06.08.1984

Traurige Buchhalter des Todes

Die Tagebücher der Henker und Scharfrichter von Paris In einer neuen Ausgabe werden die Tagebücher der Henker von Paris vorgestellt: Memoiren, die die Traditionen und Veränderungen eines Berufes porträtieren, der in der Französischen Revolution unter der Herrschaft der Gleichheit und mit dem Instrument der Guillotine Hochkonjunktur hatte. _____“ Dialog zwischen der Bürgerin Marboeuf, „welche mit „ _____“ Lebensmitteln Wucher getrieben haben soll“, und ihrem „ _____“ Komplicen, dem Pächter Payen, auf dem Weg zur Guillotine: „ _____“ „Im ganzen, mein Freund, ist es ganz gleich, ob man heute „ _____“ oder nach zwanzig Jahren stirbt.“ „Wenn es ganz gleich „ _____“ ist, Madame, so würde es mir doch nach zwanzig Jahren „ _____“ lieber sein.“ „ *
Zur Zeit der Großen Revolution erhält der Scharfrichter des Königs, Charles-Henri Sanson, genannt "der Große", nach Aussage seines Enkels Henri-Clement fast täglich Besuch von einem Herrn "namens Schmidt", Klavierbauer, der "wie fast alle seine deutschen Landsleute ein leidenschaftlicher Musiker" ist. Charles-Henri Sanson seinerseits spielt "leidlich die Violine und das Violoncello", und über "das Spielen Gluckscher Musikstücke" knüpfen die Hausmusiker bald "eine innige Freundschaft". Eines Abends, zwischen einer "Arie aus ''Orpheus'' und vor einem Duett aus der ''Iphigenie in Aulis''", drängt es den Scharfrichter, sich dem Freunde mitzuteilen: Ihn, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist, und den Deputierten des Dritten Standes, Doktor Joseph-Ignace Guillotin, beschäftigt seit geraumer Zeit die Idee einer Enthauptungsmaschine. Herr Schmidt weiß Rat: Er ergreift einen Bleistift und entwirft "schnell mit einigen Strichen" eine Maschine, die spätere "Guillotine", auch "nationales Rasiermesser" genannt. Diese Skizze wird ihm Profit bringen: Schon bald wechselt Herr Schmidt vom Klavierbau zum einträglicheren Geschäft der Fabrikation von Guillotinen.
Die Mitteilung über diesen durchschlagenden deutschen Beitrag zur Französischen Revolution findet sich in den wiederaufgelegten "Tagebüchern der Henker von Paris", einer Chronik der Familie Sanson, des berühmtesten Geschlechts der Scharfrichter Frankreichs. _(Henri Sanson: "Tagebücher der Henker von ) _(Paris 1685-1847". 2 Bände mit 44 ) _(Abbildungen. Verlag C. H. Beck, München, ) _(und Verlagsgruppe Kiepenheuer, Leipzig ) _(und Weimar; 484 Seiten (erster Band) und ) _(532 Seiten (zweiter Band); 45 Mark. )
Die "Memoires des Sanson" sind angeblich vom letzten männlichen Sproß der Sippe, dem Scharfrichter Henri-Clement Sanson, "geordnet, verfaßt und veröffentlicht", lassen aber durch zahlreiche stilistische Brüche, kitschig-sentimentale Ein- und Ausfälle und manche Unglaubwürdigkeit erkennen, daß es sich bei diesen Aufzeichnungen um die - vermutlich lustbetonte - Anstrengung mehrerer früher Ghostwriter handelt, denen Henri-Clement das Familienarchiv und -museum zugänglich gemacht hat.
Die Motive für die romaneske Auftragsarbeit - ein Sammelsurium aus Novellistischem
und Anekdote, aus Tagebuch, Bericht, Dokument und Reflexion - dürften in dem Wunsche des offenkundig labilen und später hochverschuldeten letzten Sanson zu suchen sein, seine allseits verachtete Sippe mit einer idealisierten Darstellung zu rehabilitieren und zugleich aus ihrer und seiner Leidensgeschichte das für weltliche Zerstreuung dringend benötigte Kapital zu erwirtschaften.
Was die von Herrn Schmidt skizzierte Maschine betrifft, so ist sie mit einer "breiten, scharfschneidenden Stahlklinge" versehen, "welche zwischen zwei Balken hing und vermöge eines einfachen Seiles leicht bewegt werden konnte". Der Delinquent lag, so Henri-Clement, "seiner ganzen Leibeslänge nach auf ein Schaukelbrett derartig gebunden, daß, wenn das Brett sich senkte, der Hals gerade auf die Stelle kam, wo das Messer im Fallen ihn treffen mußte".
Der Entwurf erfüllte die auf eine Humanisierung der Strafpraxis ausgerichteten (An)Forderungen Guillotins, nach denen die neue Hinrichtungsmaschine eine lange und schmerzhafte Marter des Verurteilten verhindern und den Scharfrichter entlasten sollte; zugleich entsprach die neue Maschine dem Ideal einer "Gleichheit" fordernden Gesellschaft, die ihrem Postulat gemäß 1791 die Folter abschaffte und im Gesetzbuch formulierte: "Jedem zum Tode Verurteilten wird der Kopf abgehauen."
Seine Euphorie über den Entwurf veranlaßt den Arzt Guillotin, in der Nationalversammlung für die neue Maschine mit den Worten zu werben, der Delinquent würde gar eine leichte Frische auf dem Hals verspüren.
Der Hals des Delinquenten interessiert auch den König. In einer geheimen Zusammenkunft mit Leibarzt und Scharfrichter gibt er im März 1792 "inkognito" zu bedenken, das in der Skizze "halbmondförmige Fallbeil" könnte nicht "auf alle Hälse passen": "Ich halte dafür, daß es für manchen zu groß sein wird und andere wiederum nicht umfassen dürfte." Der König verbessert den Entwurf und empfiehlt sich. Zehn Monate später legt er als Bürger Capet seinen eigenen Hals unter das von ihm skizzierte Messer "mit schräg zulaufender Schneide".
Bei dieser Hinrichtung leidet der monarchistisch gesinnte Sanson - im doppelten Wortsinn "Henker des Königs" - Qualen, die sich in den folgenden Monaten fortsetzen: In der Blütezeit des Amtes exekutieren Sanson der Große, sein Sohn und seine Brüder einer Angabe zufolge in 502 Tagen 2632 Personen; zwischen dem 14. Juli 1789 und dem 21. Oktober 1796 werden an die 3000 Menschen in Paris hingerichtet (ab April 1792 durch die Guillotine). Vor dem Hintergrund der in der Revolution einschneidenden sozialen Veränderungen verkehrt sich die vom Scharfrichter anfangs begrüßte Rationalisierung im Geschäft der Hinrichtung zu einem Akt der Züchtigung, die den Scharfrichter selbst trifft.
Im Scharfrichter setzt sich, da er den Zusammenhang zwischen konservativer Grundhaltung und Begeisterung für die neue Technik nicht hat reflektieren können, dieser Zusammenhang als Leiden durch: Das rationalisierte Verfahren definiert die Grenzen seiner Tätigkeit neu, und zwar als Machtverlust, und die neuen Verhältnisse zwingen den Scharfrichter zur Verabschiedung der alten Vorstellung, sein Handeln sei sinnsetzend und entspräche den Geboten einer höheren Ordnung, die den Delinquenten und nicht auch den Vollstrecker ihres Urteils züchtige. Ein Teil der Chronik verdeutlicht damit die Wirkungen einer neuen Technik auf Individuum und Gesellschaft des revolutionären Frankreich.
Im vorrevolutionären Frankreich hatte sich das Selbstbewußtsein des Scharfrichters auf die Verordnung von 1670 gestützt, die als Strafen "Tod, Folter unter Vorbehalt der Beweise, Galeere auf Zeit, Peitsche, öffentliche Abbitte, Verbannung" nennt. Als ausführendes Organ war der Scharfrichter an fast allen genannten Strafen beteiligt, allein verantwortlich aber bei allen Formen der Todesstrafe, die ein Autor des 18. Jahrhunderts folgendermaßen spezifizierte: _____" Die Todesstrafe umfaßt alle Arten des Todes: Die " _____" einen werden zum Tod durch Erhängen verurteilt; anderen " _____" wird die Hand abgeschlagen oder die Zunge abgeschnitten " _____" oder durchbohrt und dann werden sie erhängt; für " _____" schwerere Verbrechen werden andere bei lebendigem Leibe " _____" gerädert und ihnen dann die Glieder zerschlagen; wieder " _____" andere werden so lange gerädert, bis sie eines " _____" natürlichen Todes sterben; andere werden erdrosselt und " _____" anschließend gerädert; wieder andere werden bei " _____" lebendigem Leibe verbrannt oder zuerst erdrosselt und " _____" dann verbrannt; einigen wird die Zunge abgeschnitten oder " _____" durchbohrt und sie werden dann verbrannt; andere werden " _____" mit Pferden gevierteilt; wieder anderen wird der Kopf " _____" abgeschlagen oder zertrümmert. "
Die Martern waren für den König und die Justiz das Sinnbild einer gewalttätigen
Demonstration: Über den Scharfrichter als Vermittler brannte die Herrschaft ihre Macht in das oft einzige Gut des Menschen, seinen Körper.
Folter und Marter dienten zugleich der Wahrheitsfindung und der Rettung der auf immer verlorenen Seele des nichtgeständigen Delinquenten. In den Handlungen des Scharfrichters vollzog sich im höheren Auftrag die Wiederherstellung der vom Delinquenten mißachteten Ordnung: Im Rahmen eines konservativen Weltbildes (er)gab seiner Hände Werk, sein Hand-Werk, erst Sinn. Die Hand des Scharfrichters zitterte kaum beim Schlag, schlug sie doch für eine höhere Ordnung. Die neue Maschine verkehrt die Situation: Die Hand des Scharfrichters zittert, je entfernter sie seinem Opfer ist. 1793 notiert Sanson der Große entmutigt in sein Tagebuch: "Wenn meine Hand noch etwas mit der unmittelbaren Vollstreckung der Todesstrafe zu tun hätte, so würde sie schon seit langer Zeit nicht gezittert haben."
Seit Einführung der Guillotine 1792 sind die Handlungen des Scharfrichters auf wenige Gesten reduziert. Ein Augenzeuge berichtet: _____" Der Henkermeister packte ihn am linken Arm, der große " _____" Knecht am rechten, der zweite bei den Beinen; im Nu lag " _____" er auf dem Bauch, der Kopf wurde abgeschlagen und der " _____" völlig bekleidete Körper sofort in einen riesigen " _____" Sturzkarren geworfen. "
Der Sohn des Großen Sanson, Henri Sanson, präzisiert: _____" Heute, wo die Todesstrafe einförmig und mit Hilfe " _____" jener Maschine vollzogen wird ... besteht die Aufgabe des " _____" Scharfrichters allein in Vorsorge und Aufmerksamkeit ... " _____" ich bin niemals (auf das Schafott) hinaufgestiegen; ich " _____" bleibe unten stehen, achte darauf, daß alles an seinem " _____" Platz, jeder zur bestimmten Zeit auf seinem Posten sei. " _____" Im letzten Augenblick genügt ein Wink mit den Augen von " _____" mir, daß der neben dem linken Pfeiler stehende Gehilfe " _____" die Leiste löst, welche das Fallbeil hält; in einer " _____" Sekunde ist alles vollbracht. "
Der erste Scharfrichter schlägt selbst kaum mehr zu: er organisiert, kontrolliert, dirigiert. Das rationalisierte Verfahren hat den körperlichen Kontakt zwischen ihm und den Delinquenten auf ein Minimum reduziert. Vertraut waren dem großen Züchtiger von jeher die physischen und psychischen Reaktionen des Delinquenten unter der Folter, den Martern und dem Beil.
Er war ein Körperkundiger, ein wissender Anatom des physisch und psychisch leidenden Menschen, so wie dieser sich ihm im traditionellen Strafsystem zeigte. Nun, in der Revolution und unter dem Terror, ist das Opfer zum einen nicht mehr nur der "gemeine Verbrecher", sondern auch der politisch Verurteilte, zum anderen erweisen sich die Reaktionen der Verurteilten angesichts der Guillotine und ihres massierten Einsatzes bisweilen als so verändert, daß der Scharfrichter auch noch durch seine Opfer verunsichert wird: Er vermag deren Reaktionen nicht mehr nachzuvollziehen.
Mit offenkundigem Unverständnis notiert der Große Sanson die ernsthafte Frage eines Gefangenen: "Was soll ich tun, um gleich morgen guillotiniert zu werden?" und vermerkt mit Erstaunen, da sei einer auf die Guillotine geschritten "wie andere zur Hochzeit gehen". 1793 schreibt er: _____" Die Bürger Geschworenen feilschen nicht um die, " _____" welche sie verurteilen, und diese ihrerseits geben ihr " _____" Leben billig. Niemals hat man das Leben so " _____" geringgeschätzt. Früher, wenn ich mich im Gefängnis " _____" zeigte, flößte ich selber dem Kühnsten Schrecken ein; " _____" wenn ich heute auf dem Flur oder in der Kanzlei der " _____" Conciergerie Gefangenen begegne, so scheint kein einziger " _____" daran zu denken, daß ich morgen vielleicht seinetwegen " _____" kommen könnte; er lächelt mir zu, und dieses Lächeln " _____" macht einen seltsamen Eindruck auf mich. Ich habe mich " _____" mit dem Schrecken, den wir einflößen, vertraut machen " _____" können, aber viel schwerer ist es, sich daran zu " _____" gewöhnen, Leute zur Guillotine zu führen, die sich dafür " _____" bedanken. "
Derlei neue Erfahrungen mit den Verurteilten dokumentieren den Bruch des Einverständnisses und der Solidarität, die Scharfrichter und Opfer einst einte. Diese Solidarität war historisch gewachsen und gründete sich auf die Vorstellung, das Verbrechen mache diejenigen, die es miteinander verbinde, fast gleich. Dieser Glaube wiederum entsprach der anerkannten Praxis früherer Jahrhunderte, bei Vakanz des Amtes Kriminelle gegen Straferlaß zu seiner Ausübung zu zwingen. So ist gesellschaftliche Ächtung der Sippe geläufig; die Sansons konstatieren, daß sie wie Kriminelle "Parias der menschlichen Ordnung" seien.
Mit dem sprunghaften Anstieg der Hinrichtungen im Verlaufe der Revolution und nicht zuletzt aufgrund des hohen Ranges zahlreicher Verurteilter vollzieht sich eine deutliche soziale Aufwertung der Sippe, die jedoch nicht mehr zu einer Versöhnung mit ihrem Amt führt. _(Ravaillac ermordete den Franzosen-König ) _(Henri IV. in Paris. Ravaillacs ) _(Hinrichtung, die sich über Stunden ) _(hinzog, gilt als eine der grausamsten ) _(Torturen, die je an einem Delinquenten ) _(vollzogen wurden. )
Für den genannten Zeitraum gilt vielmehr, daß das Selbstbewußtsein der Sansons niedriger denn je ist. Es sei gerade diese Zeit gewesen, offenbart Henri-Clements Vater, Sohn des Großen Sanson, in einem konservativen Bekenntnis, in welchem das Amt ihnen "selber den höchsten Abscheu einflößte". Durch die Revolution erfährt der Scharfrichter sein Amt zum erstenmal "von der Erniedrigung befreit", doch um den Preis seiner traurigen Seele. Noch vor der Revolution hatte der große Meister des Amtes Beruf und Berufung in einem selbstbewußten Plädoyer vor einem Gerichtshof mit folgenden Worten verteidigt: _____" Ich als öffentlicher Diener des Staates gebrauche das " _____" Schwert, welches mir anvertraut worden, ich strafe das " _____" Verbrechen und räche die beleidigte Tugend. Das ist es, " _____" was meinem Amt den Vorzug gibt, es ist eine Stufe, die " _____" mich näher zum Throne erhebt. "
Nun hingegen gesteht der Große Sanson einer Aristokratin seine Machtlosigkeit ohne Umschweife ein: _____" Wir sind nicht mehr in der Zeit, wo man mit dem " _____" Schwert oder dem Beil hinrichtete. Der Scharfrichter ist " _____" heute nur noch ein Räderwerk an einer Maschine; wenn er " _____" fehlt, vertritt der erste beste seine Stelle. "
Und sein Sohn Henri erinnert sich: _____" Während dieser schrecklichen Zeit waren wir durch den " _____" Gang der Ereignisse dermaßen verwirrt, daß wir unsere " _____" Aufgaben wie Automaten ausführten. "
Hier mag sich die Einsicht ankündigen, daß die Technik in der Entwicklung nicht dabei stehenbleiben muß, sich dem Menschen als Objekt anzudienen - er mithin ihr Subjekt ist und bliebe -, sondern es ihr auch möglich sein könnte, sich selbst zum Subjekt und den Menschen zur Maschine zu machen. Der ehemals gewaltige Züchtiger im Auftrage einer sinnstiftenden höheren Ordnung ist zum kaltgestellten, entmachteten Verwalter des Todes verkommen, der nur mehr ein sorgfältiger Mechaniker einer schnell, diskret und präzise arbeitenden Maschine zu sein hat, die ihrerseits nur Rädchen in einer sehr viel umfassenderen Maschine(rie) ist.
Das einstmals feierliche Ritual ist zu einem bürokratischen Akt verkümmert; der Scharfrichter hat nun bescheidenere bürgerliche Tugenden zur Anwendung zu bringen, darunter die Tugend des Buchhalters. Henri-Clement Sanson berichtet über die Hochzeit der Revolution: _____" Es ist wahr, daß zu dieser Zeit die Guillotine " _____" "kaufmännisch" ausgerichtet war, so daß, wenn der " _____" Prinzipal abwesend war, der Tod dennoch einen Buchhalter " _____" fand. Der von Charles-Henri Sanson mehrfach erwähnte " _____" Desmorets, dessen Enkel gegenwärtig Scharfrichter in " _____" Bordeaux ist, verband mit seinem Amt als erster Gehilfe " _____" das eines Buchhalters. Die Protokolle über die " _____" Kleidungsstücke der Opfer wurden jeden Abend von ihm " _____" ausgefertigt und in ein Register eingetragen, welches in " _____" den Händen des Scharfrichters verblieb. "
Dem Verwalter und Buchhalter des gewaltsamen Todes fehlt noch der Zynismus eines Adolf Eichmann; da er weiterhin einem konservativen Weltbild verpflichtet bleibt, führen ihn die hohe Zahl der Todesurteile und ihr rationalisierter Vollzug in die permanente Krise, die ihren Ausdruck in der vom Enkel mit "gemütskrank" beschriebenen Reaktion des alten Scharfrichters findet.
"Ich stieg schweigend vom Schafott", notiert der Große Sanson, "und ging fort, ohne mich umzusehen. Meine Gemütskrankheit verließ mich den ganzen Tag nicht." Und: "Heute abend, als wir uns zu Tisch setzten, behauptete ich meiner Frau gegenüber, Blutflecke auf dem Tischtuch zu sehen." Es ist vor allem diese schwere Depression, die den alten Mann zuletzt zur Aufgabe des Amtes zwingt: Der einst eher äußerliche, physische Akt der Züchtigung, der eher zu bewältigen gewesen war, hat sich in ein psychisches Geschehen transformiert, dem auf keiner Seite mehr individuelle oder kollektive Strategien der Bearbeitung entgegengesetzt werden können. Es ist erkennbar, daß der Kranke versucht, seine Erfahrungen zu reflektieren, bloß, daß ihn die Erkenntnis an den Rand des Verstummens bringt.
Der buchhalterische Geist, der sich schon dokumentierte, erweitert sich zu kapitalistischem Handeln, das aus dem Amt und dem System Guillotine das erfolgreiche "Unternehmen Hinrichtung" macht. Eine der Voraussetzungen dafür, die Aufgabe traditioneller religiös-metaphysischer Vorstellungen, ist in der Revolutionszeit weitgehend erfüllt; die technische Entwicklung und die Rationalisierungsmaßnahmen (ver)klären den Blick auf die Herrschaft des Kapitals.
Aus verständlichen Gründen erfährt der Leser der "Tagebücher" über den Unternehmer Sanson nichts, viel hingegen in rührseligen Worten über die "Gemütskrankheit", die doch nur das verhüllte Gesicht des Januskopfes darstellt. Man muß andere Quellen bemühen, um den Unternehmer Charles-Henri Sanson vor seinem Verstummen sprechen zu hören. In einem seiner Mahnbriefe an seinen Vorgesetzten stellt der Scharfrichter klar: _____" Ich habe alle Tage vierzehn Personen zu ernähren, von " _____" denen acht in Lohn sind, drei Pferde, drei Kutscher, die " _____" Nebenausgaben ... " _____" Eine ungeheure Miete wegen des Berufs. Es sind nötig " _____" Ausgaben für die Hinrichtung, meist täglich, andere " _____" Familienlasten wie Eltern und alte, kranke Dienstboten, " _____" die ihr Leben diesem Dienst geopfert haben, welche Rechte " _____" haben an die Menschlichkeit. "
Über acht Monate habe er der Gerichtskasse Kredit gewährt, dabei sich "sehr genau an den Preis des Tarifs gehalten" und "sogar selber Nachlaß gegeben auf verschiedene Artikel". Der Unternehmer klagt: _____" Die Art der Hinrichtung, die heute geübt wird, " _____" verdreifacht leicht die Kosten der früheren Ausgaben. " _____" Andererseits Verteuerung aller lebensnotwendigen Dinge. " _____" Der Dienst und die Anzahl der Polizeiberichte zwingen " _____" mich, eine Anzahl Personen zu haben, die imstande sind, " _____" die Befehle zu erfüllen, die ich erhalte. Da ich " _____" persönlich nicht überall sein kann, brauche ich sichere " _____" Leute. Denn das Publikum will noch mehr Anstand. Ich bin " _____" es, der das bezahlt. "
Daß eine gehobenere Moral kostenintensiv ist, weiß jeder Geschäftsmann; es verwundert daher nicht, daß der Unterzeichnete vorsorglich mit der Aufgabe seines Postens droht, wenn die Gerichtskasse die Hinrichtungen mit "noch mehr Anstand" nicht in absehbarer Zeit entsprechend vergütet. Es trifft zu, daß der Scharfrichter die Hinrichtungen "vorzufinanzieren"
hat - als Kosten fallen unter anderem der Sold für die Gehilfen, die Kosten für Wartung, Auf- und Abbau der Guillotine, die Miete für die Karren an.
Es trifft weiter zu, daß das monarchistische wie das republikanische Frankreich seinem ersten Scharfrichter die Bezahlung häufiger und des längeren schuldig bleibt (im Frühjahr 1789 schuldet Seine Majestät dem Sieur Charles-Henri Sanson 136 000 Livres). Richtig ist aber auch, daß die Sippe überdurchschnittlich gut besoldet wird und über zahlreiche Nebeneinkünfte und Rechte verfügt, die für die Finanzierung des Lebensunterhaltes eine immer wichtigere Rolle spielen und - gerade auf dem Höhepunkt der Revolution - eine glänzende Erwerbsquelle darstellen.
Der Verurteilte wird von den Sansons und ihren Gehilfen seiner Kleidung und seines Schmuckes beraubt - "Mein Kompliment, Monsieur", kommentiert ein Verurteilter angesichts der von seinen Vorgängern auf dem Schafott zurückgelassenen Objekte, "Ihr müßt die vollkommenste Garderobe, derer sich ein Herr in Frankreich rühmen kann, besitzen" -, und sein Körper kann den Ärzten, sein Haar den Perückenmachern gegen Entgelt zur Verfügung gestellt werden. Wichtigste Nebenerwerbsquelle ist jedoch die einträgliche "medizinische Praxis" der Sansons, in welche die tradierten anatomischen Kenntnisse der Scharfrichter eingegangen sind. Adel und Hochadel konsultieren diese Praxis, und die Sippe zieht über Generationen hinweg sozialen und finanziellen Nutzen daraus.
Daß die Sansons über ein beträchtliches Vermögen verfügten, erfährt der Leser nicht aus der Chronik selbst, sondern aus der "Nachbemerkung" der Neuauflage, die auch aus verlagspolitischer Sicht interessant ist, da sie einer deutsch-deutschen Zusammenarbeit zweier Verlage (C. H. Beck in München und Gustav Kiepenheuer in Leipzig und Weimar) zu verdanken ist. Die "Tagebücher" sind mit Anmerkungen sowie einem Personenregister editiert, leider aber ohne Hinweis auf Ort und Inhalt der vorgenommenen Kürzungen, die immerhin etwa ein Viertel der französischen Vorlage betragen. Doch ergibt der verbliebene Text ein so anschauliches, gelegentlich kurioses Geschichts- und Geschichtenbuch, daß der Einwand nicht zu schwer wiegt.
Nur: Von Henri-Clement Sanson erfährt der Leser zwar in zu Herzen gehenden Worten von der Erleichterung, 1847 aus dem Dienst entlassen worden zu sein, jedoch nichts über die Ursache dieser Entlassung. Diese letzte Geschichte ist der Nachbemerkung zu den "Tagebüchern" und anderen Quellen zu entnehmen.
Danach hat der letzte Scharfrichter der Sippe, nachdem er das Erbe durchgebracht hatte, zahlungsunwilligen Neugierigen, darunter zahlreichen Engländern, die Guillotine vorgeführt, die, sofern sie nicht von Staats wegen eingesetzt wurde, in einem Schuppen stand. Dort guillotinierten dann Monsieur Sanson, die Ladys und Gentlemen kleine Heuhaufen. Davon abgesehen, soll der letzte Sanson seinen Pflichten nicht mehr zur Zufriedenheit der Obrigkeit nachgekommen sein, da er sich bevorzugt in Bars und Bordellen aufzuhalten pflegte. Zur Entlassung hat dann die Tatsache geführt, daß die Guillotine, als sie gebraucht wurde, nicht eingesetzt werden konnte, da Henri-Clement sie endlich seinem Hauptgläubiger hatte verpfänden müssen und dieser die Herausgabe verweigerte. Sie mußte auf Staatskosten eingelöst werden.
Heute ist eine der Schneiden in der Conciergerie, dem früheren großen Pariser Gefängnis, das den mittelalterlichen Trakt des heutigen Justizpalastes darstellt, zu besichtigen. Das Museum der Geschichte der Stadt von Paris, das Musee Carnavalet, zeigt in Vitrinen ordentlich aufgerichtet zierliche Nachbildungen der Guillotine aus der Zeit der Großen Revolution. Sie sind aus Holz oder, sehr sorgfältig, aus Knochen geschnitzt. Es handelt sich offenkundig auch um Spielzeug. _(Auf dem Schafott die ehemalige Gattin ) _(des englischen Königs Heinrich VIII., ) _(Anna Boleyn. )
Henri Sanson: "Tagebücher der Henker von Paris 1685-1847". 2 Bände mit 44 Abbildungen. Verlag C. H. Beck, München, und Verlagsgruppe Kiepenheuer, Leipzig und Weimar; 484 Seiten (erster Band) und 532 Seiten (zweiter Band); 45 Mark. Ravaillac ermordete den Franzosen-König Henri IV. in Paris. Ravaillacs Hinrichtung, die sich über Stunden hinzog, gilt als eine der grausamsten Torturen, die je an einem Delinquenten vollzogen wurden. Auf dem Schafott die ehemalige Gattin des englischen Königs Heinrich VIII., Anna Boleyn.

DER SPIEGEL 32/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Traurige Buchhalter des Todes

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind