05.03.1984

Um Kopf und Kragen geschrieben

Adolf Muschg über Fritz J. Raddatz: „Kuhauge“ Der Erzähler Adolf Muschg ("Gegenzauber"), 49, ist Professor für deutsche literatur in Zürich. Fritz J. Raddatz verantwortet den Kulturteil der „Zeit“. *
Der empörte Geschmack manches neugierigen Lesers wird dieses Buch an seinen "Stellen" aufhängen. Da gibt es einen Hund namens Stalingrad, der seinem Herrn, einem Obersten a. D., die Socken auszieht, um sich an seinem Fußpilz aufzugeilen. Oder die Russen kommen 1945 "ganz in Weiß", als Nonnen verkleidet, um es den Bewohnern einer Berliner Trümmervilla zu besorgen, wie es im Buche steht: nämlich in Büchern von Bataille oder Genet, die für solche Akte den Maßstab gesetzt haben. Oder kennen Sie den: Da führt doch der leibhaftige Vater seinen halbwüchsigen Sohn handgreiflich in die junge Stiefmutter ein, und beinahe kann man mitansehen, daß es der Alte auch noch mit seiner Tochter treibt.
Um nicht als prüde zu gelten, pflegt sich der als Voyeur blamierte Leser hinter einem Kunstvorbehalt zu verschanzen. Er kann Raddatz beweisen - nach dem Satz: erlaubt ist, was gelingt -, daß er nicht Bataille sei, und auch nicht der Autor der "Blechtrommel".
Und wer, wie ich, die Erzählung "Kuhauge" trotzdem mit mehr Interesse als Entrüstung gelesen hat, ist dann versucht, die Gänsefüßchen der "Stellen" auf dem selben kunst-richterlichen und zart pharisäischen Niveau zu entkräften. Man kann sehr wohl begründen, warum diese Szenen von der Konzeption des Buches her logisch und sprechend sind. Natürlich bleibt die hündische Ejakulation am Offiziersfuß eine Lappalie neben den obszönen Opfern, die aktive Generale "ihren" Männern im realen Stalingrad zugemutet haben, und setzt sie ins rechte Licht der Verachtung. Die Modenschau der "Russen ganz in Weiß, die sich wie Tiere aufführen", bekräftigt diesmal kein geläufiges Klischee, sondern die dem "Kuhauge" eigene Optik.
Seit der Junge die tote Mutter in ihrem hinterlassenen Hochzeitskleid gewittert hat, ist er auf Kostüme dressiert, vom Fetisch verführerischer Stoffe geprägt, mit denen er sich selbst ausprobiert, unter denen er etwas zusammensucht, was in besseren Zeiten Bildung, Entwicklung, Identität heißen durfte.
Am Ekel schließlich, in dem der Halbwüchsige am weiblichen, nun definitiv stiefmütterlichen, als "ausgenommenes Huhn" drohenden Geschlecht untergeht, ist das wirklich Obszöne die aufgezwungene Komplizenschaft mit dem Vater. Denn der Generalmajor a. D. hat seinen Sohn so etwas wie Nähe und Berührung bisher nur in der Form einer Reitpeitsche fühlen lassen.
Und sollte die Moral von der Geschicht - und ihrer "Stellen" - jetzt noch nicht gerettet sein, kann man genug andere, wohlgeratene zitieren. Etwa die Abenteuerreise der drei verhungerten Kinder nach Görlitz. Die Stadt ist von der Wehrmacht schon aufgegeben, von der Roten Armee noch nicht genommen: im Zwischenraum der Katastrophen wird sie einen Augenblick zum Schlaraffenland, in dem alle Rationierung aufgehoben ist - auch wenn einem das Rizinusöl, in dem man die Beute brät, am Ende den Magen verdirbt.
Oder die Röntgenplatten aus Kunststoff, mit denen Bernd die Fensterlöcher der ausgebombten Villa an der Richthofenallee dicht macht: "Die Lungen, Mägen und Darmausgänge waren im Negativ zu sehen, wenn die Sonne durch diese stumpfen, sich ein- und ausbuchtenden Scheiben schien."
Aber diese Buchhaltung - gute Stellen aufgerechnet gegen starke Stücke - wird bei Raddatz nicht aufgehn. Das unhaltbar Obszöne, aufgedeckt in den Mustern der deutschen Geschichte, pointiert als Bloßstellung einer autobiographischen, antibiographischen Erzählfigur, refüsiert die ästhetische Versöhnlichkeit, will zu keiner moralischen Entschuldigung bestimmt sein. Aber wozu denn?
Fritz J. Raddatz gehört zu den sichtbarsten, also zugleich einflußreichsten und exponierten Literaturkritikern Deutschlands. Er hat seine Position als Feuilleton-Chef der "Zeit" nicht nur dazu benützt, sich Freunde zu machen. Selten widersteht er dem Reflex, dem Literaturbetrieb durch Polemik und Provokation etwas wie literarisches Leben beizubringen - ohne Rücksicht auf Verluste, auch eigene.
Und nun: der notorische Kritiker als literarischer Debütant. Darf er das nötig haben? Udo Lindenberg beim "Grand Prix Eurovision de la Chanson" oder Max Frisch vor der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt: Kunststück, wird man sagen, wenn er gewinnt. Und wenn er durchfällt: Hehe, jetzt kommt's aus. Raddatz als Literat in eigener Sache kann nicht gewinnen. Lob oder Verriß, und erst recht jeder Anlauf zur Billigkeit, unterliegen dem Verdacht, nicht seiner Arbeit zu gelten, sondern seiner Stellung - und seiner Person.
Der Wegweiser brauche den Weg nicht selbst zu gehen, so Lessing: Dafür gibt es - neben psychologischen - Gründe der Klugheit. Man weiß, was sich hinter der Aufforderung verbirgt, der Kritiker möge doch nicht bloß immer niederreißen, sondern es doch selbst mal besser machen. In dieser treuherzigen Falle sitzt ein vergifteter Köder, und wer hineinläuft, erfüllt jemandem einen bequemen kleinen Mordwunsch.
Natürlich schreiben die Kritiker doch, wie ich vermute. Da muß es das eine, lebenslänglich unvollendete Manuskript geben, le livre secret, die Bundeslade, in
der ein gereizter Gott sitzt; er verleiht dem Kritiker Kraft und Legitimation, Leuten, die ihre Trivialitäten ahnungsloser- und überflüssigerweise veröffentlichen, auf die Finger zu schlagen. Vielleicht kommt außerdem, viel später, ein unprätentiöses Büchlein nach, in dem der böse Kritiker erzählt, wie er wurde, was er ist, und siehe - er ist dann gar nicht so.
Aber sich vorzuführen wie Raddatz in "Kuhauge"; sich zu zeigen wie ein unheiliger Sebastian im Schmuck seiner Pfeile und aller Messer, in die einer im Literaturgeschäft laufen kann: Dazu gehört so viel trauriger Mut, daß das Beiwort in einem neuen scharfen Licht erscheint. Hier findet kein Debüt statt, das man mehr oder weniger peinlich finden darf. Hier rührt sich, im Kostüm der Blasphemie - hic corpus meum! -, eine Passion.
Der heilige Sebastian war schon Gustav Aschenbachs Patron der Kunst-Disziplin und der bösen Lust an ihrer Preisgabe. Fünfzehn Jahre vor dem "Tod in Venedig" hat der junge Thomas Mann in einem "Bilderbuch für artige Kinder" das Läben gezeichnet: eine halbnackte Mannsfigur, die in idiotischem Delirium die Flasche schwenkt, die Augen verdreht und die lange Zunge aus dem Totenkopf hängen läßt. Daneben, Arme in die Hüften gestützt, Mutter Natur als massive Schweine-Frau, deren panzerartiges gezähntes Dekollete an die Vagina erinnert. So primitiv - und so neidvoll - karikiert der "Geist" seinen Tribut an die Vitalität; wohl wissend, sehr wohl kalkulierend, daß sie als abstoßend ihren Reiz verschärft.
Auch Raddatz straft im Stil Egon Schieles oder George Grosz' das Personal von "Kuhauges" Berliner Kindheit zwischen Weimar und Währungsreform mit der Verachtung des Ästheten. Auch bei ihm ist sie gespielt, ein vorgeschütztes Ressentiment. Es dient, möglichst lückenlos, der Tarnung eines enttäuschten und verletzten Gefühls und muß dessen Verrat stilistisch wiederholen - aber es bleibt auch verräterisch zugunsten des Gefühls.
Hier gibt es eine verlorene, betrogene Kindheit zu verschmerzen, nur ist der Leser nicht gewohnt, diesem Schmerz in der Maske der Frivolität zu begegnen. Aber daß sich ein Kind verworfen gefühlt haben muß, bevor es sich als Verworfenes gibt, ist ein psychologischer Gemeinplatz, den Raddatz eben darum scheut wie der Teufel das Weihwasser - oder das Mitleid.
"Die öffentlichen Bunker galten als ordinär", "Das Grab war elegant gehalten" - hier spricht die feine Art, Katastrophen zu melden und ihnen geistigen Respekt zu versagen. Dafür ist im Verkehr mit dem Selbst-Bild nur das Unfeinste gut genug. Bernd wird von seinem Autor - alles ist humaner als Vaters: Bernd-Jörn! - als Ratte, Wiesel, Frettchen, Schildkröte zitiert.
Er muß die Witterung eines Tiers entwickeln, um in den von Raddatz grell beleuchteten Fassaden und Trümmern Berlins die vielleicht lebensrettende Lücke auszuspähen. Und wenn dann das nackte Leben gerettet ist und sich 1945 einen Charakter organisieren möchte, sieht er so aus: _____" Der Kleidung nach zu urteilen, hätte der SED-Redner " _____" Vertreter der hochfeudalen Bourgeoisie sein müssen. Er " _____" war ganz modern, nach amerikanischer Mode gekleidet, sein " _____" sandfarbener Zweireiher stach von den Anzügen der übrigen " _____" erheblich ab. Auch die hypermodernen Kreppsohlenschuhe " _____" hatten bei allen Fraktionen spöttische Bewunderung " _____" erregt. Unter Rufen wie 'Salonbolschewist', " _____" 'Stehkragenproletarier' betrat er mit leichten " _____" Swingbubi-Schritten das Rednerpult. "
Hier sucht Bernd, Schauspieler seiner selbst, ein Engagement und verpaßt schon das Vorsprechen. Existentialismus als Schmiere: Da hat einer sich nicht "gewählt", nur im Kostüm vergriffen. Aber auch die nackte Haut hat er längst als Luxus kennengelernt: Wer sie wie ein Kostüm trägt, vermindert vielleicht den Schmerz, wenn sie ihm wieder über die Ohren gezogen wird.
Trotzdem führt die Rotzspur aus der Garderobe der verlorenen Mutter zu einer Frau, in der sich Bernd verkriechen möchte: der Lehrerin aus dem Ostsektor, die ihn lesen gelehrt, sein Gehirn mit Marx und Freud scharfgemacht hat. Aber zu haben ist sie nur noch als Bild. Der letzte Exzeß der Erzählung besiegelt Bernds Einsamkeit und öffnet sein Kuhauge für den definitiven Körper-Ersatz: die Imagination. Nach der Ratte hat der Trümmerberg einen Mindfucker geboren, den Intellektuellen.
Auf Deutsch will man seine letzten Dinge ernst haben, und das "Engagement" - oder heute eher die "Selbsterfahrung" - echt. Und mit dem Entsetzen
der Geschichte, der deutschen, der eigenen, treibt man keinen Scherz. Raddatz treibt ihn auf jene Spitze, wo er brechen muß, und riskiert, daß seine Leser nur Pointen oder Brüche sehen können.
Aber das Verfahren hat Methode. Es ist die Methode des Dandys. Was er inszeniert, muß Spitze sein, um wehzutun. Aber um seinen Triumph zu vollenden, darf sein Stil keinen Schmerz verraten. Genauer: nur verraten darf er ihn. Und nur das pikante Kostüm ist verräterisch genug; denn es läßt in die Tiefe der Entbehrung blicken, die verheimlicht werden soll. Im ästhetischen Exhibitionismus steht das geile Kunststück zugleich am Pranger. Der gemarterte Affekt kann es nur als böses, häßliches gelingen lassen.
Aber das stärkste Interesse des Dandys - sein Stilgefühl - besteht auf dem Schein des Gelingens. "Sie spielten die verängstigten Kinder, die ihre Eltern suchen", heißt es von den drei Jugendlichen auf ihrer Lumpenfahrt nach Görlitz. Sie spielen also genau das, was sie sind. Aber sie müssen es spielen, weil es ohne Theater kein Durchkommen zur Front gibt. Und am Ende und im Grund schärft die Nähe des Weltuntergangs auch die Lust am Spiel.
"Ich hab mit dem Tod in der eignen Brust/Den sterbenden Fechter gespielet" - das dürfte man wohl die Lebensmaxime des Dandys nennen, wenn sie ihm nicht zum schöneren Sterben diente. Raddatz hat Heine, von dem diese Verse stammen, auch eine subtile Studie gewidmet. Sie belegt auch, warum dieser Typus in Deutschland eigentlich nicht einheimisch wird.
In "Kuhauge" spricht Raddatz als Dandy in eigener Sache. Das Alias führt ein Forschungsinteresse vor, das schon in seinen literatur- und theorie-kritischen Büchern anstößig gewesen ist. An einem ernsten Gegenstand wie Karl Marx beobachtet - und praktiziert -, gilt die Dialektik von Verkleidung und Bloßstellung schon fast als üble Nachrede. In Raddatz' Erzählung nimmt sie die Form der Blasphemie an: denn auf diese, nichts Geringeres, ist der historische Typus des Dandys seit Brummell, Byron und Baudelaire angelegt gewesen.
Sein Immoralismus war immer dreierlei: modischer Gag, soziale Revolte und theologische Provokation. Wer sich als Abfall präsentiert, will nicht nur seine braven Mitbürger, sonden den stumm gewordenen Himmel reizen. Er zeigt seine Leere als negativen Gottesbeweis vor. Seine Prätention kokettiert nicht nur mit den Lastern, sondern auch mit einem sinnvoll gewesenen Universum. Er demonstriert es als verlorenes, und als Verlorener.
Andere schreien, wenn sie Hunger haben. Der Dandy verwandelt sich in ein Gericht und serviert sein Menschenfleisch als Delikatesse mit Hautgout. Raddatz zeigt, wo der Dandy herkommt, und nennt - wegwerfend, wie anders - seinen Preis. "Bernd, vergiß nicht, du bist der Gastgeber." Das hieß einmal: keine Mohrenköpfe am eigenen Kindergeburtstag.
Das Buch ist ein Coming out, es hat alle vernünftigen Deckungen verlassen. Seine Kritiker werden ihm freudig beweisen, daß es nicht gedeckt sei. Ich wette keinen Groschen auf Raddatz' Kopf. Ich muß ihm nur sehr wünschen, daß sein Kragen nicht leidet.
Von Adolf Muschg

DER SPIEGEL 10/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Um Kopf und Kragen geschrieben

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"