05.03.1984

KANADADie Macht riechen

Der Rücktritt Trudeaus könnte Kanada noch in diesem Jahr Neuwahlen und einen Machtwechsel bescheren. *
Das vergangene Jahr war nicht gut für Pierre Elliott Trudeau:
Hinterbänkler seiner eigenen Liberalen Partei forderten den Sturz des kanadischen Regierungschefs. Ein Mitglied seines Beraterstabes gab kanadischen Journalisten - vorsichtshalber anonym - zum Erstaunen des Premierministers bereits ein Demissionsdatum bekannt. Trudeau zur Presse: "Nennen Sie mir seinen Namen, und ich kommentiere seinen Rücktritt."
Dann aber ließ der passionierte Schwimmer Trudeau sein eigenes Haus mit einem Swimming-pool ausstatten. Das war ein Signal - offensichtlich plante er, auf sein Amts-Bad (tägliche Schwimmstrecke 44 Längen) zu verzichten. Mitte letzter Woche wurde es offiziell: Trudeau will die Führung der Partei und damit auch sein Amt als Premier im Sommer aufgeben.
In 15jähriger Regierungszeit hatte der pressebewußte, erfahrene Premier vor allem eines erreicht: Den Versuch des separatistischen Regierungschefs der frankophonen Provinz Quebec, Rene Levesque, einen eigenen Staat zu gründen, konnte er abschmettern.
Doch in Trudeaus Amtszeit fiel auch die schlimmste Rezession seit den 30er Jahren. Erst im vergangenen Jahr konnte die Inflation von 12 auf 6 Prozent halbiert werden. Doch die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 11, für Jugendliche sogar bei 20 Prozent.
Trudeaus Liberale verloren Anhänger im gesamten Westen des Landes und erreichten im Spätsommer vergangenen Jahres ein Stimmentief: Nur noch 27 Prozent der Kanadier sprachen sich für die Partei ihres Premiers aus, 55 Prozent dagegen für die Konservativen.
Keine allzu rosigen Aussichten also für Trudeaus Nachfolger: Als eine der ersten Amtshandlungen dürfte er Neuwahlen ausrufen - sie könnten im Herbst den kanadischen Machtwechsel bringen. Als aussichtsreicher Bewerber gilt bereits seit Jahren Trudeaus einflußreichster Gegner in der Partei, der 54jährige Rechtsanwalt John Turner.
1975 hatte er sein Amt als Finanzminister aufgegeben. In den vergangenen Monaten legte sich Turner einen Wahlkampfstab zu und begann, Wahlkampfgelder zu sammeln.
Sein Plus: Er ist zweisprachig, wichtig für einen Erfolg bei den Liberalen in der
Provinz Quebec, der mittlerweile einzigen Parteihochburg. Er hat aber auch gute Beziehungen zur reichen Geschäftswelt des kanadischen Westens, wo die Partei keinen Provinzpremier mehr stellt. Die Reaktion der Börsen auf Trudeaus Rücktrittsankündigung war denn auch deutlich: In Toronto schnellte der Aktienindex um 13 Punkte in die Höhe.
Daß die Wahlchancen für die Liberalen nicht mehr ganz so übel sind, dafür hatte in den vergangenen Monaten der scheidende Trudeau selber noch gesorgt. Denn als sein eigenwilliger Plan für nukleare Abrüstung im Washingtoner Außenministerium mehr oder minder öffentlich als das "Hasch-beeinflußte Verhalten eines wirren Linken" abgetan wurde, wußte Trudeau wieder Zustimmung und nationale Gefühle auf Kosten des nicht sonderlich beliebten amerikanischen Nachbarn zu wecken.
Seinen Landsleuten empfahl er stärkeres Selbstbewußtsein: "Immer wenn irgendein Schwachkopf im Pentagon unseren Friedensplan angreift, schreibt unsere Presse gleich 'Oh, sie mögen das nicht'."
Die oppositionelle Progressive Konservative Partei ist auf den Wahlgang gut vorbereitet. Sie hat sich Mitte vergangenen Jahres ihres glücklosen Führers Joe Clark - er war in den Jahren 1979/80 neun Monate lang Chef eines konservativen Minderheiten-Kabinetts - entledigt und wird nun von dem 44jährigen Geschäftsmann Brian Mulroney geführt.
Der will das Land dem herrschenden Trend des Nachbarn USA anpassen: Höheres Militärbudget bei verringerten Regierungsausgaben und mehr Freiheit für die Wirtschaft. Walter Baker, Ex-Vizepremier der Konservativen: "Wir können die Macht schon riechen."

DER SPIEGEL 10/1984
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DER SPIEGEL 10/1984
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KANADA:
Die Macht riechen