09.04.1984

Erinnerungen an Otto

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Ein Teil der jugendlichen Friedensdemonstranten, die am 18. November vergangenen Jahres kurz vor Eröffnung des Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmfestivals festgenommen worden waren (SPIEGEL 49/1983), befindet sich noch immer in Untersuchungshaft. Zwei der rund 40 Demonstranten, die sich vor dem Kino "Capitol" mit brennenden Kerzen versammelt hatten, wurden bereits im Februar hart bestraft. Die Haushaltsgehilfin Bettina Münzenberg und der Koch Olaf Schubert, beide 20, erhielten 10 und 14 Monate wegen "Rowdytums" und "Widerstands gegen staatliche Maßnahmen". Der Metallarbeiter Sven Thomas Wetzig, 21, und der Tischler Patrice Castillo,
22, warten seit fünf Monaten auf ihren Prozeß. Das Vorgehen der Leipziger Stasi ist gerade im Fall der beiden Untersuchungshäftlinge besonders peinlich. Wetzigs Vater gehörte auf Sansibar zu den Anführern einer marxistischen Befreiungsbewegung und absolvierte am Ost-Berliner Krankenhaus Charite seine Facharztausbildung. Als Sansibar 1964 mit Tanganjika zur Republik Tansania vereinigt wurde, verurteilten die neuen Machthaber Wetzig zum Tode und verlangten seine Auslieferung: Die DDR schob den unliebsamen Revolutionär ab. Wetzig lebt heute in Dänemark. Castillos Vater, der guatemaltekische Guerillero Otto Rene Castillo, war ein Freund des Revolutionärs Ernesto Cardenal und wurde 1967 vermutlich von Regierungstruppen erschossen. Die Verhaftung seines Sohnes beim Leipziger Filmfestival ist noch aus anderem Grund pikant: Otto Rene Castillo war selbst Filmemacher und gehörte 1961/62 der Jury des Leipziger Festivals an.

DER SPIEGEL 15/1984
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