12.03.1984

AFFÄRE WÖRNERMit Verklemmungen

Akten, die Minister Wörner geheimzuhalten sucht, belegen: Die Gerüchte über General Kießlings angebliche Homosexualität stammen von der Nato in Brüssel. *
Nein, beteuerte der Generalleutnant Hans-Henning von Sandrart am Freitag letzter Woche vor dem Verteidigungsausschuß in Bonn, über Gerüchte wolle er nicht sprechen: "Ich bin kein Freund von Gerüchten."
Die Einsicht ist jüngeren Datums. Denn dem General Sandrart, derzeit stellvertretender Operationschef des amerikanischen Nato-Oberbefehlshabers Bernard Rogers, konnte es erst nicht schnell genug mit der Entlassung des Generals Günter Kießling gehen.
Gleich zweimal, am 20. Oktober und am 6. Dezember 1983, sprach er mit dem Adjutanten von Verteidigungsminister Manfred Wörner, dem Obersten Klaus Reinhardt. Der möge doch dem Minister empfehlen, Kießling nicht erst zum 31. März 1984, sondern schon zum 31. Dezember 1983 in den Ruhestand zu schicken. In der Nato glaube man nicht an eine Krankheit Kießlings.
Sandrart und alle in Nato-Stäben arbeitenden deutschen Offiziere allerdings haben von Wörner für den Verteidigungsausschuß keine Aussagegenehmigung für Dinge, die "ganz oder teilweise in der Disposition der Nato" stehen.
Die Akten des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und der Disziplinarbehörde wurden zunächst den Abgeordneten ganz vorenthalten, dann wurden, nach einem Protest der SPD, alle Protokoll-Zeilen geschwärzt, in denen von General Rogers und den Amerikanern die Rede war.
Als der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Gerhard Jahn wieder protestierte, gab die Hardthöhe widerstrebend nach. Die Abgeordneten dürfen die Akten lesen, aber nicht verwenden. Ihr Inhalt legt die Vermutung nahe, daß die Amerikaner sehr wohl bei der Entlassung Kießlings ihre Hände im Spiel gehabt haben.
Rogers selbst hielt sich zwar in Gesprächen mit Wörner und Generalinspekteur Wolfgang Altenburg zurück, seine Mitarbeiter aber tuschelten so heftig, daß deutsche Offiziere es hören und nach Bonn melden sollten.
MAD-Chef Helmut Behrendt zum Beispiel notierte am 10. Januar 1984: "Darüber hinaus hat Dr. R. gehört, in einem Gespräch, Dr. K. betreffend, daß General Rogers geäußert haben soll: 'Der CIA schläft nicht.' Von wem diese Informationen stammen, könne er jedoch nicht mehr sagen."
Dr. R. ist der Adjutant Wörners, Klaus Reinhardt. Er hatte mit Sandrart und dem Kapitän zur See Klaus Jancke gesprochen. Reinhardt wußte genau, was sein Minister, in Beweisnot, zu diesem Zeitpunkt brauchte.
Sandrart formulierte, wie in einem Vernehmungsprotokoll vom 12. Januar zu lesen ist, etwas vorsichtiger: "Gen. Rogers hat hierüber nie etwas zu mir gesagt. Von General Sir Anthony Farrar-Hockley soll es dagegen einen Hinweis auf die Homosexualität von Dr. K. geben."
Sandrarts Hauptzuträger Jancke, Kabinettschef von Kießling im Nato-Hauptquartier Shape, äußerte sich in einem Vermerk vom 10. Januar (AZ-23-01-24 794/83) so: Schon die Ankündigung, Kießling zum stellvertretenden Nato-Oberbefehlshaber zu ernennen, habe im Hauptquartier "größtes Befremden" ausgelöst. Die Homosexualität Kießlings sei als Gerücht bekannt gewesen: "Kapitän zur See Kraus hatte mir über Gerüchte bei Shape wegen der Homosexualität bereits Ende 1981 berichtet. Eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen Gen. Rogers und Dr. K. kam nie zustande."
Friedrich Kraus hatte als erster von Rogers' Verärgerung über Kießlings Ernennung zu seinem Vize erfahren; und Rogers hatte im Frühjahr 1982 Kießling unter Hinweis auf ein Dossier einen Homosexuellen genannt.
Der Oberstleutnant Georg Bogulawski, lange Zeit im Stab von Rogers, gab ebenfalls zu Protokoll, was der Minister dringend wünschte: Beweise für eine angeblich abartige Veranlagung.
Bogulawski: "Noch bevor K. seinen Dienst angetreten hatte, war er Gegenstand eines Gespräches zwischen Kraus, mir und Jancke (Ende September
1981). In diesem Gespräch ist über homosexuelle Neigungen von K. gesprochen worden. Kraus äußerte, daß es bei Shape Gerüchte darüber gebe."
Vielleicht auch mehr. Der MAD-Chef und Brigadegeneral Behrendt hat sich jedenfalls laut Vermerk in einer Besprechung beim Führungsstab am 2. Januar so geäußert: "Ergänzend weist BG B. darauf hin, daß Gen. Rogers, Saceur, seit längerem jeden dienstlichen Umgang mit K. vermeide."
Acht Tage später war der MAD-Oberverdachtschöpfer Behrendt wieder fündig geworden; Kießlings Belastungsakte wurde durch die Geschichte ergänzt, er habe, zu Besuch bei Marinearzt Friedrich Albert Richarz, "unter dem Bademantel offen an seinen Genitalien" gespielt. Behrendt: "A R. bewertete dieses Vorkommnis als sexuell abartig und möglicherweise als Versuch, seine Reaktion zu testen oder ihn zu homosexuellen Handlungen zu animieren."
Ein anderer Behrendt-Vermerk: "In Bonn gibt/gab es die Behauptung, Gen. Dr. K. 'penne' mit einem am 31. 3. 83 pensionierten Generalarzt."
Verteidigungsminister Wörner legte diesen Tratsch den Vertrauensleuten der Fraktion am 12. Januar als Beweis dafür vor, daß er richtig und rechtens gehandelt habe, als er Kießling in Pension schickte. In den - damaligen - Worten des Generalleutnants Sandrart: "Ich halte Dr. K. für psychisch nicht stabil und für einen Mann mit Komplexen und Verklemmungen."
MAD-Chef Behrendt, zur Zeit krank, wird in diesem Jahr als Sündenbock in den Ruhestand geschickt. Den Rogers-Freunden Sandrart und Jancke wird es besser gehen. Sandrart wird Nachfolger des Heeresinspekteurs Meinhard Glanz. Jancke, bisher nach Gruppe A 16 besoldet, wird auf einen B-3-Posten befördert.

DER SPIEGEL 11/1984
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