05.03.1984

POLIZEIPoppei, Popelei

Zwei Bremer „wollten mal sehen, wie die Polizei auf einen Spaß reagiert“. *
Anfang dieses Monats haben die Bremer Freunde Hans Grashoff, 23, und Roland Bachmann, 22, ihren schon etwas heruntergekommenen Opel Rekord Caravan, 10, mit Hilfe einiger Quadratmeter Plastikfolie "verschönt". Seither gibt es "in Bremen wohl keine Funkstreife mehr, die wir noch nicht kennen".
Denn zumindest aus einiger Distanz ist der Opel-Veteran einem Polizeifahrzeug nicht unähnlich: Auf Motorhaube, Rückseite und Türen des einst ganz weißen Wagens kleben tiefgrüne Plastikfolien, und auf dem Grün wiederum weiße Buchstaben, die leicht zu mißdeuten sind: "Popelei" steht auf der Haube, "Polarei" auf der rechten, "Poppei" auf der linken Wagentür.
Mißverständnisse waren beabsichtigt. "Wir wollten", sagt Grashoff, der Fahrzeughalter, "mal sehen, wie die Leute und die Polizei auf einen solchen Spaß reagieren." Bei den Leuten kamen sie ganz gut an, nicht aber bei den professionellen Grünen, von denen sie fortan, Tag für Tag, "bis zu dreimal" kontrolliert wurden.
Stets mußten die Beamten das Gefährt schließlich passieren lassen. Denn die Rechtslage spricht für die Provokateure: Zwar ist Zivilisten beispielsweise untersagt, auf ihr Auto ein Blaulicht zu setzen, Klebearbeiten wie auf dem Opel aber sind, so Rolf Lüken, Referent für vollzugspolizeiliche Angelegenheiten beim Senator für Inneres, "zur Zeit nicht verboten".
Dennoch fügte es sich, daß Grashoff und Bachmann nach einer Woche ernstlich Ärger bekamen. Tischler Grashoff war auf seiner Arbeitsstelle, Freund Roland bei einer Freundin, als bei Grashoffs Vermieterin vormittags "Sturm geklingelt" wurde. "Etwa 9.10 Uhr öffne ich die Tür", notierte die Zimmerwirtin später, "ca. 6 bis 8 Männer, darunter 3 in dicken, schußsicheren Westen mit Pistolen in der Hand, verteilen sich um mich."
Angeblich auf der Suche nach einer gestohlenen Polizeikelle, einem Blaulicht und einer Pistole, filzten die Männer in den Panzerwesten - ein Sondereinsatzkommando der Bremer Polizei und nach Amtsauskunft fünf Mann stark - vergebens das Zimmer. Beamte holten den Fahrzeughalter später von seinem Arbeitsplatz ab und durchsuchten auch die Wohnung von Freund Roland, der ebenfalls mitgenommen wurde.
Dem Vorwurf einer "Überreaktion auf eine Provokation" (Grashoff) hält Bremens Polizei einen "Verdacht" entgegen: In der Nacht zuvor habe eine Streife von einer Ärztin 100 Mark kassiert, ohne eine Quittung auszustellen; da seien möglicherweise falsche Polizisten unterwegs gewesen. Überdies fahnde die Polizei nach Räubern, die Tage zuvor mit Hilfe einer Polizei-Haltekelle einen Supermarkt-Inhaber gestoppt und ihm die Tageseinnahmen abgenommen hatten.
Grashoff und Bachmann rätseln nun, ob die Bremer Kriminalisten allen Ernstes der Ansicht waren, Räuber und Betrüger würden sich eines derart auffälligen Wagens bedienen, oder ob die beiden Fälle den Beamten nur willkommener Anlaß waren, die zwei von der Popelei mal so richtig heimzusuchen.
Wie auch immer - bremische Polizeiführer denken neuerdings darüber nach, was geschehen soll, wenn noch mehr Bürger die Lücke in den Vorschriften nutzen. "Wenn das Schule macht", erklärt Polizeidirektor Lüken, "müßte es einer gesetzlichen Regelung zugeführt werden."

DER SPIEGEL 10/1984
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