05.03.1984

„Die Moral der Sowjets steht auf dem Kopf“

SPIEGEL-Redakteur Michael Naumann über Caspar Weinbergers Besuch bei den Studenten von Oxford *
Alles in allem", beteuerte Caspar Weinberger am vorigen Montag vor 500 Oxford-Studenten, "ist unsere Außenpolitik von Grund auf moralisch." Am nächsten Tag flog er in den Libanon.
Sein bescheidener Tonfall, gleich dem eines prüfungssicheren Theologie-Kandidaten, verlieh den Argumenten des US-Verteidigungsministers das überzeugende Gewicht, das auch den 40-Zentimeter-Granaten des Schlachtschiffes USS New Jersey vor Beiruts Badestrand zugeschrieben wird - ungefähr eine Tonne.
Die Studenten hatten sich in ihrem Debattier-Club, der "Oxford Union", versammelt. Sie wollten den Pentagon-Chef im rhetorischen Wettstreit mit Englands bekanntestem Friedenskämpfer, E. P. Thompson, erleben. Zu diskutieren galt es eine sorgfältig ausgesuchte Provokation: "Zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Außenpolitik gibt es keinen moralischen Unterschied."
In der vorangegangenen Woche hatten sich die akademischen Gemüter noch über eine andere Diskussions-Vorlage erhitzt: "Wir sind lieber tot als französisch." Oxford-Stil.
Schon vor drei Jahren hatten die Studenten Weinberger gebeten, die Außenpolitik der Reagan-Administration im viktorianischen Auditorium der Oxford Union zu verteidigen. Aber immer kam dem Minister etwas dazwischen: Ein 1,5-Billionen-Dollar-Pentagonbudget, das stückweise durch den US-Kongreß bugsiert werden mußte, ein Krieg (Falkland), dann noch einer (Grenada).
Endlich aber hat der schmächtige, 66jährige Reagan-Freund Zeit; denn in den letzten Monaten vor der Präsidentschaftswahl sind alle riskanten Machtprojektionen Amerikas vorübergehend eingestellt. Außenpolitik findet jetzt nicht mehr statt in Washington, man kann also ruhig über sie reden. In Oxford.
Das sind 40 meist sandsteingelbe Colleges, vor acht Jahrhunderten zum Bund der Universität geschlossen, 55 Meilen nordwestlich von London gelegen, an der Themse, die hier schon wie eine Minestrone-Suppe aussieht.
In diese gotisch gebaute Stadt, "wo 12 000 Studenten einsam auf ihren Buden hocken und einer von ihnen ist man selbst" (so einer von ihnen), in dieses Oxford war Caspar Weinberger mit der allfälligen Begleitung Washingtoner Prominenz eingezogen: Sechs Sicherheitsagenten, bullige Mittelstürmer-Typen im Trenchcoat, umklammerten ängstlich ihre Walkie-Talkies und musterten die offenen Gesichter der Studenten wie ein massenhaft gewordenes Attentatsrisiko.
Hinter der backsteinroten Gartenmauer des Clubgeländes hatte ein beamteter Grabenkriegsexperte einen Stacheldrahtverhau errichtet. Ein Bluthund stöberte 30 Minuten lang durch das leere Auditorium. Eine Bombe erschnupperte das Tier aber nicht.
Eine Stunde vor Diskussionsbeginn marschieren abgerissene Delegierte des Klassen- und Friedenskampfes vor dem Haupteingang der Oxford Union auf: Heisere Stimmen unter rotem Banner der "Sozialistischen Arbeiterpartei": "Eins, zwei, drei, vier, keine Kriege wollen wir." Der guten Utopie scheint kein Reim zu platt. Die Geschichte dieser Partei verliert sich im schottischsozialistischen Sektenwesen. Wenn die Revolution komme, so einer der anarchistischen Parteistifter damals - er war Dozent an der Glasgow University und hatte 1871 in der Pariser Kommune gekämpft -, dann gälte es zunächst einmal, den Uni-Rektor zu ermorden. Alles weitere ergebe sich von selbst.
Statt der Revolution erscheint nun Caspar Weinberger vor der Oxford Union. Er lächelt zuvorkommend und sucht in jeder Bewegung, sich klein zu machen. Doch steht er längst schon im Personenregister der Geschichte: als Irrender, als Schuldiger wie einer seiner Vorgänger, wie Robert McNamara?
Nein, gedenkt der ehemalige Konzerndirektor seinen Zuhörern zu sagen, er wolle als Moralist erinnert werden. Als schwerbewaffneter St. Georg, der gute Ritter.
Sein Diskussionsgegner an diesem Oxford-Abend, E. P. Thompson, ist ein Sozialist von jener seufzenden, halbreligiösen Art, die typisch für Englands Arbeiterbewegung ist: Ihr Klassenkampf hat stets den Beigeschmack protestantischer Erweckungs-Rhetorik.
Vor zwei Jahrzehnten war Thompson der unbestrittene Star-Historiker der "New Left". Doch über die Kämpfe der Chartisten, der Gewerkschaften, der Kommunisten ist nun alles gesagt, alles geschrieben. Heute ist Thompson Vizepräsident der englischen "Kampagne für nukleare Abrüstung". Er füllt die Rolle mit prophetischer Gewißheit aus: "Der letztendliche Zusammenstoß der atomaren Supermächte ist unvermeidlich."
So wird auch ihn die nukleare Apokalypse nicht überraschen. In der Stunde des Weltuntergangs wäre E. P. Thompson ein Rechthaber.
Der Diskussionsleiter an diesem Abend, Malcolm Bull, glaubt mit seinen 21 Lebensjahren nicht an das programmierte Weltende; lebensfroh gedenkt er
vielmehr, Karriere zu machen. Der Student der Philosophie und Theologie ist Präsident der Oxford Union - wie es vor ihm die britischen Premiers Heath, Macmillan, Asquith und Gladstone in ihrer College-Zeit waren. Dies ist die Kinderstube des englischen Parlamentarismus, so, wie Oxford das nationale Elite-Reservoir darstellt: Von 49 englischen Regierungschefs haben 24 in Oxford studiert.
Und doch, meint Malcolm Bull, "der Weg ins Establishment ist rutschiger als früher, die Konkurrenz wird immer schärfer. Viele Kommilitonen reden davon, wie sie schnell Geld machen können." Das Mittelklasse-Trauma.
An jenem Diskussionsabend indes hebt er ein Portwein-Glas am Dinner Table der Oxford Union: "The Queen" sagt er laut, und obwohl die Königin nicht da ist, prosten ihr alle zu - der Sozialist, der Amerikaner aus dem Pentagon, die jungen Gastgeber sowieso.
Bis auf den letzten Platz gefüllt ist dann das Auditorium der Oxford Union, als Caspar Weinberger das Wort ergreift: Ein weltuntergangsmächtiger Mann, mag E. P. Thompson denken. Ihm will der Verteidigungsminister aus Amerika antworten.
In großer Sorge um die Welt gestikulierend, hatte Thompson die Sündenfälle amerikanischer Außenpolitik von Vietnam bis Mittelamerika beim Namen genannt (die sowjetischen übersprang er), hatte dann die Atomaufrüstung der Supermächte beklagt, als seien sie vor allem Ausdruck herrschsüchtiger, moralischer Verkommenheit - und nicht das gefährliche Ergebnis eines selbständig gewordenen Sicherheitsprozesses -, und war schließlich ins utopische, atomfreie Feiertagsland eines zukünftigen, europäischen Neutralismus vorgestoßen.
"Europa", erklärte der gelehrte Friedenskämpfer seinem amerikanischen Gegner, "meditiert derzeit über seine eigene Unabhängigkeitserklärung." Ahnte Weinberger, daß die Europäer bei diesem moralischen Geschäft erst bis zur Regulierung der Schweinepreise vorgestoßen sind?
Moral, so lehrt man seit einem halben Jahrhundert an den britischen Colleges, zumal in Oxford, ist nur eine grammatikalische Übereinkunft: "Wenn wir uns alle darüber einigen, was die Wörter 'du mußt', 'du sollst' und 'du darfst' bedeuten, dann können wir auch eine 'Moral' haben", meint ein ortsansässiger Sprachgelehrter.
Übernatürliche Moral-Begründungen - Zehn Gebote aus dem Jenseits etwa - lehnt man in einer Stadt ab, in der für die metaphysische Idee von "unendlich" ein ganz nüchternes Zeichen erfunden wurde - eine müde, liegende Acht: . Mehr nicht.
Caspar Weinberger hingegen will von einem großvolumigen Moralbegriff nicht lassen, um die Außenpolitik seiner Nation recht vorteilhaft abzuheben von derjenigen der Sowjet-Union.
"Das Sowjet-System", sagt er, "hat die Bedeutung von Moral auf den Kopf gestellt." Wer wolle das bezweifeln, außer streitlustigen Oxford-Studenten, angesichts totalstaatlicher KGB-Kontrollen, angesichts von Gulag, Zwangstherapie für Dissidenten oder gar der Expansionsgeschichte der UdSSR?
Doch Caspar Weinberger, die Hände gefaltet, verfällt auf die riskante Idee, die "Moral amerikanischer Außenpolitik" aus der innenpolitischen Freiheit des demokratischen US-Systems herzuleiten. Das geht schief.
Die Moral amerikanischer Außenpolitik, meint er, sei lediglich ein Reflex jener innenpolitischen Freiheit des Kongresses, Kontrolle auszuüben. "Wieviel Mann haben im sowjetischen Politbüro den Einmarsch in Afghanistan beschlossen?" fragt Weinberger und antwortet sich selbst: "Vielleicht ein Mann, vielleicht fünf. Das ist unmoralisch!"
Amerikas Außenpolitik hingegen sei eine Darstellung politischer Moral - weil, so der Pentagon-Befehlshaber, sie der "moralischen" Revision der Öffentlichkeit, des Parlaments unterworfen sei.
Einspruch eines Studenten: "Was Sie sagen, Mr. Weinberger, ist dies - eine außenpolitische Handlung ist so lange moralisch, solange sie widerrufen werden kann."
Weinberger: Nickt.
Student: "Eine unmoralische außenpolitische Handlung kann aber nicht dadurch im nachhinein moralisch werden, daß der US-Kongreß ihre traurigen Konsequenzen verurteilt."
Weinberger: Nickt nicht mehr.
Fest überzeugt von der ethischen Größe seiner Nation, kündigt er statt dessen den weiteren Ausbau der geplanten Anti-Raketensysteme im Weltraum an: Auch dies sei eine moralische Manifestation Amerikas; denn in der bisherigen Nuklearstrategie seien ja stets die Zivilbevölkerungen zur Geisel der Abschreckungsstrategie gemacht worden. Die Verlagerung der Verteidigungslinie ins Weltall hinaus sei ein moralischer Akt.
So hat der Diskussionsabend unvermittelt den Gipfel der Geistverlassenheit erreicht, es darf nun abgestimmt werden über den Beschluß-Antrag ("Zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Außenpolitik gibt es keinen moralischen Unterschied"): 271 der Anwesenden lehnen ihn ab, 232 folgen ihm.
E. P. Thompson hat die Diskussion verloren. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Demonstranten sind verschwunden. Der Bluthund schläft. Die Leibwächter des US-Verteidigungsministers knöpfen ihre Trenchcoats zu. Ihr Chef hat eine Schlacht gewonnen.
Von Michael Naumann

DER SPIEGEL 10/1984
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