09.04.1984

Der Mann von der Stasi ist immer dabei

Wo DDR-Bürger im Ausland Urlaub machen dürfen In der SED-Führung gibt es Pläne, die Beschränkungen für Auslandsreisen von DDR-Bewohnern zu lockern. Bisher können nur verdiente Werktätige einen der raren Ferienplätze in Kuba, Jugoslawien oder sogar in Frankreich und Italien ergattern. Die Wartelisten für die teuren und prestigeträchtigen Fernreisen sind endlos lang. *
Der Mann hinter dem Tresen senkt die Stimme. "Jugoslawien?" flüstert er nach einem Blick auf den kleinen, gestempelten Zettel, den ihm die Dame vor dem Schalter hinhält. "Passen Sie auf", erklärt er, noch immer so leise, daß keiner der Umstehenden etwas verstehen kann, "Sie gehen zum Schalter 10 und stellen sich dort in der Reihe an."
Sorgfältig vergleicht er den Zettel mit einer Liste, die vor ihm liegt. "Sie haben die Nummer 16", fährt er im Verschwörerton fort, "also stehen Sie an 16. Stelle. Alles klar? Wir sehen uns später bei der Paßkontrolle."
Die Dame ist entlassen und sucht folgsam ihren Platz in der langen Schlange vor dem Abfertigungsschalter 10 auf. Disziplin gehört zu den Prinzipien, die ein DDR-Bürger auch beim Urlaubsantritt respektieren muß.
Szenen wie diese spielen sich während der Sommermonate jeden Montag zwischen 9.30 und 10 Uhr auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld ab. Im ersten Obergeschoß des Hauptgebäudes, dem Abflugtrakt, finden sich jene Kunden des volkseigenen Reisebüros der DDR ein, die sich als glückliche Besitzer eines "Teilnehmerbelegs" auf eine organisierte Auslandsreise freuen dürfen.
Hinter dem Tresen stehen die Damen und Herren Reiseleiter, kenntlich durch Schilder mit dem Reiseziel vor sich: Moskau, Budapest, Sofia, Kiew. Nur der Mann außen am Schalter 10 hat kein Schild. Das ist aus gutem Grund "vergessen" worden. Die in die sozialistischen Bruderländer reisenden DDR-Bürger sollen nicht erfahren, daß dort die Privilegierten für den Flug nach Ljubljana, Jugoslawien, abgefertigt werden.
Denn Jugoslawien gehört zu jenen Reiseländern, die nur wenigen Auserwähltern, die nur wenigen Auserwählten zugänglich sind. Angeboten werden ganze 1000 Plätze pro Jahr, 400 für Bus-Rundreisen durch Slowenien und 600 für Badeaufenthalte an der Adria. Trotz der gesalzenen Preise zwischen 3000 und 5000 DDR-Mark (monatliches Durchschnittseinkommen etwa 1000 Mark) ist der Andrang riesengroß.
So begehrt sind die halbsozialistischen Plätze am Mittelmeer, daß viele DDR-Bewohner sogar ein heimliches Aufgeld dafür zahlen würden. Doch da helfen weder Geld noch Beziehungen, die in der DDR sonst alles möglich machen.
Fernurlaube in sozialistischen Bruderländern - die kapitalistischen Ferienparadiese sind selbst verdienten Obergenossen verschlossen - gehören in der Deutschen Demokratischen Republik längst ebenso zum Statussymbol wie der VW Golf oder der Volvo in der Garage. Reisen nach Kuba (drei Wochen für 6800 Mark) oder nach Vietnam (drei Wochen für 7200 Mark) indes sind schwerer zu ergattern als in der Bundesrepublik ein Sechser im Lotto: Die Traum-Trips werden ausschließlich über die Ministerien oder Berufsverbände vergeben - und nur an Leute, die das Ministerium für Staatssicherheit zuvor auf ihre Systemtreue überprüft hat.
Ein Arzt beispielsweise muß einen Antrag an den zuständigen Bezirksarzt zur Weiterleitung nach Berlin stellen _(Als Männerballett auf Dnjepr-Dampfer. )
oder direkt an das Gesundheitsministerium schreiben, wenn er sich mit seiner Frau an der Adria erholen möchte. Kinder sind ohnehin ausgeschlossen.
Die müssen als Pfand in der DDR zurückbleiben, weil Reisen nach Jugoslawien (offene Grenzen nach Österreich und Italien), nach Kuba (Flug mit Zwischenlandung im kanadischen Gander) oder nach Vietnam (Zwischenlandung in Karatschi, Pakistan) zur Flucht verlocken könnten.
Gute Chancen auf die teuren touristischen Leckerbissen haben besonders Mitglieder des DDR-Journalistenverbandes oder des Verbandes Bildender Künstler. Um die geistige Elite der Nation bei Laune zu halten, werden sie mit Vorzug bedacht. Lehrer, Angestellte oder gar Arbeiter haben dagegen kaum eine Chance. Gelegentlich dürfen zwei oder drei "verdiente Werktätige" mitreisen, die den Ferntrip als besondere Auszeichnung bekommen haben.
Die Oberschicht-Urlauber werden durch etliche Polit-Funktionäre, Mitarbeiter des Staatsapparates und Parteiveteranen komplettiert. Immer dabei ist natürlich auch ein "Tourist" von der Stasi, meist getarnt als biederer, plumpvertraulicher Einzelreisender. Oder der Reiseleiter selbst spielt den Wachhabenden gleich mit.
Er muß ohnehin nach der Reise einen Bericht für die Staatsschützer schreiben, in dem jeder Teilnehmer benotet wird. Wer sich gut geführt und die DDR würdig vertreten hat, darf hoffen, nach zwei oder drei Jahren erneut in die Kategorie der Vorzugsreisenden eingereiht zu werden und die entsprechenden Unterschriften vom Brigadier, Abteilungsleiter, Betriebsleiter, Kombinatsdirektor und schließlich vom zuständigen Minister zu bekommen.
Wer nicht zu den Begünstigten gehört, kann beim VEB-Reisebüro Flug-, Schiffs-, Bahn- oder Pkw-Reisen in die sozialistischen Bruderländer buchen. Außer der Sowjet-Union sind Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die CSSR und neuerdings auch wieder Polen im Angebot.
Der 1972 eingerichtete und besonders von Individualtouristen geschätzte visafreie Reiseverkehr nach Polen war nach Beginn der Unruhen 1980 von der DDR gekappt worden. Seit dem Frühjahr 1983 reisen vor allem ausgesuchte Betriebskollektive wieder in das Nachbarland.
Auch den visafreien Verkehr in die Tschechoslowakei haben die DDR-Behörden erschwert, nachdem allzu viele Ost-Bürger die CSSR-Hauptstadt als Treffpunkt mit West-Verwandten genutzt hatten oder via Prag gleich in den Westen getürmt waren.
Auch für den Normalverbraucher gibt es Hindernisse: Er darf nicht mehr als 40 DDR-Mark pro Tag und Person in die Landeswährung umtauschen - zu wenig angesichts der ständig steigenden Hotel- und Restaurantpreise in der CSSR und bei Benzinpreisen von vier Mark für den Liter Super.
Ähnliche Barrieren bestehen für das nach DDR-Maßstab allzu liberale Ungarn: Private Reisen nach Budapest oder an den Balatonsee sind nur mit Visum möglich, das in der DDR "Reiseanlage" heißt, sie scheitern aber meist schon am Devisenmangel der DDR-Bürger.
So bleibt meist nur die organisierte Gruppenreise. Für einen 22tägigen Badeurlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste (Programm Nr. 002 der "Reiseinformation Sommer/Herbst 1983") sind 2300 Mark hinzublättern, inklusive Flug, Unterkunft und Vollpension. Das Baden an der sowjetischen Schwarzmeerküste ist etwas billiger.
Prestigeträchtig ist auch eine Flugreise in die Mongolische Volksrepublik (14 Tage 3800 Mark) oder nach Nordkorea (drei Wochen 4200 Mark). Sicherheitsprüfungen entfallen: Diese Länder sind noch besser bewacht als die DDR.
Aber solche Reisen sind rar. Nur vier Gruppen mit jeweils 30 Teilnehmern dürfen jährlich nach Korea, nur 300 Bürger in die Mongolei.
Vor dem Start in Schönefeld steht deshalb erst das große Warten. Seit drei Jahren muß jeder Auslandswunsch auf sogenannten Vormerkkarten beim Reisebüro beantragt werden. Die Karten liegen zweimal jährlich für ganze 14 Tage in den Zweigstellen aus.
Etwa acht Wochen nach Abgabe der Karten bekommt der Kunde Nachricht, ob er mit seinem Hauptreisewunsch oder dem Ersatzziel Glück gehabt hat. Dann kann er einen Reisevertrag abschließen. 100 Mark muß er anzahlen, der Rest wird bei Abholung der Reiseunterlagen, etwa zehn Tage vor dem Start, fällig.
Wenn es mit der weiten Welt des Kommunismus nicht geklappt hat, bleibt
immer noch die nahe Sowjet-Union. Reisen zum Großen Bruder werden verhältnismäßig zahlreich angeboten und sind deshalb leichter zu ergattern, zudem sind sie verhältnismäßig preiswert. Angeboten werden zum Beispiel *___"Städtekurzreisen", etwa Moskau, Leningrad, Minsk oder ____Riga, sowie Kombinationen, Preis mit Flug für acht Tage ____rund 1000 Mark; *___"Festivalreisen", etwa in den "Kiewer Frühling", sechs ____Tage Flug/Bahn für 660 Mark, oder zu den "Leningrader ____Weißen Nächten", sechs Tage mit Flug für 930 Mark; *___"Mehrstädtereisen - asiatischer Teil und Sibirien", 15 ____Tage nach Moskau, Alma-Ata, Frunse, Taschkent und so ____weiter für 2230 Mark inklusive Flug.
Weil auch in der Sowjet-Union die Flugpreise in den letzten Jahren drastisch in die Höhe geklettert sind, werden jetzt verstärkt Bahnreisen mit sogenannten Freundschaftszügen in das Heimatland aller Werktätigen organisiert. Einzelreisende lassen sich kaum für diese Art Tourismus gewinnen, denn 48 Stunden ununterbrochene Fahrt und Unterbringung in Vier-Bett-Abteilen reizen die besserverdienende Intelligenz kaum.
Die Sonderzüge werden deshalb zunehmend von Großbetrieben und Kombinaten gechartert. Die Teilnehmer sind von der Geschäfts- oder Parteileitung oder vom sozialistischen Jugendverband abkommandiert und müssen für den zehntägigen Bahnmarathon in Sachen "Festigung des Bruderbundes" nicht einmal Urlaubstage opfern.
Komplizierter ist der Antrag auf Individualreisen. Wer etwa privat einen alten Freund im sowjetischen Tbilissi besuchen will, muß sich auf einen langen Behördenkrieg einstellen. Der reisewillige DDR-Bürger schickt zunächst seinem Gastgeber in Tbilissi einen Brief, in dem er seinen Besuchswunsch samt genauem Termin äußert - und das möglichst gleich in russischer Sprache, denn damit spart der Freund die beglaubigte Übersetzung.
Mit diesem Schreiben begibt sich der russische Partner zur Milizverwaltung in Tbilissi, Abteilung Ausländerfragen. Dort wird der Brief registriert und eine Akte angelegt. Dann hört der Antragsteller lange Zeit nichts. Während der nächsten drei bis vier Wochen wird der sowjetische Staatssicherheitsdienst tätig. Er prüft, ob der anfragende Bürger würdig ist, privat einen Gast aus dem Bruderland DDR zu beherbergen.
Gibt es keine Sicherheitsbedenken, wird eine Bescheinigung für den DDR-Gast ausgestellt, die dieser wiederum seiner örtlichen Volkspolizeimeldestelle vorlegen muß. Dann erst kann er einen Antrag auf Erteilung einer "Reiseanlage zum Personalausweis" stellen.
Das Dokument bekommt er normalerweise innerhalb von drei Wochen - wenn nicht die DDR-Stasi ihrerseits Bedenken gegen die Reise nach Tbilissi anmeldet. Der gesamte Amtsvorgang kann so bis
zu drei Monaten dauern. Doch DDR-Touristen haben längst gelernt, sich in Geduld zu üben.
Geduld brauchen auch junge Leute, die beim Reisebüro "Jugendtourist" einen Auslandsferienplatz anstreben. Als "jugendlich" gelten Bürger bis zu 30 Jahren. Sie müssen im Jugendverband FDJ organisiert und "gesellschaftlich aktiv" sein. Und natürlich müssen die Bewerbungen nach dem bewährten Schema des demokratischen Zentralismus von unten nach oben befürwortet werden.
Wer sich ordentlich geführt hat, im Betrieb oder in der Schule gute Leistungen zeigt, der Staatspolitik treu ergeben ist und vor allem keine Westkontakte hat, bekommt vielleicht sogar die Chance, eine Fahrt in sogenannte NSW-Staaten (DDR-Kürzel für nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) machen zu dürfen. Zur Auswahl stehen unter anderem Österreich, Frankreich, Italien und sogar Indien und Mexiko.
Trotz allen Fernwehs, das den DDR-Jugendlichen ebensowenig fremd ist wie ihren westdeutschen Altersgenossen, würden indes viele junge Bürger eine solche Reise kein zweites Mal machen. "Da paßt einer auf den anderen auf", klagte eine junge Ost-Berliner Journalistin nach einer Tour durch Österreich. "Wer zum Beispiel die vollen Läden bestaunt und das vor Mitreisenden mit dem kargen DDR-Angebot vergleicht, muß mit einer Rüge des Reiseleiters vor dem Reisekollektiv rechnen. Das versaut einem den ganzen Urlaub."
Die Reaktion der Reiseleiter ist nicht verwunderlich. Oft sind sie Spitzel der Stasi, auf jeden Fall aber verdiente SED-Mitglieder, die von den Betrieben oder der Verwaltung für ihren ehrenamtlichen Job empfohlen werden.
Linientreue indes bedeutet nicht auch automatisch Qualifikation für den Posten, der immerhin kostenlose Reisen garantiert. "Nur die wenigsten von denen haben Auslandserfahrungen oder sprechen eine Fremdsprache", kritisiert ein Angestellter des Erfurter Reisebüros. "Und dann hagelt es Proteste von Reiseteilnehmern."
Doch den Massen der Werktätigen sind solche Fernreisen ohnehin verwehrt, sie können allenfalls im eigenen Land Urlaub machen. "4,64 Millionen FDGB-Mitglieder und ihre Familienangehörigen" seien 1982 "in Ferienheime der Gewerkschaft oder ihres Betriebes" verreist, verkündete stolz Fritz Rösel, als Sekretär des Gewerkschaftsbundesvorstands für den organisierten Urlaub der Arbeitnehmer zuständig, in der DDR-Zeitschrift "Wochenpost".
Zugleich aber hob er mahnend den ideologischen Zeigefinger: "Es ist eine verantwortungsvolle politische Aufgabe, alle Ferienkapazitäten der Gewerkschaften richtig zu verteilen und ganzjährig zu nutzen, damit keine Reise verlorengeht. Nach wie vor gilt es, die Reisen politisch verantwortungsbewußt zu verteilen."
Als Männerballett auf Dnjepr-Dampfer.

DER SPIEGEL 15/1984
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