05.03.1984

„Mein Gott, es ist Metro-Goldwyn-Mayer“

SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den Streit um James Stirlings Neue Staatsgalerie in Stuttgart Am Freitag dieser Woche bekommt Stuttgart ein neues Museum, die Neue Staatsgalerie. Das Werk des britischen Architekten James Stirling, wuchtig und witzig, ist der erste repräsentative Bau der Nachmoderne in der Bundesrepublik und bei Gegnern wie Getreuen des Architekten heftig umstritten: Kunst- oder Machwerk? *
Die Lage des Neubaus könnte kaum schlechter sein, sie hat das spezifische Fluidum der Stuttgarter Innenstadt.
Das Vis-a-vis, die Kehrseite vom Staatstheater, gleicht einer Lagerhalle, die nächsten Nachbarn sind abgewetzte Wohnkästen, und vor der Front der 89 Millionen Mark teuren Immobilie lärmt und stinkt, achtspurig, ein unüberwindbarer Strom von Autoblech.
Das schäbige Ambiente focht den Architekten aber nicht an. Er inszenierte auf dem bedrängten Terrain einen monumentalen, gleichwohl amüsanten Bau, der nicht nur den Hausherrn, den Museumsdirektor Professor Peter Beye, entzückt: "Ein Kunstwerk!" Die "Frankfurter Allgemeine" wertete die "Genieleistung" schon vorab als "eine der aufregendsten Architektur-Premieren dieses Jahrzehnts", und der englische Kritiker Peter Cook schrieb nach einer Vorbesichtigung überwältigt wie von einer Hollywood-Gala: "Mein Gott! Es ist Metro-Goldwyn-Mayer!"
Es ist Stirling, echter Stirling. Stuttgarts Neue Staatsgalerie ist, in jeder Beziehung, ein Werk des britischen Baukünstlers James Stirling, 57, der noch mit jeder seiner Kreationen für Aufregung gesorgt hat.
Der gebürtige Schotte - ob seiner Kompetenz und Körperfülle in der Fachwelt bündig nur "Big Jim" genannt - sieht sich und sein Werk seit einem Vierteljahrhundert zwischen höchstem Lob und schärfstem Tadel. Während sein Ruhm sich mehrte, ihm auch in den USA und Deutschland mit Lehrämtern und Ehrenmitgliedschaften und in England mit einer "Königlichen Goldmedaille" gehuldigt wurde, ließen vor allem seine Landsleute unter den Kritikern immer wieder ihre Wut an ihm aus.
Dabei ist sein OEuvre vehemente Kritik an der gängigen Moderne, der ihm schon immer verhaßten banalen "Kistenarchitektur".
Frühzeitig orientierte er sich an der englischen Ingenieurbaukunst des 19. Jahrhunderts und am russischen Konstruktivismus der zwanziger Jahre. So zog er seine Universitätsbauten in Leicester, Cambridge und Oxford als stufenförmige Gehäuse aus Eisen, Glas und Backstein hoch.
Der deutschen Kritikerin Ingeborg Flagge verschlugen sie "ob ihrer Kühnheit den Atem". Mit leichter Hand und lässiger Sicherheit, so urteilte sie, verzerre
Big Jim klassische Formen zu einem "ironischen Drama".
Auch englischen Kritikern gingen Stirlings unkonventionelle Lösungen "durch Mark und Bein", ihr Anblick ließ ihnen "das Blut in den Adern erstarren" - vor Entsetzen. Das Fachblatt "Architectural Review" erklärte den Architekten kurzerhand für "verrückt".
Die gesammelten Schmähungen sind in einer kompletten Werkmonographie nachzulesen, die nächsten Monat auch in der Bundesrepublik erscheint. _(Peter Arnell und Ted Bickford (Hg.): ) _("James Stirling, Bauten und Projekte ) _(1950-1983". Deutsche Verlags-Anstalt, ) _(Stuttgart; 350 Seiten; 120 Mark. )
Um über sie nicht die Contenance zu verlieren, bedurfte es schon eines Mannes mit sehr viel Sinn für Humor. Den hat "Big Jim".
Professor Dr. Stirling - von Amerikas Altmeister Philip Johnson zum "reifen Meister der Weltarchitektur" erklärt - bewies ihn, als er sich für die Frontseite einer Zeitungsbeilage beim Bau einer Sandburg photographieren ließ: ausgerüstet mit Buddeleimer und Spaten und einem geknoteten Taschentuch auf dem Kopf. Er hatte ihn auch nötig, als es im Herbst 1977 in Stuttgart zur Karambolage mit den verwundeten Platzhirschen kam.
Bereits 1974 hatte das Land Baden-Württemberg für das Museumsgelände einen allgemeinen Ideenwettbewerb durchgeführt. Drei Jahre später bat es zum Bauwettbewerb. Neben den sieben Stuttgarter Preisträgern von 1974, darunter der Architekt der Münchner Olympia-Bauten, Günter Behnisch, wurden vier Ausländer eingeladen, unter ihnen Stirling.
Der Wettbewerb wurde zum Showdown, zur ersten großen, offen ausgetragenen Machtprobe zwischen ermatteter Moderne und erstarktem Eklektizismus, zum Duell Behnisch - Stirling. Behnisch hatte ausdrücklich eine "Museumsmaschine" entworfen. Er berief sich auf die "lange demokratische und liberale Tradition" Baden-Württembergs und wollte der Landeshauptstadt ein entsprechendes
Museum bauen: zart gegliederte Quader aus Glas und Stahl, karg im Ausdruck, vornehm gestaltet - im Urteil von Kritikern "ausgewogene Anti-Architektur".
Stirling hingegen wollte die Möglichkeit einer Verwechslung mit einem Krankenhaus oder einer Müllverbrennungsanlage von vornherein ausschließen. Er assoziierte seine Vorstellungen von einem Museum zunächst mit Pathos und Volumen und schuf aus einer Collage von Rampen und Treppen, Spitzbogen, Kreuzsprossenfenstern und schweren Gesimsen eine Großform - für den Theoretiker Vittorio Magnago Lampugnani ein "nahezu ironisches Stück städtischer Super-Architektur".
Der Clou der Collage: Stirling ordnete die Ausstellungsräume in einem offenen Rechteck an, rahmte damit eine riesige Rotunde - Höhe 13, Durchmesser 32 Meter - und legte einen öffentlichen Fußweg durch den Komplex. Die Jury zeigte sich glücklich. Sie fand den Vorschlag "urban" und "überzeugend". Sie lobte die "hohe architektonische Qualität" und den "menschlichen Maßstab". Sie entschied sich für Stirling.
Es kam zum Eklat. Die Stuttgarter Architekten sahen sich gedemütigt. Die liberalen Demokraten gaben sich entrüstet. Die Altfunktionalisten droschen auf Stirling ein. Ihr Vorwurf an den Briten: Er manipuliere "autoritär", übe "physischen und visuellen Terror" aus.
Eine öffentliche Diskussionsveranstaltung wurde zum Tribunal; Behnisch war außer sich, als er Stirlings Architektur mit einer "tauben Nuß" verglich: "Sicher sollen hier Könige und Fürsten bestattet werden", ähnliches glaubte er "in Laboe und Tannenberg" gesehen zu haben - ihm fehlten nur noch "Bronzetafeln mit den Namen Gefallener".
Auch Wilfried Beck-Erlang, Erbauer des Stuttgarter Planetariums, legte sich öffentlich quer gegen das "Machwerk kindlicher Burgromantik". Sein Gelöbnis: "So weit sind die Architekten hier noch nicht gesunken, daß wir unserer Stadt dies antun lassen dürfen."
Frei Otto, Seilnetz-Konstrukteur und Pionier der Hängedächer, leistete Schützenhilfe: "Vor 20 Jahren wäre Stirlings Entwurf - als faschistisch abgetan - undenkbar gewesen." Auf ähnliches Niveau begab sich die West-Berliner "Bauwelt", indem sie in ihren Briefspalten für den Briten die Namensschöpfung "Schultze-Stirling" zuließ, als Anspielung auf den NS-Ideologen Schultze-Naumburg.
Resümee der Londoner "Times": Wer bei Kritikern so vieler verschiedener Richtungen derartige Wutausbrüche auslöse, müsse "zumindest einiges richtig gemacht haben".
Daß Stirling alles richtig gemacht habe, findet beispielsweise Galeriedirektor Beye. Beglückt hängt er die Bilder: "Bestes Museum", lobt er die einfache Addition wohlproportionierter Räume.
Die Innenwände sind in warm gebrochenem Weiß gehalten, der Bodenbelag
wechselt zwischen Parkett und hellgrauem Teppich, Tages- und Mischlicht fallen durch eine ausgetüftelte dreifache Dachverglasung. Skulpturenhafte Säulen sind aus lasiertem Sichtbeton.
Doch die Verwirrung hält an, die Verunsicherung greift um sich - Stirlings Stilpluralismus irritiert nun auch seine Freunde. Denn vor allem im Außenbereich hat der Architekt zahlreiche "Störfaktoren" an- und eingebaut, die das eigene historistische Pathos der Grundform quasi in zeitgenössischem Jargon, ironischen Apercus gleich, relativieren.
Zwischen der massig wirkenden Verkleidung, in bandartigem Wechsel aus Travertin und Sandstein, wirft sich eine grüngefaßte gläserne Woge: die Fensterfront fürs Foyer. Knallrote Trommeln bergen die Drehtüren. Gelb sind Fenstersprossen und eine Ecksäule aus Beton, orange der Lift, grün und blau die riesigen Ansaugstutzen der Klimaanlage. Dickes rundes Rohr in Pink und Bleu bildet das Geländer am 80 Meter langen gewundenen Trampelpfad.
Zudem ersann Stirling für Zufahrten und Eingänge eine "Hierarchie der Baldachine" aus buntbemaltem Metallgestänge. Etwa: drei Module fürs Publikumsportal, aber nur eines für Personal. Ähnlich wirkt der Pavillon einer Taxihaltestelle, den er - statt eines Reiterstandbildes wie bei der alten Staatsgalerie - in das offene Gebäude-Rechteck placierte.
Es ist diese ironische "Zersetzung" des ursprünglich feierlichen und pompösen Grundkonzepts, diese freche Mixtur aus etruskischem Hügelgrab und zeitgenössischer Pop-art, italienischem Renaissance-Palast und exhibitionistischem Centre Pompidou, die die ortsansässigen Kritiker an ihrer anfänglichen Begeisterung nun zweifeln lassen.
"Heilig", hadern die "Stuttgarter Nachrichten", sei dem Stirling nichts - "außer seiner eigenen Frivolität vielleicht".
Das hat es den Häuser-Deutern ja schon immer so schwer gemacht mit diesem Architekten: daß er sich nicht für Etikettierungen eignet, immer wieder Unvorhersehbares produziert; daß er einen Stil nach dem anderen erfindet und schon längst wieder weiter und woanders ist, wenn Kritiker noch mit seiner Einordnung und Adepten seiner einen oder anderen Schnurre mit deren Reproduktion beschäftigt sind.
Die nächste Aufregung um "Big Jim" ist vorprogrammiert. Am West-Berliner Landwehrkanal wird, nach seinen Plänen, ein Wissenschaftszentrum errichtet - mit Büroräumen für 330 Mitarbeiter, die er in einer ungenierten Gebäudegruppierung aus Säulenhalle, Basilika und Campanile unterbringt.
Daß er dabei Teeküche, Lift und Toiletten in die Vierung eines Kirchengrundrisses packt, erschien auch der ihm sonst wohlgesinnten "FAZ" als "Willkürakt".
Peter Arnell und Ted Bickford (Hg.): "James Stirling, Bauten und Projekte 1950-1983". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 350 Seiten; 120 Mark.
Von Karl-Heinz Krüger

DER SPIEGEL 10/1984
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