusionsexperimente. Und das FEF plädiert für immer mehr und neue Waffen:
Schon "in zehn bis zwölf Jahren", zitierte das angesehene Fachblatt "Defense Daily" den FEF-"Forschungsdirektor" Dr. Uwe Parpart Henke, könnten die USA ein im Weltraum stationiertes Strahlenwaffen-System besitzen - für die Kleinigkeit von rund 100 Milliarden Dollar. Waffen-Werber Henke, der in EAP-Veröffentlichungen abwechselnd auch als Parpart oder von Parpart auftaucht, wird von "Defense Daily" als "1981er Absolvent einer westdeutschen Marineakademie" vorgestellt. Doch die Marineschule Flensburg-Mürwik hat Henke bereits 1961 als Leutnant zur See verlassen. Im Mai 1965 erwarb er zwar an der University of Pennsylvania einen Magistergrad in Mathematik, eine Henke-Doktorarbeit ist jedoch weder im bundesdeutschen noch im US-amerikanischen Promotionsregister nachweisbar.
Gleichwohl haben die Fusions-Propagandisten an Zulauf aus der akademischen Zunft keinen Mangel. Besonders solche Naturwissenschaftler, die Kernkraft für Krieg und Frieden wie ein Allheilmittel aus der Naturapotheke empfehlen, kurieren ihre von der internationalen Anti-Atom-Bewegung strapazierten Nerven gern auf mit wissenschaftlicher Seriosität drapierten FEF-Seminaren. Oder lassen sich von "Fusion"-Chefredakteur Jonathan Tennenbaum vorrechnen, warum satellitengestützte Laserwaffen nicht nur ein militärischer Segen, sondern auch als "Wissenschaftsmotor" vonnöten seien, weil die Hausfrau ja auch "die Teflon-Pfanne" der "Nasa-Technologie" verdanke.
"Ein sehr gescheiter Mann, dieser Doktor Tennenbaum", schwärmt etwa Professor Erich Bagge, 71, ehemals Direktor am Institut für Reine und Angewandte Kernphysik an der Kieler Universität und während des Zweiten Weltkrieges vornehmlich mit der Entwicklung einer deutschen Atombombe beschäftigt: Tennenbaum wolle "nicht, daß wir Deutsche bei der Kernfusion beiseite stehen, und das finde ich ja auch".
Vom politischen Hintergrund will Bagge ("Da halte ich mich raus") allerdings genausowenig wissen wie sein Schüler Friedwardt Winterberg, der seit einigen Jahren am Desert Research Institute der Universität von Nevada Forschungen zu Kernwaffen, Kernfusion und Relativitätstheorie betreibt. Zwar veröffentlichte er vor drei Jahren ausgerechnet im FEF-Verlag ein Buch über "das Geheimnis der Wasserstoffbombe" (so eine lobende Kritik in "Fusion") - aber "von antijüdischen Angriffen wie auf Kissinger" distanziert sich Winterberg, "natürlich".
Zugleich freilich rühmt Winterberg den "Fusion"-Chefideologen LaRouche als "hochgebildeten, interessanten Mann", der sich "überall, vor allem in deutscher Geschichte, blendend auskennt - wo findet man denn heute noch so einen Amerikaner?".
Daß dieses selbsternannte Genie in seitenlangen Aufsätzen verbreitet, die "Physik von Descartes und Newton" sei "reiner Betrug", sich selber dagegen als Erfinder eines todsicheren wirtschaftsmathematischen Berechnungsmodells auf der Basis des "Logos-Begriffs des Konzils von Nizäa" anpreist, fällt da offenbar weniger ins Gewicht.
Der Kölner Wissenschaftsjournalist Mathias Schulenburg, Autor des WDR-Beitrages über die personelle Verquickung zwischen FEF und EAP, ist denn auch der Auffassung, daß die meisten der bundesdeutschen Physiker, die sich bislang durch "Fusion"-Interviews schmeicheln ließen, sich "gänzlich arglos vor den Karren LaRouches haben spannen lassen". Die EAP nahm letzten Monat Veröffentlichungen über ihre Nuklear-Kampagne zum Anlaß, auf Flugblättern _(Mit Bundesinnenminister Zimmermann (r.). )
zu versichern, daß sie keineswegs "mittels selbstgebauter H-Bombe nach der Weltmacht greifen" wolle.
In deutschen Großforschungsanlagen, von der Kernforschungsanlage Jülich bis zum Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching, sind die LaRouche-Jünger mit ihren Flugblatt-Kampagnen und "Fusion"-Verkaufsständen längst keine Unbekannten mehr. Sie entfalten unter Alias-Namen einen regen Telephon-Terror, missionieren Mitarbeiter per Hausbesuch und schwärzen Kooperationsunwillige gelegentlich mit absurden Verdächtigungen bei ihren Vorgesetzten an. "Diese Gruppierung", klagt der Sprecher eines namhaften Instituts, "ist schon eine ziemliche Plage."
Und wenn den EAP-Stoßtrupps, wie das meistens der Fall ist, bei öffentlichen Veranstaltungen die politische Richtung mißfällt, usurpieren sie wie jüngst bei einer Ringvorlesung an der Münchner Universität über "Frieden und Friedenssicherung" auch schon mal die gesamte Diskussion, um die Weltverschwörungstheorie ihres amerikanischen Meisters übers Mikro zu bringen.
In ihrer Denunziationswut schrecken die LaRouche-Gesellen auch nicht davor zurück, solche Wissenschaftler und Ingenieure in Entwicklungsländern als "Linke" oder "Kommunisten" zu etikettieren, die sich massivem Technikeinsatz gegenüber reserviert zeigen oder gar umweltschützerische Neigungen an den Tag legen. Entsprechende "nachrichtendienstliche Reports", so berichtete vor einiger Zeit der "New Scientist", schickt die Sekte sofort und unaufgefordert etwa an arabische Botschaften in den Vereinigten Staaten.
"Für uns ist es einfach, La-Rouche als einen Spinner abzutun", beschrieb der pakistanische Nobelpreisträger Abdus Salam, Direktor des Internationalen Zentrums für theoretische Physik in Triest, die Folgen dieses Treibens, "aber für Wissenschaftler in einigen Ländern des Mittleren Ostens können die Anschuldigungen seiner Gefolgsleute sehr schwer wiegende Konsequenzen haben."
Zudem scheint sich der fanatische Anti-Liberalismus der LaRouche-Sekte jedenfalls partiell so weit mit dem Reagan-Kurs zu decken, daß dies eine gewisse Vertraulichkeit schafft. So kündigten deutsche FEF-Vertreter beispielsweise die Strahlenwaffen-Rede des US-Präsidenten vom März vergangenen Jahres, schon Wochen bevor sie gehalten wurde, geheimnistuerisch bei Institutsbesuchern an. Und Anno Hellenbroichs Nachrichtenagentur EIR warf unlängst ein Handbuch "Who''s Who in the Reagan Administration" (Preis: 2000 Mark) auf den Markt, das laut Eigenwerbung "die aktuellste Zusammenfassung des amerikanischen Policy making" darstellt, mit "wertvollen Informationen für jeden, der politische oder wirtschaftliche Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhält".
Der Wahnsinn, so scheint es, hat Methode und ist finanziell einträglich - nicht ausschließlich wegen der freiwilligen Selbstausbeutung der unteren Chargen. Aus dieser schier unerschöpflichen Quelle ziehen für gewöhnlich die Psycho-Sekten ihre Millionen; daher finanziere sich, sagt Verfassungsschützer Hellenbroich, überwiegend auch die EAP - über Genaueres, leider, "verweigert auch mein Bruder jede Antwort".
Womöglich auch darüber, daß die LaRouche-Organisation ihren Schwerpunkt immer deutlicher in die Bundesrepublik verlegt. Dies geschieht nach Angaben von Abgesprungenen vor allem deshalb, weil den führenden Figuren die scharfe Beobachtung in den USA zunehmend zu schaffen macht. Die "New York Times", aber auch jüdische Zeitschriften und Organisationen sowie die League for Industrial Democracy registrieren sorgsam jede LaRouche-Wendung - ob er nun gerade mit den Black Muslims, der antisemitischen Liberty Lobby, dem rassistischen Ku-Klux-Klan oder allen gemeinsam paktiert.
Die LaRouche-Ideologie stellt nach Einschätzung des US-Politologen Irving Louis Horowitz eine klare Antwort auf die Frage dar: "In welcher Form wird der Faschismus nach Amerika kommen?"
Weil da die Einstufung als Spinnerhaufen weit weniger weh tut, sind sich die EAP-Dichter dank ihrer Prophetengabe auch schon seit Tagen sicher, woher und gegen wen "der geplante Verleumdungsartikel des SPIEGEL" ("Neue Solidarität") zielt: "Orientiert an der Sprachregelung des KGB-Experten für Desinformation", solle der "Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz" getroffen werden, "der dem KGB und dessen Kollegen in der DDR als ein Haupthindernis bei ihren Destabilisierungsoperationen gegen die Bundesrepublik gilt".
Je nun, wenn diese irre These eines weiteren Scheinbeweises bedarf: Die sowjetische Regierungszeitung "Iswestija" hat die Strahlenwaffen-Fans rund um Lyndon und Helga LaRouche unlängst mit "Höhlenmenschen" verglichen.
Ausnahmsweise einverstanden, Kollegen.
Oben: letzte Woche in München; unten: im Bundestagswahlkampf 1980. Mit Bundesinnenminister Zimmermann (r.).
Von Jörg-R. Mettke

DER SPIEGEL 10/1984
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