07.05.1984

SCHWEIZProtest im Heidi-Land

In den Alpen-Kantonen, vorab in Graubünden, wächst der Widerstand gegen eine weitere Entwicklung der Tourismus-Industrie. *
Für Hans Danuser, Lehrer in Arosa, ist "das Maß nun voll". Zusammen mit über 500 anderen Einwohnern des berühmten Kurorts unterschrieb er im April ein Volksbegehren, um bei der Bewilligung neuer Bergbahnen mitreden zu können.
Bisher war der Gemeinderat, die kommunale Exekutive, allein für die touristische
Erschließung der Aroser Gebirgswelt mit Sesselbahnen und Skiliften zuständig.
Nachdem im letzten Jahr zwei Sesselbahnen erneuert wurden und ein Projekt schon im behördlichen Bewilligungsapparat steckt, möchten Lehrer Danuser und seine Freunde weitere Bahnen verhindern.
"Die Bautätigkeit für den Winter-Tourismus", schrieben die Bürger in einem Flugblatt, "hat in den vergangenen Jahren ein solches Ausmaß erreicht, daß es vielen unter uns langsam unheimlich wird."
Unheimlich ist es nicht nur in Arosa den Einwohnern des Touristen-Kantons Graubünden: Seit klar ist, daß in der angeblich so gesunden Bergluft dieser "Ferienecke der Schweiz" (Werbespruch) ein Viertel der Bäume stirbt, wächst der Widerstand gegen das weitere Wachstum der Tourismus-Industrie - obwohl jeder zweite Bündner direkt vom Gast-Gewerbe lebt.
Noch vor zehn Jahren hatten im Norden des Kantons, im Gebiet der Gemeinden Flims und Laax, die Naturschützer vergebens gekämpft - ein verlorener Haufen von Idealisten. Innerhalb weniger Jahre planierte dort der einheimische Metzgerei-Unternehmer Walter Gurtner (Spitzname: "Idi Alpin") ein als "weiße Arena" bekanntes Skipistennetz und überzog die Hänge mit Seilbahnen und Skiliften.
Sein ungezügeltes Unternehmertum trug ihm schon zu Lebzeiten an der Talstation seiner Luftseilbahn ein Denkmal ein, und als er vor einem Jahr, erst 52, starb, lobten die Leid-Artikler der Lokalpresse unisono seinen unternehmerischen Wagemut, dem immerhin 300 Arbeitsplätze zu verdanken seien.
Über die Kehrseiten der Zielstrebigkeit - Bodenspekulation und unermeßliche Landschaftsschäden - fiel kein Wort.
Mittlerweile merken auch kleine Gemeinden, die teilweise noch über beträchtliche Landreserven verfügen, daß die Wachstumspolitik ihnen mehr Nachteile als Vorteile beschert: Der Bau von Zweitwohnungs-Bunkern und Hotel-Kästen, die heute Laax und Flims verschandeln, belastet die meist bescheidene Infrastruktur der kleinen Dörfer. Ergiebige Brunnen versiegen, plötzlich werden große Kläranlagen nötig - für die kurzen Saisonspitzen im Dezember, Februar und Juli. Und das Verschwinden unrentabler Landwirtschaftsbetriebe läßt ganze Landstriche verwildern.
Aufgrund solcher Erfahrungen änderte vor kurzem die Engadiner Gemeinde Bever ihr Baugesetz. Und in dem noch weitgehend intakten Paßdorf Splügen im Hinterrheintal wehren sich die Einheimischen gegen den Bau einer neuen Seilbahn. Fast die Hälfte der Stimmberechtigten verlangte Mitte März in einer Petition Mitsprache bei der weiteren touristischen Erschließung des Gebiets.
Davos, wo einst Legionen von Lungenkranken Heilung suchten, leidet gelassen unter gelegentlichem Smog. Doch der zur perfekt funktionierenden Kongreßstadt verkommene Luftkurort opfert seinem Wachstum bewußt seine Sommerfrische-Klientel.
Im Nachbardorf Klosters hingegen setzte eine Bürgergruppe erfolgreich einen besseren Schutz der Landschaft und ein Verbot von Bauwerken durch, die das Ortsbild beeinträchtigen würden.
Vor allem die junge Generation erkennt die Schattenseiten des Fremdenverkehrs. An einem "Tag der Alpenländer" im Februar in München erläuterten Jugendliche einem Kreis von Politikern ihre Erfahrungen: Viele Kinder in Touristen-Zentren müssen zum Saisonbeginn ihre Zimmer für die Fremden räumen, sie sind gezwungen, die Sprache der Gäste zu sprechen und erleben monatelang den Streß der Eltern mit, ihr ganzes Leben ist in der Saison auf die Bedürfnisse der Fremden ausgerichtet - nicht einmal Lärm dürfen sie machen. Denn die Gäste brauchen Ruhe, suchen Erholung.
Auch ein vom Schweizer Hotelier-Verein organisierter Zeichenwettbewerb illustriert die neu entdeckte Kehrseite des Tourismusbooms: Die Bilder, von 12- bis 16jährigen gemalt, zeigen Hotelburgen und Müllkippen; der Kanton Tessin - als "Sonnenstube der Schweiz" gepriesen - erscheint als riesiger Trichter, durch den sich der Transitverkehr zwängt.
Erleuchtet von dem jugendlichen Protest, wollen sich die Hoteliers nun ernsthaft für eine "umweltfreundliche und landschaftsschonende Tourismus-Politik" einsetzen. Was das heißt, machten die Fremden-Industriellen von St. Moritz vor: Um die Verstädterung der flächenmäßig kleinsten, aber am dichtesten besiedelten Gemeinde des Oberengadins zu stoppen, ließen sie ein neues Baugesetz ausarbeiten.
Im "Heidi-Land" - wie die Gegend Japanern und Amerikanern verkauft wird, seit in der Nähe eine schnulzige "Heidi"-Serie gedreht wurde - drängen in den Saisonspitzen zu den 6000 Einwohnern 3000 Arbeitskräfte und 12 000 Gäste.
Der Preis dieser Touristenballung ist eine längst nicht mehr übersehbare Landschaftszerstörung, die vor allem an den plattgewalzten und schnell verödenden Abfahrtspisten sichtbar ist.
Schon 1980 hatten die Bündner Bürger eine Olympia-Kandidatur ihrer berühmten Kurorte St. Moritz und Davos abgeschmettert; die St. Moritzer mochten nicht einmal ihre altehrwürdige Corviglia-Bahn erneuern lassen; Anfang April sagten sie jetzt auch ja zum neuen Baugesetz, das - vielen allerdings zu wenig rigoros - Remedur schaffen will.
Der St. Moritzer Architekt Robert Obrist kritisierte in der "Weltwoche", die neuen Bestimmungen seien "problemverschleiernd" - unter anderem, weil sie Platz für weitere Hotelbauten ließen und nichts über den Schutz des Waldes sagten.
Denn ihren Wald brauchen die Bündner nicht nur fürs Tourismus-Geschäft. Wenn die Bäume sterben, vergiftet von Abgasen aus Autos und Ölheizungen, werden viele Alpentäler unbewohnbar: Lawinen und Bergstürze bedrohen die Siedlungen. Den Angelpunkt einer neuen
Tourismuspolitik für die Berggebiete sieht Hans Weiss, Geschäftsführer der "Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz und Landschaftspflege", in einem mehrjährigen Bewilligungsstopp für neue Bergbahnanlagen.
Trotz verschärfter Bestimmungen wurde nämlich zwischen 1979 und 1982 der Bau von 43 neuen Luftseilbahnen erlaubt - ein Drittel mehr als in den vier Jahren zuvor. In den letzten zehn Jahren konzessionierten die Berner Verkehrsbürokraten 300 neue Skilifte. Jedes Jahr erhöht sich die stündliche Beförderungskapazität der Bergbahnen um 50 000 Personen.
Wenn das so weitergeht, kalkuliert Weiss, "wäre im Jahr 2010 mit 430 zusätzlichen Luftseilbahnen und 900 neuen Skiliften zu rechnen; die Zahl der Fahrgäste stiege von derzeit 300 Millionen jährlich auf 800 Millionen".
Eine solche Entwicklung, rechnet Landpfleger Weiss vor, ist nicht nur ökologisch gefährlich, sondern auch volkswirtschaftlich absurd: Die Schweiz könnte einen solchen Zustrom von Touristen gar nicht aufnehmen.
Trotzdem erteilt das Bundesamt für Verkehr in hochentwickelten Skisportorten mit dem Hinweis auf die große Zahl von Fremdenbetten und angeblich unzumutbare Wartezeiten immer noch neue Bahnkonzessionen. In noch nicht erschlossenen Regionen wird die Bewilligung umgekehrt mit dem Entwicklungsrückstand begründet.
Um die Bettenkapazitäten des Walliser Kurorts Grächen voll nutzbar zu machen, setzte die Schweizer Regierung nach jahrelangem Rechtsstreit jetzt sogar einschlägige Bestimmungen außer Kraft: In einem Gebiet, das nur wenig zum Skifahren geeignet ist, bewilligten die Landesväter mit dem Bau einer neuen Luftseilbahn auch die - eigentlich verbotene - großflächige Planierung von 15 Hektar Bergwiesen sowie die Sprengung von Felsblöcken, um das Gelände skigängig zu machen.
Solche Taten haben im Kanton Graubünden die Fremdenverkehrsbremser erst richtig motiviert: Sie sehen, in der eigenen Umgebung, daß die offizielle Politik kurzfristig einigen Tourismus-Industriellen schnelle Gewinne verschafft, auf lange Sicht aber die Landschaft - die wichigste Ressource des Gastgebers - zerstört.
Kenner der Reisebranche unterstützen die Wachstumsgegner. Professor Jost Krippendorf, Direktor des Forschungsinstituts für Fremdenverkehr der Universität Bern, verlangt schon gemeinsame Initiativen von Landwirtschaft und Fremdenverkehr: "Der Gast bleibt", faßt er zusammen, "wenn auch die Kuh bleibt."
Die ersten Gäste suchen die Kühe bereits anderswo, wie Weiss festgestellt hat. Clevere Reiseunternehmer, warnt er, werben schon für "von Bahnen und Liften unberührte, herrliche Skitourengebiete" - auf Kreta und in Marokko.

DER SPIEGEL 19/1984
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