05.03.1984

FERNSEHENSchwarzes vom Firmament

Weichenstellung beim Satellitenfernsehen: Die liberalen Verlage Bertelsmann und „WAZ“ wurden aus dem ersten Programmkonsortium ausgebootet. Drin blieben Konservative wie Springer, Bauer, Burda. *
Während den Beamten in Bernhard Vogels Mainzer Staatskanzlei an Weiberfastnacht die Krawatten gestutzt wurden, ging einem Vogel-Gast um die gleiche Zeit Gewichtigeres verloren: der Zipfel einer großen geschäftlichen Zukunftschance.
Vergebens mühte sich der frühere Bundesfinanzminister Manfred Lahnstein (SPD) am Donnerstag letzter Woche, seinem neuen Arbeitgeber, der Bertelsmann AG, die Teilnahme am ersten deutschen Satellitenfernsehen zu sichern.
Eine fünfköpfige Herrenrunde in Vogels Amtszimmer - Vertreter anderer Verlagskonzerne, des Zeitungsverleger-Verbands und einer Programmgesellschaft von Genossenschafts- und Raiffeisenverband - ließ sich in vierstündigem Gespräch nicht erweichen: Bertelsmann blieb von ihrem Fernsehkonsortium für den europäischen Kommunikationssatelliten ECS 1 ausgesperrt.
Damit war die erste TV-Partie im Weltraumpoker, bei dem CDU-Regent Vogel den erfolglosen Schlichter spielte, auch politisch vorentschieden. Das Anrecht auf den vorerst einzigen privaten Fernsehkanal im All ist einer Programmgruppe sicher, in der eine konservative Übermacht das Sagen hat.
Außer den liberalen Bertelsmännern mit ihrem sozialdemokratischen Vorstandsmitglied Lahnstein verschwand auch die unabhängige "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" ("WAZ") aus dem Satelliten-Klub, der ihr "die angestrebte Pluralität ... gefährdet erscheinen läßt" (Verlagsmitteilung).
Den beiden Ausgebooteten bleibt nun nur die Möglichkeit, ihre Ansprüche "getrennt" (so das Gesprächskommunique) geltend zu machen, womöglich in einer neu zu bildenden Gruppierung. Doch das finanzkräftige Großkonsortium kann die voraussehbaren hohen Anlaufverluste beim ECS, für dessen Empfang Kabelnetze nötig sind und ein rentabler Markt erst in Jahren entsteht, besser teilen und minimieren.
Zugleich bringt die Raiffeisen-Programmgesellschaft PKS ein Spielfilmpaket von Filmimporteur Leo Kirch (Beta/ Taurus) in die Gruppe ein, während für Konkurrenten die Film-Ressourcen immer knapper werden. Nachdem die ARD die Senderechte an 1350 Spielfilmen für 220 Millionen Mark bei Metro-Goldwyn-Mayer weggekauft hatte, zog das ZDF letzte Woche nach: Für 258 Millionen Mark werden die Mainzer insgesamt 1264 Filme erwerben.
Den schon vorletzte Woche bei Bertelsmann vernehmlichen Verdacht, Ministerpräsident Vogel selbst unterstütze den Ausschluß der Gütersloher und ihrer Zeitschriftentochter Gruner + Jahr (mit dem liberalen "Stern") aus dem Satelliten-Konsortium, wies der Christdemokrat weit von sich. Sein Staatssekretär Hanns-Eberhard Schleyer: "Davon kann überhaupt keine Rede sein."
Offiziell wurde argumentiert, Bertelsmann habe mit einer vereinbarten 40-Prozent-Beteiligung am deutschsprachigen TV-Programm "RTL Plus" von Radio Luxemburg - regional über einen grenznahen Luxemburger Antennenmast zu sehen - gegen die Satelliten-Partnerschaft verstoßen. Doch das war offenkundig nur ein willkommener Vorwand.
Während das Konsortium mit dem Medienkonzern auch die "WAZ" klaglos ziehen ließ, die mit dem australischen Medienzaren Rupert Murdoch einen Gesprächskontakt hat, blieb der konservative Holtzbrinck-Verlag ungeschoren. Dessen Beteiligungsobjekt "Saarbrücker Zeitung" sendet bei "RTL Plus" Regionalfernsehen. Holtzbrinck aber gehört neben den konservativen Verlagen Springer, Bauer und Burda weiter zum Satelliten-Konsortium.
Ins Bild paßt auch eine Vorzugsbehandlung für Springer. Dem Berliner Pressekonzern sind gleich zwei ECS-Programmanteile zugedacht - als Zeitungsverleger in einer geplanten News-Show am Abend, als Zeitschriftenmacher in einer festen Folge politischer Magazine.
Am 28. März wird die - von den Ministerpräsidenten mit der Genehmigung beauftragte - Ludwigshafener Anstalt für Kabelkommunikation entscheiden, ob vom Firmament künftig vorwiegend Schwarzes herniederflimmert. _(Am Donnerstag letzter Woche in der ) _(Mainzer Staatskanzlei. )
Am Donnerstag letzter Woche in der Mainzer Staatskanzlei.

DER SPIEGEL 10/1984
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