02.04.1984

FILMMärtyrerin im Atomstaat

Nach seinem großen Erfolg in den USA läuft der Film über die auf mysteriöse Weise ums Leben gekommene Atomarbeiterin Karen Silkwood nun in den deutschen Kinos an. *
Als "Das China-Syndrom", der Film über ein Fast-Unglück in einem Kernkraftwerk, im März 1979 in die amerikanischen Kinos kam, wurde er von Kritikern und Publikum als perfekter Thriller begrüßt. Nur die Vertreter der Kernindustrie feuerten erwartungsgemäß Breitseiten gegen das angeblich verleumderische, unrealistische Werk. Drei Wochen später passierte das Reaktorunglück in Three Mile Island.
Im Fall des Films "Silkwood", der die US-Kinoöffentlichkeit ähnlich stark bewegt hat wie "Das China-Syndrom", hat nicht das Leben die Kunst imitiert, sondern
hinkt der Film mehr schlecht als recht einem wahren Ereignis hinterher: Vor zehn Jahren kam Karen Silkwood, Laborantin in einem Plutonium-Werk, bei einem bis heute ungeklärten Autounfall ums Leben, als sie einem Zeitungsreporter Beweise für mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in ihrer Fabrik überbringen wollte (SPIEGEL 9/1975).
Der Stoff hatte vor Jahren schon Jane Fonda, die politisch ambitionierte Hauptdarstellerin vom "China-Syndrom", interessiert, aber damals verweigerten die Silkwood-Eltern ihr die Filmrechte. Immerhin baute sie - sozusagen als Hommage an Karen Silkwood, die längst zu einer Märtyrerin des Nuklearzeitalters geworden war - in ihren Anti-Atom-Film den mysteriösen Unfall ein: Dem Auto mit dem Geheimnisträger näherte sich von hinten ein anderes Fahrzeug und drängte es von der Straße, die Böschung hinunter.
So nämlich haben sich Freunde, gewerkschaftliche Mitstreiter und postume Bewunderer von Karen Sikwood das Ende der 28jährigen immer vorgestellt, ungeachtet der Mutmaßungen der Behörden, daß die Fahrerin am Steuer eingeschlafen sei.
In der Verfilmung von Mike Nichols nun wird die Mordtheorie deutlich suggeriert, wenn in der letzten Szene die Fahrerin im Rückspiegel durch die Scheinwerfer eines unerträglich dicht auffahrenden Wagens geblendet wird. Schnitt. Dann sieht man die Tote in dem zertrümmerten Wagen; die Szene wird untermalt von den Klängen des amerikanischen Chorals "Amazing Grace".
Die dramatische Anreicherung der offiziell ermittelten Fakten veranlaßte die "New York Times" zu einem bitterbösen Leitartikel: Schließlich hätte die Polizei als Unfall-Ursache den Konsum von Drogen und Alkohol festgestellt, auch wären die brisanten Dokumente, die Karen nach Aussagen ihrer Freunde bei sich führte, nicht gefunden worden.
Zwar teilt der Film all dieses in einem Nachspann mit, aber der karge Text
kann die Suggestivkraft der vorangegangenen Bilder nicht aufheben: Wie "Das China-Syndrom" ist auch "Silkwood" ein ganz und gar parteiischer Film. Aber wo dort die konspirative Vertuschung von Katastrophengefahren auf höchster Ebene angeprangert wurde, handelt "Silkwood" von Menschen, die in täglicher Selbstverständlichkeit mit radioaktivem Stoff umgehen und sich erst langsam ihrer Gefährdung bewußt werden.
Karen Silkwood, so weit ist alles belegt, stammte aus einer Kleinstadt in Texas, war naturwissenschaftlich begabt, ging vom College aber schon nach einem Jahr ab und bekam drei Kinder. Später verließ sie ihre Familie und fand einen Job bei dem mächtigen Energiekonzern Kerr-McGee, in dem Zweigwerk Cimarron in Oklahoma, wo Brennstäbe für einen Schnellen Brüter im Staate Washington hergestellt wurden.
Nach und nach erkannte Karen, wie schlampig die Sicherheitsvorkehrungen in dem Werk waren. Sie wurde in der Gewerkschaft der Öl-, Chemie- und Atomarbeiter aktiv, die aber - gemäß dem in weiten Teilen der USA immer noch herrschenden kapitalistischen Wildwuchs - von der Werksleitung unter Druck gesetzt und von um ihren Arbeitsplatz besorgten Kollegen geschnitten wurde.
In einem geheimen Hearing der Atomenergiekommission in Washington beschuldigte Karen Silkwood die Firma Kerr-McGee, Röntgenaufnahmen von Brennstäben zu retuschieren und so wissentlich Menschenleben zu gefährden. Karen erhielt den Auftrag, für ihre Anschuldigungen Beweise zu beschaffen. Wieder in Oklahoma wurde sie wiederholt _(Meryl Streep als Karen Silkwood. )
verseucht und mußte jedesmal die schmerzhafte Prozedur der "Dekontamination" über sich ergehen lassen, bei der die Haut mit Bürsten und scharfen Seifenmitteln abgeschrubbt wird.
Als der Geigerzähler eines Morgens schon bei ihrem Arbeitsantritt eine kritische Dosis anzeigte, drang ein Team von Männern in Strahlenschutzanzügen in ihr Haus ein und konfiszierte den Hausrat bis zum letzten Kamm. Als Herde der Verseuchung wurden das Bad und ein Sandwich im Kühlschrank geortet. Tests belegten, daß das Plutonium bereits Karen Silkwoods Lungen erreicht hatte.
In dem langen Gerichtsverfahren, das 1979 von Karens Eltern angestrengt wurde, versuchte die Werksleitung nachzuweisen, daß die Arbeiterin eigenhändig Plutonium entwendet habe, um ihre These von den unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen belegen zu können. Das Gericht verwarf dies: Kerr-McGee wurde zur Zahlung von mehr als zehn Millionen Dollar Schadensersatz an Karens Erben verurteilt.
Ein Stoff also, aus dem moderne Mythen gewebt werden. Mit einer Titelgeschichte im "Ms."-Magazine wurde Karen Silkwood 1977 auf den Schild der Feministinnen gehoben - als Vorkämpferin für mehr soziale Gerechtigkeit. 1981 erschien das Buch "Wer tötete Karen Silkwood?" des Reporters Howard Kohn, das im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung bei "2001" herausgekommen ist.
Was der Regisseur Mike Nichols ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", "Die Reifeprüfung"), der damit seinen ersten Spielfilm seit 1975 präsentiert, aus der Vorlage gemacht hat, stieß bei der Kritik auf geteiltes Echo: "Newsweek" hielt "Silkwood" für einen der besten Filme des Jahres, "Time" dagegen geißelte von rechts die eindeutige Interpretation der spärlichen Fakten.
Weitschweifige Ausflüge in das Liebesleben der Silkwood geben dem Film mehr human touch als bekömmlich. Mit Boyfriend und einer Freundin führte sie eine für den Mittleren Westen eher ungewöhnliche Menage a trois.
Sicher war es wichtig, das Privatleben dieser Frau in seiner ländlichen Ereignislosigkeit, in der ganz auf Bier, Marihuana und Sex konzentrierten Plattheit auszubreiten, denn nichts in ihrer Biographie hatte sie für die plötzliche Heldenrolle prädestiniert, aber letztlich beutet der Film ihre Geschichte mehr aus, als daß er sie erzählt.
Meryl Streep, deren darstellerische Manierismen (das nervöse Lachen unter Tränen, die fahrigen Bewegungen) inzwischen auch nerven können, trifft im Ganzen diese Heldin wider Willen in ihrem unausgeglichenen, unsteten Wesen genau. Die Popsängerin Cher, die mit der Rolle einer lesbischen Hausgenossin ihr Showstar-Image endgültig abzustreifen
hoffte, ist dagegen nicht mehr als gut aussehende Staffage.
Die Szenen im Werk sind von latenter Bedrohlichkeit. Beinahe ungläubig sieht der Zuschauer heute, wie die Arbeiter - vermummt wie Astronauten und nur durch Gummihandschuhe und Glaswände vor der tödlichen Substanz geschützt - sich ziemlich unbesorgt bewegen, bis wieder einmal die Alarmglocke heult, weil einer verseucht wurde.
In der Bundesrepublik hatte Robert Jungk in seinem 1977 erschienenen "Atom-Staat" die Karen-Silkwood-Story einem breiten Publikum bekannt gemacht. So engagiert wie Jungk, doch nicht so akkurat wie Buch-Autor Kohn hat Nichols einen Film geschaffen, den auch viele Kitscheffekte nicht um seine politische Brisanz bringen.
Meryl Streep als Karen Silkwood.

DER SPIEGEL 14/1984
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