09.04.1984

LUFTVERKEHRGroßer Zoff

Der Flugverkehr im Großraum Frankfurt wird, trotz der neuen Startbahn West, erschwert: durch die US-Army. *
Früher hätte so ein Ereignis Festredner und Blaskapellen angelockt. Diesmal fehlt das eine wie das andere. "Kein Sekt", sagt Frankfurts Flughafensprecher Hannsreiner Otto, "keine Jubelfeier. Warum auch?"
Ohne jedes Zeremoniell wird am Donnerstag dieser Woche ein Lufthansa-Jet den langen Rollweg zum Westen des Rhein-Main-Flughafens hinunterfahren, in die neue Piste einschwenken und in Richtung Süden abheben: Eröffnung der umstrittenen Startbahn West.
Es soll ein Flugtag sein wie jeder andere. "Nur nichts provozieren", lautet die Devise, die Frankfurts Flughafen AG intern ausgegeben hat - in der Hoffnung, Demonstrationen von Startbahngegnern ließen sich ebenso vermeiden wie neue Fragen nach dem Nutzen des 225-Millionen-Projekts.
Daraus wird nichts. Militante Gruppen haben sich bereits auf den Weg nach Frankfurt gemacht, und dafür, daß die Diskussion um die Zweckmäßigkeit der Startbahn wieder aufbricht, sorgen die Amerikaner.
Eine gute Flugminute vom Frankfurter Flughafen entfernt, im Wiesbadener Vorort Erbenheim, haben US-Heeresflieger damit begonnen, ein altes Flugfeld zu entmotten. Dort sollen 161 Hubschrauber und Aufklärer stationiert werden - was eine "erhebliche Beeinträchtigung" für den Flugbetrieb des Rhein-Main-Flughafens mit sich bringen würde, wie die Bundesanstalt für Flugsicherung unumwunden feststellt.
Denn weil die Landebahn in Wiesbaden-Erbenheim nur zwölf Kilometer vom Frankfurter Airport entfernt liegt und dazu noch fast in der Verlängerung, müssen "Anflüge nach Frankfurt und Wiesbaden wie Anflüge zu einem Flughafen behandelt werden", notierten die Flugsicherungsexperten der Bundesanstalt in einem vertraulichen "Untersuchungsbericht".
Die Folgen sind absehbar: Die Kapazität des Frankfurter Flughafens wird beeinträchtigt. Im schlimmsten Fall, so die Befürchtung von Flugexperten, wäre Rhein-Main trotz neuer Startbahn weniger leistungsfähig als jetzt. Der Bonner SPD-Verkehrsexperte Klaus Daubertshäuser hat sich ausrechnen lassen, daß der Army-Flugbetrieb den Frankfurter Flughafen bis zu 30 Prozent seiner Kapazität kosten könne.
Flughafen-Protest artikuliert sich nun auch in Wiesbaden. Kaum hatte die US-Army ihre Pläne bekanntgegeben, formierte sich eine Bürgerinitiative "gegen Hubschrauber in Erbenheim".
Die allerdings hat einen schwergewichtigen Mitstreiter: Hessens Ministerpräsidenten Holger Börner. Der Sozialdemokrat hatte im Herbst 1981 den Bau der Startbahn West auch gegen die eigene Partei durchgeboxt. Rhein-Main, so Börner, werde zum "Provinzflughafen" verkümmern, wenn nicht neue Kapazität mit der Startbahn geschaffen werde.
"Völlig überrascht" war Börner deshalb, als er - aus der Wiesbadener Lokalpresse - erfuhr, daß die US-Army in Erbenheim mit Bonner Billigung 135 Hubschrauber des Typs "Black Hawk" und 26 langsam fliegende Aufklärer für die Bodentruppen stationieren will. Dem Ministerpräsidenten fehlte dafür, wie er nach Bonn schrieb, "jedes Verständnis".
"Großer Zoff" herrscht seitdem auch bei den deutschen Fluglotsen, wie Hans-Ulrich Ohl von der Bundesanstalt für Flugsicherung weiß. Die Behörde behandelt "das Problem" auf Bonner Wink diskret, aber intern gibt der dreiseitige "Untersuchungsbericht" über die Auswirkungen des Erbenheimer Flugbetriebes Gesprächsstoff zur Genüge.
Nicht nur daß die Anflüge nach Frankfurt und Wiesbaden-Erbenheim sich für die Lotsen zu einem Flugsicherungskomplex bündeln. Die Kleinflugzeuge und Hubschrauber der Amerikaner ("langsames Fluggerät") benötigen auch größere Abstände von den zivilen Jets, weshalb es laut Untersuchungsbericht je US-Flug von Erbenheim "leicht zu Verzögerungen von zehn Minuten und mehr" auf Rhein-Main kommen dürfte.
Dabei hatte die Bundesanstalt bei ihren Analysen angenommen, daß lediglich 40 Prozent der Erbenheimer Starts und Landungen Instrumentenflüge wären; nur die tangieren Rhein-Main, würden sich nach US-Planung aber schon auf 8000 Flüge im Jahr summieren.
Die Bundesregierung hätte solche "Störungen des Luftverkehrs" nach Ansicht der hessischen Landesregierung verhindern müssen. Aber als das für US-Liegenschaften zuständige Bonner Finanzministerium vergangenen Sommer von den amerikanischen Plänen erfuhr, versicherte der Parlamentarische Staatssekretär Friedrich Voss den Amerikanern umgehend, sie könnten in Erbenheim "alles tun", was sie "zur Erfüllung ihrer Verteidigungspflichten" für notwendig hielten.
Zur Zeit schafft die Army in Erbenheim Fakten und investiert in die erste Erweiterungsstufe des Heeresflughafens 40 Millionen Mark. Und auch der Bundesverkehrsminister räumt inzwischen ein, daß "eine Beseitigung des Einflusses von Wiesbaden-Erbenheim auf die Kapazität des Flughafens Frankfurt nicht zu erreichen ist".
Die Flughafen AG hofft denn auch nur noch darauf, daß die US-Heeresflieger wenigstens die verkehrsschwachen Zeiten von Rhein-Main bevorzugen. Dazu müßten sich die Army-Piloten aber mit den Kollegen von der Air Force in Frankfurt absprechen, denn die nutzen bereits die Lücken der zivilen Fliegerei für den überwiegenden Teil ihrer jährlich 16 000 Starts und Landungen.
Ein schwieriges Unterfangen, wie Kenner meinen: "Die US-Air Force spricht doch eher mit der Roten Luftflotte als mit der US-Army." _(Eine Maschine der Bundesanstalt für ) _(Flugsicherung bei der Prüfung von ) _(Navigationseinrichtungen. )
Eine Maschine der Bundesanstalt für Flugsicherung bei der Prüfung von Navigationseinrichtungen.

DER SPIEGEL 15/1984
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