05.03.1984

TOURISMUSKoffer im Schrank

Die Bundesbürger sind reisemüde geworden. Auch am vielpropagierten Heimaturlaub fanden sie kaum Gefallen. *
Seit Sonnabend letzter Woche sind in Berlin die Hotels ausgebucht, in den Kreuzberger Kneipen warten bunt gewandete Afrikaner neben Bärenjägern aus Kanada und turbantragenden Indern auf Nachschub an Bier und Buletten.
Rund 1900 Aussteller - Herkunftsländer: von Australien bis Zypern -, dazu Tausende von Fachbesuchern sind in die deutsche Ex-Hauptstadt gereist, um bei der Internationalen Tourismus-Börse
(3. bis 9. März) Prospekte auszulegen und Verträge abzuschließen.
Gerade mit den Deutschen machten die ausländischen Reisemanager in der Vergangenheit stets am liebsten Geschäfte. Denn die wegen ihrer Ferienfreudigkeit als "Weltmeister im Reisen" gefeierten Bundesbürger verjubeln schon seit zehn Jahren weit mehr Urlaubsgeld im Ausland als jede andere Nation. Weder verschmutzte Strände noch Streiks oder horrende Inflationsraten, so schien es jahrelang, konnten den touristischen Eroberungsdrang der Germanen stoppen.
Doch nun verdunkelt sich die Sonnenwelt der bunten Reisekataloge: Auch die Deutschen haben angefangen, am Urlaubsbudget zu knapsen. Im letzten Jahr, so fand der Starnberger Studienkreis für Tourismus in seiner "Reiseanalyse 1983" heraus, sank die Reiseintensität sogar unter den Stand von 1975 ab:
Nur noch 54,4 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung über 14 Jahre starteten 1983 zu einer Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer. Arbeitslosigkeit und geringeres Realeinkommen ließen die Ferienkassen schrumpfen, die Koffer blieben im Schrank.
Auch mit Ferien im eigenen Land mochten sich die Westdeufschen nicht anfreunden. Ein Boom der Feriengebiete zwischen Ostsee und Alpenraum war für 1983 von manchen Fachleuten prognostiziert worden. Daraus wurde nichts. Appelle von Politikern wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth, der dazu aufforderte, sich diesseits der Zollschranken zu erholen, verhallten ungehört: Um fast zehn Prozent ging 1983 die Zahl der Urlaubsaufenthalte in der Bundesrepublik zurück, wie die Starnberger Tourismusforscher ermittelten.
Allein durch Ausflügler, Wochenendreisende sowie durch einen leichten Anstieg ausländischer Touristen sind einige Fremdenverkehrsgemeinden im letzten Jahr gerade noch um eine Katastrophe herumgekommen.
Auch jenseits der Grenzen zeigten sich die Deutschen knauserig. Obwohl die Kopfzahl der Grenzgänger noch einmal stieg (plus 4,5 Prozent), gaben die Bundesbürger für Sommerfrische und Wintersport im Ausland real rund sieben Prozent weniger aus als im Vorjahr.
In fast allen Touristenorten klagen Bettenvermieter und Gastwirte, daß immer mehr Feriengäste billigere Unterkünfte suchen und sich statt mit teuren Menüs oft mit einem Billig-Imbiß satt machen. "Qualität und Komfort sind zwar erwünscht, aber für viele Urlauber nicht mehr bezahlbar", kommentierte Rolf Freitag vom Münchner Institut für Planungskybernetik (IPK) den zunehmenden Trend zum Sparurlaub.
In Berlin wird diese Woche die jüngste IPK-Studie über den deutschen Reisemarkt vorgestellt. Danach wird *___die klassische Zweiwochenreise zugunsten kürzerer ____Aufenthalte weiter an Marktanteilen verlieren, *___die Nachfrage nach Campingplätzen sowie billigen ____Privatquartieren und Ferienwohnungen weiter zunehmen, *___statt Vollpension zunehmend Selbstverpflegung ____bevorzugt.
Untersucht wurden zudem die Preise für Ferienaufenthalte mit Halbpension. Die billigsten Offerten für den kommenden Sommer machten die IPK-Leute in Ostbayern, Hessen, Oberösterreich und auf der Insel Mallorca aus. Die höchsten Preise wurden in Italien, der Schweiz und Dänemark ermittelt.
Um nicht auf die Ferien verzichten zu müssen, weichen immer mehr Bundesbürger
in die preisgünstigeren Frühjahrs- oder Herbstmonate aus. Während diese Termine bei vielen Touristikunternehmen bereits stark gebucht sind, "ist in der Hochsaison noch alles frei", meldete die Fachzeitschrift "Fremdenverkehrswirtschaft".
Die meisten Reiseländer glauben dennoch unbeirrt an künftige Wachstumsraten. Von 68 Staaten, deren touristische Repräsentanten kurz vor der Berliner Messe um eine Einschätzung der Saison '84 gebeten wurden, rechnen lediglich zwei Länder - die Schweiz und Norwegen - nicht mit einem Anstieg der Besucherzahlen aus Deutschland.
Neben den Verlierern des letzten Jahres, darunter Tunesien, Sri Lanka, die Karibikinseln sowie die Schwarzmeerziele Bulgarien und Rumänien, buhlen auf der Berliner Tourismus-Börse erstmals auch Außenseiter wie Dschibuti, Botswana oder die Pazifikinsel Vanuatu um die Devisen reisender Bundesbürger.
Mitunter müssen sogar Kabinettsmitglieder selbst die Werbetrommel rühren und am Messestand Auskünfte erteilen. Der Zwergstaat Andorra schickte seinen Regierungschef Oscar Ribas Reig nach Berlin. Er wird, heißt es in einer Vorankündigung, "am Stand zur Verfügung stehen".

DER SPIEGEL 10/1984
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