09.04.1984

ARZNEIMITTELGeheime Rezepte

Per Gerichtsbeschluß suchte die Marktforschungsgesellschaft IMS letzte Woche ein pharmazeutisches Buch zu stoppen. *
Im glatten Gang, Antrag und Erlaß am gleichen Tag, ging die einstweilige Verfügung am vorletzten Freitag über die Bühne: Der Verlag Kiepenheuer und Witsch, entschied die 6. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts, darf das Buch "Krankheit auf Rezept - die Praktiken der Praxisärzte" weder "in den Verkehr bringen" noch dafür "schriftlich oder mündlich werben".
Sogar eine von Verlagschef Reinhold Neven DuMont im Bonner Restaurant Tulpenfeld angesetzte Pressekonferenz wurde untersagt - und von den Betroffenen zu einer "Diskussionsrunde" umgewandelt.
Das Verdikt des Frankfurter Landgerichts galt einem bestsellerträchtigen Kompendium (284 Seiten, 19,80 Mark), das der Pharma-Industrie weh tut. Verfaßt hat es ein abtrünniger Insider der Arzneimittelbranche, der Chemiker, Pharmakologe und nunmehr als freier Schriftsteller in Berlin lebende Ex-Pharma-Manager Peter Sichrovsky, der bereits durch seinen in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern herausgebrachten Medikamenten-Ratgeber "Bittere Pillen" (verkaufte Auflage bisher: über 400 000 Exemplare) die Arzneimittelbranche zur Weißglut gebracht hat.
Autor Sichrovsky hatte sich der Mühsal unterzogen, ein gigantisches Zahlenkonvolut durchzuackern und in allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen, das in der Pharma-Branche strengster Geheimhaltung unterliegt und in das nicht einmal das Bundesgesundheitsamt, Aufsichtsbehörde der Pillenfabrikanten, bisher auch nur einen Blick tun durfte.
Das Werk heißt "VIP - Verschreibungsindex für Pharmazeutika", ist 20 000 Seiten stark und mit rund zehn Millionen Zahlen bestückt. Nur handverlesene Elitefirmen der Pharma-Branche erhalten es, zum Jahresabonnementspreis von rund 200 000 Mark.
Erarbeitet wird die viermal im Jahr unter Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinende geheime Kommandosache "VIP" von dem in Frankfurt ansässigen "Institut für Medizinische Statistik", einer Filiale des New Yorker "Institute for Medical Statistics", das weltweit im Dienste der Arzneimittelindustrie Daten des Pharma-Marktes erhebt und an die Großen der Branche verkauft.
Die teuren Geheimdaten sind für die Pharma-Konzerne Gold wert. Sie liefern ihnen die Basis für ihre Marketingstrategien, denn sie offenbaren minutiös, welche Ärzte welcher Fachrichtung welchen Alters welchen Patienten und vor allen Dingen warum ein bestimmtes Medikament verschrieben haben, in welcher Menge und in welcher Darreichungsform und Stärke.
Die Absatzstrategen der Pharma-Konzerne können aus den IMS-Zahlen auf Anhieb herauslesen, welche Marktchancen sie ergreifen sollten, wenn beispielsweise Praktiker plötzlich dazu übergehen, ein eigentlich nur gegen Magenulcus einsatzfähiges Medikament nun auch bei Leberbeschwerden zu verordnen oder Kinderärzte in Großstädten anfangen, Säuglinge wegen "Schlafstörungen" mit Psychopharmaka zu traktieren.
Beteiligt am deutschen "VIP" sind 1800 repräsentativ ausgewählte frei praktizierende Ärzte - Allgemeinmediziner, Internisten, Kinderärzte, Gynäkologen, Haut-, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Neurologen, Orthopäden, Pulmo- und Urologen. Jeweils eine Woche lang im Quartal senden sie an die IMS Kopien ihrer Medikamentenverordnungen, versehen zusätzlich mit der jeweils von ihnen gestellten Diagnose.
Sie tun es im Dienste der Forschung, meinen sie. In Wahrheit geben sie Intimes ihrer Patienten ohne Hemmung preis und lassen sich sogar von IMS dafür bezahlen. Kein ärztlicher Standesführer nahm bislang an diesem Mißbrauch Anstoß.
Erst jetzt kommt er dank Zahlenübersetzer Sichrovsky ans Licht. Mehr noch: Erst jetzt wird auch publik, wie sorglos die Pharma-Branche den millionenfach nachgewiesenen falschen Einsatz ihrer oft gefährlichen Medikamente duldet und nicht das geringste unternimmt, die leichtsinnigen Doktoren auf ihre folgenschweren Irrtümer aufmerksam zu machen.
Branchenkenner Sichrovsky und Verleger DuMont waren sich der Brisanz ihres Vorhabens durchaus bewußt. Gewitzt bauten sie daher der erwarteten IMS-Abwehr vor: Kiepenheuer und Witsch spielte dem nordrhein-westfälischen Sozialminister Professor Friedhelm Farthmann Extrakte des Enthüllungsbuches samt IMS-Geheimdaten zu.
Der Gesundheitspolitiker der SPD erkannte prompt das Politikum: Auf einer Pressekonferenz donnerte er gegen die skrupellosen Praktiken der Pharma-Industrie und die "besorgniserregenden Tendenzen der Verschreibungspraxis der deutschen Ärzteschaft".
Schwangeren, erregt sich Farthmann, würden wegen angeblich drohenden Aborts Sexualhormone verordnet, obwohl die betreffenden Hersteller - aufgrund der klinischen Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten - solchen Einsatz nicht nur für sinnlos, sondern für gefährlich hielten, weil die Hormone zu Mißbildungen führen könnten. Kleinstkindern würden kortisonhaltige Einreibungsmittel verabreicht, schwerste Schmerzmittel, gefahrenreiche Antibiotika und sogar schlimme Antidepressiva wegen Bettnässen.
Die IMS blieb still. Gegen den Politiker Farthmann, der bei seinem Presseauftritt sogar mit IMS-Datenblättern wedelte, mochte sie öffentlich nicht angehen.
Sie hielt sich an den Verlag. Doch mit ihrer einstweiligen Verfügung gelang ihr dennoch nur ein Böllerschuß ins Blaue: 100 000 Stück des Sichrovsky-Buches hatte Verleger DuMont gedruckt und schon fast vollständig an den Buchhandel ausgeliefert. Und der darf es verkaufen.
Die ersten Händler meldeten Ende letzter Woche bereits "ausverkauft".

DER SPIEGEL 15/1984
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