09.04.1984

TIERVERSUCHESensibles Thema

Der Bundestag diskutierte letzte Woche einen SPIEGEL-Bericht über bislang verschwiegene Tierversuche. *
Peter-Kurt Würzbach, Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, versprach "offene Diskussion" über ein "sehr sensibles Thema", das "vor der Öffentlichkeit nicht verborgen, sondern in aller Klarheit diskutiert werden" müsse.
Die Einsicht erfolgte nicht freiwillig: In der Fragestunde des Bundestages, am Mittwoch letzter Woche, nahm Würzbach nur notgedrungen Stellung zu Tierversuchen, "über die wir hier reden und die in dem Magazin angezogen wurden".
Würzbach bezog sich auf einen SPIEGEL-Artikel ("Nummer 17 starb nach Splittertreffern"), in dem berichtet worden war (Heft 13/1984), daß bei der Bundeswehr Boxerhunde mit Gewehrkugeln beschossen, Kaninchen und Ratten mit chemischen Kampfstoffen vergiftet und Zwergschweine radioaktiv bestrahlt wurden.
Der Artikel, der mehrere mündliche und schriftliche Anfragen im Bonner Parlament bewirkte, brachte Würzbach in Verlegenheit. Der CDU-Staatssekretär mußte bestätigen, was auch zu Zeiten der sozialliberalen Koalition verschwiegen worden war: Die Bundeswehr unternimmt "unverzichtbare" Experimente mit Tieren, um die "Entwicklung von Schutz- und Heilmöglichkeiten gegen Waffenwirkungen" zu testen.
Parlamentarier von CDU/CSU, SPD und den Grünen, die 40 Minuten lang nach Einzelheiten forschten, wurden jedoch - wie gehabt - mit meist irreführenden Allgemeinplätzen abgespeist. Die Tierversuche, versicherte Würzbach, würden "nicht zu militärischen Zwecken" durchgeführt, sondern nur "zur Diagnose, zur Therapie und zur Entwicklung von Möglichkeiten des Schutzes für den Menschen" - ganz so, als diene die Erprobung von Schußwesten oder Hörschutzgeräten für Geschützbesatzungen etwa ziviler Vorsorge.
Immerhin: Auf Nachfrage des SPD-Abgeordneten Günter Pauli gab der Christdemokrat zu, daß die Bundeswehr nicht nur in Munster, Meppen und München am "lebenden Organismus" (Würzbach) experimentiert, sondern auch in den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz und Ulm Forschung betreibt. Ferner, so Würzbach, gebe es "entsprechende Veterinär-Versuchsanstalten" in den sechs Wehrbereichen der Bundesrepublik.
"Korrekterweise" verwies Würzbach auch auf Forschungsaufträge, die an die Uni-Kliniken Bochum und Würzburg vergeben wurden. Zweck laut Würzbach: "Fertigkeiten für Operationstechniken zu entwickeln, um durch Schußwaffen entstandene Brüche operationell behandeln zu können." Im Klartext: Lebende Tiere waren zuvor beschossen worden.
Auch andere Versuche, die Tierschützer als "Tierquälerei" verurteilen, weil sie dem "Test von Waffenwirkungen" dienten, erläuterte der Staatssekretär ähnlich. Die in Meppen praktizierte Methode, Meerschweinchen aus nächster Nähe dem Geschützdonner großkalibriger Waffen auszusetzen, waren für Würzbach "Untersuchungen zur Auswirkung des Knalltraumas", die Beschießung von Zwergschweinen "Versuche zur Entwicklung eines kugelsicheren Körperschutzes unter Heranziehung von Versuchstieren".
Daß Ratten, Kaninchen und Hunde von Wehrmedizinern "ohne vorherige Betäubung" Haut- und Nervengiften sowie radioaktiver Bestrahlung ausgesetzt wurden, rechtfertigte Würzbach mit dem Hinweis, "die Bewertung der Wirksamkeit neuentwickelter Schutz- und Heilmittel für den gesamten Organismus" lasse Experimente "unter Vollnarkose nicht immer zu".
Sobald jedoch "Schmerz von den Tieren" erkannt werde, werde "das entsprechende Gegenmittel verabreicht". Originalton Würzbach: "Sollte erkennbar sein, daß auch dieses nicht wirkt, werden die Tiere, so wie das Gesetz es sehr genau vorschreibt, schmerzlos, wie es gesetzlich heißt, getötet."
Vorwürfe eines Bonner Wehrmediziners, im Koblenzer Institut für Wehrmedizin und Hygiene "vergammelten" Gewebeproben beschossener Zwergschweine, wollte Würzbach "nach den mir zugeleiteten bisher vorliegenden Untersuchungsergebnissen" zwar "nicht bestätigen", versprach jedoch, der Sache "energisch nachzugehen".
Wohl auch nötig. Der Oberstfeldarzt bestätigte dem SPIEGEL letzte Woche, daß auch Gewebeproben radioaktiv bestrahlter und mit Geschützdonner "beschallter" Schweine im Koblenzer Institut "der Verwesung anheimgefallen" seien. Grund: mangelhafte Fixierung der Gewebeteile. Der Oberstfeldarzt: "Diese Versuchstiere wurden völlig sinnlos getötet."
Die öffentliche Erörterung solcher Mißstände hat Staatssekretär Würzbach offenkundig nicht gemeint, als er im Bundestag ankündigte, Tierversuche sollten künftig "in aller Klarheit" diskutiert werden. Denn als SPIEGEL-Redakteur Bruno Schrep Mitte März beim "stellvertretenden Dienststellenleiter Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz" (DstLtr WWDBw ABC-Schutz) in Munster nachfragte, löste er heftige Aktivitäten zwischen Munster, der Leitung Bundeswehrbeschaffungsamt in Koblenz (PRL BWB), der Hauptabteilung Rüstung (AL Rü (T)) und dem Informations- und Pressestab (IPS 1) des Verteidigungsministeriums aus.
Vor allem in Bonn waren Recherchen zum Thema Tierversuche in der Bundeswehr nicht sonderlich erwünscht. Auszüge aus Aktennotizen des Präsidialbüros im Koblenzer Beschaffungsamt belegen, wie Militärdienststellen versucht haben, die Berichterstattung zu behindern: _____" Dr. v. Sprockhoff teilte mit, H. Schrep habe sich " _____" nach Rücksprache mit IPS 1, OTL Marberg, für ein Gespräch " _____" heute ca. 10.15 Uhr angemeldet. Dr. v. Sprockhoff " _____" u. Dr. Meyer, DezLtr 311 (u.a. Tierversuche), werden " _____" mit H. Schrep sprechen. WWDBw läßt sich telefonisch von " _____" IPS 1, OTL Marberg, "Policy" durchgeben ... " _____" Habe Dr. von Sprockhoff gebeten, dieses sensitive " _____" Thema sehr restriktiv zu behandeln und anschließend dem " _____" BWB zu berichten; außerdem solle der " _____" Sicherheitsbeauftragte der Dienststelle im Hinblick auf " _____" mögliche Aktionen von Tierschützern informiert werden ... " _____" Weisung IPS 1: Kein Gespräch führen unter Hinweis an H. " _____" Schrep, daß er zwar grundsätzlich die Gelegenheit für ein " _____" Gespräch bekommen könne, sich aber auf dem offiziellen " _____" und üblichen Wege mit seiner Bitte an IPS 1 wenden möge " _____" ... " _____" DstLtr über Weisung IPS 1 informiert; DstLtr gab " _____" unter Hinweis auf die Situation (H. Schrep evtl. schon in " _____" der Dienststelle, mögliche journalistische " _____" Negativreaktion von H. Schrep - "die Dienststelle hat was " _____" zu verbergen") zu bedenken, daß dies nicht geschickt sei; " _____" auch wolle er versuchen zu erfahren, woher H. Schrep die " _____" Erprobungsberichte kenne. Habe DstLtr nochmals erklärt, " _____" daß wir an Weisung IPS 1 gebunden seien und ich diese " _____" aufgrund bisheriger Erfahrungen nur unterstreichen könne. " _____" DstLtr sagte zu, weisungsgemäß zu verfahren, bat aber " _____" PRL, IPS nochmals auf die entstandene "unmögliche" " _____" Situation aufmerksam zu machen ... " _____" DstLtr teilte mir mit, daß ein Gespräch mit H. Schrep " _____" doch stattgefunden habe mit Billigung AL Rü (T), verwies " _____" mich aber wegen weiterer Einzelheiten - er habe nur " _____" zeitweilig am Gespräch teilgenommen - an H. Dr. v. " _____" Sprockhoff, der zusammen mit Dr. Meyer, Dez. 311, das " _____" Gespräch mit H. Schrep geführt habe. Dr. v. Sprockhoff " _____" teilte sinngemäß folgendes mit: H. Schrep habe sich zum " _____" Zeitpunkt des Telcom mit DstLtr WWDBw am 12.03. bereits " _____" auf der Dienststelle befunden und habe hartnäckig auf " _____" einem Gespräch beharrt. Nachdem ihm dies zunächst unter " _____" Bezug auf die Weisung IPS verwehrt worden war, führte er " _____" ein - oder mehrere Gespräche - von einer öffentlichen " _____" Telefonzelle mit dem IPS 1, OTL Marberg. Er hatte " _____" zunächst mit seinem Anliegen keinen Erfolg. Gegen Mittag " _____" schaltete OTL Marberg aufgrund des hartnäckigen " _____" Verhaltens von H. Schrep AL Rü (T) ein, der zunächst " _____" gegen ein solches Gespräch war, schließlich aber auf " _____" Vermittlung von H. Marberg direkt mit Dr. Meyer, WWDBw, " _____" telefonierte. Dabei hat er seine Zustimmung zu einem " _____" Gespräch mit H. Schrep mit der Auflage, dieses sehr " _____" restriktiv zu führen und ihm anschließend telephonisch zu " _____" berichten, gegeben ... " _____" AL Rü (T) teilt die Auffassung PräsBWB, daß das " _____" Anliegen des Fotografen Darchinger, Bonn, den " _____" Spiegelbericht durch entsprechende Aufnahmen bei WWDBw " _____" und ErpSt 91 d.Bw zu bebildern (vergl. hierzu " _____" Telefonnotiz PRL/c) abzulehnen sei. AL Rü (T) ist mit dem " _____" Vorschlag einverstanden, ihm neutrale Archivaufnahmen der " _____" WWDBw (Tierhaltung) zur Verfügung zu stellen, bittet aber " _____" abzuwarten, bis er am 15.03. Sts. Dr. Rühl berichtet " _____" habe. "
SPIEGEL-Photograph Jupp Darchinger bekam keine Erlaubnis, obwohl "dieses sehr sensible Thema", wie Staatssekretär Würzbach vorigen Mittwoch im Parlament sagte, "zu dem offenen, klaren, ehrlichen Umgang miteinander auch über das Parlament in die Öffentlichkeit gehört".

DER SPIEGEL 15/1984
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