09.04.1984

FRAUENSpitze entmannt

Erstmals haben die Frauen ein Stück Macht in Bonn erobert: Die Wahl der weiblichen Führungsriege der Grünen beflügelt die Politikerinnen der etablierten Parteien. *
Wenn es um die Frage geht, ob mehr Frauen in Parlamente und Parteiämter sollen, dann halten es die Politiker wie Radio Eriwan: Im Prinzip sind sie alle dafür.
Der FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher beklagt das "Vollzugsdefizit in Sachen Gleichberechtigung". SPD-Chef Willy Brandt moniert, daß "Frauen bei der Besetzung öffentlicher Ämter in extremer Weise übergangen werden". Und CDU-Kanzler Helmut Kohl bedauert, daß zu wenig Damen "oben sitzen".
Das Münchner Kommunalwahlergebnis, philosophierte der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel am Dienstag voriger Woche, solle zu denken geben. Dort hätten die Wählerinnen mit ihren Häufelstimmen dafür gesorgt, daß es jetzt 15 weibliche SPD-Stadträte gebe. Vogel über die überraschende Frauen-Solidarität: "Ich rate jedem, der Listen aufstellt, diese Entwicklung ernst zu nehmen."
Im Prinzip sieht das sicher auch Vogels Fraktionsvorstand so. Aber wenn es um die Verteilung von Posten geht, dann ziehen die Genossinnen allemal den kürzeren. Vogel mußte eingestehen, daß wieder nur Männer als neue Kandidaten für den Fraktionsvorstand empfohlen worden waren.
Und wenn an demselben Dienstag die Frauen nicht den radikalen Durchmarsch gewagt hätten, dann wäre auch bei den Grünen in Bonn alles beim alten geblieben: "Die Männer hätten", so die Abgeordnete Waltraud Schoppe, "weiterhin das Sagen gehabt."
Mit Blumengebinden in Zellophanpapier und Sekt aus der Pulle feierten die grünen Parlamentarierinnen kurz vor Mitternacht ihren Überraschungscoup: "Zum ersten Mal in der Geschichte", jubelte die neue Vorstandssprecherin Antje Vollmer, "haben Frauen in einer Fraktion die Führung übernommen."
Verschreckt stoben ihre männlichen Kollegen auseinander und flüchteten sich, wie Ex-Fraktionsgeschäftsführer Joschka Fischer, in zynische Sprüche über die "gequetschten Schwanzträger" (siehe Kasten). Oder sie bekrittelten, wie Ex-Vorstandssprecher Otto Schily, die Machtübernahme durch die Frauen als "falschen Weg einer geschlechtsspezifischen Lösung".
Nach stundenlangem Palaver über die alte Führungsriege, deren Chancen auf Wiederwahl zusehends schwanden, schlug Marieluise Beck-Oberdorf zur Verblüffung der Männer vor, eine reine Frauenliste zu wählen. Die Kandidatinnen für den Job der Vorstandssprecher - Antje Vollmer, Waltraud Schoppe und Annemarie Borgmann - sowie der Fraktionsgeschäftsführer - Erika Hickel, Christa Nickels und Heidemarie Dann - waren am Vormittag vom grünen "Weiberrat" nominiert worden.
Die geschlauchten und ratlosen Fraktionsmitglieder (der Nachrücker Jo Müller: "Einige haben gar nicht mitgekriegt, was da ablief") stimmten für das Feminat - es gab nur sieben Gegenstimmen. Und mit einer bei Grünen seltenen Einmütigkeit votierten 39 der 47 Stimmberechtigten für die beiden profiliertesten der Frauen: die Studienreferendarin und Frauenrechtlerin Waltraud Schoppe sowie die gelernte Pastorin und Agrarexpertin Antje Vollmer.
Waltraud Schoppe, Mutter zweier Söhne, ist denn auch "gespannt, wie weit die Solidarität uns trägt". Schließlich, so analysiert sie die Lage, "fühlen sich die Männer angegriffen; sie sind teils schmollend, teils wohlwollend und auf jeden Fall verunsichert".
Anders als die alte Crew, in der die "berstenden Egos" (MdB Roland Vogt) von Petra Kelly, Otto Schily und Joschka Fischer häufig aufeinander prallten, wollen die Frauen neue politische Qualitäten entwickeln: "Kooperation und Kollegialität" (Antje Vollmer) in der Fraktionsführung, engere Zusammenarbeit mit der Partei. Konkurrenzneid und Profilierungssucht soll es nicht mehr geben. "Vielleicht", meint der hessische Abgeordnete Hubert Kleinert, "war es notwendig, nach der Prominenten-Garde in ein anderes Extrem zu verfallen."
Daß nach den harten Machern nun sanfte Mütter die fraktionsinternen Konflikte um Rotation und Realpolitik entschärfen, möchten die streitbaren Frauen nicht versprechen. "Wir wollen nicht, wie in der Familie üblich", warnte Waltraud Schoppe vor falschen Erwartungen, "unsere Mütterlichkeit aktivieren, um Krisen aufzufangen, sondern zur Mitarbeit aktivieren."
Ihre Machtübernahme in der Bundestagsfraktion soll ein "Signal" (Antje Vollmer) sein, soll die etablierten Parteien nun auch in der Frauenfrage unter Druck setzen. In der Umweltpolitik sei das den Grünen ja schon gelungen.
Vorerst erfahren die kämpferischen Öko-Frauen vor allem Zuspruch von ihren Geschlechtsgenossinnen aus den anderen Fraktionen. "Eine tolle Sache", freut sich die Freidemokratin Hildegard Hamm-Brücher, "damit kann ich mich nur solidarisieren."
Spontan gratulierte die CSU-Abgeordnete Ursula Männle ihrer Ausschußkollegin Waltraud Schoppe zu dem Erfolg. Und die Sozialdemokratin Anke Fuchs findet die frauenpolitische Kulturrevolution "ganz prima".
Die SPD-Abgeordnete Herta Däubler-Gmelin dagegen warnt die Frauen davor, sich "auf einer Insel der Seligen, in der politischen Subkultur zu organisieren". Das grüne Modell sei jedenfalls auf eine Volkspartei wie die SPD nicht übertragbar.
Dennoch könnte die Entmannung der grünen Fraktionsspitze bei den Patriarchen in den anderen Parteien einen heilsamen "Schock" (SPD-MdB Ingrid Matthäus-Maier) auslösen. Die Ansprüche der Sozialdemokratinnen sind allerdings _(Antje Vollmer, Waltraud Schoppe, ) _(Annemarie Borgmann, Heidemarie Dann, ) _(Erika Hickel, Christa Nickels. )
bescheidener als die ihrer grünen Kolleginnen. Sie wären schon froh, wenn statt bisher sechs auf dem Parteitag im Mai acht Frauen in den 40köpfigen Parteivorstand gewählt würden.
"Die Frauenfrage", prophezeite erst kürzlich SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz, könnte zu "einem der wichtigsten Schlüssel für einen Erfolg der Linken werden". Um so bedrohlicher muß den Genossen das grüne Experiment erscheinen. Schließlich verloren sie bei den letzten Wahlen schon einen Großteil der Jungwähler an die Ökopaxe. Wenn ihnen nun auch die aufgeklärten, politisch engagierten Frauen von der Fahne gehen, fiele die SPD in ein gefährliches Tief. In den vergangenen Jahren waren Wählerinnen die treueste sozialdemokratische Klientel.
Deren Zuneigung zur SPD verflüchtigt sich ohnehin. Selbst die Parteifrauen haben es satt, mit Versprechungen abgespeist zu werden. Das bekamen die Spitzengenossen schon zu spüren.
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Friedhelm Farthmann, der auch Frauenbeauftragter der Landesregierung ist, wurde vor kurzem mit Zwischenrufen ("Das kennen wir schon") aus dem Dortmunder "Frauenforum" vertrieben, weil er seine Zuhörerinnen mit hinlänglich bekannten Fakten anödete.
Nur etwas besser erging es dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau am vorletzten Sonnabend. Auf dem Aachener SPD-Landesparteitag redeten erboste Frauen auf den Landesvater ein, weil in seinem Kabinett nicht eine einzige Genossin mehr sitzt. Einen "absoluten Tiefenrekord", so die Sprecherin der sozialdemokratischen Frauen, Karin Hempel-Soos, hat die Düsseldorfer SPD-Landtagsfraktion aufgestellt. Unter den 106 Parlamentariern gibt es nur sechs weibliche Abgeordnete.
Zu einer Männerpartei hat sich auch die FDP zurückentwickelt, die der Liberalen Hildegard Hamm-Brücher "ganz und gar nicht mehr frauenfreundlich vorkommt". Noch 1980 trugen die weiblichen Wähler erheblich zum Rekordergebnis der Freidemokraten von über zehn Prozent bei. Das hat sich inzwischen geändert. Vergebens bemühte sich Genscher nach dem Koalitionswechsel, der Partei mit der Berufung der Generalsekretärin Irmgard Adam-Schwaetzer einen femininen Touch zu geben. Die überforderte FDP-Managerin scheiterte und wird demnächst von einem blassen Bürokraten abgelöst.
Mit nur einer Dame im Kabinett begnügt sich die christliberale Regierung in Bonn. Dorothee Wilms darf das kompetenzarme Bildungsressort leiten. Der schon immer geringe Anteil von Parlamentarierinnen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion schrumpfte bei der letzten Wahl auf 6,7 Prozent. Dabei sind rund 22 Prozent aller CDU-Mitglieder weiblich.
Das Unvermögen der etablierten Parteien, mehr Frauen bei Kandidaturen zu unterstützen und sie in Spitzenpositionen zu akzeptieren, führte im baden-württembergischen Ellwangen oder auch im bayrischen Waldkirchen dazu, daß Frauenlisten bei den Gemeinderatswahlen der CDU und CSU Konkurrenz machten. So zeigen sich auch bei den Konservativen die ersten Anzeichen für den von Glotz prognostizierten "unvermeidlichen Verfall des Patriarchats".
Doch das Patriarchat, wissen die Frauen, wird sich wehren. Sie sei sicher, so Waltraud Schoppe auf der ersten Pressekonferenz des weiblichen Sechsergremiums der grünen Bundestagsfraktion, daß die Journalisten, wenn erst der exotische Reiz dieser Weiberherrschaft verflogen sei, sich wieder an die grünen Männer wenden.
Das Risiko, das sie mit ihrem Weiberblock eingehen, ist ihnen bewußt. Antje Vollmer fühlt sich an frühere Zeiten erinnert: Als unverheiratete Pastorin erwartete sie - eine, wie sie meint, Novität in der deutschen Kirchengeschichte - ein Kind. Antje Vollmer über den Konflikt: "Genau wie damals habe ich heute das Gefühl, das muß dir besonders gut gelingen."
Es steht viel auf dem Spiel. Wenn die "Palastrevolution" (Heidemarie Dann) schiefgeht, werden sich all jene bestätigt fühlen, die schon immer daran gezweifelt haben, daß Frauen in Spitzenpositionen miteinander solidarischer umgehen können als Männer.
Und den grünen Machern wird dann angelastet, daß selbst in einer alternativen Partei ein solches Experiment nicht möglich ist. Nachrücker Jo Müller: "Wir alle wissen, denen muß man helfen bis zum Gehtnichtmehr."
Antje Vollmer, Waltraud Schoppe, Annemarie Borgmann, Heidemarie Dann, Erika Hickel, Christa Nickels.

DER SPIEGEL 15/1984
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