05.03.1984

GESTORBENHelmut Schelsky

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Helmut Schelsky, 71. Seiner Wissenschaft verhalf der Soziologe im Nachkriegsdeutschland zu wesentlichen Anstößen, in den restaurativen Fünfzigern gehörte er zu den wenigen progressiven Hochschullehrern. Mit sensiblem Gespür für aktuelle Zeitprobleme und Sinn für populäre Reiz- und Schlagworte verschaffte Schelsky sich und seinem Fach in diesen Jahren breites Ansehen und seinen Büchern Verkaufserfolge. Schon damals veröffentlichte er zwei Bände über Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugendlichen, beschrieb den Zustand der deutschen Nachkriegsfamilien, verfaßte ein vielzitiertes Werk über die "Skeptische Generation" und war als erster mit neudeutschen Themen wie "Soziologie und Sexualität" auf dem Buchmarkt präsent. Entscheidend war sein Einfluß bei der Gründung der nordrhein-westfälischen Reform-Universität Bielefeld. Doch als der Zeitgeist sich Ende der sechziger Jahre mit Linksdrift wendete und die Reformen wirklich Fahrt bekamen, da paßte dem eloquenten Professor schon bald die ganze politische Richtung nicht mehr. Auf den neuen Kurs reagierte Schelsky nach einem Psycho-Muster, das er in seinem Buch über die skeptische Nachkriegsgeneration selbst beschrieben hatte: Er zog sich ins "Private" als "Refugium gegen die Übermacht" einer sich ihm entfremdenden Umwelt zurück. 1973 wechselte er gar frustriert von der rebellisch gewordenen Bielefelder Reform-Universität zur Hochschule nach Münster - samt Lehrstuhl, ein Novum in der westdeutschen Hochschulgeschichte. Streitbar blieb er auch fortan. Schelsky rechnete mit der nachgewachsenen Soziologen-Generation ab, die er nicht mehr verstehen wollte oder konnte, und nannte sich trotzig einen "Anti-Soziologen". Gericht hielt er zuletzt auch mit den "Führungsgruppen in Staat und Gesellschaft", die er - verdrossen über die "Macht der Funktionäre" - griffig als "öffentliche Halbdenker" abqualifizierte. Vorletzten Freitag starb Helmut Schelsky in einem Münsteraner Krankenhaus an Herzversagen.

DER SPIEGEL 10/1984
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