06.08.1984

„Ganz Amerika schwimmt in Tränen“

Mit ungebrochenem Hurra-Patriotismus bejubeln die Amerikaner die sportlichen Erfolge ihrer Olympia-Teilnehmer. Das US-Fernsehen überträgt nationalistische Lebensgefühle aus den Wettkampfstätten: Siegen ist alles, wenn nur die Sieger Landsleute sind. In Los Angeles stellt sich auf den Tribünen und in den Arenen eine neue Generation vor - aggressiv, konkurrenzfreudig, gefühlsbetont in allen Lagen, außer im Geschäft. Die Athleten anderer Nationen sind Nebendarsteller auf der Bühne des Sport-Chauvinismus der USA. *
Was für ein Tag", schluchzt Philemene Lillio, Rotkreuzschwester aus dem kalifornischen Granada Hills, "schon zweimal Gold für die USA." Im olympischen Schwimmstadion von Los Angeles wurde sie vorige Woche in Bann geschlagen von den Chauvi-Spielen, vom nationalen Weihefest der Selbstdarstellung: "Diese Emotionen", sagt sie, "oh, boy!"
Und wieder liegen die eigenen Jungens vorn, teilen athletische Arme das lauwarme Wasser. Flipper-Land im Siegestaumel: "Go for the gold." Ob Miss Lillio weiß, wie viele Goldmedaillen ihr Land zu diesem Zeitpunkt schon gewonnen hat? "Manchmal", sagt sie, "kommt es mir vor, als hätten wir hier alles gewonnen."
Vor allem aber gewann Amerika neues Selbstvertrauen: 597 US-Athleten und ein nimmermüder Zuschauerchor waren angetreten, ihre nationale Selbsteinschätzung zu entfalten wie die allgegenwärtigen Sternenbanner.
Die Olympia-Gäste kamen offensichtlich, um zu verlieren; die wenigen Sieger aus dem Ausland schienen im weitesten Sinne auch Amerikaner zu sein: Hatten sie sich doch dem Ostblock-Boykott der ersten voll kommerziellen Olympischen Spiele nicht angeschlossen. Nahmen sie
freilich die Einladung zu ernst, konkurrierten sie gar heftig, dann konnte die Stimmung auch umschlagen:
Als die rumänische Kampfrichterin die allgemeine Hochschätzung der US-Kunstturnerinnen nicht mitmachen wollte, flog ihr aus der Zuschauermenge der empörte Ruf zu: "Geh doch zurück nach Rußland!"
Box-Richter, die nur amerikanische Fäuste zu sehen schienen, Schiedskommissionen, die dem Gastgeber zuliebe noch einen Bauchklatscher von US-Turmspringern mit der Spitzennote belohnen würden - nein, "mir gefällt nicht, daß die Amerikaner die Spiele benutzen, um eine neue nationale Identität zu finden", sagte Heinz Fallak, Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft am vorigen Donnerstag. "Es entspricht nicht dem olympischen Geist, wenn die USA unter dem Zeichen der Ringe zum Aufbruch rüsten."
"Unsere Mädchen", fand der Sportfunktionär Helmut Meyer, "wurden um die Früchte ihrer Arbeit gebracht." Die schlechteste Amerikanerin erhielt noch höhere Noten als die beste Deutsche. "Ich hatte mich so auf Los Angeles gefreut, doch es wurde ja nur für die Übungen der Amerikanerinnen geklatscht", beklagte sich die Wolfsburger Kunstturnerin Anja Wilhelm, 15. Kannte sie nicht den uramerikanischen Kernspruch des 1970 gestorbenen Football-Trainers Vince Lombardi: "Gewinnen ist nicht 'wichtig'. Es ist das einzige."
Vorne liegen, triumphieren, im Schatz der gewonnenen Goldmedaillen wühlen, das Heldentum im Zehntelsekunden-Vorsprung, das dem Sieger entliehene, glückselige Wir-Gefühl: Das nationalistische Gemütsangebot der Spiele schien speziell zum amerikanischen Gebrauch arrangiert.
Krankenschwester Philemene Lillio bedient sich im Schwimmstadion wie Millionen Amerikaner an den Fernsehschirmen: Als die US-Schwimmer der 4x100-m-Freistilstaffel an die Blöcke treten, verwandelt sich die Arena zum wildwogenden, rot-weiß-blauen Flaggenwald. Philemene hält es auf ihrem Dienst-Platz nicht mehr aus. Sie rennt die Treppe hinab, reiht sich ein in den brausenden Chor der Anfeuerer. Das verstößt gegen ihre Rotkreuz-Dienstvorschrift, dient aber ihrem Land.
Nach drei Minuten und 19,03 Sekunden ist auch das vorbei. Natürlich haben die Boys gewonnen. "Okay", sagt plötzlich einer, der in der letzten Reihe scheinbar teilnahmslos dem Rennen gefolgt war, mit tiefer Befriedigung. "Okay, das Gold haben wir auch."
"USA gewinnen zweimal Gold - macht 18; Ziel für heute: 8", trompetete vorigen Donnerstag die Zeitung "USA Today" landesweit auf ihrer Titelseite; am Ende sollen es 100 Goldmedaillen sein.
Wie bescheiden wirkt da selbst das fast seitenbreite "Danke", das "Bild" dem langarmigen Gold-Krauler Groß entbot: In ihrer sportlichen Selbstdarstellung ist die Bundesrepublik - anders als die Leistungsträger des DDR-Teams es gewesen wären - eine eher liebenswürdige Nebencharge des olympischen Spiels. Die Zipperlein der deutschen Athleten (hier eine Zerrung, dort ein verpennter Vorlauf) wirken, im Vergleich zur Muskelmacht Amerika, wie die menschlichen Signale unvermeidlicher Zweitklassigkeit.
Amerika aber ist dabei, sich selbst zu vergolden:
Gold ist ein Zauberwort geworden, das auch Menschen packt, die mit Sport vorher wenig im Sinn hatten. Goldmedaillen-Eis verkaufen die Eisbuden am Start der Marathon-Strecke, frisch gedruckte Gold-Plakate kleben an den Straßenecken: goldene Boxhandschuhe, goldene Rennschuhe, goldene Schießscheiben und Pistolen - "Los Angeles Gold 1984".
Gold, gold, gold, all the way, USA. 50 Millionen Dollar Reingewinn versprechen die Veranstalter. Das Fieber wird angeheizt aus Autoradios und aufgeputscht schon am frühen Morgen, wenn die ABC-Fernsehnachrichten zwischen sieben und neun Uhr zum Frühstück neuen Goldregen für die amerikanischen Boys und Girls versprechen. Das wurde selbst den konservativen Blättern zuviel: "Amerika über alles", höhnte die "Los Angeles Times" - auf deutsch.
Fast zwölf Stunden pro Tag beliefert der Fernsehkonzern ABC die TV-Nation mit Berichten von Olympia. Zeitmangel kann also kaum der Grund sein, daß beim Jubel über eine unerwartete amerikanische Mannschafts-Silbermedaille (im Modernen Fünfkampf) übersehen wurde, dem Gewinner des Goldes (Italien) die Ehre eines Kameraschwenks zu erweisen.
Auch mit solchen Tricks stellte der Sender sicher, daß "zwei Milliarden fernsehende Menschen in aller Welt" Zeuge eines "wiedererwachenden Amerika" wurden (so die prominente Buch-Autorin Gail Sheehy). Sie konnten, durften oder mußten "die hemmungslose Freude in den Gesichtern der Amerikaner aller Altersgruppen wahrnehmen". Und wer genauer hinsah, erkannte auch, meinte die Autorin, daß Amerika "seinen Platz in der Welt neu bestimmt".
Gewiß, auch andere Gastgeberländer der Spiele hatten sich vorher dem Rausch vaterländischer Begeisterung ergeben - das war in Moskau 1980 nicht anders als in Berlin 1936. Doch nach
dem emotionsgeladenen Auftakt, der den Amerikanern ein unerwartet heftiges, wenngleich zielstrebig inszeniertes Gefühl der Gemeinsamkeit bescherte, scheint der Goldrausch, der dann mit dem ersten Wettkampftag einsetzte, noch ein bißchen inbrünstiger, noch ein bißchen hemmungsloser, aber auch vielschichtiger als anderswo zu verlaufen.
Kein Zweifel, der olympische Goldstrom tränkt fruchtbaren Boden. "Ganz Amerika schwimmt jetzt in Tränen", verkündet die ABC-Reporterin Anne Simon nach dem Sieg der amerikanischen Männer-Turnerriege. Mit einer bisher unbekannten Liebe des US-Bürgers zu Seitpferd und Ringen hat das wenig zu tun.
Daß die Augen der amerikanischen Olympia-Besucher feucht schwimmen, die Stimmen brechen, die Herzen überquellen, sobald im Schwimmstadion oder im Velodrom, auf der Ringermatte in Anaheim oder in der Turnhalle in Westwood wieder einmal die "Stars and Stripes" aufziehen und die Nationalhymne der USA ertönt, das alles verrät mehr als Stolz auf eine exzellente Mannschaft.
Da schwingt so etwas wie die Befreiung von einem Alptraum mit. Ein Nachholbedarf an nationaler Erbauung, ja eine befremdliche Gier nach Bestätigung wird deutlich: Hier wird nicht nur sportlichen Großtaten zugejubelt. Es geht um mehr. Ronald Reagan hat es den Athleten vor Beginn der Spiele eingehämmert: "Ein neuer Patriotismus durchströmt unser Land", hat er seinen Wettkämpfern verkündet. "Dieser neue Patriotismus ist keine negative Kraft, die jemanden ausschließt, sondern eine positive Haltung gegenüber den Dingen, die grundlegend sind für Amerika und die uns zusammenschweißen: unsere Freiheit, unsere Würde und unser Gefühl für Fair play, das dieses Volk auszeichnet."
Jeder Schritt in den Ring oder ans Gerät wurde so zur nationalen Kulthandlung, jeder Versager zum rituellen Fehler. Über den Spielen schwebte ein tiefer olympischer Orgelton.
Reagans Landsleute weinen "ohne Schuldgefühle" über ihre eigene Vortrefflichkeit, wie der "San Francisco Chronicle" staunend bemerkte. Wildfremde Menschen umarmen sich auf den Rängen, herzen und küssen einander und preisen sich selbst und ihr Land in den höchsten Tönen.
Nichts Neues im Westen? War nicht die Ergriffenheit der Amerikaner vor der eigenen Fahne immer schon groß? Ihr naiver Stolz auf die nationalen Errungenschaften wirkte doch stets komisch - zumal aus der europäisch-zynischen Perspektive der gebrochenen politischen Identitäten, erst recht aus dem deutschen Blickwinkel des Anti-Nationalismus der Nach-Hitler-Zeit.
Die USA aber genierten sich nicht - im Gegenteil. Amerikaner haben den Mond mit Stars and Stripes besteckt, und sie wickeln ihre Buletten in national bedrucktes Verpackungspapier ein. Die Banken versuchen, ihre hohen Zinsen durch Appelle an noch höhere patriotische Gefühle zu rechtfertigen.
Als Faustregel gilt: Wo immer die Fahnen besonders großflächig ausfallen, ist auch der Geschäftssinn besonders hoch entwickelt. Die Stars and Stripes, die sich über dem Eingang des protzigen Einkaufsviertels "Beverly Center" spannen und das berühmte "Hard Rock Cafe" schmücken, messen 20 mal 28 Meter.
Entworfen hatte das graphisch hübsche Tuch vor mehr als zwei Jahrhunderten eine Witwe in Maryland, so die Legende. Keine Kunstausstellung ist seitdem ohne Bilder mit nationalen Fahnen-Variationen, keine Mode in den USA ist ohne Anleihen aus dem Flaggen-Design denkbar.
Jede Pop-Band hat den nationalen Zungenschlag drauf, jeder bedeutende Gesangsstar hat schon irgendwann einmal ergriffen "America, the Beautiful" gesungen, um einen Kongreß zu eröffnen. T-Shirts und Lollipops, Autos mit Sternen und Teppiche mit Streifen - der amerikanische Way of Life ist stets patriotisch ausgeschmückt gewesen. Auf dem olympischen Fernseh-Gala-Abend hat jeder Sänger die nationale Note durchgehalten, von den Beach Boys bis zum Falsett-König Johnny Mathis.
Was also ist neu an diesem Patriotismus, den Ronald Reagan preist und zu dem sich fast jedermann in diesen olympischen Tagen ungeniert bekennt?
Es begann mit dem olympischen Fackellauf und vertiefte sich bei der Eröffnungsfeier der Spiele. Was den Amerikanern an dem Hochamt im Olympiastadion zu gefallen schien, war zumal das altmodisch Kleinstädtische, das freilich mit computergesteuerter Perfektion dargeboten wurde: die alte Westernszenerie aus den Studios von Hollywood, Kirchengeläut und Musical-Reminiszenzen. Dazu Massenaufmärsche von Musikern und fahnenschwingenden Mädchen, Luftballons, Paraden und eine quasireligiöse Weihestimmung: 125 Trompeter, 960 Choristen, unzählige Tänzer, 84 mobile blaue Klaviere - diesem geballten Kitsch-Einsatz des "Roots"-Produzenten David Wolper vermochte die Welt am olympischen Eröffnungstag nur in schöner Gerührtheit zu folgen: Amerika vorneweg.
An jedem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, wird dasselbe viel kleiner, aber nicht weniger liebevoll inszeniert - das Standardrepertoire von Smalltown America.
Neu? Amerika ist immer ein Land gewesen, dessen Utopien in den Kostümen der Vergangenheit daherkamen, dessen Zukunftsvisionen wie ein perfekt aufgemotztes neues Modell der guten alten Zeit aussahen: Schon die Revolutionäre von 1776 kannten sich besser in den politischen Klassikern der Antike als in den nationalökonomischen Werken ihrer eigenen Epoche aus.
Verblüffend waren vorige Woche im Olympia-Land lediglich das Ausmaß und die unverhüllte Naivität, mit der die
mächtigste Nation der Welt sich wie ein Volk darbot, das scheinbar zum erstenmal die Chance sieht, weltweit von sich reden zu machen.
Doch dem subjektiven Empfinden vieler Amerikaner entspricht solche eher klägliche Selbsteinschätzung durchaus: Als Nation haben sich die Amerikaner klein gefühlt in den letzten Jahren, zu klein, wie sie selbst bemerkten.
Sie konnten einen Krieg gegen das Miniland Vietnam nicht gewinnen. Daß ihre Kriege immer gerecht sind, glauben sie auch nicht mehr. Sie haben sich von reichen Ölscheichs eine Änderung ihres aufwendigen Lebensstils aufzwingen lassen müssen. Ihr Dollar verfiel über lange Jahre. Sie sind von islamischen Fanatikern gedemütigt worden. Sie fühlten sich unverstanden und allein gelassen von ihren Freunden im Kreuzzug gegen das Böse in der Welt - den Kommunismus.
Sie haben den Urtraum aller Einwanderer beerdigen müssen, daß es ihren Kindern einmal bessergehen werde als ihnen selbst. Sie konnten sich in ihren Häusern nicht mehr sicher fühlen. Sie verloren nach Watergate den Respekt vor vielen Politikern des Landes. Sie trauten der Regierung nicht mehr und auch nicht der Presse; erst recht nicht den großen Konzernen und den Gewerkschaften, den Schulen nicht und nicht einmal mehr den Gerichten.
Aber je größer die nationalen Selbstzweifel wurden, desto hartnäckiger klammerten sich die Amerikaner an die Überzeugung, daß nicht alles falsch gewesen sein konnte, was sie gelernt hatten. Nur konnten sie das eine nicht mit dem anderen vereinbaren. Amerika schien verstrickt in eine ausweglose Welt des Entweder-Oder, des Alles oder Nichts.
So allerdings denken Kinder. Enttäuschungen und Schmerz, Verzicht und Geduld wiegen in dieser Welt der Ausschließlichkeit besonders schwer.
Derlei Kindlichkeit hat auch liebenswerte Züge. Die unverstellte Freude und die arglose Unternehmungslust haben sich am schönsten ausgedrückt in der Eröffnungsfeier von Los Angeles, die Merkmale eines übergroßen Kindergeburtstages trug: von den Luftballons bis zum Einfall, nicht einfach ein Feuer anzustecken, sondern damit zu spielen und die olympischen Ringe zu entzünden, bis zum Raketenmann aus dem Comic-Heft, der in der Mitte der Festversammlung landete - das war ein schönes Fest.
"Ein Tag des Zaubers und des Glaubens", bekannte der Kolumnist Jack Smith von der "Los Angeles Times", der schon 1932 bei den Spielen in Los Angeles dabei war: "Plötzlich wußte man, daß wir unter unseren Narben und unter unserer Rüstung noch Kinder sind."
Präsident Ronald Reagan allen voran. Wenn man den Athleten, die spontan und fröhlich auf dem Rasen tanzten, die Probleme der Welt überlassen würde, fand er, wären die "noch vor morgen gelöst".
Wer hatte in solchen Augenblicken schon einen Blick dafür, daß Ronald Reagan aus Angst vor Attentaten unters Stadiondach hinter kugelsicheres Glas verbannt war? Und nur wenigen fielen beim Lauf des Zehnkampf-Idols Rafer Johnson jene Bilder ein, die diesen Mann 1968 neben der Leiche des ermordeten Robert Kennedy kniend zeigten. Er hatte dem Mörder Sirhan Sirhan die Waffe entwunden - zu spät.
Spielverderber, wer daran erinnert. Im Goldrausch werden die wenigen Miesmacher, die sich derartige Nachdenklichkeiten leisten, übertönt von den Schreiern zumal des Olympia-Monopolisten, des TV-Senders ABC.
Daß die Olympischen Spiele friedliche Kriegsersatz-Handlungen darstellen, ist nicht neu; und auch nicht die Vermischung von Kriegsmetaphern mit Sport-Kommentaren (noch immer gelten deutsche Fußballspieler, Blindgänger seit Jahren, als "Panzer" im Ausland). Schmerzhaft aber war doch die amerikanische ABC-Vorstellung des dänischen Olympia-Teams: "Dänemark", so tönte es von der Mattscheibe, sei "jenes kleine Land im Norden Europas", das die Deutschen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs überfallen hätten.
Als dann die US-Volleyballerinnen gegen das bundesdeutsche Team antraten, sagte der ABC-Kommentator mit Blick auf den US-Trainer Arie Selinger: "Arie wurde 1945 in Polen geboren. Seine Mutter und Bruder Roney wurden von den Nazis gefangengenommen, konnten aber entkommen. Seinen Vater haben die Nazis in Auschwitz umgebracht."
Das Gute siegte dann doch, wenn auch knapp, in drei Sätzen.
Vergebens beschwerte sich ein Anrufer über den "häßlichen Amerikaner", den das Fernsehen der Welt vorführe - "arrogant, selbstgefällig, Supermacho".
Wütend bezichtigte der "Los Angeles Herald Examiner" in der vergangenen Woche den "hysterischen Hurra-Patriotismus" des Senders ABC einer "Tunnelvisions-Haltung" - sie ähnele jener Attitüde, mit der Präsident Ronald Reagan Außenpolitik betreibe. Die hohen Einschaltquoten aber bewiesen den Machern in den Studios von Hollywood, daß sie richtig lagen mit ihrem kreischenden, die anderen Teilnehmer degradierenden Enthusiasmus.
Der Hurra-Ton pflanzte sich fort. Der Geschäftsmann, der in Pasadena oberhalb von Los Angeles zufrieden auf einer Party röhrte: "Amerika ist wieder stark. Wir sind bereit, es mit der Welt aufzunehmen", pflegte ihn so selbstbewußt wie die Athleten, die ihren Chauvinismus ungehemmt in die Mikrophone posaunten. "Amerika beherrscht die Meere", klang es von Segelwettbewerbern aus Long Beach.
"Wir sind alle außergewöhnliche und einmalige Wesen", hallte es aus dem Schwimmbecken. Und "dies ist wirklich Gottes eigenes Land", entdeckte eine Marathon-Läuferin aus Cincinnati
aus dem amerikanischen Osten, als sie zum erstenmal das olympische Dorf verlassen durfte und zu einem Phototermin die schöne pazifische Küste entlangfuhr.
Und das soll "neu" sein? Ist das denn ein Patriotismus anderer Art als jener Ingrimm, mit dem während der Vietnamkriegszeit rechte Amerikaner auf Anti-Vietnam-Demonstranten einprügelten?
Ja und nein. Neu ist, daß auch die Geprügelten von damals und ihre jüngeren Geschwister die Fahnen schwenken. Sie üben nicht die geringste Zurückhaltung in ihrer olympisch-patriotischen Begeisterung.
Jeff, ein Veteran der wilden Studenten- und Jugendbewegung der 60er und frühen 70er Jahre, schüttelte ungläubig über sich selbst den Kopf: "So ein Zusammengehörigkeitsgefühl hat es seit damals nicht mehr gegeben."
Sie jubelten wie die Alten, aber die meisten meinten nicht ganz dasselbe wie ihre Eltern - für viele der Jungen heißt "Patriotismus" vor allem Frieden in der Welt und nicht Aufrüstung; für sie signalisieren die Olympischen Spiele auch ein neues Selbstbewußtsein der amerikanischen Frau und ein weiter normalisiertes Verhältnis unter den Rassen. Mary Decker, die Läuferin mit Gold-Chancen, ist Amerikas hübsche Antwort auf die Zuchtergebnisse des sowjetischen Frauensports: Sie hatte die weiblichen Ostblock-Sportler schon bei der letzten Weltmeisterschaft geschlagen - nur, von Doping-Gerüchten war auch sie umgeben.
Die olympischen Wettkämpfe 1984 in Los Angeles - das sind trotz allen Yeahyeah-yeah-USA-Geschreis nicht in erster Linie Ronald Reagans Spiele. Deutlicher noch tragen sie den Stempel der amerikanischen "Baby Boom"-Generation, deren Eigenheiten, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen gerade erst ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu dringen beginnen.
So gut wie alle amerikanischen Athleten und die Mehrheit der Zuschauer in den Stadien und Hallen gehören jener Generation an, die in den wirtschaftlichen Aufschwungjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, zwischen 1946 und 1964, geboren sind. Sprunghaft stieg die Geburtenrate an, als die GIs aus dem Zweiten Weltkrieg heimkamen, und sie blieb hoch bis zum Pillenknick.
Etwa 80 Millionen US-Bürger, die in diesen Jahren zur Welt kamen, prägen jetzt das amerikanische Leben. Und langsam dämmert nach Soziologen und Psychologen auch den Politikern, daß diese Gruppe, ob weiß oder farbig, männlich oder weiblich, wohlhabend oder arm, ein Lebensgefühl hat, das sich von dem ihrer Vorfahren erheblich unterscheidet.
Aufgewachsen in den Gipfeljahren des amerikanischen Wohlstands, verwöhnt und besser gebildet als die Generation ihrer Eltern, stellen die Baby-Boomer hohe Ansprüche an Leben und Leistung. Sie sind unberührt vom Trauma der Weltwirtschaftskrise und unbeeindruckt von den sozialpolitischen Errungenschaften des New Deal, mit denen Präsident Franklin Roosevelt das Land neu belebte und die Gesellschaft veränderte.
Eine Großzahl von ihnen stand im Einberufungsalter, als ihr Land sich in den Vietnamkrieg verbiß. Dies ist keine Generation, die den Krieg als Gelegenheit für Heldentaten erlebt hat wie ihre Väter, die noch unlängst die alliierte Invasion in Frankreich von 1944 als nationalen Höhepunkt feierten.
Die Baby-Boomer haben in ihrer Kindheit ein zerstrittenes Heimatland erlebt. Und es schien schwach zu sein. Sie selbst aber, vor allem die Jüngsten, fühlen sich stark. Sie sind viele, und sie wollen viel: Erfolg, Reichtum, ja Luxus.
Ein neues technisches Zeitalter, dessen Symbol der Computer ist, und ein Gefühl neuer wirtschaftlicher Prosperität beflügeln ihren Ehrgeiz und ihre Phantasie. Ihr Selbstbewußtsein - die amerikanische Olympia-Mannschaft zeigt es - ist beträchtlich: "America, here we come".
Gemessen an den alten Unterscheidungen zwischen links und rechts, zwischen liberal und konservativ, zwischen demokratisch und republikanisch sind sie eine in sich widersprüchliche und parteipolitisch noch unberechenbare Gruppierung. In ihren individuellen Zielen sind sie konservativ, ja altväterlich reaktionär. Sie befürworten mit Mehrheit die Todesstrafe, sind prüde und bis zur Besessenheit kompetitiv.
In ihren sozialen Wertungen aber haben sie wenig von dem Idealismus der Aufbruchstimmung unter John F. Kennedy verloren: Sie wollen Abrüstung und eine saubere Umwelt. Rassengleichheit ist für sie keine Frage mehr, die Gleichberechtigung der Frau eine Selbstverständlichkeit.
Auf eine Weise, die nicht nur für Ausländer schwer zu verstehen und einzuordnen ist, sind sie zugleich weltbürgerlich und provinziell, patriotisch-konservativ und gesellschaftlich liberal. Ronald Reagan versteht nur den ersten Teil, Walter Mondale versucht, ihren Idealismus für sich zu nutzen. Keiner kann sich ihrer sicher sein.
Doch eine breite Gefühlsbrücke zwischen den amerikanischen Generationen blieb in all den Jahren unversperrt: die Liebe zum Sport; die Hingabe an die statistisch erfaßten, journalistisch verklärten Top-Leistungen der eigenen Athleten. Es gibt ein Wochenende im Sportkalender Amerikas, an dem unter der Gehirnschale der Nation nur ein einziges Ereignis Platz hat: das Football-Endspiel, die "Super Bowl" der Profis aus Dallas, Washington oder Philadelphia.
Das Fan-Publikum des Landes findet sich selbst, definiert sich in den Erinnerungen an längst pensionierte oder verblichene Baseballer. Marilyn Monroe wollten sich die Zuschauer nur an der Seite des Baseball-Stars Joe Di-Maggio vorstellen: Die beiden heirateten schier pflichtgemäß.
Banale Erkenntnisse der Baseball-Trainer zählen zu den unverzichtbaren Lebensweisheiten der Nation; der (verstorbene) Box-Kommentator Red Smith schrieb die schönste Prosa im Lande; amerikanische Athleten wie Muhammad Ali verbreiteten in Momenten sportlicher Größe eine herrliche Aura von Unsterblichkeit, an der jedermann sich ergötzen konnte.
Über Vietnam und Nixon, über Parteien und gesellschaftliche Gegensätze, über Generationswidersprüche aller Art hinweg reicht die nationale Gemeinsamkeit der Liebe zum Sport: Die jungen Amerikaner machen da keine Ausnahme. Im Gegenteil. So fließt in den Spielen von Los Angeles alles im olympischen Geist zusammen. Vage und hehr, vielschichtig und verlogen, wie die modernen Spiele sind, verdichten sich die unterschiedlichsten Wünsche und Motive der Beteiligten und Bewunderer zu einem gigantischen symbolischen Erfolgsspektakel.
"Spirit" heißt das Schlüsselwort - Atmosphäre, Emotion, Geist und Träumerei,
untermauert durch kurzlebige, aber meßbare Erfolge, fügen sich zu einem Image von Amerikas neuer Stärke - sorgfältig gepäppelt von den Hollywood-Machern, genüßlich ausgebeutet von Ronald Reagan und seinen Republikanern.
"Wir sind eine Gesellschaft von sich schnell ändernden Stimmungen", sagt der kalifornische Geschichtsprofessor Robert Dallek, der Ronald Reagan als Zentralfigur einer politischen Richtung sieht, die Substanz durch Image ersetzt: "Symbole statt Politik". Die Spiele von Los Angeles sind eine sportliche Variante dieses Stilwechsels.
Viele Amerikaner mögen Ronald Reagans Politik verurteilen, aber persönlich ist er ihnen sympathisch, weil er seine eigenen Träume für wahr hält. Daß er als erster amerikanischer Präsident Olympische Spiele eröffnete, wird ihren Erfolg mit seinem Image verbinden. Das Gold von Los Angeles 1984 strahlt auch auf den Präsidenten ab. Die Republikaner werden es auf ihrem Parteitag im August zu polieren wissen.
Wird es verfangen? Als Erfolgssymbol wäre der goldene Patriotismus der Olympischen Spiele trefflich auszubeuten. Einer Nation, in der sich die meisten Bürger zur Zeit in einer Art Überlebenswettkampf abstrampeln, suggeriert der olympische Geist, daß es noch Sieger gibt, amerikanische Sieger: Es gilt nur, die gute alte Tugend des sportlichen Zupackens auch anderswo einzusetzen.
"Aggressivität" ist denn auch ein positiv besetztes Wort im amerikanischen Alltag geworden - Banken, die "aggressiv" ihr Business betreiben, Manager, die sich selbst als "aggressiv" anpreisen, alle sind stolz auf diese Haltung, die auch die US-Athleten beflügelt.
Die olympischen Wettkämpfe vermögen derlei Angriffslüste repräsentativ für die Nation (und der Welt zur Anschauung) zu bündeln. Sie spiegeln einen Erfolg des ganzen Landes vor, kanalisieren die Wünsche und Hoffnungen aller Amerikaner in eine Richtung. Zusammen mit positiven Wirtschaftsmeldungen entfachen sie ein lange vermißtes nationales Selbstwertgefühl und einen neuen Optimismus.
Nicht zufällig bezeichnen sich Amerikas Athleten in Interviews als Entrepreneurs. Dieser Begriff - das Markenzeichen des risikobereiten, geschäftstüchtigen Unternehmers - war vor zehn Jahren in Amerika noch ein Fachausdruck der Betriebswirtschaftsseminare. Jetzt ist er in aller Munde. Der knallharte Geschäftemacher, seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren eher eine Negativfigur der öffentlichen Meinung, gilt nun als Held; ein Sportler, der sich geschickt selbst vermarktet, ebenfalls.
In einer Woche ist das olympische Fahnengeschwinge von Los Angeles vorüber, Fanfarengedröhn und Hymnengeschmetter sind verhallt. Die Erfahrungen der Vergangenheit lehren, daß die Bürger der Gastgeberländer erleichtert zum Alltag übergehen - und der heißt in Amerika derzeit Wahlkampf in der politischen Arena, Kampf und möglicherweise Streik in der Automobilindustrie, Bangen um ein mögliches Ende des schönen Wirtschaftsbooms.
Schon während der Spiele ließ sich die Realität oft nur mit Hilfe erfahrener Hollywood-Strategen ausklammern. So riet die Kolumnistin Jane Birnbaum im "Herald Examiner" den Besuchern der Spiele angesichts des paramilitärischen Großaufgebots von Sicherheitsstreitkräften: "Denken Sie immer daran: Jene Helikopter und Sirenen, die Sie hören, kommen aus einem ganz anderen Studio. Lächeln Sie einfach weiter, und gehen Sie Ihrer Wege."

DER SPIEGEL 32/1984
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