05.03.1984

DIOXINÖfen rein

Nachdem das Seveso-Gift auch in Muttermilch gefunden worden ist, fordern Umweltschützer erneut ein rigoroses Produktions- und Anwendungsverbot für Dioxin und ähnliche Ultragifte. *
Beim Wein im Hamburger Plaza-Hotel gerieten zwei Mütter aneinander. Thea Bock, Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste in der Hamburger Bürgerschaft, beklagte "viel zuviel Gift in der Muttermilch". Helga Elstner, Sozialdemokratin und Gesundheitssenatorin in der Hansestadt, beharrte darauf, daß "Muttermilch immer noch die beste Babynahrung" sei.
Die Sozialdemokratin wird ihre Ansicht überprüfen müssen. Während das rot-grüne Damen-Duo am Dienstagabend vergangener Woche über Kindernahrung stritt, verbreitete das Fernseh-Magazin "Monitor" Überraschendes zum Thema: Die Milch westdeutscher Mütter sei mit dem Seveso-Gift Dioxin verseucht.
Der Fund alarmierte Frauen, Wissenschaftler und Politiker. Im Bundestag und in Landesparlamenten bedrängten Abgeordnete von SPD, CDU und Grünen die Regierungen und forderten, so der Sozialdemokrat Freimut Duve, "eine Umweltpolitik, die nicht vor den Toren der chemischen Industrie haltmacht". Der Bundesverband Bürgerinitiativen
Umweltschutz verlangte, "alle Stoffe, die Dioxin als Nebenprodukt und Verunreinigung enthalten, zu verbieten".
Lokale Öko-Gruppen wiederholten ihr seit Jahren vorgebrachtes Begehr nach Schließung von Chemie-Unternehmen wie dem Hamburger Boehringer-Werk, bei dem drei Jahrzehnte lang Dioxine kiloweise abfielen. Zusätzlich unter Druck gerieten die Chemie-Manager von Boehringer, als der Hamburger Senat vergangene Woche mitteilte, in Boden- und Grundwasserproben auf dem Firmengelände sei Dioxin gefunden worden - in Konzentrationen wie in der Evakuierungszone von Seveso.
Ende letzter Woche verfügte Umweltsenator Wolfgang Curilla nach einer Krisensitzung betroffener Fachbehörden Sofortmaßnahmen: Erde müsse vom Firmengelände abgetragen, Stauwasser dürfe nicht ungeklärt in ein Siel abgelassen werden. Eine Schließung des Werks indes mochte der Umweltsenator nicht anordnen.
Daß 2.3.7.8-Tetrachlordibenzo-paradioxin (TCDD) - von dem schon Milliardstel Gramm ausreichen, um schwere Hautkrankheiten, Krebs und Erbschäden auszulösen - irgendwann die Bürger der viertgrößten Chemie-Nation der Welt erreichen würde, war zu erwarten gewesen. Denn der Horror-Stoff, der vom Bundesgesundheitsministerium und der US-Umweltschutzbehörde EPA übereinstimmend als "die giftigste synthetische Substanz" bezeichnet wird, "die bisher auf der Welt bekannt ist", fällt seit gut 100 Jahren als Verunreinigung bei der Produktion diverser Chemikalien an - und wandert über Luft und Nahrungsketten bis zum Menschen.
Das Supergift ist so langlebig, daß es die Umwelt selbst dann noch Jahrzehnte bedrohen wird, wenn es sofort von der Produktionspalette der Chemie-Konzerne verschwinden würde. Doch ein umfassendes Herstellungs- und Anwendungsverbot für Substanzen, die Dioxin enthalten oder aus denen es entstehen kann, ist derzeit nicht geplant. Und selbst die wenigen hochgefährlichen Insekten- und Pflanzengifte, die hierzulande nicht mehr angewendet, aber noch immer exportiert werden dürfen, erreichen letztlich doch die Bundesbürger: über importierte Nahrungsmittel und Gegenstände wie etwa mit Insektizid behandelte Jutesäcke.
Überdies entweicht TCDD täglich aus alten Giftmüll-Ablagerungen wie in Hamburg-Georgswerder. Es strömt aus den Schloten fast aller 60 westdeutschen Müllverbrennungsanlagen, in denen bei der Vernichtung von imprägniertem Holz und Plastiktüten, Farbresten und alten Radios Dioxine entstehen (SPIEGEL 4/1984). Kohlekraftwerke stehen im Verdacht, den Stoff gleichfalls in die Umwelt abzugeben.
Dioxin findet sich auch in der Flugasche, dem Abfall von Abfallverbrennungsanlagen. In Hamburg beispielsweise wurden 52 Mikrogramm pro Kilo
gemessen - ein Wert, wie er auch im Boden von Seveso festgestellt worden war. Dennoch ist überall im Bundesgebiet während der letzten Jahrzehnte Asche aus Müllverbrennungsanlagen beim Bau von Lärmschutzwällen und Straßen verarbeitet worden.
Doch auch auf anderen Wegen kann das Gift in die Muttermilch geraten sein. So setzen sich Frauen, die bestimmte kosmetisch-pharmazeutische Produkte benutzen, dioxinhaltigen Stoffen aus. Denn in Pudern und Wässerchen ist häufig Hexachlorophen enthalten, ein enger chemischer Verwandter des TCDD. Die Autoren eines Dioxin-Buches warnen etwa vor der Anwendung gewisser "Seifen, Haartonika, Gesichtswasser, Lippenpflegemittel, Cremes, Deodorants, Mundwasser, Mittel gegen Pickel und Intimsprays". _(Hans-Joachim Dohmeier/Erich Janson: "Zum ) _(Töten von Fliegen und Menschen". Rowohlt ) _(Taschenbuch Verlag, Reinbek; 144 Seiten; ) _(6,80 Mark. )
Daß Dioxin in der Muttermilch deutscher Frauen nachgewiesen wurde, ist - wie so vieles in der Umweltpolitik - nicht den Aktivitäten von Behörden zu verdanken. Der schwedische Chemie-Professor Christoffer Rappe war von den "Monitor"-Journalisten beauftragt worden, fünf Proben zu untersuchen.
Bei der Analyse fand der international anerkannte Dioxin-Experte bei Müttern aus Hamburg, Freiburg und dem nordrhein-westfälischen Haltern TCDD-Werte zwischen 0,5 und 1,0 Milliardstel Gramm pro Liter - das Dreißigfache des Wertes, der von niederländischen Behörden als unbedenklich angesehen wird. Den in Kanada gültigen Grenzwert übersteigt diese Belastung sogar um das 600fache. Professor Manfred Steinbach vom Bundesgesundheitsministerium bezeichnete die Dioxin-Konzentrationen sogleich als keineswegs gesundheitsgefährdend - wohl auch, weil der Anteil lediglich einem "Roggenkorn in einem Güterzug voller Roggen von 20 Kilometer Länge" entspricht (so die Hamburger Gesundheitsbehörde). Ganz ungefährlich ist die Menge gleichwohl nicht: Nach einer Risiko-Abschätzung der EPA kann schon eine tägliche Dosis von zehn Milliardstel Gramm Dioxin bei erwachsenen Menschen Krebs auslösen. Bei Neugeborenen liegt die Risikogrenze vermutlich noch weit darunter.
Das Ultragift TCDD gesellt sich zu einer ganzen Reihe gefährlicher Gifte, die schon seit Jahren in der Muttermilch nachgewiesen sind: neben Schwermetallen wie Blei und Cadmium vor allem chlorierte Kohlenwasserstoffe, aus denen auch Dioxine entstehen können. Dazu zählen beispielsweise das Insektengift DDT und die polychlorierten Biphenyle (PCB), die in Farben, Hydrauliköl und Kühlmitteln enthalten sind.
Die Anteile dieser Stoffe in der Muttermilch liegen bereits durchweg über den sogenannten ADI-Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation. _(ADI: Acceptable Daily Intake. Der Wert ) _(beschreibt die maximal akzeptable ) _(Tagesdosis an Schadstoffen, die ein ) _(Erwachsener mit der Milch von Kühen ) _(aufnehmen kann. )
"Trinkmilch mit dieser Belastung", sagt Detlev Rohwer, Oberarzt an dem städtischen Krankenhaus in Hanau, "dürfte nicht verkauft werden."
Unter Wissenschaftlern ist unumstritten, daß sich die schleichende Vergiftung
mit chlorierten Kohlenwasserstoffen wenigstens verlangsamen ließe. Bundesgesundheitsamt und Umweltbundesamt empfehlen etwa, PCB gegen schon entwickelte und weniger gefährliche Ersatzstoffe auszutauschen; das sei ohne Verlust von Arbeitsplätzen und zumeist ohne Mehrkosten möglich.
Der hessische Umwelt-Ministerialbeamte und Dioxin-Fachautor Fritz Vahrenholt ("Seveso ist überall") fordert den Bau spezieller Verbrennungsanlagen, in denen Dioxin vernichtet wird: "Da müßten Öfen rein, in denen mindestens 1200 Grad gefahren werden, damit die Giftmoleküle zerstört werden."
Auf eines allerdings, so Vahrenholt, müßten sich die Bürger gefaßt machen: "Die Müllbeseitigung wird wahrscheinlich sehr viel teurer."
Hans-Joachim Dohmeier/Erich Janson: "Zum Töten von Fliegen und Menschen". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 144 Seiten; 6,80 Mark. ADI: Acceptable Daily Intake. Der Wert beschreibt die maximal akzeptable Tagesdosis an Schadstoffen, die ein Erwachsener mit der Milch von Kühen aufnehmen kann.

DER SPIEGEL 10/1984
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