09.04.1984

Tarifstreit: „Wir fahren im Konvoi“

Die Auseinandersetzung um kürzere Wochenarbeitszeiten wurde härter. Die IG Druck beschloß die Urabstimmung, ein Spitzengespräch der Metaller blieb ohne Ergebnis. Ein Kompromiß ist bislang nicht in Sicht: Unter dem Druck ihrer mittelständischen Basis beharren die Arbeitgeberverbände auf der 40-Stunden-Woche. *
Am Freitagmorgen um elf, zu Beginn des Spitzengesprächs zwischen der IG Metall und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall, gab sich Dieter Kirchner noch optimistisch. "Ich habe einen grünen Aktenordner dabei", sagte der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes, "und grün ist die Farbe der Hoffnung."
Am Abend, kurz vor sieben, war die Hoffnung auf eine Annäherung im Tarifkonflikt um die 35-Stunden-Woche dahin. "Wir sind uns", erklärte IG-Metall-Chef Hans Mayr nach der achtstündigen Verhandlungsrunde, "in der Grundfrage nicht nähergekommen."
Die Arbeitgeber beharrten darauf, daß "die 40-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit erhalten bleibt" (Gesamtmetall). Auf einen Stufenplan mit dem Endziel der 35-Stunden-Woche wollten sich die Unternehmer-Vertreter nicht einlassen.
Das Angebot der Arbeitgeber, statt der 35-Stunden-Woche 3,3 Prozent mehr Lohn, eine Vorruhestandsregelung sowie "mehr Flexibilität in der Arbeitszeit" einzuführen, war für Mayr und seine Metaller "nicht tragbar".
Das Frankfurter Treffen markiert den Beginn der heißen Phase im Streit um die 35-Stunden-Woche.
Die IG Metall, mit 2,5 Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft der westlichen Welt, marschiert zum Arbeitskampf auf. Sie richtet sich, so ihr Vorsitzender Hans Mayr, auf die härteste Auseinandersetzung der Nachkriegszeit ein.
Zur Debatte steht, ob die knapper werdende Erwerbsarbeit auf mehr Köpfe verteilt wird; oder ob die Bundesbürger weiter darauf hoffen, daß ungebremstes Wirtschaftswachstum die Millionen-Arbeitslosigkeit beseitigt. Die IG Metall,
die sichtlich Mühe mit der Mobilisierung ihrer Mitgliedschaft hat, stilisierte die Forderung nach der 35-Stunden-Woche zum Kampf um "Sein oder Nichtsein" (IG-Metall-Vize Franz Steinkühler) hoch. Die Arbeitgeber, die zusätzliche Kosten scheuen, qualifizierten jede Verkürzung der Wochenarbeitszeit als "gefährlichen Irrweg" ab. Selbst die Politiker werteten die Frage, wie viele Stunden in der Woche gearbeitet wird, zur entscheidenden Machtprobe des Jahres 1984 auf. Wie kein Kabinett zuvor, ergriff die von Kanzler Kohl geführte Ministerrunde Partei gegen die Gewerkschaftsforderung.
Die konzertierte Aktion von Arbeitgebern und konservativen Politikern richtet sich nicht nur gegen die IG Metall. Auch die Druckergewerkschaft kämpft für die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Zur gleichen Zeit, als Metall-Gewerkschafter und Arbeitgeber in Frankfurt zusammensaßen, beschlossen einige Häuserblocks weiter die IG-Druck-Vorstände Streikaktionen zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche.
Zu Beginn der vergangenen Woche war bei den Druckern der Versuch gescheitert, in letzter Minute eine Einigung über kürzere Arbeitszeiten zu erzielen. Vergeblich hatte der Schlichter versucht, zwischen der IG Druck und dem Arbeitgeberverband zu vermitteln. Die Druck-Arbeitgeber wollten bis 1988 die 40-Stunden-Woche festschreiben. Sie weigerten sich, ohne dieses Zugeständnis der Gewerkschaft über irgendeinen anderen Verhandlungspunkt, wie etwa eine Lohnerhöhung oder eine Verbesserung der Tarifstruktur, mit sich reden zu lassen.
Die Antwort der Gewerkschaft folgte unmittelbar: Am Donnerstag und Freitag letzter Woche legten Tausende von Druckern für einige Stunden die Arbeit nieder. Viele Bundesbürger mußten auf die gewohnte Morgenlektüre verzichten.
Bis Ostern wollen die Drucker den Arbeitskampf Tag für Tag verschärfen. Die Aktionen der Drucker richten sich nicht nur gegen die Unternehmen ihrer Branche. Die Streikaktionen sollen auch den Kampf der Metaller unterstützen. "Zwischen uns und der IG Metall", erklärte Ferlemann, "gibt es einen kurzen Draht. Wir fahren im Konvoi."
Die Vorteile dieses Doppelspiels sind offensichtlich. Die Drucker können mit verhältnismäßig billigen Schwerpunkt-Streiks hohe Aufmerksamkeit erzielen; denn Tageszeitungen sind eine Massenware. Die Metaller können mit der Wucht der Millionen-Organisationen die Großindustrie lahmlegen.
Denkbar wäre sogar noch mehr: Am Dienstag vergangener Woche beschlossen die Vorsitzenden der 17 DGB-Gewerkschaften, daß die "nicht unmittelbar im Tarifkampf stehenden Gewerkschaften unterstützende Aktionen organisieren, bis hin zu Sympathiestreiks".
Fast scheint es, daß die Arbeitgeberverbände den Streik bewußt ansteuern. Während die Arbeiterführer in den vergangenen Wochen immer deutlicher von ihrer Maximalforderung, der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, abrückten, blieben die Unternehmer-Vertreter unnachgiebig.
Schon vor Wochen hatte IG-Metall-Vize Franz Steinkühler ein Signal ausgesandt. Seine Organisation, sagte er, wolle die 35-Stunden-Woche "nicht auf Biegen und Brechen" durchsetzen. Die IG Metall, so Steinkühler, könne sich auch eine stufenweise Verkürzung der Wochenarbeitszeit vorstellen.
IG-Druck-Chef Ferlemann ging sogar noch weiter und wandelte die mißverständliche Formel vom vollen Lohnausgleich ab. Der Gewerkschafter bot den Arbeitgebern an: "Laßt uns doch einmal vernünftig darüber reden, wie denn ein Einstieg in die 35-Stunden-Woche kostenneutral durchgeführt werden kann."
Bei den Verhandlungsführern der Arbeitgeber kamen solche Kompromißangebote nicht an. Mit seinen Worten wollte der Gewerkschafter die Bereitschaft andeuten, für die Kosten einer Arbeitszeitverkürzung auf mögliche Lohnerhöhungen zu verzichten. Doch Arbeitgeber-Unterhändler Manfred Beltz-Rübelmann mißverstand das Angebot: Ferlemann behaupte, so Beltz-Rübelmann hinterher, die 35-Stunden-Woche koste nichts.
Auch die Funktionäre des Metallverbands ignorierten die Signale ihrer Gegenspieler. "Besser vier Wochen Arbeitskampf als eine Woche Arbeitszeitverkürzung", blockte Gesamtmetall-Geschäftsführer Dieter Kirchner jedes Einlenken der Arbeitgeber ab. Als "nicht kompromißfähig" bezeichnete Arbeitgeberpräsident Otto Esser auf der Hannover-Messe die Unterschreitung der 40-Stunden-Woche.
Esser und seine Freunde stehen unter dem Druck ihrer Basis. Sowohl im Druck- wie im Metall-Arbeitgeberverband bestimmen vor allem die Klein- und Mittelbetriebe die Richtung. "Die mittelständische Sicht ist entscheidend", erklärte Druck-Unterhändler Beltz-Rübelmann die harte Linie seines Verbandes.
Doch so festgefügt, wie es nach außen scheint, ist die Front der Arbeitgeber nicht. Manager in Großbetrieben reden ganz anders als ihre mittelständischen Kollegen. "Wir müssen den Gewerkschaften die Hand geben", mahnte BMW-Chef Eberhard von Kuenheim zum Ärger der Kölner Gesamtmetall-Funktionäre.
Noch deutlicher äußerte sich Hans Peter Stihl, Verhandlungsführer der Metall-Industriellen in Baden-Württemberg. "Ich glaube, beide Seiten müssen gewisse Tabus aufgeben", sagte Stihl. Die IG Metall müsse von der Idee abrücken, in die 35-Stunden-Woche zu marschieren, und die Arbeitgeber die Vorstellung, "in jeder Form an der 40-Stunden-Woche festhalten zu müssen".
Doch für Kompromisse ist die Zeit offenbar noch nicht reif. Arbeitgeber wie Gewerkschaften haben sich in den wochenlangen Vorgefechten so in ihre Stellungen vergraben, daß sie nun nicht kampflos aufgeben können.
Metaller-Chef Hans Mayr vorigen Freitagabend in Frankfurt: "Ein Streik ist wahrscheinlicher denn je." _(Von links: Gewerkschafter Steinkühler, ) _(Mayr, Janßen, Fischer; rechts: ) _(Gesamtmetallfunktionär Kirchner. )
Von links: Gewerkschafter Steinkühler, Mayr, Janßen, Fischer; rechts: Gesamtmetallfunktionär Kirchner.

DER SPIEGEL 15/1984
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