05.03.1984

„Rotfunk, Todfunk, Jammerfunk“

SPIEGEL-Report über Niedergang und Krise des WDR-Fernsehens Rundfunk muß auch ein Stück Abenteuer sein. WDR-Intendant von Sell in seiner Neujahrsansprache 1984 im WDR-Hörfunk. *
Im achten Jahr seiner Amtszeit, genau am 26. September 1983, begibt sich WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm Freiherr von Sell zum erstenmal live unter die Klientel seines Senders.
Mit angemessenem Gefolge läßt sich der "rote Baron" im Dienstwagen nach Hünsborn chauffieren, in ein 2500-Seelen-Kaff nahe der sauerländischen Ostgrenze des Sendegebiets.
"Im Output" ist der WDR Köln nach Sells Einschätzung "die größte Rundfunkanstalt des europäischen Kontinents". Sie bestreicht das volkreichste Bundesland und kassiert von über fünf Millionen Kunden Gebühren. Sie hat fast 4100 Mitarbeiter und (1984) einen Etat von 1,09 Milliarden Mark. Was treibt den Chef eines solchen Medien-Monstrums, sich als öffentlich-rechtlicher Landesvater gemein zu machen?
"Ein Konflikt" liegt an, wie der Intendant im Hünsborner Gasthof Rasche den harrenden Landleuten einräumt, "der sich weder durch einen Schriftverkehr noch durch Telephonate beilegen" läßt. Das ganze Dorf ist wegen des WDR auf der Palme.
Im April 1983 hatte das (regionale) Westdeutsche Fernsehen in seiner ansehnlichen, inzwischen eingestellten Reihe "Ortserkundung" den Ort Hünsborn porträtiert. Untertitel des halbstündigen "Videos": "Schwere Arbeit, tiefer Glaube, viele Kinder". Also: malochen, beten, zeugen - Hünsborns Dreifaltigkeit.
Nach der "Ortserkundung" fühlten sich die Hünsborner durch den WDR verschaukelt. Ortsvorsteher Gisbert Kinkel "würde die TV-Leute raussteinigen", wenn sich die "roten Vögel" noch einmal blicken ließen. CDU-Kreisgeschäftsführer Rudi Wurm wähnte sich bei den Kölner "Agenten" in "den Zeiten nach 1933". Rudi Halbe empörte sich über die "Umwelt-Verschmierer", die für ihr "Sammelsurium" "wochenlang herumgespukt" seien, namens aller "Qualmenden Socken", eines Klubs, dem er, wanderlustig, vorsteht.
Und wie den "Qualmenden Socken" so stank die "Ortserkundung" auch der Katholischen Frauengemeinschaft, dem Pfarr-Cäcilien-Chor, der Schützenbruderschaft, der "Sangeslust", der Freiwilligen Feuerwehr. Ihr Schrei der Entrüstung drang nicht nur ins Kölner Funkhaus, sondern auch in die Goethestraße 28 in Arnsberg 1, in den Briefkasten des CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Theodor Schwefer - und war damit ein Politikum. Denn Schwefer ist nicht nur Vorsitzender des Kreisverbandes Hochsauerland und des Bezirksverbandes Sauer-/ Siegerland, er ist auch Vorsitzender des WDR-Verwaltungsrats.
Jedenfalls ließ sich Sell den Stein des Anstoßes nun unverzüglich vorführen und zeigte sich betroffen. Eine hausinterne Gipfelkonferenz - Sell, TV-Direktor Heinz Werner Hübner, der für die NRW-Landesprogramme verantwortliche Claus Hinrich Casdorff - erklärte Hünsborn zu einem Fall, der ernst zu nehmen, aber schwer zu bewältigen sei.
Da erinnert sich der Intendant, daß Rundfunk auch ein Stück Abenteuer sein müsse, und läßt vorfahren. Der
Autor des Films, deutet Sell in der Dorfschenke die "subjektiv motivierte" Darstellung, habe eine "Schwerpunktvorstellung" gehabt, "die der Wirklichkeit nicht gerecht wurde". Der WDR werde sich Hünsborn zwecks Wiedergutmachung "programmlich noch einmal nähern".
Der Gedanke, als Entschädigung einen Gottesdienst aus Hünsborn zu übertragen, wird verworfen, ein bunter Abend im Dritten, live und 90 Minuten lang, zugesagt und eingeplant. "Das Gespräch hat in einer freundschaftlichen Atmosphäre stattgefunden", verlautbart Bürgermeister Roderich Schlage auf der Schwelle des Konferenz-Gasthofs, als sei er Nitze und Sell Kwizinski und Hünsborn ein tödlicher Sprengsatz.
Die Lappalie aus dem Hinterwald als Staatsaktion, wichtige Personal- und Programmfragen als Popelkram - dieser Sender ist gestört, sein Image dahin. Früher "Rotfunk" (CDU-Schelte), dann "Todfunk" (Anstaltsjux), jetzt "Jammerfunk" (Heinrich Böll) - innerhalb eines Jahres hat sich der WDR, einst, als Bastion liberaler, erfindungsreicher Programmacher, die bevorzugte Zielscheibe aller Ausgewogenheitsapostel, zu einer gigantischen Provinzanstalt runtergewirtschaftet.
Im Programm ist nichts mehr, im Funkhaus der Teufel los - mit politischen Aufsehern, die, einander nicht grün, ihr Parteiengezänk in den Sender tragen, mit frustrierten Mitarbeitern an der Basis, mit eifersüchtigen Diadochen im Mittelbau, mit einer Spitze auf Abruf.
Intendant von Sell hat, durch vielerlei Affären gebeutelt, beleidigt, entnervt, das Handtuch geworfen und eine dritte Kandidatur für 1986 schon jetzt ausgeschlossen. Die Verträge von Hörfunkdirektor Manfred Jenke und Verwaltungsdirektor Norbert Seidel enden im selben Jahr. Fernsehdirektor Hübner scheidet bereits im Juli 1985 aus, und auch der eben erst inthronisierte TV-Chefredakteur Gerd Ruge will nächstes Jahr schon wieder abdanken.
Das Kölner Trauerspiel fing damit an, daß der ehemalige Bayernfunk-Redakteur Franz Schönhuber in seinem Buch "Freunde in der Not" die SS-Vergangenheit eines rheinischen Waffenbruders, des WDR-Fernseh-Chefredakteurs Theo Michael Loch, enthüllte.
Ein Teil der Belegschaft forderte daraufhin, Juni 1983, Lochs Entlassung. Im Verwaltungsrat kamen gar Zweifel auf, ob der Intendant die braune Weste seines Schützlings Loch verschwiegen oder nur übersehen hatte.
Jedenfalls mußte sich Sell, der damals selbst in unerquickliche Affären verstrickt war, von seinem Chefredakteur trennen, und Loch schied, um "Schaden vom Haus abzuwenden" - ohne selber Schaden zu nehmen: Er blieb der Anstalt als sogenannter Europa-Korrespondent erhalten, mit rund 13 000 Mark monatlichem Chefredakteursgehalt.
Nachdem Loch gut versorgt war, ging Sell auf Nachfolger-Suche. Zunächst guckte er im eigenen Haus den konservativen Chef-Programmplaner Günter Siefarth aus, der mit TV-Plaudereien über Raumfahrt und mit Computer-Service an Wahlabenden leidlich populär geworden war, "journalistisch aber wahrlich kein Glanzlicht ist", wie ihn ein wohlmeinender Kollege charakterisiert.
Siefarth bewegte Sells Offerte noch im Herzen, als auch schon der farblose, tiefschwarze "Report"-Mann Günther von Lojewski aus München ins Spiel kam und - WDR-Kantinen-Urteil: "Geht hoffnungslos baden" - wieder rausflog.
Dann wurde der Bonn-Berichter Friedrich Nowottny aufs Karussell gesetzt. Nowottny wollte erst nicht, dann doch. Doch als er wollte, wollte von Sell nicht mehr. So oder ähnlich muß der Veitstanz verlaufen sein, im Funkhaus steht und fällt Aussage gegen Aussage.
Jedenfalls soll der Intendant ("Wir alle hätten Herrn Nowottny sehr gern in Köln gehabt") seinem sensiblen Star für den Verzicht auf den populären Freitags"Bericht aus Bonn" schon die Leitung des Magazins "Monitor" und zudem ein Salär in Höhe der Loch-Bezüge in Aussicht gestellt haben.
Aber plötzlich muß das Gehaltsangebot um einen glatten Tausender kleiner, von "Monitor" nicht mehr die Rede, ein Dienstwagen fraglich gewesen sein. Sell fand Nowottny "einfach nicht berechenbar", was, laut Nowottny, "ja nun wirklich kein Fehler sein muß".
Jedenfalls sei, bemerkt ein Eingeweihter, der Bildschirm-Darling behandelt worden, "als habe er sich um einen Job in der Hausverwaltung beworben", und Sells sozialdemokratischer Parteigenosse Heinz Kühn lästerte giftig im WDR-Verwaltungsrat über "Scheinverhandlungen".
Nun wollte es der Intendant aber wissen. In einem Brief an Schwefer bat er das SPD-Verwaltungsratsmitglied Günter Hammer, Chefredakteur der "Westfälischen Rundschau" in Dortmund, sich doch bitte offiziös in die längst abgekühlten Kontakte WDR-Nowottny einzuschalten.
Im Klartext: Sell ging ausgerechnet einen der politischen Kontrolleure des Senders darum an, ihm ins legal verbriefte Handwerk zu pfuschen. Denn nach dem WDR-Gesetz steht die Entscheidung auch über Top-Leute allein dem Intendanten zu; die Verwaltungsräte müssen lediglich die Vertragsmodalitäten genehmigen. Jedenfalls wies Hammer "im Interesse der Institution Intendant" das "in dieser Form völlig falsche" Vermittlungsersuchen entschieden von sich.
Inzwischen war aber auch schon der Washingtoner ZDF-Korrespondent Dieter Kronzucker ins Kölner Gerede gebracht worden. Redakteure aus dem Auslandsressort hatten dem ehemaligen WDR-Mann telephonisch signalisiert,
daß er ihnen als Loch-Nachfolger willkommen sei. Programmchef Hübner nahm Kontakt auf, Sell ließ sich erst beim Bonner Bundespresseball auf Tuchfühlung hinab. Auch Kronzucker war nicht scharf auf die längst zerredete Position. Persönliche Gründe boten ihm eine faire Ausrede, die "reizvolle Aufgabe" auszuschlagen.
Jetzt ließ Sell die Stelle für "interessierte Damen und Herren" öffentlich ausschreiben, "Bewerbung mit den üblichen Unterlagen". Die groteske Anzeige wurde sogar auf den Spiegeln mehrerer Funkhaus-Toiletten plakatiert.
Nun schien das Rotationsprinzip einmal durch - also doch Siefarth. Sell versuchte einen Coup und wollte den Verwaltungsrat überrumpeln. Der aber kam ihm zuvor.
Der monatelangen Narretei überdrüssig, hatten sich die Aufseher frühzeitig kurzgeschlossen, um den "politisch konturlosen Kandidaten zu kippen", bevor Sell ihn überhaupt richtig aufs Tapet bringen konnte. Danach stieg Siefarth beleidigt aus der Bütt.
Folgt: Kandidat Günter Müggenburg, "ein Kind der Region" aus dem "alten und besten Bestand" des WDR (Sell). Der war zwar gerade erst zum Chef des wichtigen WDR-Studios Düsseldorf hochgelobt worden. "Ihn für diese Aufgabe gewonnen zu haben", so der Intendant bei Müggenburgs Amtseinführung, "stärkt unser Selbstbewußtsein" und befriedigte auch die TV-versessenen Regionalfürsten, die sich bei "Mügge" in besten Händen glaubten.
Um so düpierter mußten sie sich fühlen, als Sell seinen Statthalter, kaum hatte der Fuß gefaßt, auch schon wieder nach Köln abziehen wollte. Aber bevor ihre Wut richtig hochkochen konnte, setzte sich der umworbene Müggenburg ins künftige Privatfernsehen ab.
Sell stand vor einer Tabula rasa. Zwar half ihm der frisch ernannte Auslandschef Gerd Ruge noch einmal aus und erklärte sich bereit, wenigstens für zwei Jahre den Job zu übernehmen. Aber die Verwaltungsräte hatten das Theater satt. Um Sell keine Chance zum Dakapo zu geben, fingen sie nun ihrerseits schon den Schacher um die Nachfolge des TV-Direktors Hübner an.
Wenn die SPD auch künftig den Intendanten stellen wolle, so der Proporz-Poker in dem siebenköpfigen Gremium (je drei CDU- und SPD-Mitglieder, ein Freidemokrat), könnten die Christdemokraten möglicherweise den Erben des parteilosen Hübner stellen. Schon fiel der Name des Baden-Badener "Report"-Moderators Franz Alt, "als auf einmal Joachim Sobotta ins Gespräch kam", der Chefredakteur der CDU-nahen "Rheinischen Post" in Düsseldorf. Der wäre für sie durchaus tragbar, nickten die Sozis. Die Sache schien geritzt, die Koaleure, im Filz vereint, vereinbarten Funkstille.
Aber Heinz Kühn, der sich immer noch gern reden hört, ging wieder mal der Mund über. In einem dpa-Interview plauderte er ungeniert aus, was da im geheimen gemauschelt worden war. Nun war nichts mehr zu retten: Sobotta lehnte dankend ab; Sell fühlte sich überrumpelt und kündigte seinen Rückzug an; die Redakteure wetterten gegen den Verwaltungsrat, weil er Personalpolitik betreibe; Heinz Kühn beteuerte seine Loyalität, daß sich die Balken bogen; Ministerpräsident Johannes Rau zog gegen
die "Indiskretionitis" in den Gremien zu Felde, wo "die Sitten verludern".
Recht so. Nur: Die Sitten verludern längst auch im Sender. Der Krach um den TV-Chefredakteur ist vielleicht der lauteste, aber längst nicht der einzige Schlager aus dem WDR. Am 14. Oktober 1983 strahlte das Westdeutsche Fernsehen ein "Landesspiegel"-Feature mit dem Titel "Essen zu durchqueren ..." aus, die Film-Montage einer Straßenbahnfahrt mit der alten Linie 1, vom piekfeinen, villenbesprenkelten Vorort Bredeney im Süden in die tristen, luftverpesteten Stadtteile im Norden.
Die "Süddeutsche Zeitung", lokal unbefangen, sah in dem Beitrag eine "Sternstunde" der Regionalberichterstattung, der Essener SPD-Oberbürgermeister Hans Katzor dagegen eine "Brunnenvergiftung", seine Ratsfraktion einen "Skandal". Hünsborn, zwei Nummern größer.
Zur Besänftigung der aufgebrachten Essener schaltete der WDR, schon komisch genug, seine "Aktuelle Stunde", die regionale Abend-Show vor der Tagesschau, am 30. Oktober eigens ausführlich in die Krupp-Stadt und ließ sich genüßlich am Zeug flicken. Doch die eigentliche Posse spielte sich anschließend über mehrere Wochen vor allem in der Hauspost des Senders ab: eine Szenenfolge wie von Millowitsch.
Am 9. November übermittelt der Regionalchef Casdorff auf Wunsch und mit Detail-Vorschlägen des Intendanten dem "lieben Herrn Katzor" in 50 Zeilen untertänigst den Wunsch der Anstalt, "uns zu einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen der Stadt Essen und dem WDR durchzukämpfen".
Delegationen beider Institutionen sollten "sich an einem passablen Ort in Nordrhein-Westfalen", "es muß ja weder Essen noch Köln sein", zum Versöhnungspalaver treffen. Mitwirkende: Casdorff, die beiden damaligen Landesstudioleiter Müggenburg (Düsseldorf) und Rolf Buttler (Dortmund), eine entsprechende Abordnung der Kommune und, als vermittelnder Schirmherr, das Verwaltungsratsmitglied Hammer. Nicht mit von der Partie: Walter Fischer, Leiter des WDR-Studios Essen und folglich Mann am Ort.
Am 21. November trifft bei Intendant Sell ein Protestbrief Fischers und seiner sieben Studio-Mitarbeiter ein. Sell, so bitten die Absender "herzlich", möge "uns vor den arroganten wie beleidigenden Unterstellungen des Herrn Casdorff schützen", dessen "absurde Aktivitäten" für "irgendwelche Friedensschlüsse" eher "anmaßend und unrealistisch" seien.
Sell delegiert die Epistel an den Direktor Hübner, der am 24. November dem Protestler Fischer seine "Bestürzung über den Ton Ihres Briefes" wissen läßt, der "diffamierenden Charakter hat". Zugleich gibt er ihm den Rat, "diesen Brief gegenüber Herrn von Sell förmlich für nicht geschrieben zu erklären".
Am selben Tag teilt wiederum der allzeit ehrpusselige Casdorff dem Hörfunk-Direktor Jenke mit, er lasse sich "als Chefredakteur von keinem Studioleiter das Recht absprechen, mit allen Repräsentanten in Nordrhein-Westfalen Kontakt aufzunehmen, falls ich das für notwendig halte". Fischers Einstellung sei "wohl etwas dümmlich".
Am 30. November antwortet Fischer dem Direktor Hübner, es sei "nicht mehr als normal und selbstverständlich gewesen", wenn Casdorff vor der Katzbuckelei bei Katzor erst mal seine Kollegen vor Ort befragt hätte. So aber fühle er sich in dem Bemühen, "den WDR auch nach außen zu vertreten", "desavouiert" und lehne es deshalb ab, "den Brief ... für nicht geschrieben zu erklären".
Nun ist Casdorff erst recht auf den Schlips getreten und diktiert am 7. Dezember ein weiteres Schreiben, diesmal an Hübner. Fischers Hausmitteilung habe "seine Unbelehrbarkeit klar" bewiesen, "mein Unmut steigt": "Wer zu so unqualifizierten Ausfällen neigt, weckt in mir Zweifel an seiner Fähigkeit, ein wichtiges Studio im Land zu leiten."
Ende Januar endlich wurde im Essener Rathaus angestoßen, das postalische Scharmützel im Funkhaus schlief ein. Finale: Der WDR kriecht wieder mal zu Kreuze, "Rathaus-Report", Essens städtisches PR-Blättchen, trompetet: "WDR revidiert Zerrbild."
Wie wahr. "Mit Fakten hatte dieser Film nichts zu tun", fiel WDR-Buttler seinen Kollegen noch nachträglich in den Rücken und vor den Essener Kommunalvertretern auf die Knie: "Ich hätte den Film nicht so laufen lassen." "Miese Schlamperei", zensierte WDR-Aufseher
Hammer. Und WDR-Casdorff versprach gar, schon im Frühjahr ein Team für eine "Langzeitbeobachtung" in den Essener Stadtteil Karnap zu entsenden.
Solch kleinmütiges Kuscheln vor Lokal-Matadoren und Provinz-Gockeln wird allerdings erst voll durchschlagen, wenn die Hasenherzen in Köln richtig für das Prestigeobjekt der Anstalt schlagen: für die offizielle Provinzialisierung des Senders.
Für die Schnapsidee, die das Land NRW künftig regelmäßig auf dem Bildschirm in überschaubare Parzellen aufteilen soll und ein TV-Splitting nach Art der mittelalterlichen Fürstentümer - hier Geilenkirchen, hier Wiehengebirge - vorsieht, hat der Sender 225 neue Planstellen geschaffen: Studio Düsseldorf soll auf 160, Studio Dortmund auf 130 Mitarbeiter geplustert werden. Kostenpunkt samt Neubauten: 140 Millionen Mark - rausgeschmissenes Geld für eine televisionäre Schrebergärtnerei, die der Sender seit Anfang 1983 seinem Publikum schon zumutet.
Im Foyer des Wuppertaler Schauspielhauses sollen "Gemalte Kinderträume" für einen 90-Sekunden-Beitrag abgefilmt werden. Das eigens angereiste Team besichtigt und kapituliert: Kamera und Beleuchtung seien dafür nicht geeignet. Daraufhin, man hat''s ja, wird in Köln extra ein Porsche angemietet, der neue Gerätschaften an die Wupper bringt.
Auch die Zuständigkeiten der einzelnen WDR-Niederlassungen gehen drunter und drüber. Um die weltbewegenden Ereignisse aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis werden sich beispielsweise künftig das Studio Dortmund, das Büro Wuppertal, der WDR-Korrespondent in Hagen und der WDR-Korrespondent in Bochum reißen.
Nirgends aber wird die kleinkarierte Planung augenfälliger als in der "Aktuellen Stunde" (werktags von 19 bis 20 Uhr), dem als "Straßenkehrer" annoncierten Aushängeschild der Regionalisierung; nirgends wird daß Mißmanagement des WDR auffälliger als in Aufstieg und Untergang von Werner Sonne, dem Chef dieser "Aktuellen Stunde".
Schon Sonnes Einstand in der Erstsendung mißriet so grotesk, daß Video-Kopien der unfreiwilligen Lustbarkeit noch heute zur Erheiterung schadenfroher Kollegen in anderen Sendern kursieren. Und auch nach gut einem Jahr ist die mit Weltnachrichten, "Bürgertelephon" und allerlei putzigem Schnickschnack verquirlte Vesper-Show immer noch eine Nullnummer hinter dem Mond von Wanne-Eickel. Ihre schelmischste Besonderheit: Sie spleißt die Wetterprognose mit penibelster Celsius-Graduierung zwischen Bocholt, Kahlem Asten und Bad Salzuflen.
Zwischen all den Neuigkeiten aus Hollerath und Höxter tummelte sich von
Anfang an Werner Sonne, scheinbar ein Glückskind. Intendant Sell hatte ihn, den früheren Hörfunk-Reporter, höchstpersönlich als Aktualitätenchef fürs Regionale ausgeguckt und ihm auch die "Aktuelle Stunde" verantwortlich übertragen, wo der putzmuntere Springinsfeld bald kein Fettnäpfchen ausließ.
Als Ministerpräsident Rau im Juni 1983 beim Besuch des US-Vizepräsidenten Bush in Krefeld vertreten werden mußte, weil er sich selbst auf dem SPD-Landesparteitag in Duisburg zur Wiederwahl stellte, ereiferte sich Sonne über den "schlechten politischen Stil, wenn der Ministerpräsident unseres Landes nicht die Zeit findet, bei diesen Feierlichkeiten dabeizusein".
Am 20. Dezember führte der aktualitätsbewußte Bruder Lustig seinem Publikum die Seurat-Ausstellung in Bielefeld vor: "Da bekommt man ja wirklich Lust, sich das mal anzusehen." Allerdings, die Kunsthalle zeigte die Exponate schon seit dem 30. Oktober und schloß am 25. Dezember.
Aufgeschreckt durch Radio-Meldungen, fünf überschuldete Entwicklungsländer würden ihre Zahlungen einstellen und das internationale Währungsgefüge werde zusammenbrechen, alarmierte Sonne Anfang Januar zu später Samstagabendstunde den halben Sender: Den Chef vom Dienst stöberte er gar bei einer Geburtstagsfeier auf.
Dabei war der fixe Offizier der Reserve (Lieblingsformel: "Das ist Chefsache") nur einer hauseigenen Horror-Vision aufgesessen: der fiktiven Reportage "Wenn die Wechsel platzen", in der Johannes von Dohnanyi, der Sohn von Hamburgs Erstem Bürgermeister, für WDR III die möglichen Folgen eines weltweiten Finanz-Schlamassels ausgemalt hatte.
Mit ähnlichem Geschick brachte sich Sonne auch selbst zu Fall. In dem Irrglauben, er werde noch ernst genommen, hatte er an alle Außenstudios des WDR ein Schreiben geschickt, in dem er das künftige Zusammenspiel zwischen der Zentrale, sprich: Sonne, und den Filialen neu zu ordnen gedachte.
Der Ton dieses Briefes ging nun wieder dem Säuerling Casdorff, Sonnes unmittelbarem Vorgesetzten, entschieden zu weit. Er sandte der Sonne-Depesche eine Gegendarstellung nach, daß die Studios gefälligst nur seinen Direktiven Folge zu leisten hätten. Dann trommelte er die Redaktion zusammen, "lehnte sich genüßlich im Sessel zurück und wartete grinsend", wie ein Augenzeuge berichtet, ob irgendwer Sonne die Stange halten würde. Keine Hand rührte sich, Ende März muß Sonne gehen.
Aber Sells Sonne geht nicht unter. Zwar kann er nicht ins Studio Washington, weil sich die dortige Belegschaft vehement gegen ihn auflehnte. Aber im Studio Warschau, diesem nun wahrhaft heiklen Posten, darf er weiter frohen Mutes sein.
Aus der Panne mit Sonne hat der WDR nichts gelernt. Das zeigte sich spätestens, als der Sender kürzlich einen Nachfolger für den Ressortleiter "Wirtschafts- und Sozialpolitik" bestellte, einen nicht eben unwichtigen Mann im industriereichen NRW.
Noch Theo M. Loch hatte frühzeitig Vorsorge getroffen, um dem Sozialdemokraten Friedhelm Porck, der als Ressortleiter aus Altersgründen ausschied, einen Konservativen folgen zu lassen, und sich deshalb beim ZDF einen Dr. W. S. angelacht - angeblich auf telephonische Einflüsterungen des CDU-Bundesministers und WDR-Verwaltungsratsmitglieds Heinrich Windelen. Loch damals, laut Zeugenaussage: "Jawohl, Herr Minister, das ist unser Mann!"
Porcks Redaktionsgruppe schwante schon bald, daß der Loch-Schützling ein paar Nummern zu klein war für die Aufgaben des Ressorts.
Sie nahm ihren künftigen Chef mehr oder weniger auffällig ins Kreuzverhör. Er habe beim Südwestfunk ein Volontariat absolviert, untermauerte S. seine angezweifelte journalistische Sachkunde, und beim ZDF sogar moderiert. Damit wird man schon wer beim WDR.
Die skeptischen Redakteure hakten nach, S. trat kürzer: Das Volontariat schrumpfte zu einer "vierwöchigen Stage", die Moderation in Mainz zu "zwei kurzen Aufsagern".
"In mindestens zwei Fällen" von S. "belogen", richtete die Redaktionsgruppe am 7. Dezember einen Protestbrief an Hübner. Man habe "S.s Verhältnis zur Wahrheit" mit "Bestürzung zur Kenntnis genommen", "Vier-Augen-Gespräche" seien von S. in einer Weise "wiedergegeben" worden, die "unwahr und sogar verleumderisch war". Durch diesen "irreparablen Vertrauensbruch" sei S. fürderhin untragbar.
Doch - wohin mit S.? Die Kollegen im Hörfunk, denen der gescheiterte Programmgruppen-Leiter zugeschlagen werden sollte, sperrten sich. Auch Studio Düsseldorf winkte ab. So landete Lochs erste Wahl endlich im Landesstudio Köln, einer Ausgeburt des Regionalisierungsticks, wonach Köln nicht vom dort beheimateten Zentral-WDR, sondern von einer eigens abgetrennten Klitsche betreut werden muß.
S. hatte also doch noch im weiten öffentlich-rechtlichen Schoß Unterschlupf gefunden. Nur: Mit dem Gehalt der Tarifgruppe I/Stufe 3, mit 7412 Mark, die ihm als Porck-Nachfolger zugestanden hätten, wäre das ganze Lohngefüge im Landesstudio durcheinandergeraten.
So degradierte man ihn, Ordnung muß sein, in Gruppe II/Stufe 6, macht: 6912 Mark. Gleichzeitig aber stockte der Sender die Bezüge wieder auf: Durch eine "besitzstanderhaltende" Zulage von 500 Mark wurde S.s Salär ohne viel Aufhebens wieder auf die alte Höhe getrickst.
Der Sender hat''s ja, und so ließ er sich auch nicht lumpen, als 1980 der Meeresbiologe und Tierreporter Bodo Ulrich mit einem verwegenen Projekt an ihn _(Mit Chris Howland, Werner Sonne, Sigi ) _(Harreis, Ernst Huberty. )
herantrat: die Ozeane mit neuartigem Gerät bis zu 7000 Metern Tiefe filmisch abzugrasen und die Bilder-Beute via Satellit live ins Wohnzimmer zu funken, laut Ulrich "ein einmaliges, epochales Unternehmen", eben das "Unternehmen Tiefsee".
Ulrich, seit 35 Jahren "leidenschaftlich dem Eigenleuchten von Meerestiefen auf der Spur", hatte im Funkhaus rasch eine Reihe von Sympathisanten und, so behauptet er, "vor allem die ganze Direktion" hinter sich. Die zuständigen Wissenschaftsredakteure allerdings waren erst gar nicht zu Rate gezogen worden.
Von ihrer Rolle als neue Cousteaus geblendet, schlugen die maritimen WDR-Pioniere alle naheliegenden Bedenken in den Wind: von welchem Schiff aus die Manöver live gestartet werden sollten, ob in der Dunkelkammer der Ozeane überhaupt für ein Massenpublikum Sehenswertes aufzustöbern sei und wer sich den ganzen Spuk regelmäßig "über viele Jahre" (Ulrich) daheim angucken soll.
Jedenfalls ließ sich schließlich sogar der WDR-Verwaltungsrat von dem beredten Ulrich ("Es ist die Pflicht einer Anstalt, in ein derart irres Projekt zu investieren") einseifen und genehmigte über eine Million Gebühren-Mark für die Planung - "eine solide erste Rate", wie Ulrich bescheiden fand.
Nun tat sich Großes. Ulrich ging mit voller Börse im Krupp-Forschungsinstitut an die Entwicklung "eines ganzen Tiefsee-Studios", im Sender wurde an ferngelenkten Kameras mit Restlichtverstärkern und speziellen Regie- und Steuerpulten gebastelt. "Noctiluca IV" wurde zur Geheimsache erklärt.
Dennoch muckten Skeptiker im Funkhaus, die Ulrich als "untergeordnete Typen ohne blassen Schimmer" abtut, immer mutiger auf. Sie erinnerten sich plötzlich, daß Ulrich vor Jahren im WDR schon einmal mit einer spinnerten Idee ("Unternehmen Elefant") hausieren gegangen war und über ein Jahr lang aus speziell verkleideten Lastwagen mit WDR-Geldern die Elefanten Afrikas hatte verfolgen wollen. Damals hatte der WDR eine Teilnahme an Ulrichs Safari ausgeschlagen.
Auch beim "Unternehmen Tiefsee" haben etliche Fürsprecher inzwischen kalte Füße bekommen - zu spät. Ulrich hat Ende Januar ein 400-Seiten-Expose über sein Projekt vorgelegt und wartet jetzt auf neue Millionen aus dem Gebührenaufkommen. Macht der Sender weiter mit, könnte er leicht mit dem ganzen Unternehmen Schiffbruch erleiden. Steigt er aus, hat er immerhin eine Million verplempert.
Um das Image des angeschlagenen WDR aufzupolieren, will der Sender, nach Muster des ZDF, eine Hauptabteilung für Öffentlichkeitsarbeit schaffen, die zuständig ist für Presse, Öffentlichkeitsarbeit und "Sendungen in eigener Sache". Retusche statt Reform?
Mit Chris Howland, Werner Sonne, Sigi Harreis, Ernst Huberty.

DER SPIEGEL 10/1984
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