09.04.1984

SPIEGEL Gespräch„Pharma-Preise sind politische Preise“

Professor Hans Rüdiger Vogel, Hauptgeschäftsführer des Pharma-Verbandes, zur Kritik an der Arzneimittel-Branche
SPIEGEL: Herr Professor Vogel, die westdeutsche Pharma-Industrie läßt regelmäßig die Absatzziffern für alle Medikamente und das Verschreibungsverhalten der Ärzte ermitteln. Aber diese Zahlen bleiben unter Verschluß. Warum hält die Pharma-Industrie sie geheim?
VOGEL: Nicht die Pharma-Industrie ermittelt diese Daten. Selbst wir, der Bundesverband, sind nicht im Besitz dieser Zahlen, weil wir nicht zu den Vertragspartnern der IMS gehören, der Marktforschungsgesellschaft, die die Daten ermittelt.
SPIEGEL: Deswegen hatten wir gesagt, die Industrie läßt ermitteln. Einzelne Firmen erwerben Zusammenstellungen dieser Daten für viel Geld, manche zahlen mehr als eine halbe Million Mark pro Jahr.
VOGEL: Der Punkt ist, daß eine bestimmte Anzahl von Firmen, in Einzelverträgen mit der IMS, die Daten ermitteln läßt. Ich selbst habe aufgrund der rechtlichen Konstruktion keinen Zugang zu den Zahlen. Ich habe deshalb dem Minister Farthmann erklärt, daß ich, selbst wenn ich dies wollte, ihm nicht zu diesen Daten verhelfen kann. Im übrigen: Wir sind an ihnen so sehr nun auch nicht interessiert, weil sie gesundheitspolitisch nichts hergeben.
SPIEGEL: Aber warum eigentlich gibt die Pharma-Industrie nicht von sich aus, wie andere Industriezweige, etwa Automobile, Tabak oder Schnaps, ihre Umsatzzahlen bekannt? Warum muß sie sich eines Marktforschungsinstituts bedienen, um ihre eigenen Absatzzahlen zu bekommen?
VOGEL: Unsere Umsatzzahlen, aufgeschlüsselt nach Präparategruppen, veröffentlichen wir seit vielen Jahren. Ich habe verschiedentlich meine persönliche Meinung geäußert, daß ich es für falsch halte, Daten unter Verschluß zu halten. Ich stehe nicht an, das auch hier zu wiederholen. Wir haben mit IMS sofort ein Gespräch geführt über die Frage, die auch Minister Farthmann an uns gerichtet hat: "Warum werden diese Daten nicht publiziert?" Die Antwort ist: Für die Überprüfung der Verordnungsweise der Ärzte taugen sie nicht.
SPIEGEL: Es gibt vom Bundesministerium für Gesundheit aus dem Jahre 1982 eine Äußerung, in der es unter anderem heißt, wir zitieren: "Zur Beurteilung der Risiken von Medikamenten wäre es wichtig, die Abgabemengen zu kennen."
VOGEL: Richtig.
SPIEGEL: Das ist eine uns unmittelbar einleuchtende Forderung des Bundesministeriums für Gesundheit. Und daran knüpft sich die Frage, warum die Pharma-Industrie auch auf Anfrage von _(Mit Redakteuren Jürgen Petermann und ) _(Rolf S. Müller in seinem Büro im ) _(Frankfurter Haus der Chemie. )
Ministerien oder Bundesgesundheitsamt Daten über den Konsum von Medikamenten und über das Verschreibungsverhalten von Ärzten nicht herausrückt?
VOGEL: Ich lege Wert auf die Feststellung, daß ich nach meinen Gesprächen mit Herrn Farthmann und aufgrund der Reaktion der Öffentlichkeit mich sofort eingeschaltet und die Firma IMS darum gebeten habe, daß wir zu einem raschen Gespräch kommen, um dem Informationsbedürfnis Rechnung zu tragen.
SPIEGEL: Heißt das, daß Sie die IMS-Studien künftig den Ministerien zur Verfügung stellen?
VOGEL: Das kann ich nicht zusagen, wie sich aus dem zuvor Ausgeführten ergibt; aber daß ich mich dafür einsetzen werde, daß das Informationsbedürfnis der öffentlichen Verwaltung befriedigt wird, davon können Sie ausgehen.
SPIEGEL: Nun sind ja auf Umwegen - durch das Buch "Krankheit auf Rezept" und den Alarmruf von Farthmann - etliche erschreckende Zahlen über den westdeutschen Pillenkonsum bekanntgegeworden.
VOGEL: Wir haben einen Weg vorgeschlagen, den wir auch in Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsamt praktizieren: Es wird konkret eine Frage an den Verband gestellt, beispielsweise über bestimmte Umsatzgrößen, die das BGA interessieren, und wir bitten IMS dann, die entsprechenden Daten aufzubereiten und dem Amt zur Verfügung zu stellen. Ich räume ein, das Verfahren ist recht kompliziert.
SPIEGEL: Es geschieht überdies nur im Einzelfall, und, zum Beispiel bei Erkenntnissen über schwere Nebenwirkungen, viel zu spät. Für eine vorsorgliche Gesundheitspolitik - etwa die Frage: Werden Kindern zu viele Beruhigungsmittel verschrieben? - brauchte man die exakten Daten über Konsum- und Verschreibungsverhalten. Aber diese Daten sind den Politikern nicht verfügbar.
So werden beispielsweise in der Bundesrepublik - Statistiken der AOK bestätigen das - pro Patient und Jahr mehr als 14 Medikamenten-Verschreibungen vom Arzt vorgenommen, die gleiche Durchschnittszahl für die USA liegt bei knapp vier. Wie kommt es dazu, daß hier rund viermal so oft ein Medikament pro Person verschrieben wird wie beispielsweise in den USA?
VOGEL: Wir sind ein Land, das ein sehr scharfes wie aber auch fortschrittliches Arzneimittelgesetz hat. Deshalb gibt es bei uns einen höheren Anteil an verschreibungspflichtigen Arzneimitteln als in Amerika. Das heißt, viele Medikamente, die bei uns verschreibungspflichtig sind, werden dort ohne Rezept einfach im Drugstore verkauft. Die Zahlen sind also in Wahrheit nicht vergleichbar.
SPIEGEL: Dann nehmen wir eine absolute Zahl. Jeden Tag, auch das geht aus der AOK-Studie hervor, werden in der Bundesrepublik durchschnittlich drei Millionen Menschen mit verschreibungspflichtigen Beruhigungsmitteln, Tranquilizern, behandelt. Keine erschreckende Zahl?
VOGEL: Diese Zahl ist auch für mich als Arzt zunächst beunruhigend. Allerdings: Drei Millionen von insgesamt rund 61 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland - das sind nur fünf Prozent. Ich habe keine Anhaltspunkte, aufgrund derer ich beurteilen könnte, ob nicht tatsächlich ein derartiger Anteil der Bevölkerung so schwerwiegende psychische Probleme hat, daß eine Behandlung aus ärztlicher Sicht erforderlich ist.
Davon einmal abgesehen: In unserer Gesellschaft hat sich über viele Jahre ein Trend entwickelt, Problemen mit Hilfe der Tablette aus dem Weg zu gehen, möglichst schon von Kindesbeinen an. Diesen Trend, sich Grundproblemen nicht zu stellen, sondern ihnen mit Hilfsmitteln aus dem Weg zu gehen, halte ich persönlich für gefährlich. Ich akzeptiere auch die Kritik, die gegenüber so sensiblen Bereichen wie dem Umgang mit Arzneimitteln generell geübt wird. Ich halte es für notwendig, daß wir alle - Ärzte, Industrie und Verbraucher - wesentlich kritischer mit dem Arzneimittel umgehen, das in sehr vielen Fällen Hilfe bringt, aber eben auch Risiken in sich birgt.
SPIEGEL: Herr Professor, Sie haben eben gesagt: Ich spreche als Arzt. Aber gibt es da nicht einen Zielkonflikt? Als Arzt finden Sie den hohen Konsum an Psychopharmaka bedenklich. In Ihrer Rolle als Interessenvertreter der Pharma-Industrie müssen Sie doch daran interessiert sein, daß Ärzte für hohen Medikamenten-Absatz sorgen.
VOGEL: An einem überhöhten Verbrauch sind wir nicht interessiert. Die Risiken, die sich daraus ergeben können, fallen letztlich auch auf das Medikament und seinen Hersteller zurück. Der Arzt ist ganz sicher nicht der Vertreter der Interessen von Pharma-Herstellern, wie man ihm manchmal unterstellt; der Arzt ist vielmehr die wesentliche Schlüsselfigur für den Umgang mit Arzneimitteln.
SPIEGEL: Der Arzt bestimmt die Nachfrage.
VOGEL: Der Arzt bestimmt natürlich in weiten Bereichen die Nachfrage. Er hat deshalb auch aus meiner Sicht eine besonders hohe Verantwortung bei dem, was wir als Problem der Arzneimittelabhängigkeit bezeichnen.
SPIEGEL: Wie verträgt sich aber diese Erkenntnis über den hohen Verantwortungsgrad des Arztes mit der Usance der Pharma-Industrie, den Arzt mit einem Trommelfeuer von Werbung zu überziehen?
VOGEL: Wir sind eine Branche, die sich aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus von anderen Industriezweigen unterscheidet. Deshalb bin ich der Meinung, daß an die Werbung im Arzneimittelbereich besonders hohe Anforderungen gestellt werden müssen. Sie werden mir jetzt Beispiele vorlegen, aus diesem Buch oder aus anderen Schriften - da können wir uns sehr rasch verständigen. Ich kenne derartige Beispiele auch und lehne sie genauso ab.
SPIEGEL: Es gibt eine Fülle von Anzeigen-Beispielen, die wir Ihnen vorhalten können, in denen so gut wie keine Information übermittelt wird, sondern nur Emotion. Etwa diese Seite einer Anzeige für das Beruhigungsmittel Tavor,
einzige Textzeile: "Wenn die Angst als unlösbares Problem erscheint." Besonders skandalös finden wir diese Dogmatil-Anzeige: Ein Mittel, das gegen schwere Depressionen eingesetzt wird, soll hiernach auch schon verschrieben werden, wenn ein Schüler schulischen Ehrgeiz vermissen läßt. Um dem Arzt das unterzujubeln, wird im Anzeigentext mangelnde Lernbereitschaft schon in die Nähe von Autismus gerückt, einer seltenen, schweren Krankheit. Können Sie diese Art von Werbung billigen?
VOGEL: In der Regel wäre ein solches Beispiel für mich Anlaß zu prüfen, inwieweit Heilmittelwerbegesetz oder unser Verbandskodex davon berührt und verletzt werden.
SPIEGEL: Es gab doch mal Werberichtlinien des Pharma-Verbandes.
VOGEL: Gibt es noch.
SPIEGEL: Aber niemand hält sich daran?
VOGEL: Das trifft nicht zu. Aus meiner Sicht kann man jedoch Fragen des guten Geschmacks nicht durch Paragraphen regeln. Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich mich von bestimmten Werbemethoden distanziere.
SPIEGEL: Nun müssen Sie sich gefallen lassen, daß Sie hier für die Pharma-Industrie sprechen.
VOGEL: Ich bestreite dies ja gar nicht.
SPIEGEL: Sie können sich nicht darauf zurückziehen zu sagen, es gibt ein paar schwarze Schafe. Die Beispiele, die wir genannt haben, sind von führenden Pharma-Firmen, und es sind auch keine Einzelfälle.
VOGEL: Es sind auch in diesem Zusammenhang Einzelbeispiele. Sie müssen sich überlegen: 530 Mitgliedsfirmen haben wir, die genaue Zahl der Arzneimittelhersteller im Bundesgebiet ist nicht exakt anzugeben.
SPIEGEL: Aber Sie vertreten etwa 95 Prozent des Umsatzes. Wir sind also an der richtigen Adresse.
VOGEL: Ja, ich habe auch keinen Grund, das zu bestreiten. Dennoch: Es ist eben nicht so, daß die überwiegende Mehrheit der Firmen - das möchte ich entschieden in Abrede stellen - sich so verhält, wie das in Ihren Negativbeispielen den Anschein hat.
SPIEGEL: Die "Neue Zürcher Zeitung", keiner Linksabweichung verdächtig, hat das Thema Arzneimittelwerbung so kommentiert: "Hauptsächlich fördert die Werbeflut aber die Verschreibung therapeutisch umstrittener Heilmittelklassen, zum Beispiel Präparate gegen geistige und körperliche Alterserscheinungen oder gefäßerweiternde Medikamente, wie die Umsatzlisten aus Deutschland und der Schweiz nahelegen."
VOGEL: Da kommen wir jetzt in einen anderen Bereich, zur Frage der Bewertung von Arzneimitteln. Wenn Sie sagen "umstritten", dann müssen Sie sich beziehen auf ein bestimmtes methodisches Vorgehen.
SPIEGEL: Bei Tranquilizern waren Sie unserer Meinung, daß man sehr über ihren Nutzen streiten kann.
VOGEL: In dieser Form habe ich das nicht geäußert.
SPIEGEL: Aber es gibt in den jüngsten Veröffentlichungen ja auch Beispiele für eine ausgesprochen gefährliche Verschreibungspraxis, etwa: Sexualhormone während der Schwangerschaft. Schon 1976 warnte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA davor, und das BGA wies 1978 darauf hin, daß Sexualhormone, während der Schwangerschaft verabreicht, eine drohende Fehlgeburt nicht verhindern können, aber die Gefahr einer Gliedmaßen-Mißbildung beim Kind auf das 4,7fache erhöhen.
Trotzdem werden in der Bundesrepublik 50 000 mal pro Jahr Sexualhormone, vor allem die Mittel Gestanon, Gravibinon und Duphaston, gegen drohenden Abort verschrieben.
VOGEL: Die Zahl 50 000 kann ich nicht überprüfen. Ich meine aber: Jeder Arzt weiß um die Gefahren einer Medikation in der Schwangerschaft.
SPIEGEL: Das bezweifeln wir, die Zahlen sprechen dagegen.
VOGEL: Ich würde das aber - als jemand, der in der Medizinischen Hochschule auch noch selber ausbildet - in jedem Fall den Ärzten unterstellen. Und ich bin vielleicht etwas näher dran an der Ausbildung der Mediziner als Sie.
SPIEGEL: Nicht nur damals beim Contergan-Skandal, der in Deutschland erst nach mehr als 2000 Mißbildungen entdeckt wurde, sondern bei fast jedem Medikamentenskandal seither sind die Nebenwirkungen erst im Ausland aufgespürt worden, ehe die deutschen Ärzte sie dann auch bemerkten. Das spricht doch wohl dafür, daß hier - vielleicht weil die Medizinerausbildung nicht so naturwissenschaftlich ist wie in den angelsächsischen Ländern - ein gewisses Manko besteht, das von der Pharma-Industrie eigentlich ausgeglichen werden müßte.
VOGEL: Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen Contergan und Mißbildungen von einem deutschen Arzt belegt worden. In einigen Fällen sind Arzneimittel-Zwischenfälle - das Wort Skandal scheinen Sie mir inflationistisch zu verwenden - tatsächlich zuerst in anderen Ländern erkannt worden. Dies deshalb, weil die Präparate dort entwickelt und sehr viel länger und zahlreicher verwendet worden sind als bei uns. Ich weiß daher nicht, ob das Manko besteht und ob die Pharma-Industrie es ausgleichen muß.
Ich stimme aber Ihrer Kritik im Grundsatz zu: Ich glaube, daß während der gesamten Ausbildung und Weiterbildung der Ärzte dem therapeutischen Sektor allgemein und der Pharmakotherapie insbesondere zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Ich halte es für bedenklich, daß wir etwa 80 Prozent Diagnostik und nur 20 Prozent Therapie, und davon aus meiner Sicht nicht ausreichend praxisnahe Pharmakotherapie in der Entwicklung des Arztes, haben. Am Ende dieser Ausbildung - und dies ist nun gerade nach Contergan wirklich ein Thema, das im Unterricht so oft erscheint - wird die Grundbereitschaft, in der Schwangerschaft vorsichtig zu verordnen, vorhanden sein.
Aber noch zu Ihrem konkreten Vorwurf: Es gibt aus meiner Sicht - ich bin allerdings kein Gynäkologe - durchaus bestimmte Indikationen, bei denen zum Erhalt einer bestehenden Schwangerschaft bei drohendem Abort Hormone
zu verordnen sinnvoll ist. Ich bestreite, daß es generelle Lehrmeinung sei, daß man Hormone in der Schwangerschaft nicht verordnen kann. Und ich gehe davon aus, daß die von Ihnen erwähnten 50 000 Verordnungen medizinisch begründet waren.
SPIEGEL: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Kortisonsalbe für Säuglinge, 230 000mal im Jahr verschrieben, obwohl man weiß, es ist gegen ärztliche Regeln.
VOGEL: Es könnte der Eindruck entstehen, als würde die Industrie Risiken verschweigen. Aber dem ist nicht so, das sehen Sie schon an den Angaben über mögliche Nebenwirkungen in der Roten Liste. _(Rote Liste: Arzneimittelhandbuch für ) _(Ärzte. )
Wir haben das noch erweitert in Form der Gebrauchsinformationen für Ärzte.
Wir haben, wenn wir zu viele Verordnungen in problematischen Bereichen sehen, nur die Möglichkeit, uns an die Organisationen der Ärzteschaft zu wenden und zu sagen: Wir beobachten da eine Entwicklung, über die wir reden sollten; was dann bei der Ärzteschaft dazu führt, daß dies in Fortbildungsprogrammen eingebracht werden kann.
SPIEGEL: Dürfen wir, um das Thema anschaulich zu machen, noch ein Beispiel bringen: Antibiotika in großer Menge bei Kindern gegen Atemwegsinfektionen verordnet - ein gutes Geschäft für die Pharma-Industrie, aber ein ärztlich außerordentlich umstrittenes Verfahren.
Was tut die Pharma-Industrie? Fördert sie den Absatz von Antibiotika über die Kinderärzte, oder bremst sie ihn?
VOGEL: Darf ich mal eine Gegenfrage stellen? Ist Ihnen bekannt, daß wir in Europa an drittletzter Stelle liegen, was den Antibiotika-Verbrauch angeht? Daß in anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, wesentlich mehr Antibiotika verordnet werden als bei uns?
SPIEGEL: Wir sprachen speziell von Atemwegsinfektionen bei Kindern.
VOGEL: Entscheidend ist doch die Frage, in welchem Einzelfall das Antibiotikum verordnet wurde. Man kann einfach nicht pauschal sagen, Antibiotika im Kindesalter bei Atemwegserkrankungen sind fehlangezeigt.
SPIEGEL: Auch nicht in dem Umfang, in dem sie verabreicht werden?
VOGEL: Die Frage läßt sich aufgrund der vorliegenden Daten weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Jeder kritische Arzt - und die Ärzte sollten alle kritisch sein - soll sich bei jeder Einzelverschreibung überlegen: Ist das ein Fall, in dem ich bereits Antibiotika einsetzen muß, speziell im Kindesalter - da würde ich als Arzt besonders sensibel sein -, oder gibt es alternative Methoden oder Arzneimittel, die angewandt werden können? Ich habe keine Anhaltspunkte, daß sich die Mehrzahl der Ärzte nicht so verhält.
Es ist kein Zweifel, daß wir heute generell zu oft dazu neigen, die Hilfe beim Arzneimittel zu suchen, und daß die bewährten Hausmittel, bei Fieber zum Beispiel der Wadenwickel, in der Bevölkerung nicht mehr den Stellenwert haben, den sie haben sollten.
SPIEGEL: Den Mythos vom Arzt als omnipotentem Helfer, der mit dem Rezeptblock in der Hand gegen jedes und alles antritt, hat doch die Pharma-Industrie selber geschaffen.
VOGEL: Wir haben weder einen eigenen Rundfunk noch eigenes Fernsehen, überhaupt Medien, mit denen wir das hätten schaffen können. Ich war in einem Landesministerium, wie es Herr Farthmann leitet, fast sechs Jahre lang. Ich habe noch sehr genau im Ohr, wie damals die Diskussion in den Medien geführt wurde: Opas Praxis ist tot. Man war unzufrieden mit der Ausstattung und den technischen Möglichkeiten der Ärzte. Und daraus entwickelte sich eine breite öffentliche Diskussion, die schließlich zu dieser überzogenen Erwartungshaltung geführt hat, die ich auch kritisiere, diese mechanistische Auffassung: Die Maschine ist kaputt, man muß sie reparieren.
SPIEGEL: In ihren PR-Aussagen geht die Pharma-Industrie davon aus, daß sie die Bedürfnisse des Kranken im Blick habe, wenn sie Arzneimittel verkauft. In einer von Ihrem Verband herausgegebenen Broschüre, Titel: "Pharma-Argumente", heißt es: "Für die Pharma-Industrie bedeutet Marketing, die Bedürfnisse des Kranken mit den ökonomischen Zielsetzungen des Herstellers in Übereinstimmung zu bringen." Überwiegen nicht klar die ökonomischen Zielsetzungen, wenn seit Jahrzehnten die sogenannten Glykosid-Präparate als Bestseller im Pharma-Markt rangieren, obwohl die Fachwissenschaftler weithin übereinstimmen, daß die meisten dieser Herzmittel - manche Mediziner sprechen von 90 Prozent - unnötig verordnet werden und noch dazu eine große Zahl von Nebenwirkungen verursachen?
VOGEL: Der Glykosid-Verbrauch ist sicher wesentlich kritischer zu sehen als die vorhin erwähnten Antibiotika. Aber der Glykosid-Verbrauch wird ganz entscheidend beeinflußt durch die herrschende Lehrmeinung.
In Deutschland wird bei der Herzinsuffizienz viel früher digitalisiert, also mit Glykosiden behandelt, als in Großbritannien oder den USA. Dafür verschreiben die Ärzte dort mehr Diuretika. Um den Zusammenhang ganz deutlich zu machen: Bei einer Mangelleistung des Herzens schwemmt Wasser in die Beine. Sie können als Arzt ansetzen, indem Sie die Kraft des Herzens zu bessern versuchen - mit Glykosiden - und das Wasser geht dann auf natürliche Weise ab. Oder Sie geben Diuretika, also Arzneimittel, die verstärkt das Wasser ausschwemmen. Aus diesen Gründen haben Sie dann in den angelsächsischen Ländern den höheren Diuretika-Verbrauch und bei uns den höheren Verbrauch an Glykosiden.
SPIEGEL: Aber es ist ja wohl nicht nur die jeweilige Lehrmeinung der Mediziner, die zum Pharma-Massenumsatz führt, sondern oft genug auch schlicht die gezielte Werbung an die Adresse des Arztes, oft mit ziemlich plumpen Mitteln. So hat beispielsweise 1982 die Firma Cilag für eine Antibabypille damit geworben, daß sie den Ärzten Würfel aus feinster Schweizer Schokolade ins Haus schickte, mit dem Slogan: "Cilag AG - Sicherheit für süße Stunden";
vielleicht ist solche Art Werbung nicht die Regel - aber sie soll doch offenkundig den Arzt dazu programmieren, bestimmte Medikamente häufiger zu verschreiben.
VOGEL: Das ist ein Werbegag, über den man streiten kann. Aber glauben Sie denn ernsthaft, daß man einen Arzt durch ein Stück feinster Schweizer Schokolade dazu veranlassen kann, ein Medikament zu verordnen, das er sonst nicht anwenden würde?
SPIEGEL: Ja, das glauben wir. Aber um den Absatz von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten zu heben, wendet sich die Pharma-Industrie ja, mit der sogenannten Laienwerbung, auch direkt an die Konsumenten. So sind, allein im Oktober letzten Jahres, für die Laienwerbung für Schmerzmittel vier Millionen Mark ausgegeben worden, für die Werbung für Abführmittel 3,5 Millionen Mark.
Paßt das eigentlich noch ins Bild - in einer Zeit, in der soviel über Schmerzmittelmißbrauch geschrieben wird, wo Kliniker herausgefunden haben, daß der Dauergebrauch von Schmerzmitteln erst recht zu Kopfschmerzen führt, wo die Experten immer stärker vor einem Mißbrauch von Abführmitteln warnen?
VOGEL: Die Publikumswerbung ist in der Tat umstritten. Sie ist gesetzlich geregelt im Heilmittelwerbegesetz, mit Minimalanforderungen, die an diese Art Werbung zu richten sind. Die Werbung ist ja nicht die einzige Informationsquelle des Verbrauchers. Da gibt es den Apotheker oder den Hausarzt als Informanten und die Gebrauchsanweisungen in den Packungen, die der Kontrolle des Bundesgesundheitsamtes unterliegen und in denen vor Dauergebrauch gewarnt wird.
Wir als Verband - Sie haben da einen denkbaren Zielkonflikt schon angesprochen - bemühen uns schon seit Jahren, durch gezielte Informationen den richtigen Umgang und den sinnvollen Gebrauch von Arzneimitteln dem Verbraucher nahezubringen. Wir haben dafür viele Millionen Mark aufgewendet und werden das auch in Zukunft tun.
SPIEGEL: Erstaunlicherweise hat sich nun sogar Bundesärztekammerpräsident Vilmar kritisch über die Werbemethoden der Pharma-Industrie geäußert. Mit viel suggestiver Kraft, sagte er, würden dort Wirkungen versprochen, welche die Mittel dann nicht haben. Erschreckt Sie das nicht, wenn jetzt plötzlich auch Ärzte beginnen, Front gegen die Pharma-Industrie zu machen?
VOGEL: Ich kenne und schätze Herrn Vilmar seit vielen Jahren. Ich glaube nicht, daß er so pauschal gegenüber der Industrie urteilt.
Aber ich teile seine Meinung, daß es kritikwürdiges Verhalten in der Industrie gibt. Ich bin selbst immer wieder einmal damit beschäftigt, die "Bösewichter", die es in unserer Branche genauso gibt wie in der Ihren, zur Räson zu bringen. Aber Sie müssen mir zugestehen, daß derartige kritische Äußerungen nun nicht zu einer Pauschalverdammung der gesamten Branche führen sollten.
SPIEGEL: Auch Bundesarbeitsminister Blüm hat Sie, gerade jetzt in der Konzertierten Aktion, angegriffen: Obwohl die Bagatellmedikamente aus den kassenärztlichen Verschreibungen herausgenommen und obwohl die Rezeptgebühren erhöht worden sind, stiegen 1983 die Aufwendungen für Arzneimittel pro Kassenpatient um fünf Prozent. Sind nur die Bösewichter in Ihrer Branche daran schuld?
VOGEL: Zunächst einmal: Man sollte nicht aufgrund relativ kurzfristiger Entwicklungen die Pharma-Industrie so kritisieren, wie es derzeit offenbar Mode ist. Betrachten wir nämlich die Preisentwicklung zum Beispiel im Zeitraum von 1973 bis 1983, so hat sie durchaus Preisdisziplin gewahrt. Die Arzneimittelpreise erhöhten sich nämlich um 50,5 Prozent, während sich zum Beispiel die Lebenshaltungskosten im gleichen Zeitraum um knapp 59 Prozent und die Preise aller gewerblichen Erzeugnisse sogar um 67 Prozent verteuerten.
Dessenungeachtet haben wir als Verband alles in Bewegung gesetzt, um ein günstigeres Ergebnis zu erzielen. Daß uns nicht gefolgt wurde - da geht es eben um die Frage, wieweit ein Wirtschaftsverband Sanktionsmaßnahmen gegen seine Mitgliedsfirmen ergreifen kann.
Ich kann nur den Firmen klarzumachen suchen, daß Pharma-Preise aus meiner Sicht politische Preise sind und daß es eine unzureichend ausgeprägte Sensibilität ist, wenn man in derartigen Zeiten rein kaufmännisch vorgeht.
SPIEGEL: Hat dies zu den Spannungen in Ihrem Verband geführt, der Auseinandersetzung zwischen den mittelgroßen und den großen Firmen?
VOGEL: Es gibt viele Gründe, warum es im Moment im Verband etwas unruhiger ist; aber eine derartige Unruhe kann manchmal auch zu einem heilsamen Ausgang führen.
SPIEGEL: Nach unserem Eindruck gibt es gegenwärtig einen atmosphärischen Einschnitt. Sie wurden scharf kritisiert von Sozialminister Farthmann, Sie haben Gegenwind bekommen von Arbeitsminister Blüm, und sogar Ärztefunktionäre machen Bedenken geltend. Ist die Pharma-Industrie dabei, aus der strahlenden Rolle des Menschheitsbeglückers wegzurutschen, mehr in die Rolle eines Vielgescholtenen?
VOGEL: Ich hoffe, daß sie nicht abrutscht in der von Ihnen beschriebenen Weise, sondern sich darstellt und auch anerkannt wird als eine Branche, die einen unverzichtbaren Beitrag zur Therapie vieler Leiden geleistet hat und noch dort leisten wird, wo wir medizinisch zur Zeit noch machtlos sind.
Daß ein Teil der Kritik berechtigt ist, habe ich eingeräumt, wir müssen allerdings auch versuchen, die insgesamt überzogene Kritik mit sachlichen Argumenten auszuräumen.
SPIEGEL: Die Pharma-Industrie hat in der Vergangenheit stets verkündet, sie sei der hohen ethischen Verantwortung, die mit dem Handel von Medikamenten verbunden ist, jederzeit gewachsen. Gibt es jetzt Ansätze zu Selbstzweifeln?
VOGEL: Ich bin erst drei Jahre in diesem Geschäft hier, die Zeit davor kann ich nicht überblicken. Ich kann sagen, daß es jetzt sehr heilsame Selbstzweifel gibt. Anders als vielleicht in der Vergangenheit, geht man jetzt einen mehr nüchternen Weg, der selbst vom SPIEGEL, so hoffe ich, eines Tages so gesehen wird, daß es kein Thema mehr ist.
SPIEGEL: Herr Professor Vogel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN
Hans Rüdiger Vogel *
hat sich, wie er sagt, "nicht mit Haut und Haaren von der (Pharma-)Branche kaufen" lassen. Der 48jährige Medizin-Professor brachte, in seine Funktion beim Bundesverband der Pharma-Industrie, "einen bisher guten Namen ein" und ist nun "keineswegs bereit, etwa unseriöse Machenschaften mitzutragen". Vogel kommt aus der Sportmedizin, er ist Professor am Staatlichen Hochschulinstitut für Leibeserziehung in Mainz. Anfang der siebziger Jahre übernahm Vogel, Mitglied der CDU seit 1970, im Mainzer Sozialministerium unter Heiner Geißler die Leitung der Abteilung Gesundheitswesen. Im März 1981 kam er zu dem mächtigen Pharma-Verband. Die Branche geriet neuerdings zunehmend unter Kritik: Bisher geheimgehaltene Absatzdaten wurden veröffentlicht (siehe Seite 66), der nordrhein-westfälische Sozialminister Farthmann warf der Pharma-Industrie vor, sie dulde stillschweigend, daß durch Fehlverschreibungen westdeutscher Ärzte große Patientengruppen unnötig gefährdet würden.
Mit Redakteuren Jürgen Petermann und Rolf S. Müller in seinem Büro im Frankfurter Haus der Chemie. Rote Liste: Arzneimittelhandbuch für Ärzte.
Von J. Petermann und Rolf S. Müller

DER SPIEGEL 15/1984
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