09.04.1984

„Das sind alles arme Schweine“

Drogen-Transit auf dem Rhein-Main-Flughafen: Heroin im Koffer, Kokain im Darm *
Schäferhund "Prinz", auf harte und weiche Drogen abgerichtet, sprang entlang der aufgereihten Gepäckstücke und schlug bei vier schwarzen "Echolac"-Hartschalenkoffern an. Die Beute war happig: Die Zöllner am Frankfurter Flughafen fanden im Innern vier blumenbestickte Kissen mit bräunlicher Füllung - insgesamt 31,6 Kilogramm hochwertiges Heroin.
Der Stoff war auf der Durchreise. Ein pakistanischer Kaufmann, der pleite war, hatte die Großpackungen in Karatschi auf den Weg gebracht. Als Transporteure heuerte er einen arbeitslosen Uhrmacher mit Frau und Tochter an, die das Schmuggelgut unter seiner Aufsicht via Frankfurt und Genf nach London schaffen sollten, wo die Abnehmer warteten. Nachdem "Prinz" den Kofferinhalt erschnüffelt hatte, wurden auch die vier Durchreisenden geschnappt und in Frankfurt vor Gericht gestellt.
Einem Zollsekretär auf Rhein-Main stieg bei der Gepäckkontrolle im Transitbereich starker Anisgeruch in die Nase, eine Würze, die auf Rauschgift dressierte Hunde ausschalten soll. Der Beamte öffnete zwei braune Koffer, aus denen die Düfte stiegen, und wurde fündig: sieben türkisfarbene Plastiksäckchen mit insgesamt 39,565 Kilogramm Heroin im Wert von rund acht Millionen Mark - die größte Menge, die dort jemals sichergestellt wurde.
Als Inhaber der Koffer mit den Gepäckanhängern 760 834 und 760 835 identifizierten die Zöllner einen 26jährigen Schauspieler aus Indien, der auf dem Flug von Neu-Delhi nach London war. Den Asiaten, der in Frankfurt angeklagt wurde, hatten die britischen Drogenfahnder schon lange observiert. Sie zählten ihn zu einer Rauschgiftbande indischer Einwanderer, die in Southall lebten und den Londoner Markt mit Heroinimporten aus Fernost versorgten.
Die Drogenfunde bei Durchgangspassagieren auf dem Frankfurter Flughafen nehmen immer größere Ausmaße an. Die Zöllner melden mittlerweile fast täglich einen Fang. Sie stoppten einen Filmregisseur, der mit Stoff gefüllte Glasröhrchen auf die Haut geklebt hatte und damit nach Nizza wollte; und sie griffen einen alten Andenbauer, dem südamerikanische Kokainproduzenten das Pulver in den Darm gestopft und ihn damit auf die erste Reise seines Lebens geschickt hatten, über Frankfurt nach Rom.
Im letzten Jahr stellten die Kontrolleure auf Rhein-Main die Rekordmenge von 152 Kilogramm Heroin sicher, fast doppelt soviel wie im Jahr zuvor und das Dreißigfache der Ausbeute von 1980.
Um das Dreifache, auf 77,5 Kilogramm, kletterte 1983 die beschlagnahmte Menge Kokain. Und in diesem Jahr, zieht Zolloberamtsrat Friedrich Fischer Bilanz, "ist das noch weiter gestiegen, die werden immer dreister".
Südamerikanische Kokainproduzenten drängen über den Luftweg verstärkt auf den europäischen Markt. Um im Geschäft zu bleiben, kommen die asiatischen Heroinexporteure von der zeitraubenden Schiffsfracht ab und setzen Kuriere ins Flugzeug - eine schnellere, aber auch risikoreiche Methode.
Die auf dem Rhein-Main-Flughafen entdeckten Rauschgiftmengen, am und im Körper von Passagieren versteckt, machen mittlerweile mehr als die Hälfte der harten Drogen aus, die im gesamten Bundesgebiet bei Großdealern und Fixern gefunden werden. Frankfurt hat damit eine neue Rolle im internationalen Rauschgiftgeschäft zudiktiert bekommen.
Vor Jahren beherrschten Banden wie die Eurogang von den Bars des Bahnhofsviertels aus den Handel mit dem tödlichen Stoff bis über die Grenzen. Wegen der härteren Ahndung der Rauschgiftdelikte in der Bundesrepublik verlagerten die Drogenmanager die Umschlagplätze in andere Zentren: nach London, wo sie im Völkergemisch gut getarnt sind, zu den italienischen Verbrecherorganisationen der Mafia und vor allem nach Amsterdam im drogenliberalen Holland.
Jetzt nutzen die Drogenunternehmen Frankfurt vorwiegend als Umsteigestation. Rund 90 Prozent des Rauschgifts, das auf Rhein-Main abgefangen wird,
ist für andere Zielflughäfen bestimmt. Die Fahndungstätigkeit im Frankfurter Raum, so Zolloberamtsrat Fischer, "spielt sich fast nur noch im Transitbereich am Flughafen ab".
Hessens Justizminister Herbert Günther beklagt, daß die ausländischen Kuriere die Gefängnisse überfüllen. Und Frankfurter Richter, die mit aufwendigen Prozessen eingedeckt werden, legten sich schon wegen der Arbeitsüberlastung mit den Zöllnern an. Sie schlugen vor, die "Kofferfälle" abzubauen, und rieten den Fahndern, die identifizierten Transporteure unter Observierung zu den Abnehmern weiterreisen zu lassen, um die Hintermänner im Ausland zu erwischen.
Der rapide Anstieg aufgedeckter Drogenschiebereien auf dem Airport geht vor allem auf das Konto der Spürhunde. Mittlerweile sind elf Tiere im Einsatz, acht Schäferhunde, zwei Labradore und ein Cockerspaniel, die das ankommende und durchlaufende Gepäck regelmäßig beschnüffeln. Es sind Hunde mit ausgeprägtem Spieltrieb, die an Tennisbällen lernen: Die Bälle werden mit Essenzen gefüllt, die das Aroma der verschiedenen Rauschgifte haben.
Die Hunde werden inzwischen auch auf Koffer losgelassen, die aus Ostblockstaaten eintreffen. Denn die Drogentransporteure werden aus Tarnungsgründen gelegentlich über Umwege geschickt. "Wir haben schon Stoff im Gepäck einer Aeroflot aus Moskau gefunden", berichtet Zollamtmann Peter Zimmermann, "da gibt es immer neue Methoden, um uns zu verwirren."
Um Hunde und Beamte zu überlisten, wird das Rauschgiftpulver - neue Masche - in Alkohol aufgelöst und das Gebräu in Whiskyflaschen abgefüllt. Vielfach dient der Darmtrakt als Versteck. Um möglichst große Mengen Kokain im Bauch bunkern zu können, gehen in Bolivien die Transporteure vorher ins Training.
Ein festgenommener Schmuggler berichtete, er habe tagelang das "Schlucken mit großen Weintrauben geübt". Dann mußte er, ehe er die gefüllten Gummibehälter runterwürgte, ein abführhemmendes Mittel einnehmen.
Die Fahnder schicken verdächtige Fluggäste jetzt auch schon mal zum Röntgen in die Universitätsklinik. Der Rekord: Bei einem Indio zeigte die Aufnahme insgesamt 190 Behälter, die sich wie eine Kette durch den Verdauungsapparat zogen, drei Zentimeter lang, abgeschnürte Fingerlinge, die sonst Ärzte bei Untersuchungen überstülpen.
Die Fracht im Bauch ist mitunter tödlich. Ein Passagier aus Peru erlitt während des Fluges nach Frankfurt Krämpfe und wurde nach der Landung ins Krankenhaus gebracht, wo er starb. Bei der Obduktion stellte sich heraus: Im Darm waren drei Gummihüllen mit je 20 Kubikzentimeter einer hochgradigen kokainhaltigen Lösung, und einer der Ballons war während des Transports geplatzt. "Das sind alles arme Schweine", kommentiert Zollspezialist Fischer, vorwiegend notleidende und erbarmungswürdige Menschen. Auf Rhein-Main festgenommen wurden ein 22jähriger Mann aus Lima, der kaum noch gehen konnte, mit zwei Kilogramm Kokain, ein Blinder, ein Asthmakranker oder eine 18jährige Spanierin, die mit ihrem gerade drei Tage alten Säugling und 500 Gramm Heroin von Neu-Delhi nach Madrid geschickt worden war.
In den südamerikanischen Anbauländern holen sich die Kokainhändler ihre Kuriere aus den Slums oder von der Straße, so beispielsweise den Schuhputzer Rafael Alfonso-Martinez, 31, aus der
kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Dem beinamputierten Gelegenheitsarbeiter wurde Geld versprochen, wenn er Koks nach Europa transportiere. Da er zu dieser Zeit gerade "starke Schmerzen im Stumpf" verspürte und eine neue Prothese brauchte, willigte er ein.
In einem Koffer mit doppelten Innenwänden waren drei Kunststoffbeutel mit insgesamt 1,1 Kilogramm Kokain verstaut. Alfonso-Martinez erhielt einen neuen Anzug, das Ticket und 730 Dollar Lohn. Weitere 800 Dollar sollte er von einem Peruaner bekommen, dem er den Koffer in Genf zu übergeben habe.
Die Strafkammer, die ihn zu zweieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilte, berücksichtigte als strafmildernd "die sehr schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse", die sich durch die Beinamputation noch verschlimmert hätten, was ihm "seinen Entschluß, den Transport von Kokain durchzuführen, leichter gemacht" habe. Und der Vorsitzende bemerkte am Rande, es sei wohl zweckmäßiger, diese Leute bis zum Zielort zu verfolgen, um dort an die Hintermänner heranzukommen.
Zudem geht die strafrechtliche Aufarbeitung der Fälle nur schleppend voran. Die Strafverfahren gegen die Transporteure, rund 250 pro Jahr, sind allesamt zeitraubend und aufwendig, da Richter und Rechtsanwälte beispielsweise häufig zu Zeugenvernehmungen ins Ausland fahren müssen. Von der Beschattung bis zum Zugriff am Zielort, bedauert der Frankfurter Richter Heinrich Gehrke, werde "leider fast kein Gebrauch gemacht".
Das Problem umschreibt der Frankfurter Rechtsanwalt Hans Ulrich Endres so: "Es ist eigentlich absurd, sich hier
Leute vorzunehmen, die aus dem Ausland kommen, ins Ausland wollen und Ausländer sind." Doch laut Betäubungsmittelgesetz ist auch die Durchfuhr von Rauschgift strafbar, der Transitbereich gilt als Tatort.
Die Ermittler, sonst nicht zimperlich, wenn es um die Anwendung fragwürdiger Fahndungsmethoden wie den Einsatz von Under-Cover-Agents oder das kontrollierte Laufenlassen bereits straffälliger Kleindealer geht, haben bei den Kofferkurieren erhebliche Skrupel.
Der Frankfurter Staatsanwalt Winfried Schreiber verweist auf den Verfolgungsanspruch. Ihnen seien "die Hände gebunden", erläutert Schreiber und will auch nicht einfach "den Dreck bei anderen abladen". Selbst wenn die Zöllner nur eine kleine Prise finden, kann daraus ein Großverfahren für die Justiz werden. In der Handtasche der englischen Rocksängerin Geraldine Blecker, die auf dem Flug von Lima nach London war, hatten die Frankfurter Kontrolleure im Oktober 1981 die geringe Menge von einem Gramm Kokain entdeckt, die sie zum Eigenbedarf mit sich führte.
Britische Drogenfahnder, die anschließend in England ermittelten, legten der Rocklady ein weiteres Kilogramm Koks zur Last - das alles wird seitdem vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt. Denn laut Strafgesetzbuch gilt deutsches Recht auch bei Auslandstaten gegen international geschützte Rechtsgüter wie dem "unbefugten Vertrieb von Betäubungsmitteln". Seit zweieinhalb Jahren sitzt die Sängerin in Frankfurt in Untersuchungshaft, weil Zeugen in Peru nicht greifbar waren und Zeugen aus London sich weigerten, nach Frankfurt zu kommen.

DER SPIEGEL 15/1984
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