02.04.1984

GIFTGASGrüne Bomben

Eine UN-Expertenkommission bestätigte letzte Woche: Im Krieg zwischen Iran und Irak wurde Senfgas eingesetzt. Wer hat es geliefert? *
Die Schreckensbilder aus dem Ersten Weltkrieg wurden wieder lebendig, als Mitte März die ersten Schwerverwundeten vom Schlachtfeld des iranischirakischen Krieges in europäische Hospitäler gebracht wurden: Mit schwärenden Hautläsionen, einige erblindet, taumelten sie über die Flugzeuggangway oder wurden auf Tragen aus den Boeings der "Iran Air" geholt.
Kliniken in Stockholm, Wien und London, aber auch in München, Hamburg und Recklinghausen nahmen sich der Opfer des schmutzigen Golfkrieges an. Für viele von ihnen, deren Mund- und Rachenschleimhäute verletzt und verschwollen, deren Lungen verätzt waren, kam jede Hilfe zu spät.
Die irakische Regierung bestreitet es noch immer, aber inzwischen steht außer Zweifel: Im Krieg zwischen Iran und Irak wurden chemische Kampfstoffe eingesetzt. Offen blieb bislang nur die Frage, wie oft und in welchem Umfang die "Kameraden des Heiligen Krieges" (wie sie von ihren iranischen Landsleuten in Deutschland begrüßt wurden) den Giftschwaden ausgesetzt waren - und woher die Giftgasmunition stammte.
Für manchen westlichen Beobachter, so den Nato-Korrespondenten der "Welt", schien Anfang letzter Woche klar: "Die Sowjet-Union ist die Quelle des Kampfgases, das im Krieg zwischen Iran und Irak eingesetzt worden ist."
Dagegen spricht das offizielle Untersuchungsergebnis einer UN-Expertenkommission, die sich eine Woche lang im Kampfgebiet aufgehalten hat: Aufgrund von Proben aus Blindgängern und Splittern ließ sich nachweisen, "daß im Iran Bomben abgeworfen wurden, die Senfgas enthielten". Das Zellgift, auch Lost oder Gelbkreuz genannt, war im Ersten Weltkrieg in großem Umfang eingesetzt worden und hatte damals fast eine halbe Million Tote und Verletzte gefordert.
Hauptbeweisstück der UN-Expertise ist ein Bombenblindgänger, der einen Tag nach einem irakischen Angriff auf einem Schlachtfeld in der Wüste gefunden wurde und eine dunkelbraune, ölige Flüssigkeit enthielt. Außerdem wurden 47 Verwundete sowie die Leichname von zwölf iranischen Soldaten untersucht. Die Ergebnisse der chemischen Analysen, unabhängig voneinander in einem Schweizer und einem schwedischen Labor gewonnen, wurden in einem 28-Seiten-Bericht zusammengefaßt.
Möglicherweise, so ergab die Untersuchung, sei im Golfkrieg neben Senfgas auch noch Tabun eingesetzt worden, ein im Zweiten Weltkrieg von deutschen Chemikern entwickeltes Nervengas. Nicht erhärten ließ sich der von westlicher Seite geäußerte Verdacht, unter den eingesetzten C-Waffen hätten sich auch sogenannte Mykotoxine befunden. Die giftigen Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen, so behaupten westliche Hardliner, würden in der Sowjet-Union (und nur dort) als chemische Kampfmittel industriell hergestellt und auch in anderen Krisengebieten - Afghanistan, Kambodscha, Laos - als tödlicher "Gelber Regen" verwendet.
Im Ton scharfer Anklage hatte die Reagan-Regierung vor drei Jahren gegen die Sowjets entsprechende Vorwürfe erhoben. Wasseranalysen, Gesteinsproben und verschimmelte Blätter wurden als Beweise vorgelegt.
Die Sowjet-Union bestritt den Vorwurf. Im amerikanischen Fernsehen machte sich der stellvertretende sowjetische UN-Botschafter Ritschard Owinnikow über den sogenannten Gelben Regen lustig: Schimmelpilze mit giftigen Stoffwechselprodukten wüchsen auch auf dem Rasen des Pentagon.
Nach jahrelangem Disput westlicher Wissenschaftler klingen die Attacken aus dem Weißen Haus allerdings schon erheblich gedämpfter - in Wahrheit läßt sich die These vom Gelben Regen kaum mehr aufrechterhalten.
Ende vorletzten Monats nahm der Amerikaner Saul Hormats, vormals Entwicklungschef für Giftgas-Munition bei der US-Army, die Legende vom kampfstarken und tödlich wirkenden Gelben Regen auseinander: Verglichen mit anderen C-Waffen, würde man von diesem Giftstoff (der sich auch in verdorbenem Getreide findet) etwa die 500 000fache Menge brauchen. 3000 Tonnen Gelber Regen, transportiert in 20 000 Granaten oder 8000 Bomben, müßten allein für den Angriff auf ein einziges kambodschanisches Dorf aufgewendet werden - eine logistische Absurdität.
Die anfängliche Vermutung, auch im Krieg zwischen Iran und Irak seien Mykotoxine als Kampfstoffe eingesetzt worden, hatte wiederum darauf schließen lassen, daß nur die Sowjets als Giftgas-Lieferanten in Frage kämen.
Doch diese Vermutung geriet schon ins Wanken, als die UN-Kommission Mitte März den besonders gut erhaltenen Blindgänger im Kampfgebiet inspizierte. Die grün angestrichene, 136 Kilogramm schwere Bombe trug eine gelbe Bauchbinde mit der Aufschrift "BR 250 WP"; der Zeitzünder war mit Betriebsanweisungen auf spanisch beschriftet.
Im übrigen sind auch kleine Nationen technisch in der Lage, ihren Bedarf an chemischen Kampfstoffen wie Senfgas oder Tabun selber zu decken. Zwei Produktionsverfahren zur Herstellung von Senfgas sind bekannt, ein von deutschen Chemikern entwickeltes (auf der Basis von Di-Hydroxyethylsulfid und Chlorwasserstoffgas) und ein noch einfacheres, das sogenannte Levinstein-Verfahren, bei dem Äthylen mit Schwefelchlorid zusammengebracht wird.
Eine Fabrikationsanlage für Äthylen haben die Iraker seit 1981 in Betrieb. Die 1,1 Milliarden Dollar teure Fabrik ("Khor al-Zubair Petrochemical Complex No. 1) steht in Basra. Sie wurde errichtet von der amerikanischen Firma Lummus und der westdeutschen Thyssen Rheinstahl Technik. _(Am 14. März im iranisch-irakischen ) _(Grenzgebiet. )
Am 14. März im iranisch-irakischen Grenzgebiet.

DER SPIEGEL 14/1984
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