05.03.1984

SÜDAFRIKAZeit für die Mohrrübe

Pretoria arrangiert sich mit marxistischen Nachbarstaaten: Hunger in Mosambik, Krieg in Angola beschleunigen den überraschenden diplomatischen Ausgleich. *
Mosambiks Regierungsblatt "Noticias" überraschte seine Leser mit einem ungewöhnlichen Photo: Samora Machel, schwarzer Präsident der marxistischen Volksrepublik, schüttelt Roelof Botha, dem weißen Außenminister des kapitalistischen Apartheidstaates Südafrika, die Hand. Keiner der beiden Herren lächelte.
Machels Ernst war verständlich. Die Übereinkunft über "gutnachbarliche Beziehungen", die beide Politiker in Mosambik getroffen hatten, erscheint Afrikas Nationalisten wie ein Canossa-Gang des schwarzen Revolutionärs. Ausgerechnet das glorreiche Frelimo-Regime mußte sich nun, um selbst zu überleben, mit dem rassistischen Feind arrangieren. Die von der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) geächtete Pretoria-Regierung erhielt von Mosambiks Sozialisten das Siegel der Anerkennung. "Ideologie weicht der Macht", kommentierte die Londoner "Times".
Botha hingegen verbiß sich wohl das Siegerlächeln aus Höflichkeit. Sein Land hat in den vergangenen Wochen diplomatische Erfolge erzielt mit Schachzügen, die der britische "Guardian" eine "Übung in Bismarckscher Realpolitik" nannte: Mit militärischer Gewalt und wirtschaftlichen Lockungen errichtete das weiße Minderheitsregime eine Pufferzone im Norden seines umstrittenen Staates. *___Im Nordwesten entspannt ein Waffenstillstand im ____unerklärten Krieg mit Angola die Lage Namibias, der ____ehemaligen kaiserdeutschen Kolonie Südwestafrika. *___Im Nordosten begann Mosambik damit, Terror-Aktionen ____gegen den Apartheidstaat zu unterbinden. Es will die ____wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Pretoria verstärken. *___Die Staaten dazwischen, Botswana und Simbabwe (wie auch ____Lesotho und Swasiland innerhalb Südafrikas), gewähren ____militanten Gegnern Pretorias keine Zuflucht mehr, weil ____sie wirtschaftlich zu abhängig von Südafrika sind.
"Ein bißchen Destabilisierung, fein abgestimmt, vollbringt Wunder", freute sich die Johannesburger "Sunday Times" und sichtete schon "Friedenstauben über dem südlichen Afrika". "Destabilisierung" - das umschrieb Pretorias militärische Vorstöße ins "Feindesland" von gestern. Die seien nun überflüssig geworden: Südafrikas stellvertretender Außenminister Louis Nel verkündete das Ende der "Versuche, die stabile Ordnung in Südafrika zu verändern, sei es durch Wirtschaftssanktionen, Kampagnen gegen Investitionen oder durch Revolution".
Die Furcht der Weißen vorm Angriff aus dem Norden und dem Aufstand der eigenen schwarzen Mehrheit schien sich plötzlich zu verflüchtigen. Die weltweit geschmähte Apartheidsmacht sah schon den Ausweg aus dem selbstgebauten "Laager", der Wagenburg der weißen Siedler. Südafrikaner gratulierten sich zu "burischer Beweglichkeit" - statt Kommandounternehmen nun Verträge, statt Krieg nun Verhandlungen.
Da warnte dann sogar die "Neue Zürcher Zeitung" vor der "Illusion", daß die "Gesprächsbereitschaft" der bislang feindlichen Nachbarn "ein Zeichen ideologischer Aufweichungserscheinungen sei oder daß die Schande der Rassentrennung in ihren Augen plötzlich zum Kavaliersdelikt geworden wäre". Nur der "Überlebensinstinkt" diktiere den schwarzen Staaten den "Dialog mit dem verhaßten Nachbarn - ein Zustand, der nur allzu reversibel ist".
Vorerst wohl aber nicht. Eine verheerende Dürre hat Südafrikas Nachbarländer mürbe gemacht. Durch die jahrelange Trockenheit breitet sich im ganzen südlichen Schwarzafrika der Hunger aus. Selbst die reichen Weißen werden in diesem Jahr einige Millionen Tonnen Mais einführen müssen.
Vor einer wahrhaft katastrophalen Lage aber sehen sich die jungen, unabhängigen Staaten. Nach dem Auszug weißer Farmer und Fachleute, nach mißlungenen Planwirtschaftsexperimenten bedroht die Dürre ihre Existenz. Die Wirtschaft bricht zusammen. Die Regierung kann nicht helfen. In Mosambik sind schon im letzten Jahr 100 000 Menschen verhungert. Mehr als 100 000 schleppten sich in einer Hungerkarawane ins benachbarte Simbabwe.
Weil gleichzeitig auch noch von Südafrika unterstützte Rebellen ihren Kampf gegen die Regierung in der Hauptstadt Maputo verstärkten, bot sich Mosambiks Machel keine Alternative zum Gespräch mit den Südafrikanern an. "Der Knüppel ist kräftig geschwungen worden", urteilte die "New York Times", "nun ist es Zeit für die Mohrrübe."
Die neue Entwicklung in Afrika, die jetzt zu den sensationellen Schwarz-Weiß-Kontakten führte, hatte mit einem diplomatischen Kurswechsel in Amerika begonnen:
Nach Ronald Reagans Amtsantritt verkündete die westliche Supermacht für das südliche Afrika eine Politik des "konstruktiven Engagements": Nach der apartheidskritischen Politik der Carter-Regierung wollte Washington nun Pretoria nicht mehr tadeln, sondern zum Dialog mit schwarzen Staaten ermuntern. Statt auf Entkolonisierung setzte Amerika auf einen modifizierten Status quo. Ein antikommunistisches Regime am strategisch wichtigen Kap hatte in Washington wieder außenpolitischen Vorrang.
Gleichzeitig aber verfolgten die Amerikaner die Unabhängigkeit für Namibia,
jetzt freilich mit einer Bedingung: Abzug der südafrikanischen Truppen aus der ehemaligen deutschen Kolonie nur dann, wenn auch die kubanischen Truppen aus dem benachbarten Angola abziehen.
Die hatte Fidel Castro 1975/76 auf Bitten von Angolas marxistischer Befreiungsbewegung MPLA geschickt als Helfer gegen die beiden anderen Bewegungen FLNA und Unita. Noch heute stehen über 25 000 kubanische Soldaten in Angola.
Zunächst aber galt es in Washington, das amerikanisch-südafrikanische Verhältnis zu verbessern: Die Reagan-Administration hob das Exportverbot für Computer und weiteres technisches Material für Pretorias Streitkräfte auf. Sie genehmigte die Ausfuhr von elektrisch geladenen Polizeiknüppeln, die Mitarbeit von US-Firmen an einem Atomkraftprojekt und eröffnete ein Büro zur Intensivierung des Handels in Johannesburg.
Der Chef von Südafrikas militärischer Abwehr, General P. W. van der Westhuizen, reiste inkognito in die USA, wo er auch die Uno-Botschafterin Jeane Kirkpatrick traf. CIA-Direktor William Casey flog - ungetarnt - zu Gesprächen ans Kap. Kritiker der Reagan-Regierung attackierten bald die "Achse Washington-Pretoria" und machten Amerikas "konstruktives Engagement" verantwortlich für Südafrikas "nie dagewesenes Ausmaß an militärischen Interventionen und Unterstützung von Rebellen in Nachbarstaaten" ("The Guardian"): *___Im Dezember 1982 und Anfang 1983 griffen ____südafrikanische Kommandotrupps in der ____Lesotho-Hauptstadt Maseru Büros und Wohnungen von ____Mitgliedern des exilierten südafrikanischen ANC ____(African National Congress) an. *___Im Mai 1983 bombardierten südafrikanische Flugzeuge ____ANC-Büros mitten in der Mosambik-Hauptstadt Maputo. *___Im Dezember 1983 drangen südafrikanische Truppen in der ____"Operation Askari" von Namibia aus mehrere hundert ____Kilometer tief nach Angola ein, das Kämpfern der ____namibischen Befreiungsorganisation Swapo erlaubt hatte, ____Stützpunkte zu bauen.
Die Südafrikaner schickten Sabotagetrupps nach Simbabwe, sperrten als Druckmittel schon mal die Benzinzufuhr in das nördliche Nachbarland oder den Lebensmittelnachschub in das rundum von Südafrika begrenzte Lesotho. Als wichtigstes Werkzeug im Buschkampf mit Angola nutzte Pretoria die Rebellenbewegung Unita; gegen Mosambiks Regime konnte es jederzeit die RNM (Resistencia Nacional Mocambicana) einsetzen.
"Die Destabilisierungsstrategie", schrieb letztes Jahr die US-Zeitschrift "Foreign Affairs", "schien Südafrikas Zuversicht widerzuspiegeln, daß es politische Probleme mittels militärischer Macht lösen oder unter Kontrolle halten kann." Schließlich waren die von militärischen Schlägen, Arbeitslosigkeit und Hunger geschwächten Gegner reif für Abkommen am Verhandlungstisch.
Mitte Februar vereinbarten die Südafrikaner in Sambias Hauptstadt Lusaka mit Angola einen Waffenstillstand an der namibisch-angolanischen Grenze. Amerikanische Beamte sollen das Abkommen überwachen. Es sieht vor, daß keine Swapo-Kämpfer mehr nach Namibia einsickern. Ungelöst blieben andere Fragen: Unita-Chef Jonas Savimbi will sich an keine Waffenruhe halten. Und über einen Abzug der Kubaner aus Angola - den einzigen spektakulären Aspekt für die USA - gibt es keine Vereinbarungen.
Eine Woche nach dem Treffen mit den Angolanern handelten die Südafrikaner in Maputo ihr Abkommen mit Mosambik aus. "Südafrika", erklärte der Oberbefehlshaber der Mosambik-Streitkräfte, General Sebastiao Mabote, "darf kein Ausgangspunkt der Unterwanderung gegen uns sein, und Mosambik darf nicht als Basis für Subversion gegen Südafrika dienen."
Den Worten folgten die Taten: ANC-Führungsmitglied Joe Slovo, ein weißer Rechtsanwalt, den die Südafrikaner als Hintermann zahlreicher Sabotageakte gegen ihr Land sehen, mußte Mosambik verlassen. Auf der anderen Seite stoppte plötzlich die RNM ihre Anschläge gegen die Stromleitung vom Cabora-Bassa-Staudamm nach Südafrika. Mosambik erhofft sich aus dem Verkauf von Strom an Pretoria das beste Geschäft mit dem neuen Partner.
Eine Belohnung für den neuen Kurs haben die gezähmten Mosambik-Marxisten schon von Amerika, der Macht im Hintergrund, erhalten. Funktionäre in Maputo erzählten einem Journalisten des linken französischen Blatts "Liberation", daß die USA in den letzten Monaten bereits "viermal soviel Hungerhilfe" geleistet hätten wie die Sowjet-Union.
In Erwartung eines wiederauflebenden Tourismus denken die Südafrikaner schon an Mosambiks Delikatessen. "Bei Vinho verde und Langusten wieder im (Luxushotel) Polana?" träumte Johannesburgs Zeitung "The Star".
Die Südafrikaner schert es nur noch wenig, wenn etwa der ANC aus sicherer Entfernung in Sambia droht: "Kein Nichtangriffspakt kann den ANC und das Volk Südafrikas davon abhalten, für
sein Recht auf Selbstbestimmung und Befreiung zu kämpfen."
Der "Sowetan", die größte Schwarzen-Zeitung im Lande, sagte ähnliches vorsichtiger: "Welche (außenpolitischen) Initiativen Südafrika auch immer ergreifen mag, eine Beruhigung innerhalb des Landes kann erst kommen, wenn das Gespräch mit den schwarzen Massen aufgenommen wird."
[Grafiktext]
Luanda ZAIRE TANSANIA ANGOLA SAMBIA Lusaka MALAWI NAMIBIA unter südafrikanischer Militärverwaltung SIMBABWE Harare MOSAMBIK BOTSWANA Gaborone Pretoria SÜDAFRIKA Maputo SWASILAND LESOTHO Länder, mit denen Südafrika Konfliktlösungen sucht 750 km
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 10/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SÜDAFRIKA:
Zeit für die Mohrrübe

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben