14.05.1984

BUNDESWEHREwige Werte

Verteidigungsminister Manfred Wörner will die Armee wieder auf die Tradition verpflichten. Selbst Veteranentreffen mit einstigen Hitler-Soldaten und alte Standarten sind nicht mehr tabu. *
Die alten Kameraden beklagten sich bitter: Fast eineinhalb Jahre sei der Herr Minister nun schon im Amt, aber noch immer habe er die von seinem Vorgänger Hans Apel erlassenen Traditionsrichtlinien nicht geändert.
"Da sind", empörte sich der Ex-Generalmajor Horst Niemack Mitte Februar beim Plausch mit Manfred Wörner, "tiefe Gräben zwischen alten und jungen Soldaten aufgerissen worden." Es gäbe, auch wenn Apel dies geleugnet habe, "ewige Werte des Soldatentums", die es zu wahren und zu pflegen gelte.
Der Minister, von der Kießling-Affäre noch sichtlich angeschlagen, gelobte Besserung. An dem neuen Traditionserlaß werde bereits gearbeitet, versicherte er. Und die Vorschläge der Ehemaligen-Verbände, dafür verbürge er sich, würden angemessen berücksichtigt: "Ich weiß die Verdienste der Kriegsgeneration zu würdigen."
Niemack, Vorsitzender des Ringes deutscher Soldatenverbände und Präsident der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger, war zufrieden.
Die Bundeswehr wird, wie von den Veteranen gewünscht, wieder Traditionstreffen mit ehemaligen Soldaten der Hitler-Wehrmacht veranstalten und bei "feierlichen Anläßen" sogar mit Fahnen und Standarten früherer Truppenteile marschieren. Unter dem Sozialdemokraten Georg Leber war über weniger noch ein Bonner Politiker zu Fall gekommen: Als 1976 Adolf Hitlers höchstdekorierter Kriegsheld Hans-Ulrich Rudel den Fliegerhorst Bremgarten bei Freiburg besuchte und dort von Bundeswehroffizieren gefeiert wurde, mußte Lebers Parlamentarischer Staatssekretär Hermann Schmidt gehen. Der SPD-Mann hatte den Besuch des rechtslastigen Schlachtfliegers offiziell genehmigt.
Wörner-Vorgänger Apel wollte mit seinen Richtlinien von 1982 nach 26 Jahren Bundeswehr endgültig einen Trennungsstrich zur Hitler-Armee ziehen. Die Wehrmacht, so Apel, sei in den Nationalsozialismus "teils schuldhaft verstrickt" gewesen. "Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich kann Tradition nicht begründen."
Wörner dagegen möchte wieder Helden feiern - egal, wem sie gedient haben. Disziplin, Tapferkeit und Kameradschaft sind für ihn "Werte an sich".
Die schleichende Restauration a la Wörner hat bei der Ausbildung der Offizier-Studenten an den Bundeswehr-Hochschulen in Hamburg und München begonnen. Die "Praxis der Bundeswehr", so Wörner vor einem Jahr, sei von sofort an beim Studium stärker als bisher zu berücksichtigen; das Militärische komme zu kurz.
Ende Februar erhielten die Präsidenten der Bundeswehr-Hochschulen schriftlich, was Wörner meinte.
Eine "endgültige Entscheidung" über die "künftige zeitliche Einordnung des Studiums und die Einrichtung neuer Studiengänge" sei zwar noch nicht getroffen, schrieb Ministerialrat Norbert Schelleis unter dem Aktenzeichen Az 3801-01. "Allerdings muß das Lehrangebot insgesamt schon jetzt stärker als bisher auf das Berufsfeld des Offiziers ausgerichtet werden."
Schelleis legte nach Hardthöhen-Art seiner "Orientierungshilfe" auch gleich einen vier Seiten langen Katalog von "militärischen Forderungen" bei. Gelehrt werden sollen unter anderem die Themen "Befehl und Gehorsam als Prinzip" und "Die psychische Belastung eines modernen Gefechts als Herausforderung an die Ausbildung von Streitkräften im Frieden" sowie "Ausgewählte Aspekte deutscher Wehrgeschichte", zum Beispiel: "Das Verhältnis von Armee und Staat in Deutschland von _(Bei einer Parade in Berlin 1939. )
1813 bis heute unter besonderer Berücksichtigung der Regelung des Oberbefehls."
Den Studierenden müsse jetzt, so die Schelleis-Forderung an die Bundeswehr-Professoren, das "für ihre späteren Aufgaben als Ausbilder und Erzieher erforderliche geistige Rüstzeug vermittelt werden".
Die akademischen Leutnants sollen auch nicht mehr in Zivil auf dem Campus herumlaufen, sondern in Uniform - rüstiger Geist im grauen Rock. Denn mit dem Auftreten ihrer Studenten waren die Offiziere auf der Hardthöhe schon lange nicht mehr zufrieden.
"Das Ausmaß der äußeren Verlatschung nimmt bei den jüngeren Jahrgängen sehr viel rascher zu", schrieb der Oberst Dietrich Genschel in einem "Erfahrungsbericht" an den Verteidigungsminister. "Der Entschluß, Zivil zuzulassen, mag politisch geboten gewesen sein, für das innere Gefüge und das äußere Erscheinungsbild des Korps der studierenden Offiziere wirkt es verhängnisvoll."
Das war vor acht Jahren. Georg Leber und Nachfolger Hans Apel lehnten Uniformzwang und militärisches Pflichtprogramm für die Offizier-Studenten ab. Er wolle, begründete Apel seinen Entschluß, keine Militärakademien.
Oberbefehlshaber Wörner dagegen hält, eifrig unterstützt von den Spitzenmilitärs, die Genschel-Forderungen für "sehr überlegenswert". Der stramme Oberst ist inzwischen Brigade-General. Im Führungsstab der Streitkräfte ist er, welch Wunder, zuständig für "Innere Führung, Personal und Ausbildung".
Auch an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese, an der die künftigen Generalstäbler ausgebildet werden, sollen wieder strengere militärische Sitten einziehen. Gefragt sind militärische Planspiele nach der alten Kommißregel: "Wo steht der Feind? - Der Feind dahier - Den Finger drauf, den schlagen wir."
"Mehr Praxisbezug, Menschenführung und militärfachliche Lehre" ordnete Wörner schon kurz nach Amtsübernahme an. Es werde zuviel theoretisiert.
Oberst Dieter Farwick, von Wörner in den Planungsstab geholt, hat inzwischen präzisiert, was sein Dienstherr meint. Das Bild des Stabsoffiziers stelle, so Farwick in der "Europäischen Wehrkunde", immer noch eher "einen uniformierten Abschreckungsbeamten" dar als einen "militärischen Führer ... Andere Armeen haben diesen Fehler mit viel Blut bezahlen müssen und versuchen, diesen Fehler auszumerzen". Nach einer "jahrelangen Verunsicherung innerhalb und außerhalb der Bundeswehr" habe der neue Minister endlich wieder die "Besonderheiten des Soldatenberufs" deutlich gemacht: "Vornehmste Pflicht des Offiziers ... muß es sein, sich und seine Soldaten geistig und moralisch auf den Ernstfall vorzubereiten."
Oberst Gerhard Hubatschek, der mit Farwick mehrere Bücher verfaßt hat und nun ebenfalls in Wörners Planungsstab arbeitet, geht noch einen Schritt weiter: "Für entscheidende Fragen der militärischen Führung, wie für Einsatz gepanzerter Verbände, das Zusammenwirken moderner Truppengattungen, die Anforderungen an Führer und Gefüge der Truppe, muß an die im Krieg gewonnenen Erfahrungen angeknüpft werden."
Erwin Horn, Wehrobmann der SPD im Bundestag, sieht die Entwicklung mit Zorn: "Heimlich, still und leise - die Gegenreformation marschiert."
Bei einer Parade in Berlin 1939.

DER SPIEGEL 20/1984
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