05.03.1984

SCHWEDENNächtlicher Spuk

Sind ausländische U-Boote und Froschmänner in den Militärsperrbezirk Karlskrona eingedrungen? Schwedens Marine suchte schon wieder drei Wochen lang vergebens. *
Zuerst nahmen die Soldaten eines Wachtpostens auf der Schäre Almö "mysteriöse Bewegungen" im nachtdunklen Ostseewasser wahr. Dann erhob sich etwas am Strand des militärischen Sperrgebiets, was sie als eine "Person" identifizierten, und verschwand im Laufschritt zwischen meterhohen Wacholderbüschen.
Mit Leuchtraketen schlugen die Soldaten Alarm, bevor sie die Verfolgung aufnahmen. Die jedoch blieb ebenso erfolglos wie die stundenlange Suche mit Spürhunden und Hubschraubern, die den Inselstrand mit Scheinwerfern abtasteten.
Oberstleutnant Jan-Ake Berg, Pressesprecher im Stockholmer Verteidigungsstab, hält den nächtlichen Spuk gleichwohl für "glaubwürdige Beobachtungen": "Analysen deuten darauf hin, daß eine Person östlich von Almö aus dem Wasser gestiegen, über die Insel gelaufen und westlich im Meer verschwunden" sei.
Der Vorfall auf Almö in der Nacht des vergangenen Mittwoch war einer der komischen Höhepunkte einer schon über drei Wochen andauernden Jagd: Wieder einmal suchten Schwedens Flotte und Küstenschutz, unterstützt von Armee und Luftwaffe, nach einem Unterwasser-Eindringling in dem militärischen Sperrbezirk vor dem Marinestützpunkt Karlskrona in Südschweden. Im Oktober 1981 war ein Sowjet-U-Boot der "Whisky"-Klasse im schwedischen Hoheitsbereich aufgelaufen.
Auch diesmal wuchern die Gerüchte: Bei der Marine liefen bis zum vergangenen Freitag, so Sprecher Berg, 50 "heiße" Tips und "mehr als zehn klare und eindeutige Bestätigungen" dafür ein, "daß innerhalb der Inselbarriere vor Karlskrona fremde Unterwassertätigkeit vorkommt".
Doch welcher Art diese Aktivitäten sind, darüber können Schwedens Militärs und Medien bislang nur spekulieren: Ein Kleinst-U-Boot soll sich herumtreiben oder mehrere, eines bemannt, ein anderes ferngesteuert, mal vom Leitstand eines submarinen Mutterschiffs aus, mal von einem vorprogrammierten Bordcomputer. Auch auf ganz Kleines wurde getippt: elektronisch gesteuerte Torpedos und sogar "eine Art von Unterwassermoped", auf dem Froschmänner ihren Tauchspuk trieben.
Der Ambulanzfahrer Jan Nordström etwa wollte beobachtet haben, wie "ein dunkler, spulenförmiger, U-Boot-ähnlicher Gegenstand, acht bis zwölf Meter lang, ohne Turm, aber mit einem Schwanz wie ein Walfisch" durch das Eis brach, um nach einer Viertelstunde wieder zu verschwinden.
Zwar erklärte ein Militärsprecher, die Marine habe nie behauptet, "absolut sichere Beweise zu haben". Doch Schwedens U-Boot-Jäger veranstalteten eine Hatz, als wüßten sie genau, wer der Eindringling ist: Wiederholt zündeten sie ausgelegte Minen und warfen Dutzende von Wasserbomben. Fregattenkapitän Gunnar Rasmusson versicherte: "Wir setzen keine Wasserbomben ein, wenn wir uns nicht sicher sind."
Mitte vergangener Woche wühlten Dutzende von Marinesoldaten das seichte Schärenwasser mit Handgranaten und Maschinenpistolensalven auf, angeblich,
um fremde Froschmänner abzuschrecken, die einen Fluchtversuch der vermuteten Eindringlinge vorbereiten könnten, etwa durch Zerschneiden der an allen Brücken aufgehängten U-Boot-Fangnetze.
Denn trotz offenbarer Unsicherheit, was sich da unter dem Wasser herumtreibe, hatte die Marine das Becken zwischen dem Städtchen und Marinestützpunkt Karlskrona und den von Westen nach Osten vorgelagerten Schären mit U-Boot-Netzen, mindestens zwei eigenen U-Booten und einer Armada von Schnellbooten und Minenräumfahrzeugen nach eigener Meinung hermetisch abgesperrt: "Nichts soll da rein- oder rausrutschen können."
Reichlich spät erst, nach zwei Wochen ergebnisloser Jagd, setzte die Marine schließlich ihre "Sjöuggla" (See-Eule) ein, eine kabelgesteuerte bewegliche Fernsehkamera, einem Kleinst-U-Boot ähnlich.
Die von der Marine im Schärenbecken gestellte "Falle" sei freilich alles, nur kein "Eisenring", verrieten Militärs der Zeitung "Expressen". Mit der See-Eule wollen sie sich lediglich, und sei es im nachhinein, "Beweise für eine Unterwasser-Aktivität beschaffen".
Im vergangenen Jahr will die Marine rund 20 Verletzungen schwedischer Hoheitsgewässer und Militärsperrbereiche durch fremde U-Boote festgestellt haben. Den Beweis allerdings blieb sie meist schuldig. Und sollte diese Großjagd nun wieder ohne Resultat abgeblasen werden, dürfte die Blamage perfekt sein. Oberstleutnant Berg: "Wir können nicht einfach einpacken und nach Hause fahren."
Die Regierung in Stockholm ging vor mehr als einer Woche bereits selbst auf Tauchstation. Der Verteidigungsminister Anders Thunborg versicherte zwar, er vertraue voll dem Urteil der Marine, lehnte aber jeden weiteren Kommentar ab. Ministerpräsident Olof Palme erklärte, er beurteile die Lage als "nicht besonders ernst".
Das baldige Ende der Jagd von Karlskrona sagte ein hoher schwedischer Offizier, der nicht genannt werden will, bereits voraus: "Es wird wie immer sein. Erst kommen ein paar Anzeichen für fremde Unterwassertätigkeit, dann gipfelt diese in einem taktischen Verwirrspiel kurz vor einem Ausbruchversuch. Und dann ist alles wieder ruhig und vorbei."
Der britische Vizeadmiral a. D. Ian McGeoch brachte das skandinavische Jagdfieber nach fremden U-Booten auf eine gängige Kurzformel: Die Schwedische Marine leide unter einem Anfall von "Periskop-Paranoia".
[Grafiktext]
PHANTOM IN DER FALLE? Die Jagd der schwedischen Marine auf ein fremdes U-Boot oder Unterwasser-Objekt vor Karlskrona Marinestützpunkt KARLSKRONA Almö Tromto Suchgebiet Verkön Hasslö Aspö Tjurkö Sturkö Senoren Grenze des militärischen Sperrgebiets Absperrungen durch U-Boot-Netze oder Minengürtel Brücken 5 km NOR-WEGEN SCHWEDEN Kartenausschnitt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 10/1984
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