09.07.1984

„Mein Führer, Sie leben, Sie leben“

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Malanowski über den 20. Juli 1944 (I): Attentat und Staatsstreich *
Wachtmeister Arthur Adam stieg über Trümmer, verkohltes Holz und geborstenes Glas. Im Führerhauptquartier "Wolfschanze" besah er sich, am 20. Juli 1944, den Schaden, den die Bombe in der Lagebaracke gerade angerichtet hatte.
Der Raum und die Möbel waren erheblich beschädigt, der wuchtige Tisch, auf dem die Offiziere ihre Generalstabskarten auszubreiten pflegten, war zusammengekracht. Im Fußboden, da, wo die Bombe abgestellt worden war, klaffte ein Loch, 55 Zentimeter im Durchmesser. Die Wandbekleidung hing in Fetzen herab, die Fenster waren aus den Rahmen gerissen.
Wachtmeister Adam fiel auf, daß Koppel und Dienstmütze des Obersten i. G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg noch an der Garderobe im Vorzimmer der Lagebaracke hingen. Er erinnerte sich, daß der Offizier die Lagebesprechung beim Führer vorzeitig verlassen hatte.
Hatte Stauffenberg die Bombe gelegt?
Major Josef Wolf, Kommandeur der Führer-Nachrichten-Abteilung, dem Adam seinen Verdacht anvertraute, kanzelte ihn ab: "Wenn Sie glauben, das melden zu müssen, dann tun Sie das." Auch Oberstleutnant Ludolf Gerhard Sander, Nachrichtenoffizier im Führerhauptquartier, hat ihn "angeblasen". Aber Wachtmeister Adam ließ nicht locker. Er ging zu Reichsleiter Martin Bormann, und Bormann nahm ihn sofort mit zu Hitler.
Auch Oberfeldwebel Werner Vogel gab gewisse Wahrnehmungen preis. Er hatte einen "in ein Stück Tarnzeltplane verpackten Gegenstand" gesehen. Er beobachtete auch, daß Stauffenberg und sein Adjutant, Oberleutnant Werner von Haeften, daran "arbeiteten". Als Vogel den Oberst zur Lagebesprechung rief, "hantierten beide noch an derselben Sache".
Die Bombe?
Und schließlich: Leutnant Erich Kretz, der Stauffenberg und Haeften nach der Explosion schleunigst zum Flugplatz Rastenburg/Ostpreußen zu fahren hatte, sah im Rückspiegel, wie der Oberleutnant ein Paket aus dem Wagen warf.
Pioniere fanden es wenig später am Ausgang "Süd" des "Sperrkreises II", es enthielt: 975 Gramm Plastiksprengstoff, zwei Initialzündköpfe und einen englischen Zeitzündstift für 30 Minuten Verzögerung.
Wenige Stunden nach dem Bombenanschlag auf Hitler stand der Attentäter fest: Stauffenberg. Wachtmeister Adam wurde zum Oberwachtmeister befördert, erhielt 20 000 Reichsmark und ein kleines
Häuschen nahe der Reichshauptstadt.
In aller Frühe waren Stauffenberg und Haeften mit einer Kuriermaschine vom Typ Ju 52 von Berlin abgeflogen. Die Tasche mit dem Plastiksprengstoff, zwei Pakete mit je 975 Gramm, stand neben dem Oberst.
Stauffenberg, seit 1. Juli 1944 Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres, war ins Führerhauptquartier befohlen worden, um auf einer Lagebesprechung, an der auch Hitler teilnehmen würde, über die Aufstellung sogenannter Sperrdivisionen zu berichten, die den drohenden Angriff der Roten Armee auf Ostpreußen abwehren sollten.
Die Kommandierung verschaffte dem Verschwörer Zugang zu dem abgeschotteten Hitler, der mit Attentaten rechnete: "Ich kann aber jederzeit von einem Verbrecher, einem Idioten beseitigt werden." Das "einzige Vorbeugungsmittel ist ein unregelmäßiges Leben", äußerte er, "jeden Tag zu einer anderen Zeit spazierengehen und ausfahren und Reisen unerwartet antreten".
Auch für den geplanten Staatsstreich bot die neue Position günstige Voraussetzungen. Diese Dienststelle im Oberkommando des Heeres (OKH) in der Berliner Bendlerstraße hatte das Kommando über die im Reichsgebiet, im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, _(Oben: von Haeften aus dem Pkw geworfenes ) _(Sprengstoff-Paket; unten: für den ) _(schwerverwundeten Stauffenberg ) _(zurechtgebogene Flachzange, mit der er ) _(den Zünder auslöste. )
im Generalgouvernement in Polen und im besetzten Ausland stehenden Truppen, konnte sie verschieben, alarmieren und einsetzen - etwa im Fall innerer Unruhen.
Exakte Pläne und Befehle dafür lagen schon bereit - Stichwort "Walküre", von Hitler sogar genehmigt, von Stauffenberg und dem mitverschworenen Generalmajor Henning von Tresckow aber heimlich für den Umsturz ergänzt: "Walküre 2. Stufe".
"Wenn diese ganze Verschwörung überhaupt noch eine winzige Chance hat", schrieb Stauffenbergs Cousine Olga von Saucken einige Tage vor dem Anschlag, "dann erst, seit Claus dazugestoßen ist. Er ist jetzt die treibende Kraft ... Er ist jetzt auch der Finger am Drücker."
Ausgerechnet er, der Schwerverwundete. Aber offenbar fand sich unter den Zehntausenden Offizieren und Tausenden Generälen der Wehrmacht und der Schar der Verschworenen kein anderer, der Gelegenheit, Willen und Mut zur Tat gehabt hätte - so viele Pläne seit 1938 auch geschmiedet, so viele Versuche auch unternommen worden waren.
Stauffenberg hatte bei den Kämpfen in Afrika das linke Auge, den rechten Arm und zwei Finger der linken Hand verloren. Ein Pistolen-Attentat kam schon deshalb nicht in Frage, aber nicht nur deshalb.
Hitler mit einem einzigen Schuß, ins Gesicht, tödlich zu treffen, erschien fast unmöglich. "Er könne das nicht", auch nicht aus einer Entfernung von nur drei Metern, meinte sogar Oberstleutnant Georg Freiherr von Boeselager, Moderner Fünfkämpfer und einer der besten Pistolenschützen der Armee.
Daß der Attentäter, von Offizieren umringt, die meisten von ihnen Hitler treu, mehrere Schüsse hätte abfeuern können, wurde ebenfalls ausgeschlossen. Es kam auch nicht in Betracht, daß sich Stauffenberg mit Hitler zusammen in die Luft sprengte. Das hätte schon ein anderer machen müssen. Denn der Oberst war eben nicht nur der "Finger am Drücker", sondern auch die "treibende Kraft" des Staatsstreichs.
General Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes in Berlin, hatte ihn, 1943, für den geplanten Umsturz gewonnen. Stauffenberg, der inzwischen überzeugt war, daß der schon verlorene Krieg beendet, "dieses sinnlose Menschenopfer verhindert" werden müßten, entschied sich: "Nachdem die Generäle bisher nichts erreicht haben, müssen sich nun die Obersten einschalten."
Daß der "Narr", Hitler, Krieg machen würde, hatte Stauffenberg schon vor Kriegsausbruch befürchtet. Doch in den Krieg zog der Sohn des einstigen Oberhofmarschalls des Königs von Württemberg und, mütterlicherseits, Ururenkel des preußischen Reformer-Generals August Graf Neidhardt von Gneisenau "erfüllt von jenem Siegesgefühl, das damals in Deutschland die meisten Menschen erfaßt hatte" (so sein Biograph Joachim Kramarz). Stauffenberg: "Der polnische Feldzug geht erstaunlich frisch voran."
Während des Frankreichfeldzuges kritisierte der Generalstäbler der 6. Panzerdivision, "daß in den großen Fragen alle Mühe und Arbeit durch einen unvorhersehbaren Führerentscheid umsonst war". Doch alles in allem ging es ihm "köstlich, wie sollte es auch anders sein bei solchen Erfolgen". Stauffenberg: "Es ist ein unerhörter Vormarsch, eine wirkliche Invasion, ein unaufhaltsames Weiterstoßen ... In unseren Kämpfen bereiten sich die weitgehendsten, das Gesicht der alten Welt verändernden Entscheidungen vor."
Nach dem Blitzkrieg schrieb er in einem Feldpostbrief: "Das französische Debacle ist furchtbar. Sie sind völlig geschlagen, ihr Heer vernichtet, ein Schlag, von dem sich dieses Volk nicht so leicht wird wieder erholen können. Heute in einer Woche jährt sich der Tag des Versailler Vertrages."
Die Schmach von Versailles, die so viele Offiziere an die Seite Hitlers getrieben und gehalten hatte, war getilgt, nach 21 Jahren. "Welche Veränderung in welcher Zeit", empfand Stauffenberg, der, ein Jünger Stefan Georges, des mystischen Künders des "heimlichen", des "tausendjährigen Reiches", die nationale Erneuerung Deutschlands herbeigesehnt und so anfangs Hoffnung auch auf den Nationalsozialismus gesetzt hatte.
Der damals 32jährige Rittmeister formulierte, pathetisch wie zeitgemäß: "Wenn wir das unseren Kindern beibringen, daß nur der dauernde Kampf ... vor dem Untergang rettet, und dies um so mehr, je größer das schon Erreichte ist, und daß Beharren, Erhalten und Tod identisch sind, dann haben wir den größten Teil unserer nationalen Erziehungspflicht geleistet."
Auch als der "Narr" Rußland überfiel, ließ sich Stauffenberg, so Biograph Kramarz, "erstaunlicherweise von diesem momentanen Optimismus anstecken". Aber schon im Herbst 1942, als die deutschen Greuel in Rußland ruchbar wurden und die Rote Armee dem Aggressor schwere Schläge versetzte, fragte er ungeduldig: "Findet sich denn da drüben im Führerhauptquartier kein Offizier, der das Schwein mit der Pistole erledigt?"
Wenig später sagte er zu einem Freund: "Es kommt darauf an, ihn umzubringen, und ich bin dazu bereit."
Am 20. Juli 1944 war Aufschub nicht länger möglich; die Gefahr für die Verschwörer, aufzufliegen, wurde von Tag zu Tag größer. Stauffenberg: "Da gibt es _(Am 15. Juli 1944 im Führerhauptquartier; ) _(für diesen Tag war das Attentat ) _(ursprünglich geplant. Rechts: ) _(Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, ) _(Chef des Oberkommandos der Wehrmacht ) _((OKW). )
keine andere Wahl mehr. Der Rubikon ist überschritten."
Es war Verzweiflung, die das letzte Aufgebot um Stauffenberg vorantrieb, ein verwegenes Manöver des letzten Augenblicks. Verlauf und Ausgang waren völlig offen, die Folgen, militärisch wie politisch, unkalkulierbar. In dieser Gleichung gab es nur Unbekannte.
"Das Attentat muß erfolgen, coute que coute", sagte Generalmajor Tresckow Tage vor dem Anschlag: "Es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß der deutsche Widerstand vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."
Es waren Einzelgänger, konservative, liberale, sozialistische, aus Adel, nationalem Bürgertum, Sozialdemokratie und Gewerkschaften, die den Aufstand des Gewissens als patriotische Pflicht empfanden - ohne den Rückhalt zu einer Untergrundbewegung, die gab es nicht; ohne Anbindung an das Volk, das, unterdrückt oder hitlergläubig, unerreichbar war; verbunden allein durch den Abscheu vor einem terroristischen Regime und den Willen, Deutschland zu retten und die Deutschen zu läutern.
Aber gerade die tiefe Ohnmacht verlieh dem Widerstand letztlich seinen historischen Glanz. Gerade die Befreiung aus der eigenen Verstrickung, der anfänglich ideologischen und politischen Nähe zum späteren Todfeind Hitler, ließ die menschlichen Dramen einzelner zu einer klassischen Tragödie der Bewegung werden. Der Ansatz deutscher Historiker jedoch, aus den Widerstandskämpfern Helden und aus ihrer Geschichte ein Heldenepos zu machen, war verfehlt.
Um 10.15 Uhr jenes 20. Juli 1944 landeten Oberst Stauffenberg und Oberleutnant Haeften in Rastenburg, sechs Kilometer von der "Wolfschanze" entfernt. Weil Italiens gestürzter Duce, Benito Mussolini, an diesem Tag im Führerhauptquartier erwartet wurde, war die Lagebesprechung um eine halbe Stunde, auf 12.30 Uhr, vorverlegt worden.
Mit dem Vorwand, er wolle sich noch frisch machen und ein anderes Hemd anziehen, verschwand Stauffenberg aus der Vorbesprechung beim Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. Tatsächlich eilte er zu Haeften, der mit dem Sprengstoff im Gästezimmer wartete. Und da sah auch Oberfeldwebel Vogel die beiden "an derselben Sache hantieren".
Beide versuchten aufgeregt, den Zünder, Vorlauf zehn bis 15 Minuten, in Gang zu setzen. Wegen des Handikaps des Obersten kostete das viel Zeit; es dauerte zu lange. (Warum hat Haeften das nicht gemacht?)
Keitels Adjutant Ernst John von Freyend drängte: "Stauffenberg, so kommen Sie doch!" Mit einer eigens für ihn zurechtgebogenen Flachzange durchkniff der Oberst das Glasröhrchen des Säurezünders. Aber die zweite Bombe konnte nicht mehr scharf gemacht werden. Haeften nahm das Paket an sich, das Pioniere später am Ausgang "Süd" finden sollten.
Auf dem Weg in die Lagebaracke wollte John dem behinderten Oberst tragen helfen, der "riß die Tasche jedoch an sich", sah Vogel, der "die Energie und den Stolz des sehr schwerkriegsbeschädigten Oberst Graf Stauffenberg" bewunderte.
"Könnten Sie mich bitte möglichst nahe beim Führer placieren", bat der schwerhörige Stauffenberg den Keitel-Adjutanten, "damit ich für meinen Vortrag nachher alles mitbekomme."
Hitler stand an der Längsseite des Tisches, den Ellenbogen auf die Platte, das Kinn in die Hand gestützt, Stauffenberg zwei Meter neben ihm. Aber es gelang ihm nicht, die Bombe an der Innenseite des dicken, eichenen Tischsockels, zu Hitlers Füßen, abzustellen. Folge: Die Holzstütze schützte ausgerechnet den, dem der Anschlag galt.
Außerdem war es heiß an diesem Tag, die Fenster standen sperrangelweit offen. Die gemauerte, mit einer Betondecke versehene Baracke hatte unter dem Fußboden einen 60 Zentimeter tiefen Hohlraum. Die Druckwelle konnte also entweichen. Die zweite Bombe, errechneten später Experten der Tatort-Sonderkommission, hätte allen den Rest gegeben.
Stauffenberg verließ den Raum, Kommen und Gehen während der Lage war üblich, fiel nicht auf. Zu Keitel sagte er: "Feldmarschall, ich erledige noch rasch ein Telephongespräch und komme gleich wieder", und zu Oberst Heinz Brandt: "Ich lasse meine Mappe solange hier." Dann ging er - ohne Mütze und Koppel.
200 Meter von der Lagebaracke entfernt stieß er auf den Mitverschworenen General Erich Fellgiebel, Chef des Wehrmachtsnachrichtenwesens. Da ging, gegen 12.50 Uhr, die Bombe hoch.
Oberstleutnant Sander fand nichts Ungewöhnliches an der Explosion - das komme hier oft vor, Tiere treten auf eine Mine, die zum Schutz der "Wolfschanze" gelegt worden seien.
In der Lagebaracke hatte Generalleutnant Adolf Heusinger (später Generalinspekteur der Bundeswehr) gerade über die prekäre Situation bei der Heeresgruppe Nord berichtet: "Der Russe dreht mit starken Kräften westlich der Düna nach Norden ein. Seine Spitzen stehen bereits südwestlich Dünaburg. Wenn jetzt nicht endlich die Heeresgruppe vom Peipussee zurückgenommen wird, dann werden wir eine Katastrophe ..."
Die 24 Männer in der Lagebaracke wurden fast alle zu Boden geschleudert, vielen, auch Hitler, platzten die Trommelfelle, manchen standen die Haare in Flammen, vier wurden getötet oder starben an den Folgen ihrer Verletzungen, etliche, darunter Generalmajor Walter Scherff, kamen ins Lazarett.
Aber Hitler lebte. Er trug einen Bluterguß am rechten Ellenbogen, Prellungen und leichte Hautabschürfungen am linken Handrücken davon, seine Haare an den Beinen waren angekokelt, die Uniform hing ihm vom Leibe, er jammerte um die kaputte Hose. "Wo ist der Führer?", schrie OKW-Chef Keitel, _(Berthold, Claus, Alexander. )
dann: "Mein Führer, Sie leben, Sie leben!" Und umarmte ihn.
Leutnant Kretz, der nicht wußte, was sich da ereignet hatte, raste mit dem Attentäter und dessen Adjutanten rund 50 Meter an der qualmenden Lagebaracke vorbei, auf den engen und kurvenreichen Straßen Richtung Flugplatz, wo eine Heinkel 111 zum Flug nach Berlin bereitgestellt worden war.
Die "Wache I" des "Sperrkreises I" passierten sie ziemlich unbehelligt, Alarm war noch nicht gegeben worden, Stauffenberg und Haeften hatten gültige Ausweise, und der verwegene Oberst beeindruckte.
An der Außenwache des "Sperrkreises II" war der Schlagbaum aber schon runter, der Wachhabende wollte niemanden durchlassen. Stauffenberg mußte mit der Kommandantur telephonieren - und hatte Glück. Am Apparat war Rittmeister Leonhard von Möllendorf, der kannte Stauffenberg und wußte noch nicht, warum Alarm ausgelöst worden war; er ließ den Oberst passieren.
Aber der Wachhabende sagte zu Kretz, er solle "aufpassen". Kretz sah dann, wie Haeften das zweite Sprengstoffpaket aus dem Wagen warf. (Warum nur hat er es nicht mit nach Berlin genommen?) War schon alles verloren? Das Attentat war fehlgeschlagen, der Attentäter bald bekannt. Konnte der Staatsstreich überhaupt noch gelingen?
Tatsächlich hat die Forschung, 40 Jahre danach, längst ergeben, daß dieser Staatsstreich scheitern mußte - wohl auch, wenn Hitler getötet worden wäre. Aber immer noch halten sich Forscher zurück, das auch ausdrücklich festzustellen.
Der nationale Historiker Gerhard Ritter, der geschichtliche Ereignisse gern, wenn er sie nicht aufhellen konnte oder wollte, auf schicksalhaftes Walten zurückführte, meinte, die "Tat" sei "nicht etwa am technischen Ungeschick ihrer Durchführung oder an der Unentschlossenheit der daran beteiligten Offiziere" gescheitert, sondern: "Es war Fügung. Deutschland sollte nun einmal, so war es wohl vorherbestimmt, den bitteren Kelch seiner Erniedrigung und seines selbst verschuldeten Unglücks bis zur Neige austrinken."
Der Historiker Peter Hoffmann, der sich gründlich wie kein anderer mit dem technischen Ablauf des Attentats und des Staatsstreichs befaßt hatte, schrieb in seinem Standardwerk: _(Peter Hoffmann: "Widerstand, ) _(Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der ) _(Opposition gegen Hitler". Piper Verlag, ) _(München 1979. )
"Die Verschwörung war vor der Aufdeckung nicht zu bewahren, der Erfolg war aber durch entschlossenes Handeln erreichbar."
Wer hätte denn entschlossen handeln sollen? Stauffenberg war über 500 Kilometer von Berlin, dem Ort der Handlung, entfernt. Die mitverschworenen Generale in der Bendlerstraße warteten erst einmal ab, statt, wie verabredet, sofort die "Walküre"-Befehle herauszugeben. Es war das Verhängnis des Widerstandes, voll und ganz auf nur einen einzigen Mann setzen zu können, der, als Stabsoffizier, nicht einmal Befehlsgewalt über Truppen hatte.
Auf den wichtigen Befehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm, war, das wußten die Verschwörer, kein Verlaß. In den Kommandostellen gab es zu wenige Befehlshaber und Stabsoffiziere, die erkannten, woran sie waren, als die "Walküre"-Befehle auf ihren Schreibtischen landeten, und die bereit gewesen wären, sie bedingungslos auszuführen. Nach den Regeln der Konspiration mußte, in einem Land, in dem es von Spitzeln wimmelte, der Kreis der Verschwörer klein gehalten werden.
Und hätten überhaupt viel mehr mitgemacht? Der Eid auf Hitler, an den sich die Mehrzahl der Offiziere gebunden fühlte und mit dem sich auch einige Verschwörer bis zuletzt herumquälten, die preußische Tradition bedingungslosen Gehorsams, aber auch blinde Hingabe an Hitler machten die Verschwörer von vornherein und unabänderlich zu absoluten Außenseitern der deutschen Soldaten-Gesellschaft.
"Das Furchtbarste ist, zu wissen, daß es nicht gelingen kann", resignierte Berthold Graf von Stauffenberg, ein Bruder des Attentäters, und "daß man es dennoch für unser Land und unsere Kinder tun muß".
Gegen 13.15 Uhr startete die Heinkel 111 mit dem Attentäter und seinem Adjutanten an Bord Richtung Berlin. Gleichzeitig gingen die ersten Meldungen von dem Anschlag auf Hitler bei den Verschwörern in der Bendlerstraße ein. Aber da tauchte auch schon die Frage auf, an der sich bald überall, in Berlin wie in den anderen Wehrkreisen des Reiches und der besetzten Gebiete, die Gemüter erhitzten und die Geister schieden. Ist Hitler tot oder nicht?
Der Mitverschwörer General Fellgiebel hatte aus der "Wolfschanze" durchgegeben, die Bombe sei hochgegangen, aber auch, daß es Hitler nicht erwischt hatte. Zu einem Vertrauten formulierte er das Unfaßbare so: "Es ist etwas Furchtbares geschehen: Der Führer lebt."
Fellgiebel zerstörte mithin, wahrscheinlich ungewollt, die Fiktion, die dem Staatsstreich Antrieb und Auftrieb hätte geben sollen und können, jedenfalls solange sie aus dem Führerhauptquartier nicht entkräftet worden war. Aber Fellgiebel machte weiter, als gebe es den Führer nicht mehr, dem er kurze Zeit nach dem Anschlag über den Weg gelaufen war. Er blockierte, soweit das eben ging, die Nachrichtenleitungen mit dem Führerhauptquartier; die Verbindungen mit den Verschwörern hielt er nach Möglichkeit aufrecht. General Olbricht und Generalleutnant Fritz Thiele in Berlin hingegen war die Lage zu verworren. Sie wußten nicht, ob Stauffenberg davongekommen, verhaftet oder gar getötet worden sei, ob die ganze Verschwörung schon aufgeflogen war oder nicht. So gingen sie erst einmal zu Tisch, auch, um sich möglichst bedeckt zu halten. Nach zwei Stunden kamen sie zurück. Verlorene Zeit.
Die Generale waren gerade wieder im Bendler-Block, als Haeften anrief: Hitler sei tot. Die He 111 war gegen 15.15 Uhr in Berlin-Rangsdorf gelandet, und obgleich Attentäter und Flugziel im Führerhauptquartier schon bekannt waren, war die Gestapo nicht zur Verhaftung des Attentäters erschienen.
Jetzt erst holte Olbricht die "Walküre"-Befehle aus dem Panzerschrank. Zusammen mit Generaloberst Erich Hoepner suchte er den Befehlshaber des Ersatzheeres, Fromm, auf. Der Führer sei tot, die Wehrmacht übernehme die vollziehende Gewalt, die "Walküre"-Befehle müßten, von Fromm unterschrieben, herausgegeben werden.
Als Fromm zweifelte, ließ Olbricht, seit Haeftens Anruf vom Flugplatz seiner Sache sicher, ein Blitzgespräch mit OKW-Chef Keitel in der "Wolfschanze" herstellen. Keitel sagte, wie es wirklich war, und fragte, wo denn Oberst Stauffenberg sei. "Ja ... es tut mir leid", entschied sich Fromm, "aber ich kann nicht anders, meiner Ansicht nach ist der Führer nicht tot, und Sie irren."
So unterschrieben, statt Fromm, Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der schon vor zwei Jahren "wegen Krankheit" abgeschoben worden war, und Generaloberst Hoepner, den Hitler 1942 unehrenhaft aus dem Heer ausgestoßen hatte, weil er vor Moskau einem Durchhaltebefehl nicht bedingungslos gefolgt war. In den Wehrkreiskommandos lösten die Unterschriften Verwunderung und Zweifel aus.
Gegen 16.30 Uhr erschienen Stauffenberg und Haeften in der Bendlerstraße. "Er ist tot", sagte Stauffenberg, "ich habe gesehen, wie man ihn hinausgetragen hat" - was nicht stimmte.
Glaubte Stauffenberg selber an den Erfolg seines Attentats, oder tat er nur so, weil er genau wußte, daß zahlreiche Offiziere nur zu bewegen waren, sei es zum Staatsstreich, sei es zur pflichtgemäßen Ausführung der dubiosen "Walküre"-Befehle, wenn es einen Hitler nicht mehr gab? Das steht dahin. Die zweite Version scheint die wahrscheinlichere zu sein. Wenn das stimmt, war es ein schwerer Fehler, daß Stauffenberg nicht einmal engste Mitverschwörer, wie Olbricht, informierte.
Ihm und Hoepner gegenüber schmückte der Oberst die Legende noch aus: "Ich habe alles von außen gesehen, ich habe außerhalb der Baracke zusammen mit General Fellgiebel gestanden, da ist eine Explosion in der Baracke erfolgt, und da habe ich nur noch gesehen, wie eine große Anzahl Sanitäter herübergelaufen sind, Wagen hingebracht worden sind. Diese Detonation war so, als ob eine 15-cm-Granate hineingeschlagen hätte: Da kann kaum noch jemand am Leben sein."
Bei Fromm jedoch verfing die Version nicht. "Das ist doch unmöglich", empörte er sich, "Keitel hat mir das Gegenteil versichert." Darauf Stauffenberg: "Der Feldmarschall Keitel lügt wie immer. Ich habe selbst gesehen, wie man Hitler tot hinausgetragen hat." Angesichts dieser Lage, gestand Olbricht nun, seien die "Walküre"-Befehle herausgegangen.
Fromm, überspielt, tobte: Ungehorsam, Hochverrat, Revolution, darauf
stehe die Todesstrafe; Olbricht und Stauffenberg seien verhaftet. Doch Stauffenberg bekannte, unerschüttert, er selbst habe die Bombe gelegt.
Er solle sich sofort erschießen, forderte Fromm den Attentäter auf, und ging mit den Fäusten auf ihn los. Haeften und der Ordonnanzoffizier Ewald Heinrich von Kleist zogen ihre Pistolen und hielten den General in Schach. Stauffenberg, seelenruhig: "Herr Generaloberst haben fünf Minuten Bedenkzeit." Dann ließ er seinen Chef unter Bewachung in dessen Zimmer sperren. Fromm: "Unter diesen Umständen betrachte ich mich außer Kurs gesetzt." Hoepner übernahm Fromms Posten.
Inzwischen war auch, in Zivil, Generaloberst Ludwig Beck, seit 1938 a. D., der nach dem Umsturz "Reichsverweser" werden sollte, im Bendler-Block erschienen; sein Uniformrock lag bereit.
"Für mich ist dieser Mann tot", entschied er für sich die Frage nach Hitlers Tod oder Überleben: "Davon lasse ich mein weiteres Handeln bestimmen." Er warnte aber auch: "Von dieser Linie dürfen wir nicht abweichen, sonst bringen wir unsere eigenen Reihen in Verwirrung."
Carl Goerdeler, der Reichskanzler werden sollte, vom Attentat bis zuletzt abgeraten hatte und im vorhinein nur vage informiert worden war, sollte erst später, wenn der Umsturz in Berlin ins Rollen gekommen war, in den Bendler-Block gerufen werden. Gegen ihn lag seit dem 17. Juli ein Haftbefehl bei der Gestapo vor.
Gegen 16.30 Uhr stürzte Hauptmann Friedrich Karl Klausing in die Funkbude des Bendler-Blocks und legte dem Leiter des Nachrichtenbetriebes, Leutnant Georg Röhrig, ein Fernschreiben auf den Tisch: "Sofort absetzen!"
Der Leutnant überflog den Text, der für alle Wehrbereichskommandos im Reich, im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, im Generalgouvernement in Polen und im besetzten Ausland bestimmt war: _____" Der Führer Adolf Hitler ist tot! Eine gewissenlose " _____" Clique frontfremder Parteiführer hat es unter Ausnutzung " _____" dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den " _____" Rücken zu fallen und die Macht zu eigennützigen Zwecken " _____" an sich zu reißen. " _____" In dieser Stunde höchster Gefahr hat die " _____" Reichsregierung zur Aufrechterhaltung von Recht und " _____" Ordnung den militärischen Ausnahmezustand verhängt und " _____" mir zugleich mit dem Oberbefehl über die Wehrmacht die " _____" vollziehende Gewalt übertragen ... " _____" Der Oberbefehlshaber der Wehrmacht. gez.: v. " _____" Witzleben, Generalfeldmarschall. "
Auf diesem hochexplosiven Stück Papier vermißte der routinierte, aber ebenso vorsichtige Nachrichtenmann, der von den Umsturzplänen keine Ahnung hatte, die üblichen Angaben über Geheimhaltungsgrad und Dringlichkeitsstufe. Er rannte Klausing hinterher und fragte, wie er zu verfahren habe.
Das Fernschreiben erhielt die höchste Dringlichkeitsstufe (FFR) und wurde zur Geheimen Kommandosache (gKdoS) erklärt. Für die Durchgabe von gKdoS standen aber nur vier Fernschreiberinnen zur Verfügung; sie brauchten für die Übermitttlung drei Stunden.
Im Wettlauf mit dem Führerhauptquartier, dem Oberkommando der Wehrmacht und Bormanns Parteikanzlei verloren die Verschwörer viel, viel Zeit. Wäre auf die gKdoS-Einstufung verzichtet worden, hätten die Texte, es waren eine Menge, gleichzeitig über 20 Fernschreiber getickert werden können.
Fatalerweise tickerten die Staatsstreichpläne, von den Verschwörern unbemerkt, prompt auch an das Führerhauptquartier. Das OKW las also beispielsweise die Ausführungsbefehle aus dem Bendler-Block mit: militärische Sicherung wichtiger Gebäude und Anlagen, Besetzung von Großfunkstellen,
Radiosendern, Fernsprech- und Telegraphenämtern und Konzentrationslagern, Verhaftung von Ministern, aller Gauleiter und anderer hoher Parteifunktionäre, Höherer SS- und Polizeiführer und Gestapoleiter.
Als dann die ersten Fernschreiben endlich, manchmal am späten Nachmittag, meistens am frühen Abend, oft nach Dienstschluß, in den Wehrkreiskommandos eintrafen, waren die Gegenmaßnahmen aus dem Führerhauptquartier schon angelaufen.
Verwirrung und Unsicherheit waren zwangsläufig die Folge, Zweifel befielen auch die Offiziere, die den Verschwörern nahestanden oder sogar grob in die Staatsstreichpläne eingeweiht worden waren. Befehlshaber und Stabsoffiziere riefen in der Bendlerstraße an: "Der Führer ist tot", sodann im OKW: "Der Führer lebt."
Einige Gauleiter, die doch hinter Schloß und Riegel gehörten, waren am Abend des 20. Juli 1944 die Helden des Tages, wenn sie nur in Erscheinung traten.
Von Anfang an machten in Hamburg die Offiziere gemeinsame Sache mit der schwarzen Konkurrenz von der SS und den braunen Würdenträgern. Gegen 20 Uhr trafen sie, wie erbeten, auf dem Wehrkreiskommando ein: Gauleiter Karl Kaufmann vorneweg, ohnedies ein umgänglicher Hanseat, den Generalfeldmarschall Erwin Rommel schon einmal vorsichtig aufgefordert hatte, beim Umsturz mitzumachen, der Höhere SS- und Polizeiführer, der Kommandeur der Sicherheitspolizei, der SA-Chef.
Befehlshaber General Wilhelm Wetzel wandte sich an Kaufmann: "Gauleiter, wir beide werden nicht aufeinander schießen." Es gab Sherry und Wermut.
Auch der Befehlshaber im Wehrkreis XX (Danzig), General Bodewin Keitel, setzte sich natürlich augenblicklich mit seinem Gauleiter ins Benehmen. Bodewin war der Bruder von Wilhelm, dem OKW-Chef.
General Julius Ringel stieß in Salzburg schon bald auf die wundersame Rettung des Führers an. Er war alter Nazi, Träger des Goldenen Parteiabzeichens. In Dresden telephonierte der ahnungslose Offizier vom Dienst erst einmal mit der Gestapo.
Ostpreußens Gauleiter Erich Koch alarmierte die SA und eine Sondertruppe, die ihm unterstellt und auch mit ein paar Panzern ausgerüstet war. Das wäre nicht nötig gewesen; es rührte sich nichts. Der Befehlshaber war auf die Jagd gegangen.
Fernab vom Schuß, in Paris, lief es für die Verschwörer zunächst ganz gut. Entschlossene Offiziere, einige eingeweiht, unter dem Militärbefehlshaber in Frankreich, General Karl-Heinrich von Stülpnagel, einem Mitverschworenen, trieben den Umsturz zügig voran.
Doch wie sollten die Aktionen in Paris den Staatsstreich im Reich entscheiden? Truppen standen dafür nicht zur Verfügung. Die Westfront, die auch die Verschwörer halten wollten, um eines Tages günstige Waffenstillstandsbedingungen herauszuholen, befand sich nach der alliierten Invasion vor gerade sechs Wochen unter stärkstem Druck.
Außerdem wackelte der Oberbefehlshaber in Frankreich, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, ebenso wie der Befehlshaber des Ersatzheeres in Berlin, Fromm. Kluge wollte, wenn überhaupt, nur mitmachen, wenn Gewißheit über Hitlers Tod bestünde.
Stülpnagels Stoßtrupps überrumpelten in Paris SS, SD, Gestapo; geschossen wurde nicht. Auf Lastwagen wurden an die 1200 Mann in das Wehrmachtsgefängnis Fresne und auf das Fort de l''Est geschafft. Generalmajor Walther Brehmer, Träger des Blutordens der NSD AP, ein ganz alter Nazi also, verhaftete den Höheren SS- und Polizeiführer in Frankreich, SS-Gruppenführer Carl-Albrecht Oberg.
Standgerichte sollten noch in der Nacht ihre Arbeit aufnehmen, und im Hof der Ecole Militaire wurden schon Sandsäcke aufgeschichtet, Kugelfang bei Erschießungen.
Dann sickerte auch in Paris durch, was eigentlich los war. Gegen Mitternacht erkannte Kluge: "Ja, meine Herren, eben ein mißglücktes Attentat." Er enthob Stülpnagel des Dienstes und gab ihm den Rat: "Verschwinden Sie in Zivil irgendwohin."
Admiral Theodor Krancke ging noch einen Schritt weiter. Der Oberbefehlshaber des Marinegruppenkommandos West drohte, er werde mit seinen Soldaten den Sicherheitsdienst heraushauen. Als die SS-Männer dann freigelassen wurden, zögerten viele: "Den Vers kennen wir - auf der Flucht erschossen."
Derweil feierten Feldgraue und Schwarze im Hotel "Raphael" Versöhnung bei Champagner. Sie verabredeten, nach oben den Sachverhalt übereinstimmend zu berichten: Es habe sich um eine Alarmübung gehandelt, und dabei sei es leider zu Mißverständnissen gekommen.
Auch im Wehrkreis Kassel kam der Staatsstreich anfangs voran. Oberst Claus-Henning von Plate, Jahrgangskamerad von Stauffenberg, in dessen Pläne aber nicht eingeweiht, ordnete an, die drei im Wehrkreis wohnenden Gauleiter Fritz Sauckel, Jakob Sprenger, Karl Gerland und den Höheren SS- und Polizeiführer zu verhaften. Truppen erhielten Marschbefehl, Panzer waren schon "im Anrollen" auf Kassel, in Frankfurt besetzte Militär den Hauptbahnhof, Post- und Telegraphenämter.
Doch als der Rundfunk zum ersten Mal um 18.45 Uhr meldete: "Auf den Führer wurde heute ein Sprengstoffanschlag verübt ... Der Führer selbst hat außer leichten Verbrennungen und Prellungen keine Verletzungen erlitten. Er hat unverzüglich darauf seine Arbeit wiederaufgenommen", stoppte Plate den Umsturz.
Am späten Abend erschien Gauleiter Gerland mit Anhang auf dem Wehrkreiskommando. Plates Telephongespräche waren abgehört worden.
Als in Stettin das Fernschreiben der Verschwörer einging - "Der Führer ist tot" -, tönte es aus dem Radio: "Der Führer lebt." Kurz nach 20 Uhr rief Generalfeldmarschall Keitel aus der "Wolfschanze" an: "Der Stauffenberg hat das Attentat gemacht."
In Hannover wollte General Benno Bieler von Stauffenberg wissen, wer denn die Regierungsgewalt und den militärischen Oberbefehl innehabe, wie sich
Himmler, Göring und Goebbels verhielten. Stauffenberg, kurz angebunden, gab keine befriedigende Auskunft.
Dann war OKW-Chef Keitel am Apparat, die Befehle aus der Bendlerstraße seien ungültig, Himmler sei neuer Befehlshaber des Ersatzheeres, die Verschwörer würden in kurzer Zeit "unschädlich gemacht". Für Bieler stand nun fest, daß "eine aktive Beteiligung zugunsten der Berliner Umsturzbewegung nicht mehr sinnvoll war und für alle daran aktiv Beteiligten verhängnisvoll sein mußte".
Nach wie vor drängte die "treibende Kraft", Stauffenberg, die Wehrkreiskommandos, bloß ja die "Walküre"-Befehle auszuführen: _____" Hier Stauffenberg ... ja, alle Befehle vom " _____" Oberbefehlshaber des Heimatheeres ... Ja, natürlich ... " _____" das ist so ... alle Befehle sind unverzüglich " _____" auszuführen. Sie müssen alle Rundfunkstationen und " _____" Nachrichtenbüros besetzen ... Jeder Widerstand muß " _____" gebrochen werden ... Es ist wahrscheinlich, daß " _____" Gegenbefehle vom Führerhauptquartier gegeben werden ... " _____" Sie sind nicht glaubwürdig ... nein ... Die Wehrmacht hat " _____" die Vollzugsgewalt übernommen ... verstehen Sie ... ja, " _____" das Reich ist in Gefahr, und wie immer übernimmt in der " _____" Stunde der Gefahr der Soldat das Kommando ... Sie sollen " _____" alle Nachrichtenbüros besetzen ... Haben Sie verstanden? " _____" Heil. "
Die Offiziere im Wehrkreis XIII (Nürnberg), die nicht mehr wußten, welche Meldungen falsch, welche Befehle zu befolgen seien, beschwor er: "Es handelt sich um eine Mystifikation. Der Führer ist tot." Die Makulatur aus der Bendlerstraße wurde, als alles verloren war, verbrannt und in der Toilette hinuntergespült.
In Stuttgart versuchten Offiziere, "eine Klärung herbeizuführen", dabei "wurde das Scheitern des Unternehmens bekannt". In Breslau war "die Entscheidung gegen den Staatsstreich" gefallen, bevor "ein Angehöriger des Wehrkreiskommandos das erste Wort davon erfahren" hatte.
Im Wehrkreis VI (Münster) durchschaute ein Stabsoffizier schnell, was allenthalben am 20. Juli 1944 geschah: "Das Führerhauptquartier hatte die Bendlerstraße überrundet."
In der Reichshauptstadt, wo die Entscheidung fallen mußte, weigerte sich der Wehrkreis-Befehlshaber General Joachim von Kortzfleisch, die Rolle zu spielen, die ihm die Verschwörer zugedacht hatten, ohne ihn zu fragen. Er beharrte: "Der Führer ist nicht tot" und wollte verschwinden.
Am Ausgang des Bendler-Blocks wurde er eingefangen und eingesperrt. Lieber wollte der General nach Hause und in seinem Garten Unkraut jäten.
Truppen wurden viel zu spät in Marsch gesetzt, und manche Einheiten waren auf die Straßenbahn angewiesen, weil Lastkraftwagen nicht bereitgestellt worden waren. Bei der Besetzung von Rundfunkanlagen gab es Pannen, der
Sendebetrieb ging ziemlich ungestört weiter.
In kleinem Kreis gab nun auch Stauffenberg zu: "Der Kerl ist ja nicht tot." Aber, was nun wirklich nicht stimmte: "Der Laden läuft ja."
Was lief denn schon? Generalfeldmarschall Witzleben, zum neuen Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt, schaute kurz einmal rein im Bendler-Block, ging aber gleich wieder: "Schöne Schweinerei, das".
Der Verschwörer, Regierungsrat Hans Bernd Gisevius ("Bis zum bitteren Ende") drängte, das Reichspropagandaministerium und das Reichssicherheitshauptamt zu besetzen, Reichsminister Joseph Goebbels und Gestapo-Chef Heinrich Müller umzulegen. Schließlich sollten Stoßtrupps her, um wenigstens Goebbels auszuschalten. Aber auch dazu kam es nicht. Der Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland", Major Otto Ernst Remer, war schneller.
Um 16.15 Uhr hatte Berlins Stadtkommandant, Generalleutnant Paul von Hase, dem Major befohlen, das Regierungsviertel abzusperren, niemanden durchzulassen, die öffentlichen Verkehrsmittel umzuleiten.
Verschwörer Hase: "Der Führer tödlich verunglückt. Innere Unruhen." Remer: "Jawohl, Herr Generalleutnant." Befehl war Befehl, und Hase sein Vorgesetzter. "Großdeutschland" ging in Stellung.
Der NS-Führungsoffizier aus dem Remer-Stab, Leutnant Hans Hagen, im Zivilberuf Referent im Reichspropagandaministerium, wurde stutzig, meldete Remer seinen Verdacht und fuhr mit dem Krad zu Goebbels in die Hermann-Göring-Straße. "Das ist doch unmöglich", nahm der ahnungslose Minister die Neuigkeiten auf. Er ließ bei der Leibstandarte-SS "Adolf Hitler" anrufen und steckte, für alle Fälle, ein paar Gifttabletten ein.
Inzwischen dämmerte es auch Remer: "Jetzt geht es um meinen Kopf. Es scheint sich doch um einen Militärputsch zu handeln." Gegen 19 Uhr begab auch er sich zu Goebbels, dem Schirmherrn von "Großdeutschland". Beide versicherten einander, "Nationalsozialisten" zu sein. Goebbels gab, auf Verlangen, darauf sein Ehrenwort und "beteuerte, daß er im Auftrag des Führers handele. Der Führer sei überhaupt nicht verletzt".
Minuten später kam ein historisches Telephongespräch zustande: Hitler/Remer. Remer schilderte es später so: _____" Hören Sie mich? Ich lebe also. Das Attentat ist " _____" mißlungen. Eine kleine Clique ehrgeiziger Offiziere " _____" wollte mich beseitigen. Aber jetzt haben wir die " _____" Saboteure der Front. Wir werden mit dieser Pest kurzen " _____" Prozeß machen. " _____" Sie erhalten von mir den Auftrag, sofort die Ruhe und " _____" Sicherheit in der Reichshauptstadt wiederherzustellen, " _____" wenn notwendig mit Gewalt. Sie werden mir zu diesem Zweck " _____" persönlich so lange unterstellt, bis der Reichsführer-SS " _____" in der Reichshauptstadt eintrifft. "
Schließlich stellte sich auch noch Generalleutnant Hase in Goebbels'' Wohnung ein; Remer hatte ihn mit Hinweis auf den Führerbefehl dazu aufgefordert, und Befehl war Befehl. Auf seinen Wunsch wurde dem Gast ein Abendessen gereicht, und Gastgeber Goebbels fragte noch, ob dem General nach Mosel- oder Rheinwein sei. Dann kam die Gestapo und holte Hase ab.
Major Remer löste die Absperrungen auf und kommandierte das Wachregiment in den Garten des Schirmherrn. Auch andere anrückende Truppen, immer noch in Unkenntnis, worum es eigentlich ging, dirigierte er dahin.
Zwei Kompanien riegelten den Bendler-Block ab. Maschinengewehre wurden in Stellung gebracht. Es fiel kein Schuß. Nur drinnen, bei den Verschwörern, kam es zu einer Schießerei. Ein Dutzend Offiziere ging gegen sie vor. Stauffenberg ("Sie haben mich ja alle im Stich gelassen") soll geschossen haben, aber auch von einem Schuß getroffen worden sein.
Generaloberst Fromm, der festgesetzt worden war, weil er nicht putschen wollte, wurde befreit. In seinem Dienstzimmer versammelten sich Stauffenberg, Haeften, Olbricht, Hoepner, Beck und Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim;
bewaffnete Generalstabsoffiziere hielten die Gruppe in Schach.
"So, meine Herren", sagte der Generaloberst, "jetzt mache ich es mit Ihnen so, wie Sie es heute mittag mit mir gemacht haben." Er verurteilte sie standrechtlich zum Tode, außer Hoepner, der ins Wehrmacht-Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde.
Beck wollte seine Pistole "zum privaten Gebrauch" behalten: "Ich werde aus dieser unglücklichen Situation die Konsequenzen selbst ziehen." Fromm ließ ihn gewähren; er solle sich jedoch beeilen. Beck schoß zweimal, er war aber nicht tot. Ein Soldat des Wachregiments gab ihm den Gnadenschuß.
Stauffenberg, Mertz von Quirnheim, Haeften und Olbricht wurden gegen 0.30 Uhr im Hof des Bendler-Blocks von einem Erschießungskommando, ein Offizier, zehn Unteroffiziere, füsiliert. "Es lebe das heilige Deutschland", sollen Stauffenbergs letzte Worte gewesen sein.
Nachts wurden die Verschwörer auf dem Friedhof der Matthäikirche begraben. Aber Himmler ließ sie exhumieren und verbrennen, ihre Asche verstreuen.
Eine Stunde nach Mitternacht sprach Hitler über alle Reichssender zum Volk: "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und zugleich mit mir den Stab der deutschen Wehrmachtsführung auszurotten."
Er ordnete an: "Blitzschnell muß ihnen der Prozeß gemacht werden, die dürfen erst gar nicht groß zu Worte kommen ... Die müssen sofort hängen."
Die übrigen Verschwörer, denen der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, den Prozeß machte, kamen nicht zu Wort. Aber auch die, die den Krieg und das Dritte Reich überlebten, fanden zunächst kein Gehör.
Amerikaner und Engländer ließen es nicht zu, daß in ihren Besatzungszonen Bücher über den Widerstand erschienen. Sie hatten sich nach vielen Gesprächen mit Verschwörern ein Bild über das "andere Deutschland" gemacht. Robert Vansittart, Berater der britischen Regierung, erkannte in ihnen, wie viele englische und amerikanische Politiker, den "alten Adam" - Junker des abscheulichen Preußentums, das es zu bekämpfen galt - wie den Hitlerismus.
Fabian von Schlabrendorffs Buch "Offiziere gegen Hitler", Rudolf Pechels "Deutscher Widerstand", sogar die Studie "Verschwörung in Deutschland" von Allen W. Dulles, der während des Krieges als amerikanischer Spionage-Resident für Europa in Bern mit Männern vom Widerstand Kontakt gehabt hatte (und später Chef des US-Geheimdienstes CIA wurde), standen auf dem alliierten Index. Erst das Buch "Die deutsche Opposition gegen Hitler" des in die USA emigrierten Königsberger Historikers Hans Rothfels, das 1948 drüben herausgekommen war, durfte, ein Jahr danach, auch in der Bundesrepublik erscheinen.
Das erzwungene Schweigen über dieses Kapitel jüngster deutscher Vergangenheit brachen Männer vom Schlage des einstigen Kommandeurs Remer vom Wachbataillon "Großdeutschland", das dem Widerstand, als er schon zusammengebrochen war, den letzten Stoß versetzt hatte, auf ihre Weise.
Remer, nun Führer der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei, sagte 1951 auf einer Wahlkundgebung: "Es wird die Zeit kommen, in der man schamhaft verschweigt, daß man zum 20. Juli 1944 gehört hat." Und: "Sie können Gift darauf nehmen, diese Landesverräter werden eines Tages vor einem deutschen Gericht sich zu verantworten haben."
Remer bekam dafür, vom Landgericht Braunschweig, wegen übler Nachrede drei Monate Gefängnis. Und seine Partei erzielte bei Landtagswahlen bis zu elf Prozent (1951 in Niedersachsen).
Zu dieser Zeit arbeitete aber längst der Historiker Ritter, der zum weiteren Kreis des Widerstandes gehört hatte, an seinem Plädoyer für Carl Goerdeler, "unseren Patrioten". Fortan wurde, in zahllosen Schriften, der Widerstand gewogen, aber auch verklärt, wurden die Widerstandskämpfer gewürdigt, aber auch heroisiert.
Und doch klagte, zum 35. Jahrestag des 20. Juli 1944, der Historiker Erich Kosthorst: "Die Frage nach dem ''Anderen Deutschland'' ... hat bei uns bisher nur mäßiges Interesse gefunden. Für die Öffentlichkeit teils unbequem, teils irritierend, blieb sie für die Forschung ein vergleichweise marginales Thema."
Noch schlimmer: "Die Forschung ist bei der Destruktion stehengeblieben"; die "Abwertung des Anfangs" sei, "grob vereinfachend gesagt, wieder erreicht". In Wirklichkeit diente die historische Forschung der Wahrheitsfindung. Die Konturen sind schärfer geworden, die nationale Retusche allerdings verblaßte.
Kosthorst münzt seinen Vorwurf auf jüngere Historiker, insbesondere auf Hans Mommsen, Bochum, und Hermann Graml vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, die Mitte der sechziger Jahre in "radikalem strukturanalytischen Zugriff" (Kosthorst) Ideen, Pläne und Ziele des Widerstandes untersucht hatten.
Graml war in seiner Studie über die Außenpolitik auf Wilhelminisches und Großdeutsches gestoßen - auf "Großmachtpolitik", auf die "Vorstellung von einer deutschen Führung in ganz Europa", auf "die verführerische Vision eines Deutschen Reiches mittelalterlichen Umfangs", kurz, auf ein Konzept, das sich "allzuwenig von der erkennbaren Politik Hitlers" unterschied.
Und Mommsen urteilte über "Gesellschaftsbild und Verfassungspläne des deutschen Widerstandes": "Es beleuchtet die deutsche Situation jener Jahre, daß auch die Gegner Hitlers trotz ihres erklärten Wollens aus der Isolierung des deutschen politischen Denkens nicht herauszutreten vermochten."
Im nächsten Heft
Die außenpolitischen Ziele der Verschwörer: Großdeutschland in den Grenzen von 1914
[Grafiktext]
Die Ostfront am 20. Juli 1944 Oslo Hamburg München Berlin Prag Wien Stockholm Memel Königsberg Danzig Führerhauptquartier "Wolfschanze" Lodz Warschau Frontverlauf Krakau Deutschlands Grenzen bei Kriegsbeginn 1939 Budapest Reval Riga Kaunas Lemberg Leningrad SOWJET-UNION Minsk 200 Kilometer Sperrkreise der "Wolfschanze" Außensperre nach Rastenburg Sperrkreis I nach Angerburg Görlitz Sperrkreis II 1 Kilometer Kern der "Wolfschanze" Gästebunker Bormann Hitlers Bunker Lagebaracke Chef OKW Nachrichtenbunker Sperrkreis I Göring 100 Meter
[GrafiktextEnde]
Oben: von Haeften aus dem Pkw geworfenes Sprengstoff-Paket; unten: für den schwerverwundeten Stauffenberg zurechtgebogene Flachzange, mit der er den Zünder auslöste. Am 15. Juli 1944 im Führerhauptquartier; für diesen Tag war das Attentat ursprünglich geplant. Rechts: Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Berthold, Claus, Alexander. Peter Hoffmann: "Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler". Piper Verlag, München 1979.
Von Wolfgang Malanowski

DER SPIEGEL 28/1984
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