06.08.1984

„Wer nicht da ist, kann nicht gewinnen“

Bei Halbzeit in Los Angeles ist der Ostblock-Boykott vergessen *
Gegen die DDR-Schwimmerinnen "wäre es sicher ein großes Rennen geworden", sagte die Amerikanerin Tracy Caulkins kurz nach Olympiasieg und Dopingprobe. Ohne DDR-Konkurrenz schlug sie mit Riesenvorsprung an. Aber vier Jahre zuvor hatte der US-Boykott ihr selber "alle Motivation genommen", denn bei Olympischen Spielen zu kämpfen, "das ist eine einzigartige Erfahrung für das ganze Leben".
Der Boykott verpufft ebenso wie 1980 die Absage der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Was zurückbleibt, ist Mitgefühl mit den betrogenen Athleten. "Schade, daß die DDR-Mädchen nicht hier sind", bedauerten die bundesdeutschen Bronze-Schwimmerinnen aus der Kraulstaffel. "Wir sind von vielen Wettkämpfen her gut mit ihnen befreundet."
Sportlich verlieren die Spiele 1984 durch ferngebliebene Weltrekordler und Favoriten zwar an Wert, aber mehr theoretisch und weniger, als viele zunächst befürchtet hatten, soviel steht bei Olympia-Halbzeit fest. Über das wirkliche Kräfteverhältnis verrät der unmittelbare Kampf der Weltelite gegeneinander mehr als papierne Bestenlisten.
Einen olympischen Rekord im Abseits stellte der deutsche Schwimmer Thomas Fahrner mit 3:50,91 Minuten über 400 Meter Freistil auf. Es geschah aber im B-Rennen, wo es keine Medaillen gab. Den Endlauf hatte er verpaßt. "Weil ich im Vorlauf gepokert habe", gestand Fahrner zerknirscht. "Ich wollte extra nicht so schnell sein, damit ich im Finale auf einer der Außenbahnen starten konnte." Den Vorlaufschnellsten sind immer die Bahnen vier und fünf reserviert.
Im Gewichtheben, der vom Boykott am ärgsten betroffenen Sportart, in der sämtliche Medaillengewinner der Weltmeisterschaft 1983 fehlen, trennen viele Kilos die Sieger von den Weltrekordlasten. Aber in Los Angeles finden die bisher strengsten Doping-Kontrollen statt. Gewichtheber stehen im Ruch von Doping-Weltmeistern. Beim Moskau-Olympia hatten die Tester keinen Sünder entlarvt. Aber mindestens zehn Prozent der Medaillengewinner waren, wie die Nachuntersuchung des Doping-Experten Professor Manfred Donike in Köln ergab, mit Hormonen manipuliert.
Auch aufsehenerregende Weltrekorde von Boykotteuren, wie etwa der 104-Meter-Speerwurf Uwe Hohns aus der DDR oder die 5,90 Meter des sowjetischen Stabhochspringers Sergej Bubka fordern den Vorbehalt heraus, daß Ostblock-Athleten in dieser Saison - anders als alle Olympiateilnehmer - keinerlei Doping-Tests zu befürchten hatten.
Viele Bestleistungen, eine Fülle nationaler Rekorde vor allem von Sportlern aus der Dritten Welt, olympische Rekorde und Weltrekorde sichern den Spielen von Los Angeles hohes Niveau. In einigen Sportarten lassen sich Leistungen ohnehin nicht messen, wie im Ringen, Boxen, Judo und Turnen oder in allen Mannschaftsspielen. Im Bahnradsport gestattet die windoffene Freiluftbahn kaum Rekorde.
Auf Chinesen und Rumänen, die von den Amerikanern schon beim Einmarsch mit demonstrativem Sonderbeifall für ihre Teilnahme belohnt worden waren, konzentrierte sich das Interesse, das sich sonst auf alle Ostblock-Mannschaften verteilt hätte. Besonders die Chinesen etablierten sich durch unerwartete Erfolge als künftige Sportmacht.
Zudem nimmt die Dritte Welt nahezu geschlossen teil. Ein Funktionär aus dem Lande des Sowjet-Alliierten Syrien verriet dem deutschen Chef de Mission, Heinz Fallak: "Wir sind gekommen, um Unabhängigkeit zu zeigen."
Den Bundesdeutschen glückte fast unbemerkt eine subtile Revanche für die trotz aller Abkommen niemals aufgegebene Diskriminierung West-Berliner Sportler durch den Ostblock: Mit dem Argument, der Landesname Germany und nicht das Kürzel für die Staatsform (FRG - Federal Republic of Germany) sollte den Einmarschplatz bestimmen, setzten sich die Deutschen durch. Statt vor Fidschi als "FRG" durfte die Bundesequipe vor Ghana als Germany einziehen. "Revanchismus" und "Großdeutscher Expansionismus" protestierten die Ostblock-Medien von fern.
Vor Ort hätten die Sowjets den diplomatischen Nadelstich der Bundesdeutschen verhindert. Eine Chance auf den sportlichen Sieg in der Nationenwertung wäre ihnen dagegen versagt geblieben. Die Amerikaner traten gründlicher und umfänglicher vorbereitet als je zu ihren Heimspielen an. Teils haben sie, etwa was die Talentsuche betrifft, Ostblock-Methoden übernommen. In Los Angeles verfielen die US-Fans deshalb nicht nur, wie immer schon, im Schwimmen und in der Leichtathletik in einen Goldrausch.
Inzwischen fanden auch lange vernachlässigte Sportarten wie Radsport oder Turnen finanzkräftige Sponsoren. Im Fußball zog das US-Team 80 000 Zuschauer an. Sogar im Hockey hat das US-Team "viel dazugelernt", bestätigte der frühere Hockey-Nationalspieler Hugo Budinger.
Und alle Amerikaner genießen ein Heimspiel. Für die Turnerinnen bezifferte die deutsche Olympia-Vierte Elke Heine den Vorteil auf "etwa 0,1 Punkte bei jeder Übung - das summiert sich".
"Anders als wir", kommentierte der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum den überbordenden Nationalismus der US-Fans, "können sich die Amerikaner das leisten."
Die USA befinden sich auf halbem Wege zu einem Rekordvorsprung in der Gesamtwertung. Olympischen Eifer und Übereifer belegen auch die TV-Erfolge des Konzerns ABC, der das Übertragungsmonopol erworben hatte: 75 Millionen Amerikaner verfolgten die Eröffnungsfeier, mit 47 Prozent aller eingeschalteten Geräte schon am zweiten Wettkampftag übertrumpften Olympia und ABC alle Konkurrenz.
Glück und Flexibilität fügten sich dazu: Der gefürchtete Smog blieb in der ersten Woche aus. Zudem schafften es die Organisatoren in einer Stadt, die kein verläßliches öffentliches Verkehrssystem kannte, Athleten und Betreuer, Fans und Journalisten in einem Bereich, fast so groß wie Schleswig-Holstein, zwar zeitraubend, aber vorwiegend pünktlich mit Bussen hin- und herzuschaukeln.
Auch die deutsche Mannschaft fand sich in die ungewohnten Bedingungen und erfüllte bisher ihr selbstgesetztes Medaillensoll. Ausfälle im Schießen und eine Enttäuschung über die Modernen Fünfkämpfer glich unerwartetes Edelmetall im Straßenrennen der Frauen und im Schwimmen aus.
Die Wettkampf-Aktualität hat den Boykott und seine Folgen überspielt. "Wer nicht da ist", faßte Olympiasieger Fredy Schmidtke zusammen, "kann nicht gewinnen."

DER SPIEGEL 32/1984
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