05.03.1984

FILMPschzstwst wzjdjst

„Sein oder Nichtsein“. Spielfilm von Alan Johnson. USA 1983; 107 Minuten; Farbe. *
Mitten im Krieg, 1942, Hitler war noch auf dem Höhepunkt seiner Macht und hatte halb Europa unter seinem Stiefel, unternahm in Hollywood Ernst Lubitsch ("Ninotschka") den geradezu aberwitzigen Versuch, das Dritte Reich mittels einer Boulevard-Komödie zu bewältigen.
Judenverfolgung und die Gestapo in Warschau, die totale Unterdrückung der Polen - das alles konterte Lubitsch mit einer Komödie über eitle Schmierenschauspieler und betrogene Ehemänner.
Während der teure Gatte den Hamlet-Monolog von der Bühne röhrt, steht ein fescher Fliegerleutnant auf und begibt sich in die Garderobe der schönen Hamlet-Gattin: der Mann wird bald nicht mehr wissen, ob er als Mime oder als Gemahl gekränkter über ein solches Sakrileg sein soll - nur daß ihm Hitler, der mitten in dieses Techtelmechtel hereinplatzt, weil er eben mal Polen erobert, keine Zeit zum Nachdenken läßt.
Aus diesem Stoff, der halb Hahnrei-Farce, halb Widerstandsdrama ist und halb (falls es eine dritte Hälfte gäbe) Theaterklamotte, hat der europäische Emigrant die perfekteste Hollywood-Komödie überhaupt geschaffen, eine Mischung aus Frivolität und Moral, aus politischem Witz und Dekadenz. Einen Film, der alle seine Situationen so oft umkehrt und spiegelt, bis das Unterste zuoberst ist; einen Film, der mit einem falschen Hitler den echten so treffend einfing, wie der nie sein konnte - vielleicht von Chaplins "Großem Diktator" abgesehen.
"Sein oder Nichtsein" (noch dazu mit der hinreißenden Carole Lombard so besetzt, daß jeder Imitationsversuch künstlerischer Selbstmord wäre) zu "remaken", d. h. noch einmal zu drehen, das ist so verwegen, da könnte man gleich Shakespeares "Hamlet" noch einmal
zu schreiben versuchen. Und geschmacklos ist es auch noch.
Über diese von Skrupeln freie, begnadete Geschmacklosigkeit verfügt eigentlich nur einer: Mel Brooks, und so nimmt es nicht wunder, daß der Lubitschs Komödie neu auf die Hörner genommen hat, wobei er seine Ehefrau Anne Bancroft gleich noch die Carole-Lombard-Rolle spielen läßt, Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.
In Lubitschs Komödie gibt es eigentlich nur einen Stilbruch. Als nämlich der SS-Boß von Warschau ("Der Konzentrationslager-Ehrhardt") von dem Hamlet-Darsteller Tura ganz kulturverständig sarkastisch sagt: "Das, was der mit Shakespeare gemacht hat, machen wir jetzt mit Polen."
Mel Brooks, der sich auf dem Regiestuhl von Alan Johnson vertreten läßt, muß dieses Zitat vor Augen gehabt haben, denn er macht nun seinerseits mit Lubitsch, was Hitler mit Polen und Tura mit Hamlet gemacht hat: Er dreht ihn, auf das werktreueste, durch den Fleischwolf.
Gleich zu Beginn läßt sich Brooks, dem ja vor nichts angst und bange ist (er hat schon Hitchcocks "Vertigo" unter dem Titel "Höhenkoller" persiflierend neuempfunden), wagemutig auf den einzigen "Fehler" von Lubitsch ein.
Und zwar auf den, daß die Komödie nur funktionieren kann, wenn polnische Schmierenkomödianten und polternde deutsche SS-Chargen, wenn englische Theaterfreunde und Warschauer Widerständler eine einzige Sprache sprechen.
Bei Mel Brooks also befinden wir uns anfangs wirklich in Polen, auch sprachlich. Mel Brooks und seine Frau singen "Sweet Georgia Brown", auf polnisch. Und das klingt wie Matjesfilet mit Schokolade, einfach grauenhaft komisch.
Irgendwann, mitten in all dem Pschzstwst-und-wzjdjst-Gezische, sagt eine Stimme aus dem Off: "Schluß jetzt, der Rest des Films läuft auf englisch!" Und hat seinen ersten parodistischen Treffer gegen Lubitsch gelandet.
Auch sonst hat Brooks, von der Farbe abgesehen, sein Remake bedenkenlos gegen das Original aufgemöbelt. Er macht schon mit den Warschauer Theaterleuten des Originals seine anachronistischen Scherze: Das Theater, auf dem einst, bei Lubitsch, mit Pappkulisse und Rauschebart große Shakespeare-Tragödie gespielt wurde, ist jetzt eine lediglich nach Polen exportierte Broadway-Bühne, auf der viel gesungen, viel gesteppt, viel Seidenstrumpfbein geschwungen wird.
Und wenn man da schon Shakespeare spielt, dann in "Reader's Digest"-Manier. Nein, nicht etwa den Hamlet, sondern "Highlights from Hamlet"; Shakespeare als Arienabend fürs gesprochene Wunschkonzert. Dadurch bekommt Brooks die Chance, seine Hitler-Parodie auf das erfolgreiche und garantiert geschmackverletzende Muster seines Musicals "Frühling für Hitler" zu reduzieren: Nazi-Zeit, das ist schlechte Operette, Jacques Offenbach dividiert durch Las Vegas.
Bei Lubitsch trafen sich die realen Nazis mit übertreibenden Provinz-Schauspielern, die auf einmal, neben den "Heil Hitler" rasselnden Stiefel-Trägern, wie Koryphäen des guten Geschmacks wirkten. ("Heil mich selbst", erwidert Hitler mit Komödienlogik den Hitler-Gruß.) Bei Brooks - die Nazis gehören inzwischen zum Standard-Repertoire von Grotesk-Kabaretts - kann man den Hitler nur noch steppen, tanzen und singen. Feinere Mittel sind längst an ihm zuschanden gegangen.
Natürlich kann Brooks das raffinierte Geflecht von Anspielungen, running gags, Wiederholungen und Steigerungen in die Vergröberung nicht ganz hinüberretten; Lubitschs "Sein oder Nichtsein" war ja gleichzeitig das Subtilste an Komödie, was sich denken ließ, und das Gröbste an Klamotte, was erlaubt war.
Doch wie der in die Jahre gekommene Mel Brooks und seine, höflich ausgedrückt: voll erblühte Frau Anne aus der Seitensprungkomödie einen derb rührenden Slapstick machen, das ist auch für den Zuschauer umwerfend komisch, der sich nach dem raffinierten Parfüm des Originals zurücksehnt.
Lubitsch hatte den Faschismus den Amerikanern auf elegant europäische Weise nahegebracht, mitten in heroischen Zeiten mit einer dekadenten Komödie. Brooks packt dieses europäische Hollywood-Produkt grob hemdsärmelig an: Witz, komm raus, du bist umklammert. Und es macht trotzdem Spaß. Trotzdem? Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 10/1984
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