02.04.1984

Mondenkind Lucifer

Michael Endes Bilder und Mythen *
Auf seiner Wander- und Wunderfahrt durchs Land "Phantasien" gerät der Knabe Bastian an ein "Bergwerk der Bilder". Aus tiefen Stollen fördert da der blinde, uralte Bergmann Yor, nur im Dunkel kann er sehen, "hauchdünne Tafeln", auf denen "Rätselhaftes" gemalt ist.
Es seien, erklärt der Alte vom Berge, "die vergessenen Träume aus der Menschenwelt"; ganz Phantasien, erzählt er, stehe "auf Grundfesten aus vergessenen Träumen" - und ähnlich steht es um "Die unendliche Geschichte" des Michael Ende.
Denn das Buch für Millionen - Kinder nicht allein - erscheint als alchimistische Legierung aus geschürften Menschheitsträumen und wiederbelebten Fossilien: aus Märchen und Mythen, Okkultem und Magischem, aus Bildern naher und ferner Religionen; ein sanftes Elixier des Irrationalen.
Das trifft den Zeitgeist mitten ins Herz - die Fantasy-Fans und Psych-Okkulten, die Romantiker und die Esoteriker, und die Freunde einer grünen, heilen Welt. Dennoch ist "Die unendliche Geschichte" mehr als ein Kultbuch.
"Unsere Seelenlandschaft ist verwüstet", sagt Michael Ende, "es wird etwas Neues kommen müssen." Es erscheint ihm nötig, "daß das Akausale, das Nichtlogische wieder eingesetzt wird und seine Berechtigung zurückerhält; sonst wird''s tödlich".
Endes Vater, Edgar Ende, war ein surrealistischer Maler. Der hatte die Gabe, hingestreckt in einem dunklen Raum, Bilderfolgen vors innere Auge zu rufen; mit einem Bleistift, an dem ein kleines Lämpchen steckte, skizzierte er die Visionen.
In sein eigenes Bergwerk der Bilder und Mythen stieg Michael Ende nicht so direkt. Sein Alter vom Berge hieß Rudolf
Steiner, der Anthroposoph; Ende war Waldorf-Schüler. Vor allem über Steiners frühe, okkulte Schriften stieß er auf die jüdische Mystik, die Kabbala (hebräisch für: Überlieferung).
Einmal im Bereich der "übersinnlichen Welterkenntnis" (Steiner), studierte er die einschlägigen Logenmeister, die schillernde Madame Blavatzky, den schwefligen Aleister Crowley, versenkte sich in die Weisheit des Zen-Buddhismus, und gelegentlich legt er sich schon mal Tarot-Karten oder wirft ein I-Ging, das chinesische Orakel.
"Die unendliche Geschichte" ist mehr als ein Puzzle aus dem Bezirk des Esoterischen, mehr als Kulissenschieberei mit okkulten und phantastischen Versatzstücken; sie spiegelt Endes Weltbild, seine eigenen Bilder und Mythen.
So ist denn auch vieles tiefer gemeint, als es, märchenhaft, in der "Unendlichen Geschichte" steht; Lucifer (Lichtträger) und Satan spielen mit, Steinersche Kosmogonie und Paradoxien des Zen.
Steiner (eine seiner Zeitschriften hieß "Lucifer") hatte in einer Weltschöpfungslehre dargetan, dem Erden-Reich sei ein (besserer) Monden-Kosmos vorangegangen: Aus diesem Elysium holte sich Ende, als "Rückerinnerung", die Phantasien-Kaiserin "Mondenkind", den reinen Lucifer.
Dieser Lucifer will den Phantasien-Reisenden Bastian "wegziehen von der Welt zu reiner Geistigkeit" (Ende), er sei das, "was Kunst ist". Gegenspieler Satan heißt im Buch "Xayide": die "mächtigste und schlimmste Magierin Phantasiens". Dieser Satan, sagt Ende, will den Bastian "an die Erde binden und zu einem falschen Gott machen".
Auch der Grenzübertritt des Erdenkloßes Bastian ins Lucifer-Land sei nicht nur eine poetische Flause, vielmehr eine "Zen-Einweihung", eine spirituelle Selbstfindung.
Getreu den "Zehn Ochsenbildern", eine allen Zen-Adepten wohlbekannte Allegorie, verläuft der Weg: Der Sucher setzt sich auf die Spur des Ochsen, Symbol des Buddha-Geistes, gewinnt ihn, wird eins mit ihm (der Ochse löst sich in Leere auf) - und äußerlich unverändert kehrt der Erleuchtete heim "auf den Markt".
Nun ist Michael Ende wieder ins Bilder-Bergwerk gestiegen; diesmal freilich fürchtet er, den Leser "zu verstören": "Der Spiegel im Spiegel" _(Michael Ende: "Der Spiegel im Spiegel: ) _(ein Labyrinth". Edition Weitbrecht in K. ) _(Thienemanns Verlag, Stuttgart. 336 ) _(Seiten; 32 Mark. )
(Titel seines neuen Buches) sei nicht für Kinder gedacht, auch nehme er den Leser "nicht an die Hand", und "sehr viele Finsternisse" kündet er an.
"Der Spiegel im Spiegel" ist eine Geschichte in 30 Geschichten, illustriert mit einem guten Dutzend Lithographien und Radierungen von Endes Vater (er starb 1965). "Ein Labyrinth", untertitelt
Michael Ende die Geschichten-Folge, labyrinthisch sind sie miteinander verwinkelt.
Verwüstete Seelenlandschaften, schreckliche Taten, apokalyptische Visionen drängen sich, von der Saugkraft surrealer Zeichnungen oder der nachtmahrischen Unabwendbarkeit Kafkas; klassische Mythen glimmen zuweilen durch, Minotaurus und das Labyrinth, Ikarus, aber auch Mythen des Alltags.
Die Arbeit des Bilder-Schürfens übernahm Michael Ende diesmal anders. Erfahrungen, "Außenbilder" verwandelte er "durch langes Hinsehen in Innenbilder"; und in eine Geschichte hat er sich selbst gezeichnet, "wie ein mittelalterlicher Maler am Rande seines Bildes":
In einer Jahrmarktsbude - sie liegt "unter einem schwarzen Himmel" in einem "unbewohnbaren Land" - findet ein Kind einen seltsamen Mann: Er steht auf der Bühne, hat einen "großen, sonderbarern Hut" auf und "zeigt mit der linken Hand nach oben und mit der rechten nach unten".
Er sei "der Pagad", erklärt er dem Kind, er sei "Magier" und "Gaukler" und habe "eine Menge Namen"; aber "am Anfang heiße ich Ende". Das Kind meint, es heiße "bloß Kind"; da nennt der "Ende" das Kind "Michael".
Doch was bedeutet der Mann mit dem sonderbaren Hut und der rituellen Gebärde, der sich "Pagad" nennt? In dieser Pose steht der "Magier/Gaukler", original "Pagad" geheißen, auf der ersten Karte des Tarot-Decks.
Gaukeln und Juxen ist dem Magier Ende nichts Fremdes, Märchen taugen auch zu Heiterkeit - einmal reimte er: "Hänsel und Knödel, / die gingen in den Wald. / Nach längerem Getrödel / rief Hänsel plötzlich: ''Halt'' - Ihr alle kennt die Fabel, / des Schicksals dunklen Lauf:/ Der Hänsel nahm die Gabel und aß den Knödel auf."
Michael Ende: "Der Spiegel im Spiegel: ein Labyrinth". Edition Weitbrecht in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart. 336 Seiten; 32 Mark.

DER SPIEGEL 14/1984
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