05.03.1984

MEDIKAMENTERettung auf Umwegen

Fast zweieinhalb Millionen Mark Schmiergelder flossen an einen Bonner Oberarzt - Geschäfte mit „Faktor VIII“, einem lebensrettenden Medikament für Bluterkranke. *
Der Bonner Oberarzt Franz Etzel, 44, galt bei seinen Kollegen auf dem Venusberg als ausgesprochene Doppelbegabung. Der Physiologe hatte auch fürs Kaufmännische Talent.
Etzel verwaltete den 120-Millionen-Etat des international renommierten "Instituts für Experimentelle Hämatologie und Bluttransfusionswesen" der Universität Bonn. Er verhandelte mit Krankenkassen über teure Bluter-Therapien, referierte vor Fachkollegen auf der 1. Internationalen Hämophilie-Konferenz über die Reichsversicherungsordnung und saß auch in einer Kommission, die sich mit der Kostensenkung von Spezialpräparaten befaßte.
Nicht die "Deutsche Medizinische Wochenschrift" war seine Lieblingslektüre, sondern eher die Wirtschaftspresse. Diese Neigung hat er von Papa im Blut. Der war als CDU-Mann von 1957 bis 1961 Finanzminister im Kabinett von Konrad Adenauer und galt zeitweilig als dessen Nachfolge-Kandidat. Später ging Franz Etzel sen. als Gesellschafter und Geschäftsführer zur Düsseldorfer Privatbank Friedrich Simon. Als Minister veröffentlichte er ein Buch mit vielversprechendem Titel: "Gutes Geld durch gute Politik".
Etzel jun. ist jetzt mit miesen Geldgeschäften arg in die Klemme geraten. Die 7. Große Strafkammer des Landgerichts Bonn (die derzeit auch über die Eröffnung des Verfahrens gegen Graf Lambsdorff berät) verurteilte ihn Ende vorletzter Woche wegen fortgesetzter Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung zu 22 Monaten Haft auf Bewährung und 600 000 Mark Geldbuße - zahlbar in fünf Jahresraten an die Gerichtskasse.
Lange gefackelt wurde bei der Bonner Urteilsfindung nicht, und freimütig gab der Kammervorsitzende Christoph Bauer nach nur fünfstündiger Verhandlung zu, die Sache sei für ihn immer noch "nicht hundertprozentig klar", es herrschten "Wirrnisse". Der Durchblick in diesem Mediziner-Skandal ist in der Tat nicht leicht zu gewinnen.
Die krumme Tour, die Etzel als Uni-Oberarzt (und damit als Amtsträger im Sinne des Bestechlichkeitsparagraphen) jahrelang ritt, konnte nur deshalb klappen, weil der exotische Institutsbetrieb bei der Behandlung von Blutern selbst für die Kontrolleure der Krankenkassen undurchsichtig blieb.
Das Institut des Professors Hans Egli, an dem Etzel seit 1970 tätig war, hat als größtes und einflußreichstes Behandlungszentrum für Bluter eine Sonderstellung - beispiellos in der Welt ist auch die Therapie.
Während den Kranken, die an schwerer Hämophilie leiden, in fast allen Therapie-Stationen der Welt 30 000 bis allenfalls 200 000 Einheiten des gerinnungsfördernden Blutplasma-"Faktors VIII" pro Patient und Jahr verabreicht werden, verbrauchte das Bonner Institut bei einem Viertel seiner Patienten über 275 000 Einheiten pro Person. Nur mit so hohen Dosierungen, erklärte Instituts-Chef Egli, lasse sich verhindern, daß es bei den Patienten zu
Blutungen, vor allem in den Gelenkbereichen, komme. So bleibe den Patienten ein Krüppel-Schicksal erspart.
Die spezielle Egli-Therapie ließ die deutschen Bluter zur teuersten Patientengruppe der Welt aufsteigen (SPIEGEL 23/1981). So kostete die Behandlung eines einzigen Patienten innerhalb von 30 Monaten 23,9 Millionen Mark. Um Erstattung der Rekordsumme wurde in diesem Fall die Allgemeine Ortskrankenkasse Euskirchen gebeten.
Das Bonner Institut, in der Behandlung von Blutern so erfolgreich wie kein zweites, hatte mit seiner Mengentherapie in Übersee ein Crash-Programm bei der Produktion des Faktor-VIII-Konzentrats ausgelöst. Es orderte pro Jahr etwa halb soviel Blutplasma, wie alle Bluter in den USA zusammen aufbrauchten.
Doch seltsam: Obwohl weltweit der größte Aufkäufer von Bluter-Konzentraten, zahlten die Bonner Höchstsätze für den Saft: 83 Pfennig pro Einheit plus Mehrwertsteuer, viermal soviel, wie Faktor VIII im Produktionsland USA kostet.
Als sich Mitte 1981 das Bundeskartellamt einschaltete, reagierten die Pharma-Firmen, die sich den bundesdeutschen Markt an dem Gerinnungsfaktor VIII teilen, prompt. Sie senkten, ohne den Ausgang des Kartellverfahrens abzuwarten, freiwillig die Preise um rund ein Drittel. Derzeit ist Faktor VIII für 59 Pfennig pro Einheit plus Mehrwertsteuer zu kaufen.
Doch jahrelang blieben die Mondpreise fest. Und wo so schnell großes Geld zu machen war, kamen Insider der Branche auf eine offenbar lukrative Idee.
Am 4. Juni 1979 gründeten ein Manager des in Köln ansässigen Pharma-Unternehmens "Tropon" und ein Kollege von der Konkurrenzfirma "Travenol", einem Ableger des US-Konzerns Baxter, zusammen mit dem Kaufmann Peter Rolf Hackenbroich eine Import- und Exporthandelsfirma unter dem Namen "Pro Plasma".
Die GmbH an der Osterather Straße 7 in Köln-Nippes war keine besonders feine Adresse. Es gab dort weder Telephon noch Büro, von einer für den Arzneimittelhandel notwendigen Lizenz ganz zu schweigen. Lediglich ein handgeschriebener Zettel am Briefkasten wies auf "Pro Plasma" hin. Erreichbar war die Firma nur für Eingeweihte: über die "Lutz & Co. GmbH" in Kerpen bei Köln - auch dort war Hackenbroich Chef.
Obwohl Faktor VIII bei "Pro Plasma" genauso teuer war wie bei den im Markt etablierten Lieferanten, kam die dubiose Firma plötzlich beim Egli-Institut groß ins Geschäft. In nur drei Jahren kassierte "Pro Plasma" nach Ermittlungen der Kölner Steuerfahndung 32 Millionen Mark, allein 1980 fast 11 Millionen - soviel wie die Hoechst-Tochter Behringwerke AG, einer der Marktführer.
Erfolgsgeheimnis der Briefkastenfirma war, wie sich jetzt herausstellte, ein nicht mal geschickt inszeniertes Schmierstück.
Oberarzt Etzel orderte volle zehn Prozent des gesamten Faktor-VIII-Bedarfs seines Instituts bei dem Branchenneuling in Köln. Als die Krankenkasse bei ihm nachfragte, vernebelte Etzel: Es handle sich um "nur geringe" Mengen, die von "Pro Plasma" kämen, und auch das nur "zu Prüfzwecken" - obwohl doch der Stoff, der da geliefert wurde, im Institut längst ausgiebig erprobt war.
Ungewöhnlich war auch der Handelsweg, den die "Pro Plasma"-Chargen des lebensrettenden Blut-Faktors nahmen.
Er führte nicht direkt von den amerikanischen Herstellern in die Bundesrepublik
und in die Bonner Uni, sondern erst mal in die Schweiz. Dort, auf dem Zollgelände des Flughafens Zürich-Kloten, wurde die Ware umetikettiert und von einem Schweizer Händler nach Deutschland transferiert. Sinn dieser Maßnahme: Medizin mit deutschen Aufklebern bedarf keiner besonderen Einfuhrgenehmigung.
Doch umetikettiert wurde auch ein Teil der "Faktor VIII"-Rechnungssummen, die aus Bonn bei "Pro Plasma" eingingen: Schon kurze Zeit nach der Firmengründung begannen Schmiergelder an Etat-Chef Etzel zu fließen. Die Pharma-Manager zahlten auf ein eigens für diesen Zweck in der Schweiz eingerichtetes Nummernkonto zunächst 278 000 Mark. Im selben Jahr kamen nochmals 592 699 Mark dazu; 1980 lag die Bestechungssumme bei 800 000 Mark, 1981 bei 700 000 Mark.
Mit diesen "immensen Summen" (so der Bonner Richter Bauer) finanzierte Etzel sich und seiner Familie einen "Luxus, von dem andere nur träumen können". Teures Haus, teure Reisen, hochkarätiger Schmuck für die Frau, die als selbständige Apothekerin in einem Bonner Vorort auch nicht gerade Not litt. Es reichte sogar für ein Opfer: Als seine Geldgeber plötzlich angaben, klamm zu sein, unterstützte Etzel sie großzügig mit einem 750 000-Mark-Kredit vom Schweizer Geheimkonto.
Das Geschäft platzte schließlich, als die Kölner Steuerfahndung im Sommer vorletzten Jahres - nach einem gezielten Hinweis von Krankenkassen-Insidern - bei Etzel aufmarschierte. Der ertappte Arzt zahlte sofort 835 000 Mark an die Staatskasse.
"Pro Plasma" verschwand am 15. Oktober 1982 "wegen Vermögenslosigkeit" aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Köln, obwohl die Zettel-Firma nach Schätzungen von Branchenkennern rund 20 Millionen Mark Gewinn gemacht hatte. Hackenbroich lebt jetzt, wie Steuerfahnder vermuten, mit 10 Millionen Mark Erspartem auf Ibiza, wo er ein Daueraufenthaltsrecht genießt.
Der Manager von "Travenol", der fein säuberlich in billiger Bürokladde die "Pro Plasma"-Privatgeschäfte notiert hatte, setzte sich nach Frankreich ab, sein "Tropon"-Kollege verlor den Job.
Ex-Oberarzt Etzel hat die Universität längst verlassen und bemüht sich nun um eine Zulassung als niedergelassener Arzt.
Instituts-Chef Egli hat von all dem nichts gewußt. "Ich bin", sagt er, "Mediziner und kein Kaufmann."

DER SPIEGEL 10/1984
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