05.03.1984

LIBANONAuf dem Sofa

Syriens Assad hat sein Ziel erreicht: Gegenspieler Gemayel kündigt den Libanon-Vertrag mit Israel. *
Auf einer Behelfspiste zwischen Dschunje und Byblos, mitten in der christlichen Enklave des Libanon, stand allzeit startklar seit Wochen ein gecharterter schweizerischer Tristar-Jet.
Mit der gut getarnten Maschine wollte sich Libanons Präsident Amin Gemayel nach Europa in Sicherheit bringen, wenn Drusen und Schiiten den Präsidenten-Palast im Beiruter Vorort Baabda angegriffen hätten. Dies blieb ihm zwar erspart, doch am vorigen Mittwoch ging der Präsident dann an Bord der Fluchtmaschine,
um jene Reise anzutreten, die für ihn unausweichlich war, wollte er den Flug ins Exil vermeiden - die Reise nach Damaskus.
Gemayel selbst hatte bei Syriens Präsident Hafis el-Assad um eine Unterredung gebeten. Von einem "Mini-Gipfeltreffen zwischen Gleichen", auf dem eine Lösung der Libanon-Krise gefunden werden sollte, sprach aber nur der Präsident aus Beirut, dem die Soldaten weggelaufen sind und dessen Einfluß kaum mehr über seinen Palast hinausreicht.
Es war allen Beteiligten klar, daß es in Wirklichkeit zwischen Gemayel und Assad nichts zu verhandeln gab. Gemayel durfte lediglich kommen, um syrische Bedingungen entgegenzunehmen. Vor allem sollte er dem Pakt mit Israel vom 17. Mai vergangenen Jahres verbindlich abschwören.
Dazu hatte er sich längst durchgerungen. "Das Abkommen ist eine Leiche", erklärte der Präsident kurz vor seinem Abflug nach Damaskus, "es gilt nur noch, sie zu beerdigen."
Gemayel weiß, was er riskiert: Er spaltet das Lager der libanesischen Christen, die mehrheitlich die Verbindung zu Israel aufrechterhalten wollen. Ob er es andererseits schafft, seine bisherigen Feinde zu versöhnen, erscheint höchst unsicher.
Drusenführer Dschumblat jedenfalls will Gemayel "vor Gericht bringen, egal welche Vereinbarungen er mit Syrien getroffen hat".
Doch nur die Syrer werden entscheiden können, was mit Gemayels Fassaden-Präsidentschaft nun geschehen soll. Die anderen, die Gemayels Unabhängigkeit nach dem Auseinanderbrechen der libanesischen Armee noch hätten retten können, hatten sich von ihm abgewandt.
Als letzte der multinationalen Friedenstruppen bereiteten vorige Woche die Franzosen ihren Abzug vor. Die Entsendung einer Uno-Truppe in den Libanon blockte Syrien-Freund Sowjet-Union im Sicherheitsrat ab.
Geradezu flehentlich um Hilfe suchend, hatte sich Gemayel noch vorletzte Woche an die Amerikaner und an die Israelis gewandt - vergebens. Während Wadi Haddad, der Sicherheitsberater Gemayels, die Regierung in Washington bat, Amerikas Schiffsgeschütze und Flugzeuge zum Schutz des wackligen Regimes und des Präsidentenpalastes in Baabda einzusetzen, holte sich Fadi Frem, der militärische Kommandant der vereinigten Christenmilizen, in Jerusalem eine Abfuhr.
Ein Treffen zwischen Gemayel und Israels Premier Jizchak Schamir, von dem Libanesen gesucht, kam nicht zustande. Schamir hatte den "Herzog von Baabda" schon abgeschrieben.
Mit sicherem Instinkt nutzte Assad die Lage des hilflosen Gegenspielers. So deprimierend Gemayels Erfahrungen mit den Mächtigen waren, denen er bis zuletzt vertraut hatte, so eindringlich sollte nun der Welt vor Augen geführt werden, wieviel Brüderlichkeit Syrien für einen libanesischen Staatspräsidenten aufzubieten vermag, wenn er sich nur demütig an Damaskus wendet.
Assad inszenierte eine Polit-Show, wie sie Syriens Hauptstadt schon lange nicht mehr erlebt hat. Mit 21 Salutschüssen wurde Gemayel begrüßt. Am Flughafen wartete Hafis el-Assad mit sämtlichen Ministern und schloß seinen Gast breit lächelnd in die Arme. In den Straßen der Stadt wehten Hunderte von syrischen und libanesischen Fahnen - Amin Gemayel war von der symbolträchtigen Farce überwältigt, wie geplant. Wirkte er am Flughafen noch verkrampft und verlegen wie ein verlorener Sohn bei der Heimkehr, so löste sich seine innere Spannung während seines Aufenthalts immer mehr. Auf dem Besuchersofa des Gastgebers lächelte er naiv-verlegen wie ein Primaner. Journalisten sahen den 42jährigen Präsidenten mit vor Eifer heißem Kopf von den Unterredungen mit Assad kommen. Nach dem Fortgang der Gespräche gefragt, stieß Gemayel nur hervor: "Es läuft ausgezeichnet."
Tapfer hatte der unerfahrene Präsident-ohne-Land versucht, dem Macht-Profi Assad wenigstens einige Zugeständnisse abzuringen: Sein Widerruf des Israel-Abkommens sollte nicht als persönliche Niederlage erscheinen.
Der gleiche Gemayel, der zu Beginn seiner Amtszeit die Syrer mehrfach und barsch aufgefordert hatte, endlich abzuziehen, meinte jetzt, Syrien möge sich doch verpflichten, zu irgendeinem Zeitpunkt seine Truppen heimzuholen. Darüber hinaus erstrebte der maronitische Präsident Garantien für die Sicherheit der christlichen Gebiete des Libanon.
Assad, der mit seinen Gesprächspartnern fröhlich und augenzwinkernd umzugehen versteht, stimmte nur zu, daß es eine Verfassungsreform geben sollte, die den religiösen Gruppen einen gerechten Anteil an der politischen Macht sichern werde. Es war ein entscheidender Augenblick der jüngsten, 21monatigen Libanon-Krise. Israels ehemaliger Abwehrchef Saguy kommentierte: "Zum _(Am Mittwoch voriger Woche. )
erstenmal erhielt Assad die Zustimmung aller religiösen Gruppen, auch der Christen, zur syrischen Vorherrschaft im Libanon." Aber nur von Gemayel.
Zweifellos wünschen die meisten Christen kein syrisches Endlos-Mandat für die Besetzung des Landes. Ex-Präsident Camille Schamun will entsprechende Zusagen Gemayels nicht honorieren. Milizenkommandant Fadi Frem warnte, er werde notfalls einen unabhängigen christlichen Kanton rings um die Hafenstadt Dschunje etablieren. Dieser Kanton würde dann Gemayels Autorität nicht anerkennen und "den Kampf gegen die syrischen Invasoren" fortsetzen.
Die Linie des Präsidenten unterstützen im christlichen Lager ironischerweise nur zwei alte Todfeinde: der nordlibanesische Christenführer Suleiman Frandschieh, der mit der Familie Assad verschwägert ist, und Falangisten-Chef Pierre Gemayel, der Vater des Präsidenten. Er, früher einer der schärfsten Kritiker der syrischen Libanon-Politik, verkündet heute neue Erkenntnisse, etwa: "Der Libanon und Syrien sind wie Zwillinge."
Solch unterschiedliche Einschätzung könnte das Christenlager spalten, das bisher immerhin einen relativ geschlossenen Machtfaktor in dem zerrissenen Land darstellte. Ohne große Mühe hätte Damaskus damit wieder eines seiner erklärten politischen Ziele im Libanon erreicht: "Gruppen zu spalten, bevor sie zu mächtig werden", wie es Syriens Außenminister Abd el-Halim Chaddam einmal formulierte.
Schon haben sich die Forces Libanaises, wie sich die vereinigten Christenmilizen nennen, im Südlibanon aufgelöst. Die Christenkrieger traten geschlossen der von Israel trainierten und ausgerüsteten Truppe des unlängst verstorbenen Majors Saad Haddad bei. Sie wird inzwischen von Schabral Barakat befehligt, dem ehemaligen Stellvertreter Haddads.
Im Luftkurort Dschissin, in Sichtweite der israelischen Awwali-Linie, kamen 20 000 südlibanesische Christen zu einer pro-israelischen Kundgebung zusammen, der größten, die es je im Libanon gegeben hat. In fanatischen, begeistert beklatschten Reden wandten sich ihre Wortführer gegen die Aufkündigung des Abkommens mit Israel.
Der Befehlshaber der örtlichen Falangisten, Nasar Nasarijan, genannt "Nasu", erklärte: "Notfalls werden wir Gemayel trotzen." Dies würde den Bürgerkrieg von Christen gegen Christen bedeuten.
Daß der Libanon nicht zur Ruhe kommt, dafür sorgen auch die Israelis, die sich nach Gemayels Widerruf ihres Vertrages mit dem Libanon nicht zurückhalten werden. Premier Schamir warnte vor der einseitigen Aufkündigung. Sie stelle einen "äußerst schwerwiegenden Schritt dar, der hauptsächlich den libanesischen Interessen zuwiderlaufen" werde.
Israel sei dann ebenfalls gezwungen, seine Abmachungen mit Beirut beiseite zu legen. Die Verteidigung seiner Nordgrenze werde dann ohne Rücksicht auf die "Souveränität der libanesischen Regierung im Süden des Landes" stattfinden.
Die Israelis erwägen derzeit, sich im Südlibanon, möglicherweise nach einem weiteren Teilrückzug vom Awwali zum Sahrani-Fluß, auf Jahre hinaus festzusetzen, um von dort aus Israels Nordgrenze gegen Terrorattacken abzuschirmen.
Gleichwohl hofft Israel, daß selbst nach Gemayels Damaskus-Reise ein diskreter Dialog und eine gewisse Kooperation mit dem nördlichen Nachbarland möglich sei - wie schon vor der Invasion.
Bescheiden geworden sind die Amerikaner. Der für ihn schwer durchschaubaren orientalischen Querelen überdrüssig, den eigenen Wahltermin im November vor Augen, ließ Reagan die Libanesen wissen, sie sollten selbst nach einem Ausgleich mit ihren Nachbarn suchen.
Daß damit zwangsläufig die Syrer das Übergewicht im Libanon erhielten, jene Syrer, die Washington immer für die arabischen Erfüllungsgehilfen der Sowjet-Union gehalten hatte - das schien nun nicht mehr zu zählen.
US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger fand sogar Gemayels Damaskus-Reise nicht schlecht. Wenn ein Waffenstillstand dabei herausspringe, sagte er, dann biete dies doch Gelegenheit, über den Abzug von Syrern und Israelis zu verhandeln. US-Außenminister Shultz, der voriges Jahr das libanesisch-israelische Abkommen erarbeitet hatte, machte gar den US-Kongreß dafür verantwortlich, daß die Reagan-Regierung keine vernünftige Libanon-Politik erarbeiten konnte.
Selbstbewußt und mit einiger Berechtigung frohlockte der syrische Rundfunk:
"Weder die USA noch die Zionisten, sondern nur wir schreiben die Geschichte dieser Region."
Etlichen anderen Mitbewohnern der Region geht die syrische Dominanz allerdings schon zu weit. So warnte Saudi-König Fahd brieflich davor, den Libanon ganz aufzugeben. Die Folgen für die USA in der Region seien dann nicht abzusehen.
Da entschloß sich die ohnmächtige Supermacht zu einer Geste. Verteidigungsminister Weinberger stattete der US-Flotte vor der libanesischen Küste einen Besuch ab. Er betrat sogar libanesischen Boden und begab sich in die US-Botschaft. Eigentlich hatte Weinberger den Wunsch geäußert, auch mit Amin Gemayel zusammenzutreffen.
Doch der Libanon-Präsident, dem noch eine Woche zuvor ein Treffen mit Weinberger wichtiger als alles andere gewesen wäre, verzichtete jetzt darauf, den US-Verteidigungsminister zu sehen.
Als Weinberger libanesischen Boden betrat, bestieg Gemayel gerade das Flugzeug nach Damaskus.
Am Mittwoch voriger Woche.

DER SPIEGEL 10/1984
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