09.04.1984

Saurer Regen: „Der Schaden ist irreparabel“

Mit einer Aktionskampagne gegen den Sauren Regen haben Umweltschützer letzte Woche in acht europäischen Ländern auf die Folgen der Luftverschmutzung hingewiesen, die nicht nur Bäume und Bauwerke schädigt, sondern auch die Gesundheit von Kindern (SPIEGEL-Titel 2/1984). Die Umweltschützer stützen sich auch auf die Resultate einer Anhörung des Bonner Gesundheitsausschusses zum Thema „Waldsterben und Luftverunreinigung“. Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge aus Stellungnahmen und befragte Fachleute. *
Welche Erkenntnisse über die gesundheitlichen Gefährdungen durch "Sauren Regen" beziehungsweise durch "Sauren Nebel" liegen vor?
Rechtsanwalt Klaus Kall, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU):
Sie werden alle mit Erschrecken die SPIEGEL-Titelgeschichte "Saurer Regen - Lebensgefahr für Babys" gelesen haben ... Das Waldsterben wie auch das Menschensterben ist die komplexe Antwort auf jahrzehntelange Schadstoffbelastung der Luft.
Professor Dr. Ulrich Wemmer, Direktor der Städtischen Kinderklinik Darmstadt:
Durch Sauren Regen werden Schadstoffgemische, speziell Schwefeldioxid-/ Schwebstaub-Aerosole, in Bodennähe gebracht und inhaliert. Aus Schwefeldioxid kann schweflige Säure, aus Stickstoffdioxid Salpetersäure entstehen. Diese Säuren greifen das Epithel der Atemwege an, die Flimmerhärchen werden gelähmt. Das Bronchialsekret staut sich, die Durchblutung der Schleimhäute ist vermindert.
In den kalten Monaten des Jahres liegen die Schadstoffkonzentrationen höher als in der warmen Jahreszeit. Dann steigt auch die Zahl der Atemwegserkrankungen.
Professor Dr. Hans-Werner Schlipköter, Medizinisches Institut für Umwelthygiene, Universität Düsseldorf:
Aus den USA und Großbritannien liegen zahlreiche Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dem Grad der Luftverschmutzung und der Mortalität in den betroffenen Bevölkerungsgruppen vor. Es ist zu befürchten, daß die Luftverunreinigung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit bei uns noch ungünstiger als in den USA zu bewerten sind. So ist in der Bundesrepublik, verglichen mit den USA, die Sulfatkonzentration in der Luft doppelt so hoch.
Diplom-Volkswirt Andreas Jahn, Technische Universität Berlin, Institut für Landschafts- und Freiraumplanung:
Vergleicht man die gemessenen Werte mit Schadensgrenzen, bei denen international negative Gesundheitswirkungen festgestellt wurden, ist auch ersichtlich, daß in Teilen der Bundesrepublik gesundheitsgefährdende Konzentrationen vorliegen ... In den West-Berliner Innenbezirken ist bei den über Siebzigjährigen ein Mortalitätsanstieg von 14,8 Prozent an den höchstbelasteten Tagen im Winter zu verzeichnen.
Professor Dr. Otmar Wassermann, Klinikum der Universität Kiel, Abteilung Toxikologie:
Unter bestimmten geologischen Voraussetzungen muß durch zunehmende Versauerung des Bodens eine verstärkte Mobilisierung von Metallen befürchtet werden, zum Beispiel von Aluminium und toxischen Schwermetallen, die dann über das Trinkwasser zu Gesundheitsgefährdungen führen können.
Professor Dr. Adolf Kloke, Biologische Bundesanstalt, Berlin:
Je saurer der Boden wird, um so leichter wird das Cadmium aufgenommen. Ab 20 Milligramm Cadmium pro Kilogramm Boden ist bereits mit einem Ertragsrückgang zu rechnen ... Luft und Wasser können wir reinigen, oder diese reinigen sich selbst, ein durch Schwermetalle kontaminierter Boden ist nach dem Stande der Technik nicht zu reinigen. Der Schaden ist irreparabel.
Zu welchen akuten und chronischen Erkrankungen oder zu welcher Schwächung der Gesundheit führen Luftverunreinigungen?
Professor Wassermann:
Aufgrund der langdauernden Einwirkung relativ niedriger Schadstoffkonzentrationen werden akute Erkrankungen seltener beobachtet, meist nur in smogbelasteten Gebieten (Atemwegserkrankungen mit möglicher Todesfolge). Bei den chronischen Erkrankungen überwiegen unspezifische Krankheitsbilder.
Im Vordergrund steht eine starke Zunahme der Allergien und - regional unterschiedlich - der Atemwegserkrankungen. Die von Ärzten häufig berichtete Schwächung der Infektabwehrkräfte, die Zunahme von Krebserkrankungen im Kindesalter oder von Mißbildungen muß mit höchster Priorität systematisch erforscht werden. Hierbei sollte auch dem Krankheitsbild des "allgemeinen Unwohlseins" als eventueller Folge _(Am Dienstag letzter Woche in Hamburg. )
chronischer Schadstoffbelastungen aus der Umwelt besondere Beachtung geschenkt werden.
In welchem Ausmaß führen die Luftverunreinigungen zu verstärkten Atemwegserkrankungen?
Professor Dr. Harald Haupt, Chefarzt der Städtischen Kinderklinik Duisburg:
Schwefeldioxide und deren Umwandlungsprodukte, die eingeatmet werden, können nach heutigem Stand der Kenntnis über Reizwirkung, lokale Enzymhemmung und Allergie zu Schädigung oder Krankheitsauslösung führen. Die Auslösung von Asthmaanfällen ist bekannt. Weiter sprechen eine Reihe von Befunden dafür, daß die Einatmung dieser Stoffe Symptome des Krupp-Syndroms verstärken oder auslösen kann und ungünstige Wirkung auf obstruktive Bronchitis ausüben kann.
Professor Schlipköter:
Epidemiologische Untersuchungen, die im Ruhrgebiet und der Rhein-Schiene an mehr als 40 000 Kindern und Erwachsenen durchgeführt worden sind, ergaben, daß Atemwegserkrankungen in den Belastungsgebieten häufiger als in Reinluftgebieten auftreten, obwohl in der Regel die Werte (der TA Luft für Schwefeldioxid) eingehalten wurden oder nur in geringem Umfang überschritten worden sind.
Für viele Luftverunreinigungen gibt es Risikogruppen. Für Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid sind es Kinder und Erwachsene mit bestehenden Atemwegserkrankungen. Ungefähr zehn Prozent der Normalbevölkerung reagieren überempfindlich auf Schwefeldioxid.
Die Kombination von SO2 mit den übrigen Luftschadstoffen kann zu einer Wirkungssteigerung auf das Fünf- bis Zehnfache führen.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Anstieg von Lungenkrebs und der Luftverunreinigung?
Professor Wassermann:
Chronische Belastung des Menschen durch schleimhautreizende Luftschadstoffe (zum Beispiel Schwefeldioxid, Stickoxide, Aldehyde und viele andere mehr) bereitet die Ausgangsbasis für die Entwicklung eines Lungenkrebses.
Professor Dr. med. Friedrich Pott, Medizinisches Institut für Umwelthygiene an der Universität Düsseldorf:
Insgesamt besteht eine hinreichende Begründung für die Vermutung, daß neben den Einflüssen "Rauchen" und "Arbeitsplatz" auch die Luftverschmutzung an der Lungenkrebshäufigkeit in manchen Regionen der Bundesrepublik deutlich beteiligt ist, und zwar zum Teil durch überadditive Kombinationswirkung mit Rauchen und beruflicher Schadstoffbelastung.
Welche Untersuchungen liegen über die Ursachen des Anstiegs des "Krupp-Hustens" bei Kindern vor?
Dr. Berthold Mersmann, Kinderarzt, Essen:
Die Krankheit wird in der Regel durch Viren ausgelöst, tritt somit überall in der Bundesrepublik auf, jedoch etwa achtmal weniger in einem relativen Reinluftgebiet.
Professor Wemmer:
Aus dem Jahre 1975 gibt es eine WHO-Studie aus neun europäischen Ländern, die Luftverunreinigungen und ihre Wirkung auf die Atemorgane von Kindern untersuchte. Es handelt sich um epidemiologische Untersuchungen, die einen Zusammenhang nahelegen zwischen Krupp-Husten und Schwefeldioxid beziehungsweise Schwefeldioxid in Kombination mit Schwebstaub.
Diplom-Biologe Dieter Teufel, Institut für Energie- und Umweltforschung, Heidelberg:
Die Konzentrationen, ab denen Krupp-Syndrom verursacht wird, liegen bei rund 0,16 Milligramm pro Kubikmeter Schwefeldioxid und 0,17 Milligramm pro Kubikmeter Schwebstaub als Kurzzeitwerte. Dies sind etwa 40 bzw. 60 Prozent des zulässigen Grenzwertes.
Welche Auswirkungen auf den menschlichen Organismus haben die Staubniederschläge?
Professor Dr. Wassermann:
Das Gefährdungspotential von "Staub" wird weithin unterschätzt. In erster Linie werden selbstverständlich die Atemwege direkt geschädigt (zum Beispiel chronische Bronchitis), je nach Zusammensetzung des Staubes können aber auch Vergiftungen des Körpers verursacht werden, die sich durch sehr unspezifische Symptomatik äußern können, wie Abfall der körperlichen Leistungsfähigkeit, allgemeines Unwohlsein, Schwächung der Immunabwehr und daher häufigeres Auftreten von Infektionskrankheiten, bis hin zu psychosomatischen Störungen.
Diplom-Biologe Teufel:
Die Werte, ab denen Schwebstaub zu gesundheitlichen Schäden führt, liegen im Bereich von 0,05 bis 0,15 Milligramm pro Kubikmeter Luft als Kurzzeitwert. Demgegenüber liegt der Kurzzeitwert der TA Luft bei 0,30 Milligramm.
Wie beurteilen Sie den Zusammenhang zwischen dem Auftreten hoher Staubauswürfe und der Häufung plötzlicher Kehlkopfentzündungen?
Professor Dr. Wassermann:
Einen solchen Zusammenhang werden die Fachärzte für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten bestätigen können sowie jeder Mensch, der nach nur 15minütiger Exposition auf stark durch Kfz-Verkehr, Industrie- und Hausbrand belasteter Straße die Leistungsfähigkeit seines Kehlkopfes überprüfen kann, zum Beispiel beim anschließenden Halten eines Vortrages. Für Selbstversuche schlage ich unter anderem die Potsdamer Straße in Berlin vor.
Professor Dr. Wemmer:
Kurzzeiteinwirkung von Staubteilchen erhöht die Infektanfälligkeit. Langzeiteinwirkung von Schwebstaub steigert wahrscheinlich das Krebsrisiko.
Welche Auswirkungen hat der "Saure Regen" unter generativen Aspekten? Nimmt die Widerstandsfähigkeit der Neugeborenen durch Schwächungen im Organismus ab?
Professor Dr. Wassermann:
Naturgemäß sind in der Bevölkerung Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder sowie kranke und alte Menschen besonders gefährdet. Allein die Häufigkeit von Mißbildungen sollte ein ernstes Warnsignal _(Am Dienstag letzter Woche in Freiburg. )
für das erreichte Ausmaß der Schadstoffbelastung des Menschen sein. Die Embryotoxizität chronisch einwirkender niedriger Schadstoffkonzentrationen wird weithin unterschätzt.
Wie erklären Sie sich den Anstieg von plötzlichen Kindstodfällen (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS), vor allem in Luftbelastungsgebieten?
Professor Dr. Wassermann:
Dem "Plötzlichen Kindstod" liegen möglicherweise sehr unterschiedliche Ursachen zugrunde, wobei auch Kombinationseffekten eine wichtige Rolle zukommen könnte. Die sich häufenden alarmierenden Nachrichten über den Anstieg der Zahlen von SIDS-Fällen sollten besonders ernst genommen werden.
Professor Dr. Schlipköter:
Zur Aufklärung des Zusammenhangs zwischen SIDS und der Luftverschmutzung in der Bundesrepublik reichen die vorliegenden Zahlen nicht aus.
Diplom-Biologe Teufel:
Die überzeugendste Hypothese über die plötzlichen Kindstodfälle ist die Verursachung durch Luftverunreinigungen. Die vorliegenden Befunde stehen in Übereinstimmung mit bekannten Folgen von Luftverunreinigungen.
Professor Dr. Helmut Valentin, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin, Erlangen:
Zum Ausschluß oder Nachweis eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen sogenannten SIDS-Fällen und Luftverunreinigungen sind ebenso wie bei den "Pseudo-Krupp"-Erkrankungen epidemiologische Studien zur regionalen Häufigkeit erforderlich.
Welche gesundheitspolitischen Vorbeugemaßnahmen gegen die durch Luftverunreinigung erzeugten "Zivilisationskrankheiten" sind zu empfehlen?
Diplom-Biologe Teufel:
Die heute zur Auslösung des Smogalarms vorgesehenen Grenzwerte in den Smogverordnungen sind viel zu hoch. Sie liegen zum Teil eine Zehnerpotenz über den Werten, bei denen gesundheitliche Schäden in der Bevölkerung auftreten.
Rechtsanwalt Kall:
Angesichts der Schäden durch Luftverunreinigung werden die Mängel des traditionellen individualbezogenen Umweltschadensrechts offenkundig. Es wird deshalb vorgeschlagen, Entschädigungsfonds für Teilbereiche der Umweltverschmutzung zu schaffen. Der Entschädigungsfonds für Schäden durch Luftverschmutzung sollte durch die Gewerbeaufsichtsbehörden verwaltet werden.
Diplom-Volkswirt Jahn:
Nur energiesparende und emissionsmindernde Maßnahmen können Mensch und Wald entlasten. Kurzfristig sollten die Smogalarm-Werte zumindest halbiert werden. Die Bevölkerung sollte über die Luftqualität verständlich informiert werden, zum Beispiel im Rahmen des Wetterberichts.
Am Dienstag letzter Woche in Hamburg. Am Dienstag letzter Woche in Freiburg.

DER SPIEGEL 15/1984
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