05.03.1984

MANAGERLaufen gegangen

Die Großaktionäre des größten deutschen Stahlkonzerns sind sich einig: Der erfolglose Thyssen-Chef Dieter Spethmann soll noch in diesem Jahr gehen. *
Die Manager und Bankiers vereinbarten strikte Geheimhaltung. Das Thema war äußerst delikat.
Bei dem Treffen in München vor knapp drei Wochen wollten sich die Aufsichtsräte des Düsseldorfer Stahlkonzerns Thyssen, allesamt Vertreter der Kapitalseite, über eine wichtige Personalentscheidung verständigen. Es ging um die Zukunft von Thyssen-Chef Dieter Spethmann.
Als die Runde auseinanderging, waren die Kontrolleure einhelliger Meinung: Der 57jährige Spethmann sei für den Konzern nicht mehr tragbar und soll vorzeitig in den Ruhestand geschickt werden.
Die Aufsichtsräte wollen Spethmann nicht nur die Verlängerung seines 1985 auslaufenden Vertrages ablehnen. Bereits Mitte dieses Jahres soll ein Nachfolger gefunden sein.
Mit Spethmann wird dann ein Manager abtreten, der über ein Jahrzehnt lang zu den einflußreichsten Wirtschaftsführern der Bundesrepublik gehörte. Seit April 1973 steht er an der Spitze des achtgrößten deutschen Konzerns (Thyssen-Umsatz: 28 Milliarden Mark), führt fast so lange auch den Stahlverband und ist nebenher Vizepräsident des BDI.
Spethmanns Kritiker zählen zu den einflußreichsten Vertretern aus Banken und Industrie. Wilfried Guth, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Allianz-Chef Wolfgang Schieren und Industrieberater Günter Vogelsang haben den Stahlmanager seit Monaten im Visier.
Mit Vorwürfen hält sich auch Privatbankier Harald Kühnen nicht mehr zurück. Dem Konzern, warnte der Thyssen-Aufsichtsratschef Anfang Dezember in kleiner Runde, drohe eine Schieflage. Und Guth befand, die Lage sei ernst.
Das ist sie in der Tat. Mit Spethmann hat Thyssen in den letzten Jahren eine steile Talfahrt erlebt - nicht nur aufgrund der schlechten Konjunktur oder der Krise beim Stahl. Weit schlimmer hat den Konzern eine Reihe gravierender Fehlentscheidungen getroffen.
Anfang Februar legte Spethmann die bis dahin schlechteste Thyssen-Bilanz "der letzten 30 Jahre" mit einem Konzern-Verlust von 550 Millionen Mark vor. Die tatsächlichen Betriebsverluste liegen allerdings noch weit höher. Da brachte es die Firma auf ein Minus von fast einer Milliarde Mark.
Für Branchen-Kenner ist der Abstieg Thyssens nahezu unerklärlich. Unter allen Stahlkonzernen der Welt gehörte das angesehene rheinische Unternehmen stets zum kleinen Kreis der Besten.
Als Marktführer hätte Thyssen mit seinen modernsten Anlagen Europas aus der Stahlkrise sogar noch gestärkt hervorgehen müssen. Mit Rücklagen gut gepolstert, hatte Spethmann mehr Chancen als alle anderen Konkurrenten, sich lukrative Zukunftsbereiche anzugliedern. Doch wo der Thyssen-Chef auch hingriff - es ging meist daneben. Sein teuerster Reinfall wurde die US-Firma Budd. "Als wir das Unternehmen 1978 übernahmen", rechtfertigte er später die Investition, "da war seine wirtschaftliche Lage noch in Ordnung." Heute spricht Spethmann von einem "Brocken", der Thyssen bisher insgesamt 1,6 Milliarden Mark kostete.
Die Misere mit Budd, einem Hersteller von Autobremsen, Fahrzeugrahmen und Eisenbahnwaggons, war eigentlich absehbar. Nach der zweiten Ölkrise prophezeiten Experten der US-Automobilindustrie eine schwere Flaute. Als auch kurz darauf sich überall in den Staaten die Halden von Straßenkreuzern türmten, sackte Budd rapide ab.
Spethmann verordnete der Tochter aus Michigan ein neues Konzept. Budd verlegte sich fortan mehr auf den Bau von Eisenbahnwaggons und Zubehörteilen für den Schienenverkehr. Die Umstellung war übereilt, bei "der Vervierfachung des Umsatzes", räumt Spethmann jetzt ein, "wurden gravierende Fehler gemacht".
Der Markt für Waggons in den USA ist völlig zusammengebrochen. Statt dessen floriert inzwischen wieder das Autogeschäft, das Budd vernachlässigte.
Selbst bei kleinen, leicht überschaubaren Firmen patzte der Spitzenmanager. Im Mai vergangenen Jahres kaufte Spethmann die Maschinenfabrik Diedesheim im Odenwald ein. Eine kuriose Anschaffung: Das mittelständische Unternehmen, das gerade 38 Millionen Mark umsetzt, verschlang inzwischen schon 25 Millionen Mark an Sanierungszuschüssen.
Offenbar erkannte Spethmann nicht, wie ernst die Lage des Konzerns inzwischen ist. Seine Kritiker halten ihm vor, durch ungeschicktes Taktieren und arrogante Verhandlungsführung Thyssen um einige hundert Millionen an Steuergeldern gebracht zu haben. Nur 750 Millionen Mark handelte Spethmann in Bonn an Staatshilfen aus. Obwohl Thyssen doppelt soviel Stahl kocht, holte Hoesch 120 Millionen Mark mehr raus.
Der Dortmunder Konkurrent habe, erklären Thyssen-Aufsichtsräte unumwunden, mit Detlev Karsten Rohwedder auch den besseren Mann an der Spitze. Der ehemalige SPD-Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium brachte das Kunststück fertig, den von der Pleite bedrohten Hoesch-Konzern innerhalb weniger Jahre zu sanieren.
Spethmann dagegen, so ein Aufsichtsrat, "gingen die besten Leute laufen". Ein gutes Dutzend seiner Top-Manager heuerte als Vorstandsmitglieder bei der Konkurrenz an. Die meisten von ihnen waren es leid, mit neuen Vorstellungen beim entscheidungsschwachen Chef immer nur abgeblockt zu werden. Statt
dessen deckte Spethmann seine Führungscrew mit Unmengen von Aktenvermerken ein.
Offene Kritik an dem Thyssen-Chef wurde allerdings erst im vergangenen Jahr laut. 1982 konnte Spethmann noch mit Billigung seiner Aufsichtsräte seinen schärfsten Widersacher, Finanzchef Klaus Kuhn, aus dem Vorstand drängen. Wie damals gegen Kuhn, der demnächst Aufsichtsratschef der AEG werden soll, steht nun im Aufsichtsrat die Front gegen den Chef selbst.
Aus Angst vor unbequemen Fragen der Aktionäre wird der Aufsichtsrat die Personalentscheidung bis nach der Hauptversammlung am 30. März zurückstellen. Doch Namen von Nachfolgern werden längst gehandelt.
Gefunden allerdings wurde noch keiner. Der erfolgreiche Ruhrgas-Chef Klaus Liesen will nicht in die Stahlindustrie. Die Thyssen-Vorstandsmitglieder Werner Bartels und Heinz Kriwet wurden von den Aufsichtsräten als zu leicht befunden.
Spethmann selber scheint seinen Abschied schon längst zu ahnen. Bei einem Vortrag Anfang Februar unterlief ihm am Schluß ein Versprecher. Er dankte den Teilnehmern für "die rege Anteilnahme".

DER SPIEGEL 10/1984
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