05.03.1984

SPIEGEL Gespräch„Die Kräfte der Finsternis werden vernichtet“

Pastor Jerry Falwell, der religiöse Führer der amerikanischen Rechten, über die Präsidentschaftswahl 1984 *
SPIEGEL: Mr. Falwell, Sie sind eine Art moralischer Schiedsrichter Amerikas, ein religiöser Superstar. 25 Millionen Menschen sehen Ihre "Old Time Gospel Hour", eine der erfolgreichsten geistlichen Sendungen in der Geschichte des US-Fernsehens. Sie haben 1980 die republikanische Wahlkampf-Plattform mitverfaßt. Der Präsident empfängt Sie, Senatoren laden Sie zu Tisch, liberale Politiker fürchten Sie. Sind Sie eigentlich Priester oder Politiker?
FALWELL: Ich bin Pastor, ganz und gar. Ich predige das Evangelium Christi. Ich bin nichts weiter als das, ich will nichts anderes sein. Ich sage in moralischen und sozialen Fragen ganz klar meine Meinung. Mir geht es darum, den Trend zur Verweltlichung rückgängig zu machen, der sich in dieser Nation entwickelt hat.
SPIEGEL: Können Sie gegen Verweltlichung sein, die doch wohl die wichtigste geistige Entwicklung seit dem Ende des Mittelalters ist?
FALWELL: Wir sind eine Nation, die sich zu Gott bekennt. Wir sind keine Theokratie, wir sollten es niemals sein. Ich schätze unsere republikanische Regierungsform. Aber ich glaube, daß unser Land in den 60er und 70er Jahren seine religiösen Werte zu verleugnen begonnen hat.
SPIEGEL: Sie glauben doch nicht wirklich, daß Sie den Prozeß der Verweltlichung umkehren können.
FALWELL: Ich glaube, daß es möglich ist. Zum Beispiel: Präsident Reagan kämpft derzeit für eine Verfassungsänderung, die das freiwillige Schulgebet in unsere staatlichen Schulen wieder einführen soll. Wir glauben, daß unsere Nation auf der christlich-jüdischen Tradition begründet ist, vor allem auf den Prinzipien des Alten und des Neuen Testaments der Bibel. Gewiß waren die Gründungsväter der USA nicht unbedingt alle gläubige Menschen. Doch Gott hat die ersten 200 Jahre dieser Nation gesegnet, weil sie sich den moralischen und traditionellen Werten verpflichtet fühlte und sie hier so einzigartig praktiziert hat.
SPIEGEL: Für die Präsidentschaftswahl 1984 haben Sie sich schon einen Kandidaten auserkoren, der Ihre Überzeugungen teilt: Ronald Reagan. Werden Sie und Ihre politische Organisation, die Moralische Mehrheit, 1984 für Reagan ebenso energisch kämpfen wie vor vier Jahren, als Sie ihm zum Einzug ins Weiße Haus verhalfen?
FALWELL: Die meisten der 6,5 Millionen Mitglieder der Moralischen Mehrheit werden in aggressiver Form für die Wiederwahl Ronald Reagans eintreten.
SPIEGEL: Was meinen Sie mit "aggressiv"?
FALWELL: Ich führe gegenwärtig eine landesweite Kampagne für die Eintragung in die Wählerlisten. Bis zum Oktober haben wir wahrscheinlich zweieinhalb Millionen neuer Wähler dazu gebracht, sich eintragen zu lassen. Wir werben dafür in Kirchen und Synagogen, überall im Land ...
SPIEGEL: ... in konservativen Kirchen ...
FALWELL: ... ja, in konservativen Kirchen und Synagogen, die mit unseren Ansichten übereinstimmen. Die meisten dieser neuen Wähler werden Reagan wählen. Wir werben aber auch außerhalb der Kirchen öffentlich für Ronald Reagan. Wir gehen in die Medien, geben Interviews - Tausende von uns -, um das amerikanische Volk zur Unterstützung Reagans zu bewegen.
SPIEGEL: In einem Ihrer Spendenappelle sagen Sie: "In den letzten Monaten hat Gott mich aufgerufen, mehr zu tun als nur zu predigen. Er hat mich aufgerufen zu handeln. Ich habe einen göttlichen Auftrag, mich bis in die Hallen des Kongresses zu begeben, um für jene Gesetze zu kämpfen, die Amerika retten werden." Weshalb glauben Sie, diesen Auftrag zu haben, wo doch Amerika schon von einem Präsidenten regiert wird, der denselben christlichen Glauben hat wie Sie? Warum halten Sie es für nötig, gegen Politiker zu kämpfen, die Ihre Meinung nicht teilen?
FALWELL: Ich habe kein Interesse daran, Politiker zu bekämpfen. Als Bürger wie als Gläubiger habe ich Interesse daran, großes Interesse, eine Wende in Gesetzgebung und Rechtsprechung dieses Landes herbeizuführen, die den USA ihre moralische Gesundheit wiedergibt.
SPIEGEL: Ihre Gegner klagen Sie aber an, damit den Grundsatz der Trennung zwischen Staat und Kirche zu verletzen.
FALWELL: Die Trennung von Staat und Kirche praktizieren wir seit 200 Jahren, sie ist für unser Land gut und angemessen. Deshalb sprechen wir auch nicht im Namen unserer Kirchen, wenn wir im Kongreß aktiv sind, wenn wir Briefe an unsere Abgeordneten schreiben, wenn wir andere auffordern, im Wahlkampf mitzumachen.
SPIEGEL: In seinem jüngsten Bericht zur Lage der Nation hat sich Ihr Präsident fünfmal auf Gott berufen. Als er kürzlich zu 4000 Fernseh- und Rundfunkgeistlichen sprach, hat er sich gar 24mal auf Gott berufen. Läßt sich aus dem Interesse des Präsidenten an Gott und der Bibel schon zu Beginn des Wahlkampfes schließen, daß die Religion ein großes Wahlkampfthema sein wird, so wichtig wie Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizit und Hochzins?
FALWELL: Die Religion wird in diesem Wahlkampf kein Thema sein, wohl aber die Moral. Die Wiedereinführung des freiwilligen Schulgebets etwa wird, ein Thema sein, die Abtreibung ebenfalls. Der Präsident befaßt sich mit der Moral. Er hat das Thema Abtreibung oft angesprochen, in der letzten Zeit besonders häufig. Er hat die Pornographie als Krankheit bezeichnet, als den Krebs unserer Gesellschaft.
SPIEGEL: Offensichtlich in Übereinstimmung mit dem Präsidenten verkünden Sie, die Bibel beweise, daß Gott gegen Promiskuität sei, gegen Abtreibung, Homosexualität und Sozialfürsorge, gegen Permissivität und Liberalismus. Sie bezeichnen den Kampf gegen diese Übel als "Fahrplan für die achtziger Jahre". Aber das Amerika, das Sie und der Präsident da ansteuern, wäre ein Land der begrenzten Freiheiten.
FALWELL: Nein, ich möchte die Freiheit behalten, die wir jetzt haben. Deshalb versuchen wir, die traditionelle heterosexuelle und monogame Familie zu stärken, die nach unserer Ansicht mit der gesetzlichen Heirat von Mann und Frau beginnt. Wir haben nichts gegen Homosexuelle, aber wir halten Homosexualität für eine moralische Perversion, genauso wie wir heterosexuelle Promiskuität für pervers und anomal halten.
SPIEGEL: Wie können Sie das sagen? Sie können doch Millionen Amerikanern nicht das Recht absprechen, in einer Weise zu leben, die sie für angemessen halten.
FALWELL: Wir möchten keiner Gruppe des amerikanischen Volkes die Bürgerrechte absprechen, weder Homosexuellen noch Heterosexuellen. Aber wir wünschen auch nicht, daß sich Promiskuität, sei sie homosexuell oder heterosexuell, als akzeptierter alternativer Lebensstil etabliert.
SPIEGEL: Was heißt das? Sollen Homosexuelle bestraft werden?
FALWELL: Oh, ich will den Homosexuellen nichts tun. Ich wünsche, daß sie leben und arbeiten, wie es ihnen gefällt.
SPIEGEL: Auch als Lehrer an staatlichen Schulen?
FALWELL: Es bringt mir schweren Ärger mit meinen eigenen Brüdern und Schwestern in Christus, wenn ich sage: Ich bin nicht gegen einen homosexuellen oder einen promiskuitiv heterosexuellen Lehrer an einer staatlichen Schule, solange er den Jugendlichen seine Auffassung nicht als akzeptablen Lebenswandel hinstellt oder sie sexuell verführt.
SPIEGEL: Also kein Gefängnis für die kleinen Sexualsünder?
FALWELL: Es geht mir nicht darum, Menschen ins Gefängnis zu bringen. Es geht mir auch nicht darum, Männer ins Gefängnis zu bringen, die ihre Frauen betrügen. Aber ich möchte gern, daß sich das Land gegen diese Art von Lebenswandel wehrt, wie es das 200 Jahre lang getan hat. Es ist nicht normal und nicht gesund, es entspricht nicht der jüdisch-christlichen Ethik.
SPIEGEL: Wenn Sie sagen, Gott habe Adam und Eva erschaffen, "aber nicht Adam und Steve", erklären Sie doch die Homosexuellen zu Ausgestoßenen der Gesellschaft.
FALWELL: Wenn Geistliche, die das Evangelium verkünden, nicht gegen die Sünde predigen, vergehen sie sich an
ihrem Volk. Wie Jesus Christus können wir gegen die Sünde sein, aber nicht gegen die Sünder. Jesus saß mit den Sündern zu Tisch, aber er verdammte ihre Sünde. Ich glaube, daß Promiskuität, ob heterosexuell oder homosexuell, Unrecht ist. Ich tue unrecht, wenn ich als Priester nicht dagegen predige.
SPIEGEL: Aber in der Bibel steht doch auch, daß man einen Sünder lieben und ihm vergeben, daß man ihm helfen soll.
FALWELL: Ein Arzt, der einem Krebskranken nicht sagt, daß er Krebs hat, hilft diesem Patienten nicht. Ein Geistlicher, der den Sündern nicht sagt, daß ihre Sünde Unrecht ist, hilft seinen Gläubigen nicht. Wir müssen ehrlich bleiben. Aber wir müssen, gemäß den Worten des Apostels Paulus, die Wahrheit in Liebe sagen.
SPIEGEL: Sprechen Sie denn in Liebe, wenn Sie Abtreibung als Mord verdammen?
FALWELL: Wir glauben, Abtreibung ist Vernichtung menschlichen Lebens. Die meisten Amerikaner glauben, daß das Leben vor der Geburt beginnt, obschon sie nicht übereinstimmen, wann vor der Geburt. Deshalb sollten wir das werdende Leben schützen, statt es zu zerstören. 1,5 Millionen jährliche Abtreibungen in diesem Land sind ein unannehmbarer biologischer Holocaust für uns.
SPIEGEL: Das ist eine Übertreibung, über die sich lange diskutieren ließe, ohne daß wir einig würden. Ist denn alles so einfach, wie Ronald Reagan es sieht, wenn er sagt: "Zwischen den Einbanddeckeln dieses einen Buches (der Bibel) liegen die Antworten auf alle Fragen, mit denen wir heute konfrontiert sind?" Die komplexen Fragen unserer Zeit können doch nicht gelöst werden, indem wir einfach den Lehren der Bibel folgen.
FALWELL: Vor 3000 Jahren sagte Salomo, der weiseste Mensch aller Zeiten, in Sprichwörter 14,34 sinngemäß: Nach Gottes Grundsätzen zu leben, führt eine Nation zu Größe, aber Gottes Grundsätze zu verletzen, bringt einer Nation Schande. Ich glaube also, daß eine Nation, die sich zu den Grundsätzen der Bibel bekennt, von Gott gesegnet wird. Ich glaube, daß moralischer Anstand und die traditionelle Ethik der monogamen Familie notwendige Wesenszüge einer Gesellschaft sind, die von Gott gesegnet sein will.
SPIEGEL: Ronald Reagan hat sich in seinem Bericht zur Lage der Nation ähnlich ausgedrückt, als er sagte: "Amerika wurde von Menschen gegründet, die glaubten, daß Gott der Fels ihrer Sicherheit sei. Er ist unser." Hat Amerika eine besondere Beziehung zu Gott?
FALWELL: Ich glaube nicht, daß Amerika eine besondere Beziehung zu Gott hat. Ich glaube nicht, daß über Amerika etwas in der Bibel steht. Niemals würde ich das Kreuz Christi mit einer amerikanischen Flagge drapieren. Amerika ist für Gott nur insofern wichtig, als es für die Prioritäten und Grundsätze eintritt, die Gott wichtig sind. Das trifft auch auf jede andere Nation zu.
SPIEGEL: Wie erklären Sie denn, daß offensichtlich so viele Amerikaner ihren "Fels der Sicherheit" verlassen haben? Wer war dafür verantwortlich? Der Katholik Kennedy? Der gläubige Jimmy Carter? Haben diese Präsidenten sich an Amerika vergangen?
FALWELL: Nicht die Politiker, weder Demokraten noch Republikaner, haben versagt, sie haben Amerikas Probleme nicht geschaffen. Diese Probleme wurden durch die schweigenden Geistlichen in Amerikas Kirchen geschaffen. Wir haben durch unsere eigene Schuld versagt. Die Pastoren in unseren Kirchen waren zu sehr darauf aus, populär zu sein, als treu zu Gott zu stehen.
SPIEGEL: Wenn sogar schon die Pastoren sündig geworden sind, muß es um Amerika ja wirklich schlecht stehen.
FALWELL: Wenn die 400 000 amerikanischen Pastoren, Priester und Rabbis die biblischen und moralischen Themen ansprechen würden, denen sich dieses Land gegenüber sieht, wenn sie es ehrlich und oft täten, käme das Land aus dem Schlimmsten heraus, davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: Nehmen Sie mal die christlichen Nationen Europas: Die Prostitution ist allgemein akzeptiert. Sogar in Italien haben die Katholiken für die Abtreibung gestimmt. In Frankreich und England wird Homosexualität nicht als Perversion betrachtet. Sind diese Nationen Ihrer Meinung nach auf dem Weg zur moralischen Selbstzerstörung?
FALWELL: Diese europäischen Nationen, christliche Nationen, haben denselben Fehler begangen, die Amerikaner jetzt zu machen scheinen: Sie stehen der Religion formalistisch gegenüber und suchen keine persönliche Beziehung zur Person Christi. Für mich ist Amerika eine Nation, die in den 39 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg ihr religiöses Erbe praktisch vergessen hat. Dennoch steht Amerika an der Schwelle eines großen spirituellen Erwachens.
SPIEGEL: Wenn Sie sich in Amerika aber umsehen, stellen Sie fest: In San Francisco können Politiker nur noch gewählt werden, wenn sie Verständnis für Homosexuelle zeigen. Nur einige Blocks vom Weißen Haus entfernt gedeihen die Pornographie-Läden. Wie glauben Sie, diese Flut aufhalten zu können, wenn Sie nicht die Polizei einsetzen wollen?
FALWELL: Amerika kann keine Hoffnung schöpfen, indem es in die Schlafzimmer vordringt und das persönliche moralische Verhalten der einzelnen überwacht. Amerika muß zwar die Sünde sehen und sie auch so nennen. Wir haben unsere Gebiete der Sünde, etwa San Francisco. Wir haben aber auch Gebiete der Gnade und der geistlichen Erneuerung in diesem Land. Eine solche Welle göttlicher Macht und geistlichen Erwachens wie derzeit haben wir seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht erlebt.
SPIEGEL: Über so viel religiöse Wiederbelebung sind Sie dann ja wohl entzückt. Woher kommt sie?
FALWELL: Sie kommt von den bibelbewußten Kirchen, die das Evangelium Christi offen und unbefangen predigen. Sie kommt von den christlichen Schulen. Es gibt heute 34 000 christliche Schulen in Amerika, an denen man glaubt, daß die Bibel das Wort Gottes ist. Sie kommt durch die Geistlichen in den Medien: 82 Prozent aller religiösen Fernseh- und Rundfunksendungen in Amerika sind ihrer Natur nach fundamentalistisch und biblisch. Demoskopen haben kürzlich ermittelt, daß die jungen Menschen in ihrer Moral heute konservativer sind als ihre Eltern und zu den Werten ihrer Großeltern zurückkehren.
SPIEGEL: Auf einigen Gebieten predigen die Fundamentalisten besonders radikale Methoden. Sie zum Beispiel verlangen Kontrolle und nötigenfalls auch Zensur des Fernsehens. Ihre Anhänger möchten darüber befinden, welche Bücher die Kinder lesen dürfen. Das zu entscheiden liegt aber doch in der Verantwortung der Politiker oder der Eltern und nicht religiöser Institutionen.
FALWELL: Ich stimme Ihnen da völlig zu. Ich bin nicht für die Zensur. Wir, die politische und religiöse Rechte, verlangen nicht mehr, als daß auch unsere Bücher in den Regalen stehen. Nach einer Untersuchung von 30 000 öffentlichen Bibliotheken in Amerika führen weniger als 10 Prozent von ihnen auch nur eine einzige unserer größeren Abhandlungen oder ein einziges unserer Bücher, die sich mit den jüdisch-christlichen Werten befassen. Cal Thomas, der Vizepräsident der Moralischen Mehrheit, hat gerade ein Buch mit dem Titel "Bücherverbrennung" geschrieben -
eine Enthüllung über Bücherverbrennung und Zensur durch die Linke.
SPIEGEL: Einige Fälle wirklicher Bücherverbrennung wurden in den USA von Rechtsextremisten begangen. Mißbilligen Sie das?
FALWELL: Keine Frage, daß es am äußersten Rand der politischen und religiösen Rechten Verrückte gibt, die jede Art Exzeß begangen haben. In Santa Clara, Kalifornien, hat beispielsweise vor einigen Jahren ein Gentleman für Homosexuelle die Todesstrafe verlangt. Aber wir verbrennen keine Bücher. Ich selbst bin einer Bücherverbrennung nur einmal nahe gekommen: als ich in der Weihnachtszeit nahe am Kamin die Bibel las und einschlief. Dabei wäre mir die Bibel fast ins Feuer gefallen. Ich versichere Ihnen: Es war nicht beabsichtigt. Wir sind nicht darauf aus, Bücher zu verbrennen, und Menschen natürlich auch nicht.
SPIEGEL: Aber muß denn ein Strenggläubiger nicht bereit sein, für den Glauben auch Bücher zu verbrennen?
FALWELL: Ich habe ja gerade gesagt, daß wir keine Bücherverbrennung wollen. Wir wollen nur denselben Einfluß, etwa in den Schulen, wie ihn die Linke hat. Ich will Ihnen das erläutern: Christen können an die wissenschaftliche oder die biblische Schöpfung der Welt glauben. Wir glauben, daß der Mensch durch einen göttlichen Schöpferakt auf die Welt gekommen ist. Die Anhänger der Evolutionstheorie, die Darwinisten, glauben, daß der Mensch von einem kleinen unscheinbaren Einzeller ausging und sich durch Zufall zu dem entwickelte, was er heute ist. Wir wollen ja nicht, daß die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannt wird. Wir wollen nur, daß unsere Vorstellungen von der Erschaffung der Welt in den Schulen ebenso zum Zuge kommen. Das ist für uns akademische Freiheit.
SPIEGEL: Aber akademische Freiheit kann doch kaum heißen, etwas zu lehren, was wissenschaftlich unmöglich ist. Warum meinen Sie, daß die Bibel wörtlich verstanden werden muß? Glauben Sie wirklich, daß die Schlange im Paradies geredet hat, die Frau des Lot zu einer Salzsäule erstarrte?
FALWELL: Oh, ja, ich glaube es.
SPIEGEL: Warum kann es nicht auch sinngemäß verstanden werden?
FALWELL: Ich glaube, daß die Bibel das originäre Wort Gottes ist. Die meisten biblischen und alle fundamentalistischen Christen sind dieser Ansicht. Ich nehme an, daß Billy Graham so denkt. Und auch Jerry Falwell denkt so. Es fällt uns viel leichter, zu glauben, daß Gott den Menschen und das ganze Universum geschaffen hat, als zu glauben, daß die ganze Schöpfung durch einen Zufall entstanden sei.
SPIEGEL: Aber Sie können nicht ausschließen, daß es durch Zufall entstanden ist.
FALWELL: Für mich,ist das, als würde man sagen, diese Armbanduhr war mal ein Stück Metall, ein Uhrmacher in der Schweiz hat es in die Luft geworfen und dann ist es als Uhr wieder heruntergekommen. Es gehört doch eigentlich viel weniger Glauben dazu, anzunehmen, daß ein schlauer Kopf sie zusammengesetzt hat. Gott hat uns zu seinem Ruhm geschaffen. Wer glaubt, daß der Mensch durch einen Zufall auf die Erde gekommen sei und deshalb auf der Erde keinen göttlichen Sinn erfülle, ist ein weltlicher Humanist.
SPIEGEL: Und der weltliche Humanismus ist für Sie ja offenbar eine der großen Fehlentwicklungen der modernen Zeit.
FALWELL: Der weltliche Humanist glaubt, daß es keinen Schöpfer gebe, daß der Mensch mithin bei seinem Tod zu existieren aufhöre wie ein Wesen im Tierreich. Deshalb muß er sein Verhalten auch nicht gegenüber seinem Schöpfer verantworten. Wir Anhänger der jüdisch-christlichen Tradition dagegen glauben, daß wir von Gott zu seinem Ruhm geschaffen wurden und daß wir uns deshalb eines Tages vor unserem Schöpfer verantworten müssen, daß wir gemäß den Regeln leben müssen, die er für uns in der Bibel aufgestellt hat. Der weltliche Humanist übernimmt deshalb die Philosophie des Hedonismus. Er ißt, trinkt und lebt nach der Devise: Sei fröhlich, denn morgen kannst du sterben; tu, was du willst, wenn du dich nur gut dabei fühlst. Danach gibt es also keine grundsätzlichen Prinzipien für das menschliche Verhalten. Diese beiden Philosophien sind heute in allen Gesellschaften festzustellen, nicht nur in den USA.
SPIEGEL: Überall hat sich die westliche Gesellschaft unwiederbringlich zu einer pluralistischen Gesellschaft entwickelt. Wollen Sie diese Tatsache eigentlich nie anerkennen?
FALWELL: Jene Menschen, die dem Pluralismus am stärksten anhängen, sind gottesfürchtige Amerikaner. Sie respektieren die Ansichten und Werte anderer.
SPIEGEL: Das sagen Sie so.
FALWELL: Ich fühle mich der religiösen Freiheit aller Amerikaner sehr verpflichtet. Die Anhänger der Mun -Sekte zum Beispiel sind für mich eine verabscheuungswürdige Gruppe. San Myung Mun ist eine Plage. Aber ich würde für sein Recht kämpfen, daß er in diesem Land frei auftreten kann. Jim Jones war eine amerikanische Tragödie*. Aber es ist bei weitem besser, hin und wieder eine Verwirrung wie Jim Jones zu haben als die Alternative, nämlich die Sowjet-Union, wo so etwas nie passieren könnte. In der Sowjet-Union sind dagegen 25 000 Baptistengeistliche seit 1917 von der Regierung ermordet worden.
SPIEGEL: Jim Jones mit der Sowjet-Union zu vergleichen, finden Sie das nicht selbst abwegig?
FALWELL: Ich habe kein Problem, zwischen Freiheit und Sklaverei zu wählen, zwischen einer Gesellschaft, in der sich ein Kult wie der von Jones entwikkeln und in einer furchtbaren Tragödie enden kann, oder der Sowjet-Union, wo ich wegen meines Glaubens verfolgt, inhaftiert oder sogar getötet werde.
SPIEGEL: Mr. Falwell, nach der Bergpredigt, auf die Sie sich immer beziehen, soll der Schwache geschützt werden. Wie rechtfertigen Sie es da, daß Sie einerseits Reagans enorme Rüstungsausgaben befürworten und andererseits seine Kürzungen in den Sozialprogrammen billigen?
FALWELL: Auf Grund meines Engagements für die Würde des menschlichen Lebens meine ich, daß Ronald Reagans Einstellung zur Verteidigung mit seinem eigenen Engagement für die Würde des menschlichen Lebens übereinstimmt. Seit der bolschewistischn Revolution, also seit 66 Jahren, sind die Marxisten direkt oder indirekt für Abermillionen Tote verantwortlich. Es gibt kaum Indizien dafür, daß sie viel Engagement für die Würde des menschlichen Lebens haben. Und es gibt auch wenige Indizien dafür, daß sie Schwäche respektieren. Mein Engagement für das menschliche Leben bestimmt also mein Engagement für eine starke nationale Verteidigung. Es ist der gleiche Grund, aus dem ich nachts meine Tür verschließe, wenn ich zu Bett gehe. Dies ist nicht das Himmelskönigreich, es ist ein irdisches Reich.
SPIEGEL: Das irdische Reich soll aber doch für die Armen keine Hölle sein.
FALWELL: Ich vertrete ja auch nicht den Standpunkt, daß die Sozialausgaben gekürzt werden sollten. Ich glaube allerdings, daß Ronald Reagan sehr weise war, als er kurz nach Amtsantritt zu mehr Freiwilligkeit aufrief. Meiner Meinung nach hat er das noch nicht beharrlich genug verfolgt. Die Regierung kann nicht alles tun, was wir gerne tun würden, um so weniger, als wir dieses Jahr ein Haushaltsdefizit von 200 Milliarden Dollar haben. Wir sind schon pleite, haben nur den Bankrott noch nicht erklärt.
SPIEGEL: Die Pleite ist ja nicht gerade eine Überraschung bei einem Verteiigungshaushalt von 250 Milliarden Dollar.
FALWELL: Unsere Verteidigungsausgaben ermöglichen es Europa und Japan, in Freiheit zu leben.
SPIEGEL: Wir wissen das zu schätzen.
FALWELL: Doch dazu ist eure Anstrengung nötig.
SPIEGEL: Sie ist in Ihren Augen nötig, um den Kommunismus zu bekämpfen. Auch Ihren militanten Antikommunismus und Anti-Leninismus teilen Sie mit dem Präsidenten. Sie haben einmal geschrieben: "Wir sind gegenüber den Monstern im Kreml in Unterwürfigkeit verfallen." Darf ein Christ seine Mitmenschen - und seien es auch Kommunisten - "Monster" nennen?
FALWELL: Ich glaube doch. Natürlich besteht das russische Volk nicht aus Monstern. Ich bin aber von folgendem Überzeugt und habe das einem Mitglied der sowjetischen Botschaft vor mehreren Jahren auch gesagt: Wenn Mr. Breschnew 30 Tage lang die unbegrenzte Auswanderung aus der Sowjet-Union erlaubt und für die Auswanderer Plätze im Westen beschafft hätte, wäre außer ihm und Mrs. Breschnew wahrscheinlich kaum noch jemand in der Sowjet-Union geblieben, und vielleicht wäre sogar Mrs. Breschnew gegangen. Nehmen Sie Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Andropow...
SPIEGEL: . . . Tschernenko ...
FALWELL: ... wen auch immer, nehmen Sie die Liste ihrer Menschenrechtsverletzungen, dann kann man sie schwerlich anders einstufen als Adolf Hitler - eben in die Rubrik der menschlichen Monster.
SPIEGEL: Und in welche Rubrik gehören jene amerikanischen Pioniere, von denen die Indianer abgeschlachtet wurden? Sind das auch Monster?
FALWELL: Keine Frage, in diesem Land wie in jedem anderen gab es Fälle schrecklicher Menschenrechtsverletzungen. Es war monströs, wie wir die Indianer behandelt haben. Ich denke auch an die Sklaverei in diesem Lande: Wir sind nach Afrika gegangen, haben Menschen im Wortsinn gekidnappt, hierher verbracht und sie über viele Jahre wie Tiere behandelt. In Nordirland, im Nahen Osten, in Europa, in Asien können Sie heute regelmäßig ähnlich Inhumanes erleben.
SPIEGEL: Hat Gott in Ihrer Sicht alle diese menschlichen Monster zu seinem Ruhm geschaffen?
FALWELL: Als Gott Adam und Eva auf diesen Planeten gesetzt hat, waren sie im Stadium der Unschuld. Sie hatten niemals gesündigt, sie wußten nicht, was Sünde ist. Aber sie waren keine Roboter. Er gab ihnen die Fähigkeit zu wählen, sie waren in ihrem Willen frei. Sie entschieden sich, Gott nicht zu gehorchen, sie sündigten. Und als sie sündigten, kam gemäß dem 5. Kapitel des Römerbriefes der physische Tod über alle Menschen, weil sie alle sündigten. Von Adam bis zum heutigen Tag haben sich alle Menschen entschieden, Gott nicht zu gehorchen, sobald sie ins Verantwortlichkeitsalter kamen. Gott hat uns nicht zum Bösen erschaffen, Gott hat uns zu seinem Ruhm erschaffen.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, sie seien überzeugt, die Kommunisten wollten die Welt erobern. Wie finden Sie es da eigentlich, daß Ronald Reagan der Sowjet-Union Millionen Tonnen von Getreide verkauft?
FALWELL: Ich halte das für sehr gut. Die Vereinigten Staaten sind von Gott reichlich gesegnet. Es gibt einen Vers in der Bibel, der sagt: "Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden." Und ein anderer Vers sagt: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen." Wenn wir das russische Volk ernähren, das wieder mal Opfer seiner eigenen Regierung ist, folgen wir meiner Ansicht dem Willen Gottes. Wir erweisen Menschen Liebe, die sich nicht selbst helfen können.
SPIEGEL: Sollen die USA dem sowjetischen Volk auch Liebe durch Lieferung fortgeschrittener Technologie erweisen?
FALWELL: Ich bin gegen die Lieferung von Technologie, von Computern und militärischem Know-how. Das wäre nicht nur ein Fehler, das wäre dumm.
SPIEGEL: Da Sie ja Präsident Reagans Verteidigungsausgaben befürworten - sind jene katholischen Bischöfe und jene Politiker, die Reagans Atomrüstungsprogramm in der Freeze -Bewegung bekämpfen, in Ihren Augen Agenten Moskaus? Sind sie unpatriotisch?
FALWELL: Nein, der Hirtenbrief der katholischen Bischöfe war sehr aufrichtig. Sie wollen wirklich den Frieden. Sie sind einfach naiv. Ich halte sie für gute Menschen, aber ich wiederhole, sie sind schlicht naiv.
SPIEGEL: Bevor Sie Ronald Reagan während seiner letzten Wahlkampagne unterstützten, haben Sie während einer Autofahrt mit ihm diskutiert. Er sagte: "Jerry, mir scheint manchmal, daß wir jetzt sehr schnell einem Harmagedon entgegengehen." Sie haben damals angeblich geantwortet: "Ich glaube nicht, daß uns noch fünfzig Jahre bleiben." Gibt es da einen geheimen Konsens zwischen dem Prediger und dem Präsidenten, daß ein nuklearer Holocaust nicht vermieden werden kann?
FALWELL: Jene Unterhaltung in der Wahlkampagne von 1980 fand in New Orleans statt. Wir fuhren im Wagen vom Flughafen zum Kongreßzentrum, wo der Präsident sprechen sollte. Als er von Harmagedon sprach, habe ich das nicht so interpretiert, als meine er den nuklearen Holocaust, sondern den ideologischen Konflikt zwischen Freiheit und Sklaverei, Demokratie und Marxismus, der in eine Sackgasse führt. Nach meinem Eindruck wollte er sagen, daß wir sehr entschlossen vorgehen müßten, wenn wir uns nicht selbst an einem Point of no return wiederfinden wollten. In der Bibel gibt es keine Stelle, die uns sagt, die Erde werde in fünf oder in fünfzig Jahren zerstört werden.
SPIEGEL: Aber warum benutzt der Präsident das Wort Harmagedon?
FALWELL: Harmagedon bezeichnet in der Bibel die Schlacht, die im Nahen Osten am Ende der sieben Jahre dauernden Zeit der Prüfungen stattfinden wird. Wir Fundamentalisten glauben, daß nach dieser Zeit die Kirche in den Himmel aufgenommen wird. Und nach der Offenbarung wird Harmagedon geschehen, wenn die Kräfte der Finsternis, die Feinde Gottes, auf Jerusalem marschieren, um Israel einzunehmen. Dann wird Jesus mit seinen Heiligen vom Himmel steigen und seine Feinde im Tal von Esdralin vernichten, Millionen von ihnen. Es könnten Kräfte aus dem Norden sein, etwa Rußland oder Rotchina.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Rußland würde zerstört werden, während die USA verschont blieben, ebenso wie die Christen in der Sowjet-Union. Wie soll so ein Wunder zustande kommen?
FALWELL: Sie haben das falsch gedeutet, lassen Sie es mich noch einmal erklären: Das nächste Ereignis in Gottes Kalender ist die zweite Ankunft von Jesus Christus auf der Welt, um seine Anhänger zu sich zu nehmen. Wenn die Kräfte der Finsternis dann auf Jerusalem marschieren, wie in der Bibel beschrieben, wird Christus sie vernichten und für tausend Jahre sein Königreich auf dieser Erde errichten. Ich weiß nicht, wie er seine Feinde vernichten wird, aber ich interpretiere es nicht als Atomkrieg. Denn wir werden diese Erde dann ja bewohnen, das kann keine verseuchte Erde sein, sondern Gottes Königreich, zu seinem Ruhm geschaffen.
SPIEGEL: Haben Sie mit dem Präsidenten über diese Eschatologie gesprochen?
FALWELL: Nein. Ich glaube auch nicht, daß Amerika in der Prophezeiung oder sonstwo in der Bibel vorkommt. Und ich glaube auch nicht, daß Gott Amerika mehr gehört als Rußland.
SPIEGEL: Mr. Falwell, hatten Sie jemals Zweifel an dem, was Sie glauben, Zweifel an der Richtigkeit der Offenbarung?
FALWELL: Es gibt viele Dinge, auf die ich keine Antwort weiß. Aber ich glaube, daß die Bibel das originäre Wort Gottes ist, ich habe es immer geglaubt. Und wenn die Bibel spricht, habe ich keine Zweifel. Ich nehme die Bibel wörtlich. Christen sind so unwissend und fassungslos wie andere Menschen. Aber über die Grundwahrheiten des Wortes Gottes, die sich auf die Ewigkeit beziehen, habe ich niemals Zweifel gehegt.
SPIEGEL: Dann ist Ihr Ausspruch also korrekt wiedergegeben: "Christen stellen keine Fragen, ebensowenig wie Sklaven und Soldaten"?
FALWELL: Ja, das ist korrekt wiedergegeben. Aber ich möchte es noch in den richtigen Zusammenhang stellen: Wenn wir das Wort Gottes lesen, seine klaren Befehle bezüglich unserer Verantwortung, sollten wir nach den Worten des Apostels Paulus wie "gehorsame Sklaven Christi" sein - gehorsam, ohne Gottes Weisheit in Frage zu stellen.
SPIEGEL: Je weniger Sie Gott in Frage stellen, um so stärker tun Sie''s mit Politikern. 1981 widersetzten sich in den USA religiöse Gruppen der Neuen Rechten der Ernennung von Mrs. Sandra Day O''Connor zur Richterin am Obersten Bundesgericht, und das nur wegen ihrer Stellungnahme in Sachen Abtreibung. Senator Barry Goldwater, obschon selbst ein Ultrakonservativer, erklärte damals, er sei es leid, daß "die politischen Prediger mir als Bürger landauf, landab sagen, wenn ich moralisch sein wollte, müsse ich an A, B oder C glauben; was meinen die wohl, wer sie sind?"
FALWELL: Er sagte sogar noch mehr ...
SPIEGEL: ... daß "jeder gute Christ Falwell in den Hintern treten" solle.
FALWELL: Zunächst: Ich habe mich der Ernennung von Mrs. O''Connor nicht widersetzt. Reagan rief mich am Morgen nach seiner Entscheidung für sie an. Er versicherte mir, daß ihre Ansichten in Sachen Moral korrekt seien. Ich habe ihm zugesichert, daß ich bis zur Anhörung von Mrs. O''Connor im Senat dazu nichts sagen würde und sie meine Unterstützung bekommen würde, falls sie sich moralisch einwandfrei äußere. Im Hearing machte sie dann die richtigen Aussagen, sie bekam meine Unterstützung, und sie wurde eine exzellente Richterin.
SPIEGEL: Da hoffen Sie doch sicher, daß der Präsident in den nächsten fünf J ahren für das Oberste Bundesgericht ähnliche Kandidaten vorschlägt wie Mrs. O''Connor. Dann könnte das Gericht ja seine frühere Entscheidung zugunsten der Abtreibung wieder umstoßen.
FALWELL: Ja, fünf heute noch amtierende Richter, die für die Abtreibung gestimmt haben, sind mindestens 74 Jahre alt. Vernünftigerweise kann man annehmen, daß einige von ihnen in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand treten. Und man kann dem Präsidenten gewiß vertrauen, daß er dann Richter mit einer strikt konstruktiven Interpretation der Verfassung und viel Engagement für die traditionellen moralischen Werte dieser Nation ernennen wird. Das können die wichtigsten Entscheidungen seiner Amtszeit sein.
SPIEGEL: Wenn er tatsächlich wiedergewählt wird .
FALWELL: Ich glaube, er wird mit einer größeren Stimmenmehrheit gewählt als 1980.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich an diesem Präsidenten irgend etwas auszusetzen?
FALWELL: Ja. Ich habe den Verkauf der Awacs-Flugzeuge an die Saudis nicht gebilligt, ich war dagegen. Und ich habe auch die Ernennung eines Botschafters beim Vatikan nicht gebilligt, ich war dagegen.
SPIEGEL: Warum?
FALWELL: Weil die Berufung des Botschafters ein Präzedenzfall ist, den ein anderer Präsident später einmal bedauern könnte. Der internationale Islam könnte zum Beispiel einen US-Botschafter in Mekka wünschen oder der Weltkirchenrat einen in New York, und wir könnten das dann kaum ablehnen.
SPIEGEL: Gibt es noch andere Punkte, in denen Sie mit dem Präsidenten nicht übereinstimmen?
FALWELL: Kleinigkeiten.
SPIEGEL: Was für Kleinigkeiten?
FALWELL: Es gibt einige Ernennungen in seinem Stab und seinem Kabinett, die besser nicht erfolgt wären. Aber das war zu erwarten. Ronald Reagan ist ein Mensch, wie Jerry Falwell ein Mensch ist. Unsere engen Beziehungen sind durch diese Kleinigkeiten niemals gestört worden. In den wichtigen Dingen verdient Ronald Reagan für seine ersten drei Amtsjahre die Note 1 plus.
SPIEGEL: Welche Fehler hat denn Jerry Falwell je gemacht?
FALWELL: Ich werde nur die nennen, über die man öffentlich schreiben kann. Ich bin eben auch ein Sünder, dem durch die Gnade Gottes Rettung gewährt wurde. Ich begehe jeden Tag Fehler. Es gibt Kapitel in meinem Leben, die ich mir neu geschrieben wünschte.
SPIEGEL: Welche sind das? Etwa Ihr früheres Engagement für die Rassentrennung?
FALWELL: Ich bin in Virginia aufgewachsen, in einem Südstaat. Dort glaubte jedermann an die Rassentrennung und praktizierte sie. Erst nachdem ich schon einige Jahre lang Christ war, konnte ich ehrlich sagen, daß ich mich der Würde aller Menschen auf dieser Erde voll verpflichtet fühlte. Ich hätte es vorgezogen, in einem Haus ohne Vorurteile groß zu werden. Ich hatte wunderbare Eltern, die mich liebten, aber sie hatten dasselbe Problem wie ich: Sie wurden mit Vorurteilen groß.
SPIEGEL: Wenn man sich einmal vorstellt, 1984 würde Ronald Reagan die Wahl nicht gewinnen, sondern, entgegen Ihren Erwartungen, ein liberaler Kandidat ins Weiße Haus gewählt, einer, der für vieles einträte, was Sie nicht wollen. Würden Sie das als eine Tragödie für die Zukunft der Nation ansehen?
FALWELL: Es wäre eine Tragödie, sollte Reagan nicht wiedergewählt werden. Es wäre auch eine Tragödie, sollte kein ähnlicher Kandidat gewählt werden. Dann hätten wir als loyale Opposition viel zu tun. Ein Ende Amerikas wäre das, glaube ich, allerdings nicht.
SPIEGEL: Mr. Falwell, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Jim Jones war der Anführer der amerikanischen "Kirche des Volkes". 1978 starben er und über 900 seiner Anhänger durch Massenselbstmord in Guyana.
"Unser Licht, unsere Erlösung"
Amerikas Rechte hat sich hinter Reagan verschanzt
Die politische Rechte der Vereinigten Staaten ist im Wahljahr 1984 so stark und geschlossen wie selten zuvor in ihrer Geschichte.
Vor Reagans Kandidatur von 1980 gab noch die liberale Fraktion der Partei den Ton an. Selbst der Kalifornier Richard Nixon hatte sich ihr gebeugt.
Doch nach 50jähriger ideologischer Debatte haben Erzkonservative das gemäßigt-liberale Ostküsten-Establishment der Partei besiegt.
Der Rechtsruck bescherte den Republikanern eine straffere Führung. Der ehemalige Honoratioren-Verein ohne einheitlichen ideologischen Zuschnitt und mit vernachlässigter Organisation entwickelte sich zu einer modernen Wahlkampf-Maschine. Marketing-Methoden und der Einsatz leistungsfähiger Computer sicherten der Partei ein hohes Spendenaufkommen.
Dennoch - allein könnte die Republikanische Partei Reagans Wahlsieg nicht sichern. Lediglich ein Viertel aller eingeschriebenen amerkanischen Wähler nennen sich Republikaner.
Den Rest der nötigen Stimmen will sich Reagan bei einer Allianz konservativer Kräfte holen, die in der Vergangenheit eher miteinander verfeindet waren: Populisten und Verfechter eines starken Kapitalismus. Zusammen bilden sie Amerikas "Neue Rechte".
Die populistische Vorstellung, die gesellschaftliche Entwicklung der USA sei durch einen Kampf zwischen "den kleinen Leuten" und "denen da oben" bestimmt, ist so alt wie Amerikas politische Kultur. Jahrelang hieß der Gegner "Big Business", verkörpert von den mächtigen Banken New Yorks.
Doch die antikapitalistische Stoßrichtung dieser Bewegung war an starke, konservative Impulse gebunden. Konservativ in Amerika zu sein - das hieß immer auch, eine antielitäre, antiintellektuelle, antiurbane Einstellung zu pflegen. Vorurteile gegen Schwarze, Katholiken und Juden gehörten zum Weltbild.
Als die Mehrheit dieser ursprünglich eher demokratischen Parteianhänger in den letzten 15 Jahren statt "Big Busines" "Big Government", die wachsende Macht der Zentralregierung in Washington, zu fürchten lernte, da erschlossen sich Ronald Reagan neue Wählerschichten.
Mit seinen teuren Sozialprogrammen und immer engeren Vorschriften war "Big Government" auch zum Feind der amerikanischen Geschäftswelt geworden. Nach dem Muster linker Interessenverbände entstand in den 60er und 70er Jahren eine Reihe konservativer Institutionen, die sich allesamt einer "Befreiung" des amerikanischen Business verpflichtet fühlten.
Rechte Denkfabriken wie die Heritage Foundation, Lobbyistenvereinigungen wie die American Conservative Union und politische Aktionskomitees zur Förderung rechter Wahlkandidaten wie der Conservative Caucus und das National Conservative Political Action Committee trugen zur Finanzierung der konservativen Weltanschauung bei.
Zusammen mit ihnen gewannen ultrarechte Gruppen Einfluß auf die Politik, die sich vor allem religiös motivierten, sozialen Anliegen verschrieben hatten.
Die wichtigste Organisation dieser rechten Randgruppen ist die Moralische Mehrheit, die der Baptisten-Pastor Jerry Falwell 1979 in Virginia gegründet hat. Ihre über sechs Millionen meist protestantischen Mitglieder treten für die Wiederwahl Reagans ein.
Falwells Brandreden gegen "weltlich-humanistische", "atheistische" und "hedonistische" Einflüsse in einem verweltlichten Washington werden heute über ein weites Netz elektronischer Medien verbreitet. Strammer Antikommunismus versteht sich in diesen Kreisen von selbst. Rund 50 Millionen Baptisten und rechte Fundamentalisten sind ein potentielles Wählerreservoir, das Ronald Reagan in periodischen Abständen durch besonders fromme Reden bedient.
"Wenn der Herr unser Licht, unsere Kraft und unsere Erlösung ist, wen sollten wir fürchten? Wenn wir von Herzen aufrichtig sind, ist uns Seine Liebe gewiß wie das Licht der Sonne."
Billy Graham? Jerry Falwell? Nein, Ronald Reagan, Januar 1984.
Mit Redakteuren Dieter Wild und Helmut Sorge in Washington. Jim Jones war der Anführer der amerikanischen "Kirche des Volkes". 1978 starben er und über 900 seiner Anhänger durch Massenselbstmord in Guyana.
Von Dieter Wild und Helmut Sorge

DER SPIEGEL 10/1984
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