05.03.1984

„Ich kann dieses Land regieren“

Ronald Reagan muß mit einem neuen Konkurrenten rechnen: Der US-Senator Gary Hart hat nach seinem Vorwahlsieg im Bundesstaat New Hampshire nun Chancen, zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten nominiert zu werden. Sein Gegner Mondale erreichte bisher nicht die Herzen der Wähler. Hart, einst Wahlkampfhelfer John F. Kennedys, setzt auf die Vision „neuer Ideen“ - und auf seine jungen Anhänger. *
Es hatte alles so einfach ausgesehen - und so eintönig: Wahlkampf in den USA wie gehabt, mit Reden, Gesten und Programmen von gestern, mit den alten Gesichtern, hie Ronald Reagan, da Walter Mondale - allzu bekannte Alternativen.
Verdrossenheit befiel das Land, noch bevor der Wahlkampf richtig begonnen hatte. Interessant schien allenfalls, wie tief die Wahlbeteiligung, gewöhnlich schon so niedrig wie in kaum einer anderen Demokratie, diesmal unter die 50-Prozent-Marke absacken würde.
Doch dann kam, auf leisen Sohlen erst, dann immer nachdrücklicher auftretend, der große Kühle aus dem Westen, Gary Warren Hartpence, der sich seit 1961 Gary Hart nennt. Nach eigenen Angaben ist er 46, nach dem offiziellen Geburtsregister 47 Jahre alt. Seit neun Jahren vertritt er als Senator den Rocky-Mountains-Staat Colorado in Washington.
Und seit vorigem Dienstag ist nichts mehr, wie es vorher war. Harts überraschender Sieg könnte der Anfang eines der dramatischsten Wahlkämpfe der Nachkriegszeit werden. Erstmals seit John F. Kennedy besteht eine - vorerst geringe - Chance, daß ein Politiker unter 50 ins Weiße Haus einzieht.
Denn am vorigen Dienstag, bei der ersten jener "presidential primaries", jener Vorwahlen, die am Ende mit darüber entscheiden, welchen Kandidaten Republikaner und Demokraten ins Rennen um die Präsidentschaft schicken, triumphierte im nordöstlichen Bundesstaat New Hampshire nicht der hohe Favorit Walter Mondale, sondern ein "dark horse", ein Außenseiter - eben Gary Hart.
Es war ein Triumph, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ - von den rund 101 129 abgegebenen Stimmen erhielt Hart 39 Prozent, Mondale nur 29. Mit einem Mal verwandelten sich die Kurz- und Langzeitprogramme und -prognosen aller Washingtoner Strategen zu Makulatur. Drei Hart-Rivalen - Alan Cranston, Ernest Hollings, Reubin Askew - sahen sich zur vorzeitigen Aufgabe veranlaßt. Der hohe Favorit Mondale, der in seine bisherigen Ämter fast stets ernannt, nicht gewählt worden war, fand sich unvermutet in einem wirklichen politischen Zweikampf wieder. Die Nation aber staunte.
Denn bis zum vorletzten Montag, bis zur Vorwahl von Iowa (SPIEGEL 9/1984), war Gary Hart für die überwältigende Mehrheit seiner Landsleute ein "Gary wie bitte?" gewesen, hatte er in allen Meinungsumfragen unter "ferner liefen" rangiert, weit hinter den beiden Renommierkandidaten Walter Mondale und John Glenn, der immerhin schon
mal in einer Raumkapsel die Erde umkreiste.
Nur Gary Hart, der einst Theologie, Philosophie, Literatur und Jura studiert, im Wahlteam John F. Kennedys seine politischen Weihen empfangen hatte, der 1972 zum Wahlkampfmanager seines heutigen Rivalen George McGovern aufgestiegen und 1979 vom Frauen-Magazin "Playgirl" zu einem der "Ten Sexiest Men in America" gekürt worden war - den überraschte sein Wahlsieg überhaupt nicht.
Am Heiligen Abend des Jahres 1982 bereits, Wochen vor der offiziellen Erklärung seiner Kandidatur, hatte er einem Journalisten anvertraut, nach den ersten beiden Wählerentscheidungen, in Iowa also und in New Hampshire, würden nur noch zwei Kandidaten übrigbleiben - Mondale oder Glenn und er selbst. "Die Leute werden überrascht sein, es wird große Aufregung geben, eine riesige Staubwolke - und wenn die sich gesetzt hat, sind nur noch zwei Mann da."
Systematisch, von kaum einem seiner Rivalen bemerkt oder ernst genommen, hatte er monatelang, zuweilen nur von einem Gehilfen und gelegentlich von einem Reporter begleitet, im Kleinlaster die beiden Bundesstaaten durchfahren. Wie einst für McGovern hatte er eine zuverlässige Organisation von Helfern und Helfershelfern aufgebaut, die sich angezogen fühlten von dem gut und ernst ausschauenden Mann, der so ungleich viel jünger und unverbrauchter wirkte als seine Mitbewerber, der sie ansprach mit seiner Forderung nach "neuen Ideen und einer neuen Führung für die Zukunft unseres Landes".
Als in Iowa ausgezählt war, lag er tatsächlich bereits an zweiter Stelle, weit hinter Mondale zwar, aber mit großem Abstand doch vor Glenn. Da hatte sich das Rennen bereits auf einen Zweikampf reduziert. Hart: "Dies war der erste Schritt auf dem Weg zur Nominierung, auf dem Weg ins Weiße Haus."
Und während Mondale, siegessicher, nur noch kurze Gastrollen in New Hampshire gab, zogen Hart und seine Helfer weiterhin von Tür zu Tür, übernahm der Senator sogar den publikumswirksamen Abwasch für eine potentielle Wählerin, predigte er Tag für Tag von der "Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Zukunft".
Betonten Mondale und seine Helfer die "Erfahrung" des Favoriten, so erinnerte Hart daran, daß Mondale den Großteil dieser Erfahrung als Stellvertreter des höchst unpopulären Jimmy Carter gesammelt habe; stets auch bezeichnete er ihn als "Vizepräsident Mondale".
Sich selbst aber brachte er in die Nähe seines Idols John F. Kennedy, ließ kaum je den Hinweis aus, daß er für JFK im Wahlkampfeinsatz gewesen war und daß es an der Zeit sei, zu wiederholen, wozu sich die Nation 1980 durchgerungen hatte: nämlich einen jungen Mann ins Weiße Haus zu wählen. Dazu, stets parat, das passende Zitat aus der Antrittsrede Kennedys: "Heute ist die Fackel weitergereicht worden an eine neue Generation von Amerikanern." Derlei zieht immer noch und immer wieder bei den Jung-Wählern Amerikas.
Und stets dabei waren, nach dem überraschend guten Abschneiden des Außenseiters in Iowa, nun auch die Vertreter der amerikanischen (und ausländischen) Medien. Aus einer Handvoll Reporter wurden auf einen Schlag 80, die ihn fortan auf Schritt und Tritt begleiteten und die ihn mit ihren TV-Berichten Abend für Abend kostenlos in die Wohnstuben der Menschen von New Hampshire brachten.
Dabei war durchaus Eigennutz im Spiel: Ein weiterer klarer Mondale-Sieg hätte die Kandidaten-Kür womöglich schon beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte; für die Berichterstattung von den bis in den Juni hineinreichenden Vorwahlen aber hatten vor allem die Fernsehanstalten schon Riesensummen investiert. Nur eine Alternative zu Mondale, ein Zweikampf über die nächsten Wochen und Monate, sicherte weitere Beschäftigung, mehr Zuschauer, mehr Werbegeld-Einnahmen.
Die demokratischen Wähler von New Hampshire mit ihrer Vorliebe für die "underdogs", für die benachteiligten Außenseiter, spielten nur zu gern mit, und am Tag vor der Wahl bereits war Hart in Umfragen an Mondale vorbeigezogen. Am Tag danach triumphierte er in der üblichen, übertriebenen Wahlkampfrhetorik des Landes: "Von allen Kandidaten habe ich die besten Aussichten, Ronald Reagan zu besiegen, denn ich bin frei von dem Zwang, die Politik der Vergangenheit verteidigen zu müssen."
Bis zum November freilich ist es noch lange hin. Wohl hat New Hampshire bestätigt, was kritische Beobachter schon seit einiger Zeit ahnten: daß die Unterstützung für Mondale, vor allem dank der Hilfe der Gewerkschaften, der Frauen- und Lehrerverbände, zwar sehr weit reicht, aber nicht sehr tief geht; daß die Attacken seiner Rivalen, Mondale sei zu vielen Interessenten-Gruppen verpflichtet, bei den Wählern Widerhall finden; daß er vor allem noch nicht fähig war, die Wähler emotional mitzureißen, sie fest an sich zu binden. Sie unterstützen ihn, halbherzig zumeist, aber sie glauben nicht an ihn.
Nur: Das kann alles sehr wohl umschlagen, wenn Walter Mondale wirklich zu kämpfen beginnt, wenn er sich - statt mit reichen Gönnern und Verbandsbossen hinter verschlossenen Türen zu verhandeln - wieder unter die Wähler mischt und ihre Gefühle anzusprechen lernt.
Denn in den nächsten Vorwahlen kann Gary Hart auf eines nicht rechnen: die Eigenwilligkeit der Wähler von New Hampshire.
Darum muß es ihm auch gelingen, Zustimmung in der amerikanischen Bevölkerung für seine "neuen Ideen" zu finden - zu denen beispielsweise der Vorschlag zählt, nicht nur die Atomrüstung einzufrieren, sondern auch, viel wichtiger noch, die Produktion des Grundstoffs Plutonium.
Dann muß er, von den Traditionalisten der Partei wie viele jüngere Politiker als "Atari-Demokrat" bespöttelt, sehr wohl im Detail nachweisen, daß es im Computerzeitalter auch für einen Politiker durchaus von Vorteil ist, sich in moderner Technologie auszukennen und sich ihrer zu bedienen - zum Beispiel auch auf dem Gebiet der Rüstung, wo Hart nicht einfach pauschal sparen, sondern dergestalt reformieren möchte, daß die Streitkräfte nicht mehr nach den Kriterien früherer Kriege und Schlachten strukturiert und unkontrolliert weiter vergrößert werden. "Wenn man eine schlechte Armee vergrößert, bekommt man eine größere schlechte Armee."
Daß er im Weißen Haus bestehen könne - daran hat Gary Hart offenkundig noch weniger Zweifel als daran, daß er dort auch Einzug hält. Im vorigen Sommer bereits, als noch kaum jemand hinhörte, wenn Gary Hart sprach, hatte er eine durchaus selbstbewußte Antwort _(Mit seiner Frau am Abend seiner ) _(Niederlage am vorigen Donnerstag. )
auf die Frage parat, was ihn denn wohl zum Präsidenten qualifiziere.
Keine leichte Frage, wie man seit 1980 weiß, als der berühmte Edward Kennedy, von einem TV-Reporter nach seiner Amtsqualifikation befragt, derart ins Stocken und Stottern geriet, daß seine dümmliche Antwort zugleich zu seinem politischen Nachruf wurde.
Nicht so Gary Hart. "Je länger ich in der Politik tätig bin", erklärte er, "desto fester bin ich davon überzeugt, daß ich wie geschaffen bin zum Regieren. Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe und fälle meine Entscheidungen sehr, sehr schnell. Ich bin überzeugt von meinen eigenen Fähigkeiten ... Viele Leute begreifen nicht, wie ein einzelner Mensch glauben kann, er könne dieses Land regieren. Ich habe keinerlei Zweifel daran, daß ich es kann, absolut keine Zweifel."
Mit seiner Frau am Abend seiner Niederlage am vorigen Donnerstag.

DER SPIEGEL 10/1984
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DER SPIEGEL 10/1984
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