09.04.1984

BANKENTolle Sache

Spurlos verschwanden etliche Millionen bei merkwürdigen Geschäften zwischen einem Münchner Bankhaus und einem pfälzischen Bauunternehmer. *
Bescheiden war das Vorhaben nicht gerade. 20 Millionen Mark wollte die Baden-Badener Firmengruppe Luppert im nordbayrischen Kurort Bad Kissingen ausgeben. Zwei Sanatorien sollten dort modernisiert werden, 150 Kurappartements dabei herausspringen.
Selbst bezahlen konnte Firmen-Manager Hermann Luppert das ehrgeizige Projekt nicht. Doch der fixe Unternehmer fand bald genügend Interessenten für die 150 Appartements - auch wenn die Heilbad-Unterkünfte eher überteuert feilgeboten wurden.
6000 Mark sollte der Quadratmeter in Bad Kissingen kosten. Das billigste Appartement, kümmerliche 20 Quadratmeter groß, kam auf 120 000 Mark.
Mit einem kleinen Trick gewann Luppert 1980 und 1981 Käufer für die überteuerten Immobilien. Sie brauchten nur als Pro-forma-Käufer aufzutreten, wurde den Interessenten kundgetan, um die Bankfinanzierung durchzuziehen. Ihre Appartements würden alsbald an Bauherren der "II. Generation" weiterverkauft - mit einem saftigen Aufpreis. Dabei sollten die Ersterwerber als Belohnung fürs "Mitmachen" bis zu 10 000 Mark "in klingender Münze kassieren". Luppert: "Einfach eine tolle Sache."
Für Hermann Luppert war die Sache vor allem deswegen so toll, weil er einige hundert Kilometer weiter südlich ein Bankhaus gefunden hatte, dessen Manager in Erwartung großer Geschäfte bei den merkwürdigen Anlagegeschäften freudig mitspielten. Die Führung des Münchner Geldinstituts Schneider Münzing fand Lupperts Anlage-Offerte "gedanklich schlüssig".
Die Bankiers räumten selbst offensichtlich Minderbemittelten großzügig Baukredite über 120 000 bis 500 000 Mark ein. Darunter waren Bauherren, die keinerlei Eigenkapital mitbrachten und mit Monatseinkommen von baren 1400 Mark weder Zins noch Tilgung aufbringen konnten.
Die Bonitätsprüfung unterließen die Bankherren auch bei ihrem Geschäftspartner. Es interessierte sie offensichtlich nicht, warum Hermann Luppert bloß als "Generalbevollmächtigter" seiner recht jungen Kinder auftrat, die für das Dutzend Unternehmen der Luppert-Gruppe verantwortlich zeichneten.
Die Bank arbeitete mit einem Finanzakrobaten. Der blieb bei seinen Seiltricks, obwohl er Mitte der siebziger Jahre mit einem pfälzischen Bau-Imperium einen ordentlichen Millionen-Konkurs hingelegt hatte. Dabei hatten zwei Sparkassendirektoren ihren Job verloren, sie wurden bereits verurteilt. Seit 1982 steht auch Luppert in Kaiserslautern vor Gericht; vor seinem Konkurs soll nicht alles ganz lupenrein gewesen sein.
Die Herren von Schneider Münzing in München wußten von alledem nichts - oder sie wollten davon nichts wissen. Sie bedienten Lupperts Appartement-Käufer eifrig mit Krediten, mehr als 30 Millionen Mark waren so schließlich an die Luppert-Kundschaft ausgeliehen.
Damit verstießen die Münchner Bankiers gegen das Kreditwesengesetz. Das sieht vor, daß die an einen Kunden vergebenen Mittel 75 Prozent des haftenden Eigenkapitals nicht überschreiten dürfen; auch muß jedes Darlehen von einer Million Mark und mehr der Bundesbank gemeldet werden.
Gewiß, formal konnten sich die Bankmanager dahinter verstecken, daß die Darlehen nicht direkt an Luppert vergeben worden waren. Als Kreditnehmer zeichneten ja die vielen geköderten Anleger. Faktisch aber, und das merkte schließlich auch die Bankenaufsicht, waren die vielen kleinen Einzeldarlehen ein dicker Brocken. Die Bankenaufsicht drohte schließlich, Schneider Münzing kurzerhand zu schließen. Da traf es sich, daß im Oktober 1981, nach einem verworrenen Rechtsstreit, die Madison Securities Ltd., Hongkong, als neuer Teilhaber in die Münchner Bank eintrat. Die Deutschen gingen.
Frank Thelen, persönlich haftender Gesellschafter bei Schneider Münzing, war "zufrieden". Ihm und den Kommanditisten Martin Brost, Botho Heinrich, Enno Poets und Reinhold Seiler hätten die Chinesen für ihre Geschäftseinlagen von 30 Millionen Mark einen "fairen Preis" bezahlt, erzählte er.
Valuta aber gab es nicht. Statt baren 30 Millionen überließen die neuen Bankinhaber aus Fernost den ausscheidenden deutschen Vorgängern vor allem die Forderungen, die gegenüber der Luppert-Kundschaft bestanden.
Das Geld, allerdings, ist weg. Luppert hat seinen Anlegern weder zu einer zweiten Generation von Bauträgern verholfen; noch konnte die erste Generation, die sich bei Schneider Münzing so hoch verschuldete, die Appartements in Bad Kissingen in Besitz nehmen. Bevor dort mit dem Bau begonnen werden konnte, hat Hermann Luppert mal wieder Bankrott angemeldet.
Das hinderte jedoch die ehemaligen Schneider-Münzing-Gesellschafter Poets und Seiler nicht, von den einstigen Luppert-Kunden im Sommer 1983 plötzlich die Rückzahlung der Kredite zu fordern. Als die Anleger, die das Geld ja nie gesehen und der Bank auch nie Zinsen überwiesen hatten, nicht zahlen wollten (und konnten), gingen die Ex-Bankiers vor Gericht.
Doch da hatten sie Pech. Das Landgericht Mannheim zum Beispiel setzte zwei Prozesse erst mal bis zum Abschluß der strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Luppert und das damalige Bankmanagement aus.
Das Landgericht Darmstadt wies zwei Klagen kurzerhand ab. Darlehensgeschäfte, wie sie die Bank und Luppert zum Nachteil ihrer Kunden praktizierten, könne "die Rechtsordnung nicht hinnehmen", urteilten die Darmstädter Richter, und: "Ein Rückzahlungsanspruch besteht nicht."

DER SPIEGEL 15/1984
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