05.03.1984

Überall anders

Im Ski-Weltcup stehen die Entscheidungen bevor: Von Jahr zu Jahr mehr bestimmen unkontrollierbare Material-Manipulationen über den Sieg. *
Österreichs Cheftrainer Karl ("Downhill Charly") Kahr lobte überschwenglich: "Fehlerlos von oben bis unten" sei Helmut Höflehner gefahren. Doch was Kahr als "Nonplusultra an Abfahrt" feierte, reichte nur zum fünften Platz.
Olympiasieger war im Rennen vom Berge Bjelasnica bei Sarajevo Außenseiter Bill Johnson aus den USA geworden - auf der österreichischen Skimarke "Atomic", die auch Höflehner fährt. Fabrikant Alois Rohrmoser kam der Sieg des Amerikaners wie bestellt.
"Noch nie in der Geschichte des Skisports", jubelte Rohrmoser, "wird in Amerika einer so vermarktet werden wie Johnson." Atomic steigert seine Produktion um 15 Prozent. Denn "die Skibestellungen laufen nach einem Bombenecho enorm an". Das Olympiafernsehen hatte Johnson in Nordamerika, wo erst drei Prozent der Bevölkerung Ski laufen, zum Star gemacht. Österreich schob einen PR-Film an 900 Kabel-TV-Stationen nach, der seine Erfolgsski ausführlich preist.
Im März finden wie durch glückliche Fügung in Amerika die letzten Weltcup-Abfahrten dieses Winters statt. Johnson darf wohl wieder die Siegerski besteigen. Denn weit mehr als ein Olympiarennen alle vier Jahre werben Siege im alljährlich, in vielen Etappen ausgetragenen Weltcup. Hitziger als je diskutieren die Experten in diesem Winter, ob noch Läufer siegen oder das Material über Erfolge (und Marktanteile) bestimmt.
Vergangenheit sind jedenfalls die Zeiten, in denen der geschickteste, konditionsstärkste und stabilste Rennläufer seines Sieges sicher sein durfte. In der Holzlatten-Epoche maßen die Trainer noch mit Thermometern die Schneetemperaturen und rieten ihren Läufern, wie sie die Ski wachsen sollten.
Erst in den sechziger Jahren entwickelte sich das Skilaufen zum Ferien- und Wochenend-Vergnügen für Millionen. Von den Alpenländern sprang der Skispaß gewinnträchtig auf Nordamerika und Japan über. "Alle wollen den Ski des Siegers", erkannte Anton Fischer, der größte österreichische Skihersteller. Die konkurrierenden Firmen stellten erfolgreichen Rennläufern Gratisbretter an den Start und warben der Konkurrenz Könner durch heimliche Prämien ab.
Im gleichen Rhythmus, in dem Abfahrtspisten die Alpenhänge einkerbten und die Kabel der Skilifte Berge kilometerweit wie ein gigantisches Spinnennetz überzogen, verhärtete sich der Kampf um den wachsenden Markt. Österreich liefert bei einer Weltproduktion von ungefähr 4,7 Millionen Paar Ski die Hälfte; 85 Prozent davon bringen als Exportgut Devisen ein.
Die nationalen Skiverbände, von denen die wichtigsten Werbeträger, die Rennläufer, ausgebildet, trainiert und an den Start geliefert werden, bildeten Material-Pools: Alle Firmen, die Mannschaftsmitglieder mit Stöcken und Stiefeln, mit Bindungen und Brettern ausrüsten wollten, mußten einen Poolbeitrag einbringen. Österreichs Pool verfügt über etwa 11,4 Millionen Mark.
Daraus erhalten die Läufer Leistungsprämien. Aber sie dürfen ausschließlich Produkte von Poolfirmen im Rennen benutzen. Die Stars und Großverdiener der Branche unterschreiben zudem individuelle Verträge mit ihren Ausrüsterwerken. Aber von ihnen hängen sie dann ab wie jeder Läufer von einer günstigen Startnummer.
"Für mich bleibt die Feststellung", faßte Heinz Krecek zusammen, der Chef des deutschen Skipools, "daß die Industrie den Skisport fest in der Hand hat." Zunächst nahmen Trainer und Skistars die Hilfe der Serviceleute dankbar an, die ihre Kunden zu allen Auftritten im Weltcup-Zirkus begleiten. Ein erfahrener Skiexperte verdient bei seinem Werk 100 000 Mark und mehr. Atomic setzt allein zehn Serviceleute ein und läßt sich die Werbung am Mann insgesamt 3,3 Millionen Mark kosten.
Der Servicemann wachst und präpariert die Ski - aber er teilt sie dem Fahrer vor dem Rennen auch zu. Denn die Rennski aus kleinen, besonders sorgfältig zusammengeleimten Sonderserien bleiben Besitz der Hersteller. Trainer können weder die Präparierung noch die Auswahl beeinflussen. Die Werkvertreter sind für die Skifahrer entscheidend wie Mechaniker im Autorennsport.
Der Interessenkonflikt war vorprogrammiert: Die Verbände benötigten Erfolge, damit weiterhin Subventionen fließen und ihr Skipool attraktiv bleibt. Den Läufern helfen nur vordere Plätze zum Aufstieg und zu Prämien. Aber die Voraussetzungen, optimale Ski, hängen von der Lieferfirma ab. Die Hersteller sind jedoch gewöhnlich Stars aus verschiedenen Nationen verpflichtet. Und jedes Land bietet zugleich einen Markt.
Vor dem Winterolympia 1980 irritierte ein ungewöhnlicher Vorgang die Branche: Bei der Weltcup-Abfahrt in Pfronten siegte die österreichische Weltmeisterin Annemarie Moser-Pröll, ihre Schwester Cornelia wurde 27. Am nächsten Tag fand eine zweite Abfahrt unter nahezu gleichen Bedingungen statt. Vor dem Start tauschten die Schwestern ihre Ski. Annemarie Moser-Pröll schaffte den vierten Rang, ihre Schwester fuhr die zweitbeste Zeit.
Beim Olympia in Lake Placid fühlte sich dann der bundesdeutsche Weltcup-Star Irene Epple "verladen": Sie blieb im Training um fast fünf Sekunden hinter der Bestzeit. Einen Tag vor dem Rennen versuchte sie, von ihren Kästle-Ski auf das Fabrikat Rossignol umzusteigen. Der Wechsel platzte: Kästle drohte
mit Vertragsstrafe und Klage wegen Rufschädigung; überdies protestierten die amerikanischen Rossignol-Fahrerinnen gegen unwillkommene Konkurrenz. Irene Epple enttäuschte als 19. Verbandssportwart Oskar Fischer unterstellte, es sei theoretisch möglich, "daß die Skifabrikanten über den Sieg oder die Niederlage bestimmen".
Aber keinem Werk war es gelungen, wie im Märchen Ski vom Schlage der Siebenmeilenstiefel zu entwickeln: Derselbe Ski konnte etwa auf nassem Neuschnee schneller als andere rutschen, aber auf eishartem Schneegrund langsamer gleiten als vergleichbare Produkte.
Rennski entstehen maschinell, wenn auch in kleineren Serien von einigen hundert Paaren. Dennoch weisen sie, wenn auch noch so geringe, Abweichungen in der Verteilung der verwendeten Materialien Kunststoff, Metall und Holz auf. Überdies schleift der Servicemann bei der Präparierung an den Kanten und verändert dabei das Profil minimal. So wird jeder Rennski unverwechselbar wie eine Geige.
"Aber ich könnte niemals erkennen: Das ist der schnellste Ski", erklärte der bundesdeutsche Cheftrainer Klaus Mayr. "Nur durch Tests sind Unterschiede festzustellen." Deshalb schicken die Werke schon im Sommer Testfahrer in schneesichere Regionen. Durch Hunderte genau vermessene Fahrten filtern sie einige Dutzend schnellere Paare heraus.
Vor Saisonbeginn probieren die Rennläufer weiter, bis sie eine Rangordnung unter den Skipaaren hergestellt haben. Nach ihren Mängelrügen geschieht die Feineinstellung: Sitz der Bindung, Schliff, einige Gramm mehr oder weniger Gewicht. Zum Rennen geben die Serviceleute den Ski im Handfinish den letzten Schliff.
Im Sommer, wenn die Rennläufer Kondition für den Winter bolzen, wuchert bei ihnen oft Mißtrauen, ob ihr Ausrüster sie nicht bei der Materialzuteilung benachteilige. Dann bahnen sich Firmenwechsel an, spektakulär wie Star-Transfers in der Fußball-Bundesliga - etwa als Olympiasieger Klammer von Fischer auf Kneissl und später auf Blizzard umstieg. 41 Fahrer aus acht Ländern fahren diesen Winter für Blizzard.
Aber auch die erfahrensten Serviceleute werden gleichsam schneeblind, wenn Wetterkapriolen ihre Berechnungen durchkreuzen. Während der Weltcup-Abfahrt in Gröden vor dem Olympia in Sarajevo deckte Neuschnee den vorsorglich aufgetragenen Kunstschnee zu. Die vorneweg mit niedrigen Startnummern abgefahrenen Favoriten fielen zurück.
Auf Sarajevo hatten sich die Firmen gründlicher vorbereitet als jemals: Die knapp drei Kilometer lange Piste läuft nach kurvigem Beginn in ein Gleitstück aus. In dieser Passage, die in ungefähr 40 Sekunden gehockt zu durchrasen ist, entschied sich das Rennen wesentlich durch die Wahl optimaler Ski.
Erstmals schickten die Österreicher sogar einen Schneephysiker mit, der die Mannschaft ständig über Funk von seinen Meßergebnissen unterrichtete. Doch das komplizierte die Vorbereitungen eher: Der Experte fand heraus, daß die Schneekristalle infolge hoher Luftfeuchtigkeit von 90 bis 95 Prozent einen feinen Wasserfilm ansaugten; dann empfehlen sich Ski für warmen Schnee. Aber schon leichter Wind ließ den Schnee wieder vereisen; dann sind Ski für Kaltschnee angeraten.
So testeten die Favoriten zehn Tage lang jeder mehrere "Kalt"- und "Warm"-Ski in täglich fünf und mehr Läufen. Die Österreicher hatten neben der Abfahrtspiste eine Teststrecke mit sieben Lichtschranken angelegt. Dort probierten sie noch am Renntag herum.
So mag schließlich der Zufall den US-Außenseiter Johnson zum Sieg geführt haben. Fest steht, daß der psychisch robusteste Fahrer gewann. "Ich werde siegen", hatte Johnson schon vorher selbstsicher trompetet. Etwa 100 000 Mark Siegprämie sollen ihn auf Atomic-Ski festhalten.
Seine österreichischen Konkurrenten stiegen dagegen verunsichert ins Starthaus. Mitfavorit Franz Klammer resignierte nach unzulänglichen Testergebnissen vor dem Rennen und wurde Zehnter, sein Blizzard-Markenkollege Erwin Resch kam als Elfter ein. "Wenn du den in den Kurven siehst", wies Verlierer Klammer auf die überlegenen Ski des Siegers Johnson hin, "dann wird dir schlecht."
Blizzard-Fahrer Anton Steiner fuhr als einziger Österreicher wenigstens Bronze als Trostpreis ein - mit einem drei Jahre alten, museumsreifen, vielfach reparierten Ski, dessen Kanten zu Rasiermessern zusammengeschliffen worden waren. "Er ist der Schnellste" im Blizzard-Sortiment, wunderte sich der österreichische Experte Harald Schaupp. "Warum, weiß kein Mensch." Im oberen Teil fuhr Steiner Bestzeit, im Gleitstück verlor er an Johnson entscheidende 80 Hundertstelsekunden.
Favorit Höflehner verspätete sich ebenfalls im unteren Gleitteil, in dem der schnellere Ski entschied. Sein Servicemann hatte ihm bei zwölf Grad Kälte am Start den Ski für kalten Schnee verpaßt. Der letzte Funkspruch des Schneespezialisten war nicht mehr angekommen: "Achtung, die Sonne kommt durch, es wird feucht."
Auch die deutsche Medaillen-Kandidatin Irene Epple begründete ihr neuerliches Debakel (23. Platz) mit falschen Ski. Auf dem schnelleren Paar sei ihre Schweizer Markengefährtin Ariane Ehrat Vierte geworden.
Der deutsche Cheftrainer Mayr weiß nur ein Mittel, die besten Ski herauszufinden: "Noch gezielter, noch sorgfältiger testen bis unmittelbar vor dem Rennen." Vorzuziehen wäre allerdings, Manipulationen "durch schwerere Strecken mit Kurven und weniger Gleitpassagen" auszuschalten, "die mehr das Können und die Technik herausfordern". Außerdem, "aber das ist ganz heiß", weiß Mayr, müßten die Trainer wieder Weisungsbefugnis gegenüber den Firmenrepräsentanten bekommen.
Sonst, schlug der österreichische TV-Sportchef Teddy Podgorski vor, wäre es "gescheiter und ehrlicher, im Weltcup Firmenteams starten zu lassen".

DER SPIEGEL 10/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Überall anders

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser
  • Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer