09.04.1984

„Im Zweifel Ökologie vor Ökonomie“

EKD-Denkschrift für eine Umkehr in der westdeutschen Agrarpolitik Landwirtschaftliche Familienbetriebe statt gigantischer Fleisch- und Eierfabriken; Tierhaltung auf dem Bauernhof statt chemisch aufgepäppelter Massenbestände; Hecken und Feldraine statt monotoner Agrarwüsten - Kernforderungen einer letzte Woche veröffentlichten Agrar-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). _("Landwirtschaft im Spannungsfeld ) _(zwischen Wachsen und Weichen, Ökologie ) _(und Ökonomie, Hunger und Überfluß. Eine ) _(Denkschrift der Kammer der EKD für ) _(soziale Ordnung“. Gütersloher ) _(Verlagshaus Gerd Mohn; 128 Seiten; 9,80 ) _(Mark. ) Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge aus dem Dokument, das in der Landwirtschaftspolitik eine ebensolche Umkehr verlangt wie die 1965 erschienene Ost-Denkschrift der EKD in der Deutschlandpolitik. *
Über die "Zuspitzung der ökologischen Probleme" in der Landwirtschaft:
Die Zeit drängt, wenn Natur und Landschaft für kommende Generationen funktionsfähig erhalten bleiben sollen.
Über ein Drittel der 7,5 Millionen Hektar Wald der Bundesrepublik ist durch verschiedenste Umwelteinflüsse geschädigt. Nach Schätzungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind zwischen 30 und 50 Prozent der gesamten Flora und Fauna in ihrem Fortbestand bedroht, also fast jede zweite Tier- und Pflanzenart.
Die Schadstoffbelastung des Bodens, der Gewässer und des Grundwassers nimmt in bestimmten Regionen solche Ausmaße an, daß wirksame Gegenmaßnahmen nicht mehr lange auf sich warten lassen dürfen.
Über "Nachteile und negative Folgen von großen Tierbeständen":
Moderne Produktionssysteme schaffen für das Tier oft eine künstliche Umwelt. Dadurch kann es einem ständigen Streß unterworfen sein, welcher unter Umständen wiederum mit weiteren Maßnahmen aufgefangen werden muß.
Die Rückführung der großen Mengen anfallender Exkremente in den Naturkreislauf ist bei mangelnder Lagerkapazität und/oder begrenzter landwirtschaftlicher Nutzfläche fragwürdig; Boden und Grundwasser sind gefährdet.
Über die Notwendigkeit einer "Anpassung der Technik an ökologische Erfordernisse":
Es kann weder ein Zurück in eine schwärmerische Naturromantik oder einen ungebrochenen Naturzustand noch ein interessengebundenes Festhalten an angeblich wirtschaftlichen Sachzwängen geben. Das Heilmittel heißt auch nicht Verzicht auf Technik. Gesetze und Kreisläufe der Natur müssen respektiert werden.
Über die Notwendigkeit einer "Neubesinnung im Pflanzenschutz":
In den letzten Jahrzehnten hat sich der Gebrauch chemischer Mittel zum wichtigsten Verfahren des Pflanzenschutzes entwickelt. Verschiedentliche Mißerfolge, unerwartete Nebenwirkungen, aber auch wirtschaftliche Überlegungen haben zum Nachdenken über die bisherige Entwicklung herausgefordert.
So können Unkrautbekämpfungsmittel auch Insekten abtöten, ihre Fruchtbarkeit mindern oder ihnen indirekt durch Entzug ihrer Nahrungspflanzen die Lebensgrundlage nehmen. Einige zuvor unbedeutende Arten sind erst durch die störenden Eingriffe der Chemikalien zu wichtigen Schädlingen geworden. Zu den unerwünschten Folgen zählt ferner, daß sich Schaderregerstämme bilden, die durch häufige Mittelanwendung gegen einzelne Chemikalien oder Präparategruppen widerstandsfähig (resistent) werden.
In der heute vielfach erhobenen Forderung nach einem "integrierten Pflanzenschutz" wirkt sich der Wunsch nach einer Neuorientierung aus, die dem Pflanzenschutz einen neuen Rahmen gibt. Das Ziel ist eine verbesserte und aufeinander abgestimmte, umweltschonende Wahl aller Pflanzenschutzmaßnahmen.
Aus der Zusammenfassung der "Grundforderungen" der EKD an die staatliche Agrarpolitik:
Die Agrarpolitik darf nicht zum Wachstumszwang oder zum Hinausdrängen in die Arbeitslosigkeit führen. Die Existenzsicherung bäuerlicher Betriebe und die soziale Absicherung müssen angesichts der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation den Vorrang vor einer Förderung sehr großer Produktionseinheiten haben.
Eine bäuerlich geprägte Landwirtschaft als regional unterschiedliches Mit- und Nebeneinander von landwirtschaftlichen Voll-, Zu- und Nebenerwerbsbetrieben hat sich als diejenige Lebensform erwiesen, die einer ganzheitlichen Betrachtungsweise agrarpolitischer Zielsetzungen am ehesten gerecht werden kann.
Über Wege zu einer "umweltschonenden Produktion":
Da die vor allem ökonomisch begründete Intensivierung der Landbewirtschaftung immer sichtbarer an ökologische Grenzen stößt, sollte auch in den Gebieten, in denen die Bodenfruchtbarkeit, die Wasserqualität und Artenvielfalt akut und langfristig gefährdet sind,
die landwirtschaftliche Intensivproduktion nicht weiter ausgebaut werden.
Ein sorgsamerer und umweltschonender Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist dringend geboten. Im Zweifelsfall sollten heute ökologische Forderungen Vorrang vor ökonomischen Erwägungen haben, zumal langfristig nur das ökonomisch sinnvoll ist, was auch ökologisch verantwortet werden kann. Notwendig sind deshalb *___die Begrenzung des Einsatzes von mineralischem Dünger ____(aber auch organischer Dünger wie der Gülle) und von ____chemischen Pflanzenbehandlungsmitteln und ____pharmazeutischen Präparaten auf das unbedingt ____notwendige Maß sowie die fortschreitende Bevorzugung ____naturgemäßer umweltfreundlicher Anbau- und ____Pflanzenschutzverfahren; *___eine größere Nutzung der vielen Möglichkeiten, die eine ____intensive, aber dennoch umweltschonende ____Landbewirtschaftung möglich machen; *___die Förderung eines Netzes von naturnahen Biotopen ____durch entsprechende Anreize und Verordnungen; dagegen ____sollte die Umwandlung von Feucht-, Trocken- und ____Magerwiesen und anderen bedrohten Lebensräumen in ____genutzte Flächen verhindert werden.
Über "artgerechte Tierhaltung":
In der landwirtschaftlichen Tierhaltung ist das bereits geltende Tierschutzgesetz (1962), das für das Tier eine "angemessene, artgemäße Nahrung und Pflege und eine verhaltensgerechte Unterbringung" vorschreibt, genauer und konsequenter als bisher zu beachten. Notwendig sind *___die EG-weite Einschränkung der landwirtschaftlichen ____Tierhaltung auf Bestandsgrößen und Haltungssysteme, die ____eine artgemäße Betreuung und damit verantwortlichen ____Umgang mit den Nutztieren gewährleisten; *___die Verhinderung regionaler Schwerpunktbildungen der ____intensiven Tierhaltung dann, wenn dies zu unzumutbaren ____Belastungen führt; *___die Einschränkung von Massentierhaltungen ohne eigene ____Futterversorgung und eine wirksame Einschränkung der ____gewerblichen Tierhaltung.
Über die Auswirkungen einer solchen Agrarpolitik auf den Verbraucher:
Die Verbraucher werden durch umweltbewußteres Verhalten ihren Beitrag leisten müssen, nicht zuletzt durch Zahlung höherer Preise bei ökologisch unbedenklicheren Produktionsverfahren.
Sauberes Wasser, reinere Luft, weniger schadstoffbelasteter Boden, rückstandsfreiere Nahrungsmittel und tierfreundlichere Haltungsformen haben ihren Preis.
"Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Wachsen und Weichen, Ökologie und Ökonomie, Hunger und Überfluß. Eine Denkschrift der Kammer der EKD für soziale Ordnung". Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn; 128 Seiten; 9,80 Mark.

DER SPIEGEL 15/1984
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