05.03.1984

„Unser Licht, unsere Erlösung“

Amerikas Rechte hat sich hinter Reagan verschanzt *
Die politische Rechte der Vereinigten Staaten ist im Wahljahr 1984 so stark und geschlossen wie selten zuvor in ihrer Geschichte.
Vor Reagans Kandidatur von 1980 gab noch die liberale Fraktion der Partei den Ton an. Selbst der Kalifornier Richard Nixon hatte sich ihr gebeugt.
Doch nach 50jähriger ideologischer Debatte haben Erzkonservative das gemäßigt-liberale Ostküsten-Establishment der Partei besiegt.
Der Rechtsruck bescherte den Republikanern eine straffere Führung. Der ehemalige Honoratioren-Verein ohne einheitlichen ideologischen Zuschnitt und mit vernachlässigter Organisation entwickelte sich zu einer modernen Wahlkampf-Maschine. Marketing-Methoden und der Einsatz leistungsfähiger Computer sicherten der Partei ein hohes Spendenaufkommen.
Dennoch - allein könnte die Republikanische Partei Reagans Wahlsieg nicht sichern. Lediglich ein Viertel aller eingeschriebenen amerikanischen Wähler nennen sich Republikaner.
Den Rest der nötigen Stimmen will sich Reagan bei einer Allianz konservativer Kräfte holen, die in der Vergangenheit eher miteinander verfeindet waren: Populisten und Verfechter eines starken Kapitalismus. Zusammen bilden sie Amerikas "Neue Rechte".
Die populistische Vorstellung, die gesellschaftliche Entwicklung der USA sei durch einen Kampf zwischen "den kleinen Leuten" und "denen da oben" bestimmt, ist so alt wie Amerikas politische Kultur. Jahrelang hieß der Gegner "Big Business", verkörpert von den mächtigen Banken New Yorks.
Doch die antikapitalistische Stoßrichtung dieser Bewegung war an starke, konservative Impulse gebunden. Konservativ in Amerika zu sein - das hieß immer auch, eine antielitäre, antiintellektuelle, antiurbane Einstellung zu pflegen. Vorurteile gegen Schwarze, Katholiken und Juden gehörten zum Weltbild.
Als die Mehrheit dieser ursprünglich eher demokratischen Parteianhänger in den letzten 15 Jahren statt "Big Business" "Big Government", die wachsende Macht der Zentralregierung in Washington, zu fürchten lernte, da erschlossen sich Ronald Reagan neue Wählerschichten.
Mit seinen teuren Sozialprogrammen und immer engeren Vorschriften war "Big Government" auch zum Feind der amerikanischen Geschäftswelt geworden. Nach dem Muster linker Interessenverbände entstand in den 60er und 70er Jahren eine Reihe konservativer Institutionen, die sich allesamt einer "Befreiung" des amerikanischen Business verpflichtet fühlten.
Rechte Denkfabriken wie die Heritage Foundation, Lobbyistenvereinigungen wie die American Conservative Union und politische Aktionskomitees zur Förderung rechter Wahlkandidaten wie der Conservative Caucus und das National Conservative Political Action Committee trugen zur Finanzierung der konservativen Weltanschauung bei.
Zusammen mit ihnen gewannen ultrarechte Gruppen Einfluß auf die Politik, die sich vor allem religiös motivierten, sozialen Anliegen verschrieben hatten.
Die wichtigste Organisation dieser rechten Randgruppen ist die Moralische Mehrheit, die der Baptisten-Pastor Jerry Falwell 1979 in Virginia gegründet hat. Ihre über sechs Millionen meist protestantischen Mitglieder treten für die Wiederwahl Reagans ein.
Falwells Brandreden gegen "weltlich-humanistische", "atheistische" und "hedonistische" Einflüsse in einem verweltlichten Washington werden heute über ein weites Netz elektronischer Medien verbreitet. Strammer Antikommunismus versteht sich in diesen Kreisen von selbst.
Rund 50 Millionen Baptisten und rechte Fundamentalisten sind ein potentielles Wählerreservoir, das Ronald Reagan in periodischen Abständen durch besonders fromme Reden bedient.
"Wenn der Herr unser Licht, unsere Kraft und unsere Erlösung ist, wen sollten wir fürchten? Wenn wir von Herzen aufrichtig sind, ist uns Seine Liebe gewiß wie das Licht der Sonne."
Billy Graham? Jerry Falwell? Nein, Ronald Reagan, Januar 1984.

DER SPIEGEL 10/1984
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