05.03.1984

KARNEVALMöglichst topless

Der Fasching in Rio, bestaunt von Touristen, ist ein teures Hobby der örtlichen Glücksspiel-Mafia. *
Fest der Schwarzen und der Mulatten, der Ärmsten aus den Wellblechslums an Rio de Janeiros steilen Felsabhängen - Karneval in Rio: Touristenfalle, Prominentenauftrieb, vor allem aber ein Gesellschaftsereignis im Halbdunkel des kriminellen "Milieus" der brasilianischen Metropole.
Der Karnevalsumzug der Samba-Schulen ist zwar ein offizielles Happening, doch die höchsten Subventionen fließen aus den Kassen der illegalen Glücksspiel-Mafia von Rio: Hier feiert sich das organisierte Verbrechen selbst.
Seine Bosse stehen hinter zehn der 14 größten Samba-Schulen, die den Karnevalsumzug in Rio beschicken. Nur dank der Großzügigkeit der Glücksspiel-Mafiosi lassen sich die bombastischen Kostüme bezahlen, für die jede Schule jährlich mindestens 100 000 Dollar hinblättert: Kreislauf des Kapitals - das Geld selbst stammt aus den Taschen der Beschenkten; denn "Lotterie" ist illegales Massenvergnügen von Rio.
Beliebtestes Glücksspiel in Rio ist das "Tierspiel" (Jogo do bicho). Es hat den Bossen den Namen "Bicheros" verliehen. Er geht zurück auf die (legale) Lotterie eines Grafen, der vor Jahren den Zoo von Rio mit Wettgewinnen zu sanieren suchte.
Die Wetten laufen noch heute auf Tiernamen ("Affe" steht beispielsweise
für die Zahl 17), und sie können an fast allen Straßenecken Rios bei freundlichen, verläßlichen Männern mit Notizbüchlein abgeschlossen werden.
Das unerlaubte Spiel ist beliebt wie kein zweites. Täglich darf jedermann in beliebiger Höhe auf eine fast endlose Vielfalt von Zahlenkombinationen setzen. Vor allem aber garantieren die Bicheros, die im Großraum Rio de Janeiro monatlich mehrere Millionen Mark umsetzen und über 100 000 Mitarbeitern einen Lebensunterhalt verschaffen, absolute Ehrlichkeit.
"Das liegt an der Komplexität des Systems", sagt Castor de Andrade, einer der größten Bichero-Bosse in Rio, "jeder kontrolliert jeden."
Jeder Bicho-König ist Herrscher über ein klar abgegrenztes Gebiet in den Vorstädten von Rio. Die Kleinkriminellen sind in ihrem Milieu sicher aufgehoben: "Man fühlt sich verpflichtet, etwas zu tun für die Menschen, die einem all den Reichtum verschaffen" - Castor de Andrade versucht gar, sein Gewerbe mit der Aura der Philantropie zu versehen. So spendet er, ganz wie ein Mafia-"Pate", mal eine Beerdigung, mal eine Studienhilfe oder auch einen Rollstuhl für einen Invaliden unter seinen treuen Wettkunden oder seinen Mitarbeitern.
De Andrade, Anwalt und Volkswirt in seiner bürgerlichen Existenz, ist als Ehrenvorsitzender auch unangefochtener Boß der Samba-Schule "Unabhängige Jugend" in Padre Miguel, einem Vorort von Rio. Das Spiel mit dem Glück hat ihm einen Fischereibetrieb und eine Metallfabrik beschert. Häufig geht er zum Fußballklub - er gehört ihm.
Die Spiel-Mafiosi sind in Rio beliebt, und Popularität bedeutet auch in dieser Stadt politische Macht. Die Polizei schlägt um die Bicheros einen großen Bogen. Saßen zwar manche schon auf der Gefangeneninsel "Ilha Grande" ein - so doch jeweils nur für kurze Zeit. Und im Luxusappartement.
Mit den Samba-Schulen sind auch die Gönner schick geworden. Filmstars wettstreiten um das Privileg, beim Umzug mittanzen zu dürfen, in den Zuschauerboxen treffen sich die Bicheros mit Prominenz aus Politik, Hochfinanz und Kultur.
Nicht alle Sambistas begrüßen ihren weltweiten Ruhm, sie klagen - wie Trachtengruppen in Oberbayern - über den "zunehmenden Einfluß von Politik und Kommerz". "Wir haben wenig davon, daß die Samba nun so Mode geworden ist", sagt ein 87jähriger Komponist der traditionsreichen Samba-Schule "Mangueira", "es kommen Leute von außen, die Gemeinschaft besteht nicht mehr. Früher gab es hier mehr Liebe."
Tatsächlich fahren Angehörige der Schickeria aus Ipanema oder Leblon gern mal in die Slums, um mitzutanzen, oder sie tauchen plötzlich im Festumzug
auf. "Da gibt es unzählige Leute, die ich in der Samba-Schule noch nie gesehen habe", mokiert sich Angelina von der Schule "Unabhängige Jugend", "die stehen dann plötzlich im vollen Kostüm da."
Samba steckt an, und bei allem Bedauern, daß die alten Sambista-Gemeinden durch fremden Zulauf leiden, meint Dona Neuma, ehemals preisgekrönte Vortänzerin, ihr Tanz "müsse die Welt erobern". "Die Samba hat Rock- und Diskomusik überlebt, auch all diese Affen aus den USA, die hier in Rio für viel Geld im Stadion singen. Jetzt müssen wir auch hinaus in die Welt."
Es könnte eine Expedition werden, von der sich die Samba nicht mehr erholt: Eine Samba-Schule tanzte so erfolgreich im feinen Rio-Hotel Meridien, daß die Direktion schon erwägt, dem bleichen Publikum aus Übersee das ganze Jahr über Karneval vorzuführen. Eine andere, die Schule "Kolibri", war vier Monate lang auf Tournee in Frankreich. Sie verschönte später König Hassan von Marokko das Silvesterfest und wird alsbald vielleicht durch die Fifth Avenue von New York wogen.
Schon jetzt ist der Umzug "zum Fleischmarkt verkommen", nörgelt der Direktor einer der Samba-Schulen: "Die Mädchen reißen sich darum, im Glitzerbikini - noch lieber topless - aufzutreten. Sie hoffen, von einem Show-Manager entdeckt zu werden."
Alte Samba-Profis fürchten, daß der Wettstreit zwischen Tänzern und Musikern von Karnevalsdirektoren zum Hollywood-Spektakel umfunktioniert werde. "Die traditionelle Samba-Schule wird aussterben", glaubt der Komponist Ney Lopes, "die eigentliche Samba des Volkes, Ausdruck schwarzer Kultur, wird neue Formen finden müssen."
Ob als Unterwelt-Fest, als Glamour-Show, ob als Folklore-Ereignis - Rios Karneval wird nicht sterben: Denn längst ist die Touristenattraktion zur Überlebensfrage der Stadt geworden.
"Obwohl der Staat Rio hochindustrialisiert ist", sagt sein Kulturminister Darcy Ribeiro, "bringt uns der Tourismus mehr ein als unsere Stahlindustrie - außerdem beschäftigt er mehr Menschen."
Folgerichtig setzte die seit einem Jahr in Rio regierende Mannschaft des linken Gouverneurs Leonel Brizola alles daran, den Karneval 1984 zum größten finanziellen Erfolg aller Zeiten zu machen.
Dem Budget des maroden, krisengeplagten Bundesstaates entnahm der Politiker zwei Millionen Dollar für eine vom Brasilia-Architekten Oscar Niemeyer entworfene Umzugsallee mit festen Betontribünen. "Sambodrom" heißt im Volksmund das in nur vier Monaten hochgezogene Ungetüm: Es scheint für die Ewigkeit gebaut. Der Zauber der Samba, des Flüchtigen, und das Spontane der getanzten Ekstase: jetzt haben sie ein Zementforum erhalten.

DER SPIEGEL 10/1984
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