09.04.1984

NATOFast perfekt

Vor der Nuklearen Planungsgruppe der Nato bestätigte US-Verteidigungsminister Weinberger nachträglich die westliche Friedensbewegung: Die Nachrüstung war eigentlich überflüssig. *
Der amerikanische Verteidigungsminister sorgte wieder für eine Überraschung. Im abgedunkelten Konferenzsaal des Hotels "Goldener Delphin" im türkischen Seebad Cesme an der ägäischen Küste ließ Caspar Weinberger in der vergangenen Woche seine Nato-Kollegen einen Blick ins Jahr 2000 werfen.
Dutzendweise eingeflogene Pentagon-Experten erläuterten in einer perfekten Inszenierung mit Schaubildern und Tabellen, wie sich die US-Militärs die Zukunft vorstellen: *___Im Weltraum fliegende Satelliten-Killer der USA machen ____den Gegner blind; sie zerstören die Aufklärungs- und ____Nachrichtensatelliten Moskaus. Der Kreml ist ____führungslos. *___Sowjetische Interkontinentalraketen werden durch im All ____stationierte Laserstrahlenwaffen schon im Anflug auf ____die USA abgefangen und zerstört.
Doch die Europäer mochten sich für den von Präsident Ronald Reagan schon seit einem Jahr propagierten "Krieg der Sterne" nicht so recht begeistern. Ein Minister nach dem anderen stellte in der Sitzung der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) dem mürrischen Amerikaner sehr direkte Fragen. Die Europäer fürchten nicht nur eine neue Runde im Rüstungswettlauf, sondern auch eine völlig neue, Milliarden verschlingende Allianz-Strategie.
Bisher beruht die Abschreckung zwischen West und Ost auf der Fähigkeit der anderen Seite zur Vergeltung, zum atomaren Gegenschlag: Wer als erster schießt, stirbt als zweiter. Neue Raketenabwehrsysteme sind deshalb nach dem 1972 zwischen Moskau und Washington geschlossenen ABM-Vertrag verboten. Nun aber soll, geht es nach Reagan und Weinberger, dieses Dogma nicht mehr gelten: Die USA wollen einen atomaren Angriff auf ihr Land abwehren und den Gegner, der seine Raketen erfolglos verschossen hat, dann mit der Androhung des Einsatzes eigener Interkontinentalwaffen zur Kapitulation zwingen.
Weinberger, dessen Informationsteams schon im März durch die europäischen Hauptstädte gereist waren, zeigte sich gegen skeptische Fragen präpariert. Der CIA hatte ihm, pünktlich wie immer, wenn es um neue Aufrüstungsschritte geht, Informationen über einen "enormen sowjetischen Vorsprung" auf diesem Gebiet geliefert. Der US-Verteidigungsminister legte sogar das Satelliten-Photo einer riesigen sowjetischen Radar-Station vor, die, so die US-Experten, nur einem einzigen Zweck dienen könne: der Vorbereitung eines neuen sowjetischen Raketenabwehrgürtels.
Ob der Bau dieser Station den ABM-Vertrag verletze, wollte der niederländische Verteidigungsminister Jacob de Ruiter wissen.
Weinberger wich aus: So genau könne er das nicht sagen. Der Pentagon-Chef ahnte die nächste Frage de Ruiters, wie denn die amerikanischen Anstrengungen mit dem Vertrag zu vereinbaren seien.
Vorerst gehe es nur, erwiderte er, um Forschung und Entwicklung, nicht aber um die Produktion. Deshalb könne man nicht von einer Vertragsverletzung reden. Im übrigen wollten die USA die Verbündeten über jeden neuen Schritt informieren.
Nicht nur Information sei geboten, sondern auch Konsultation, begehrte der deutsche Verteidigungsminister auf. Weinberger sagte zu. Er ließ es nach anfänglichem Zögern sogar ins Kommunique schreiben.
Manfred Wörner meldete weitere Bedenken an: Wenn die USA sich durch ein Raketenabwehrsystem, welcher Art auch immer, wirklich schützen könnten, wie stehe es dann mit der Sicherheit der Verbündeten? Den Sowjets blieben immerhin noch atomare Mittel- und Kurzstreckenraketen für den Einsatz in Europa. Zonen ungleicher Sicherheit aber dürfe es im Bündnis nicht geben.
Weinberger war auch auf diesen Einwand vorbereitet: Technisch sei es durchaus möglich, Antiraketen gegen Mittel- und Kurzstreckenwaffen zu entwickeln, sogenannte ATMs (Anti Tactical Missiles). Unter Umständen, ergänzten seine Experten, könne man die Flugabwehrrakete "Patriot", die demnächst in der Bundeswehr eingeführt werden soll, entsprechend modifizieren. Die
"Patriot" sei ursprünglich als Anti-Raketen-Rakete konzipiert worden.
Mit dieser Argumentation bringen die Amerikaner die westeuropäischen Regierungen in neue Verlegenheit. Die Aufstellung von 572 amerikanischen Pershing-2-Raketen und Marschflugkörpern in Westeuropa war stets mit der sowjetischen Überlegenheit bei Mittelstreckenraketen begründet worden.
Nun offerieren die US-Militärs plötzlich eine "fast perfekte" (so ein US-Experte) Abwehrwaffe gegen die einst als so bedrohlich empfundenen SS-20-Raketen der Sowjets. Der Friedensbewegung wird damit nachträglich offiziell der Beweis geliefert, daß die Nachrüstung des Westens voreilig und eigentlich überflüssig war.
Nach langem Hin und Her einigte sich die Runde in Cesme schließlich, das brisante Thema vorerst klein zu spielen.
Die US-Delegation, so Weinberger, habe lediglich "technische und wissenschaftliche Informationen" gegeben und Fragen beantwortet. Zu Sorgen bestehe also kein Anlaß.
Der deutsche Verteidigungsminister sieht das anders. Auf dem Rückflug nach Bonn notierte er handschriftlich alle Vor- und Nachteile der amerikanischen Weltraumrüstung. Sein Fazit: "Ich bleibe skeptisch."
Der Westen müsse zwar in der Forschung und Entwicklung von Weltraumwaffen und Anti-Raketen-Raketen mit Moskau gleichziehen, so Wörner, dürfe aber nicht mit dem Aufbau dieser Systeme beginnen. Wörner: "In der Nato muß noch sehr gründlich nachgedacht werden."

DER SPIEGEL 15/1984
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