02.04.1984

ITALIENMärchenhafte Erbschaft

Um den Kunst- und Immobiliennachlaß eines florentinischen Aristokraten streiten Erben und ein Antiquitätenhändler, möglicherweise ein unbegabter Testamentsfälscher. *
Für Selia, die treue Kammerzofe des 1982 verstorbenen Marchese Uberto Sacrati Strozzi, war es ein Spuk, den sie nicht fassen konnte: "Il testamento!" rief die alte Dame ganz aufgeregt, als sie auf einem Sekretär im Gelben Salon des prächtigen Palazzo Strozzi in Florenz Anfang März 1983 plötzlich ein versiegeltes Kuvert mit den zittrigen Schriftzügen ihres verstorbenen Arbeitgebers erkannte. Doch schnell begann Zofe Selia zu zweifeln, und die Zweifel wuchsen zur Gewißheit:
Wütend zeigte die ergebene Dienerin des seligen Adligen auf den beleibten Herrn, den Antiquitätenhändler Sorri, den sie durch die Zimmerfluchten führte, und sie schrie ihn an: "Sie, Signore, haben das Testament dorthin gelegt." Kein grundloser Verdacht.
Wochenlang hatte nämlich ein ganzes Geschwader von Kammerdienern und Kustoden unter der Aufsicht eines Nachlaßverwalters den Palast an der Piazza del Duomo in Florenz vom Keller bis zum Dachstuhl auf der Suche nach einem Testament durchwühlt. Doch keine Zeile eines schriftlich niedergelegten Letzten Willens ward gefunden, aus der zu erfahren gewesen wäre, wem der ledige und menschenscheue Hausherr seine 70-Millionen-Mark-Erbschaft vermacht hatte.
Weil Kinder fehlten, kamen schließlich nur drei entfernte Anverwandte in Schottland und Neuseeland als Erben in Frage - 80- und 90jährig waren sie und dem Tode näher als dem Leben. Weil sie überdies die gut 20 Millionen Mark Erbschaftssteuer für den unverhofften Kunst- und Immobilienbesitz (außer dem Palazzo Strozzi gehörten ein Jagdschlößchen, zwei Villen und weiterer Landbesitz zu dem Erbe) aus eigener Tasche nicht sofort zahlen konnten, beauftragten sie den Marchese Maurizio Burlamacchi in Florenz mit der Nachlaßverwaltung. In seinem Namen schätzte das englische Auktionshaus Sotheby das Inventar des Palazzo und nahm einige kostbare Möbelstücke aus den Villen in die Versteigerung. Mit ihrem Erlös wollte der Aristokrat und Erbverwalter die Steuerschulden der fernen Strozzi-Erben begleichen.
Merkwürdig daher, daß mit soviel Verspätung und nach der häufigen Inspektion des Inventars ausgerechnet an dem Tag das weiße Kuvert mit der Aufschrift "Testamento" auftauchte, an dem Selia, die Kammerzofe, den dicken florentinischen Antiquitätenhändler Valdemaro Sorri durch die Zimmerfluchten führte.
Sorri hatte sich an jenem Märztag 1983 in Begleitung des Polizeiinspektors Nencini ziemlich brüsk Einlaß in den Strozzi-Palast verschafft. Der Antiquitätenhändler hatte dem Polizeiinspektor das Gerücht souffliert, daß die museumswürdige Majolika-Sammlung des Marchese Sacrati Strozzi auf einer Auktion "demnächst versteigert" würde.
Um dem "Kunstraub" am nationalen Erbe vorzubeugen, wollte der Inspektor die Sammlung unverzüglich betrachten. Auf Bitten des Polizisten begleitete Signor Sorri, der der Finanzpolizei häufig bei der Begutachtung von gestohlenem Kunstgut half, den Beamten in den Palazzo Strozzi. Weil er jedoch nicht erkannt werden wollte, sagt Signor Sorri heute, klebte er sich vorsorglich ein falsches Bärtchen an und tarnte sich mit dunkler Sonnenbrille als zweiter Inspektor.
Die Entdeckung des versiegelten Testaments gab der Geschichte einen neuen Dreh, als ein alsbald herbeigezogener Ermittlungsrichter den Brief öffnete und den kurzen Text im Beisein des Nachlaßverwalters, des falschen und richtigen Polizeiinspektors im Justizpalast von Florenz verlas: "Im Andenken an schöne und glückliche Stunden vermache ich alles, was ich besitze, der Marchesa Maria Antonietta Pancrazi, Freundin meiner geliebten Mamma".
Nichts wäre an dem Brief außer seinem plötzlichen Auftauchen verdächtig gewesen, wenn die 84jährige aristokratische Jungfer nicht eben auch Adoptivmutter des Antiquitätenhändlers Sorri gewesen wäre.
Argwohn weckte im übrigen die Tatsache, daß der 82jährig verstorbene Uberto Sacrati Strozzi selten einmal Gefallen am weiblichen Geschlecht gefunden hatte. Der Marchese hegte Zuneigung eher zu Männern. Wie in einer Akte des florentinischen Gerichtsarchivs nachzulesen ist, wurde der Edelmann an einem heißen Julitag anno 1942 in Florenz sogar verhaftet, "weil er das Glied des Soldaten Puzzo Salvatore berührt" habe.
Auch die glückliche Erbin, die Marchesa Antonietta Pancrazi, bestätigte inzwischen, daß sie den Verstorbenen nur viermal zum Mittagessen getroffen habe: als ledige Katechismus-Lehrerin habe sie schließlich auf ihren guten Ruf achten müssen.
Ein graphologisches Gutachten stellt fest, daß die zittrige Handschrift des Marchese Sacrati Strozzi in "grober Weise gefälscht wurde" (Ermittlungsrichter). Ein mehrstündiges Verhör des Händlers Sorri gipfelte im Verdacht, daß er selbst der Fälscher sei.
Der Beschuldigte versucht jetzt mit mehreren Gegengutachten die "Echtheit" des Testaments zu beweisen. Damit hat der Gutachterkrieg in der Erbaffäre Strozzi begonnen. Der Palazzo Strozzi wurde versiegelt, die märchenhafte Erbschaft bleibt zunächst, wem immer sie zufallen mag, gesperrt.

DER SPIEGEL 14/1984
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