09.04.1984

VERFASSUNGSSCHUTZAufgabe erfüllt

Ein V-Mann steht demnächst vor Gericht: Landfriedensbruch. *
Dem Berliner Verfassungsschutz kann es gar nicht recht sein, daß sich der Kraftfahrer Peter Eduard Troeber, derzeit arbeitslos, gegen einen Strafbefehl sträubte.
Weil Troeber Einspruch gegen den Bescheid einlegte, er sei "wegen Landfriedensbruchs und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte" zu 90 Tagessätzen a zehn Mark verurteilt, muß sich der 25jährige am 26. April vor dem Schöffengericht in Krefeld verantworten. Kein Demo-Prozeß von der herkömmlichen Art: Er zeigt, wie ein bezahlter Spitzel auf vorgeschobenem Posten verheizt werden kann.
Denn der Angeklagte ist jener V-Mann, der am 25. Juni letzten Jahres für die Berliner Sicherheitsbehörde in die Frontlinie der Krefelder Gewaltdemonstration gegen den amerikanischen Vize-Präsidenten George Bush eingesickert war. Auftrag: "Möglichst vorn aufhalten". Das Geheimunternehmen trug den Decknamen "Wanderer".
Die juristische Aufarbeitung der Bush-Visite hat 13 Demonstranten Anklagen (schwerer Landfriedensbruch) vor der Großen Strafkammer in Krefeld eingebracht. Von den insgesamt 121 Verfahren wurden 69 eingestellt, 31 Strafbefehle verschickt, acht Prozesse fanden oder finden noch vor dem Schöffengericht (Anklage: einfacher Landfriedensbruch) statt.
Daß der Steinhagel von Krefeld über die Gewalt-Aktualität hinaus Brisanz hatte, zeigte sich Tage später bei der polizeilichen Nachbereitung des Krefeld-Einsatzes, bei der Wanderer-Troeber als falscher Chaot entlarvt wurde. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann tat sich fortan schwer, die Militanz von Krefeld als Argument für eine Verschärfung des Demonstrationsstrafrechts zu nutzen.
Der Fall Troeber ist ein tristes Stück von heute. Als der junge Mann 1975 in Heilbronn die Schule verließ, war es ihm "beim besten Willen nicht möglich, eine Lehrstelle zu finden" (Troeber). Er jobbte als Handzettel-Verteiler einer Werbeagentur und zog im Juni 1981 nach Berlin um, wo er sich verschiedenen Hausbesetzergruppen anschloß.
Da es aber, fand Troeber heraus, "gesetzwidrig ist, sich überhaupt dort aufzuhalten, und von den Bewohnern oft Straftaten begangen werden", habe er sich "von den Leuten wieder distanziert" - was offenkundig den Verfassungsschutz interessierte. Ein Kontaktmann der West-Berliner Innenbehörde warb ihn an. Der neue V-Mann hörte sich in der Szene um, ging "auf Veranstaltungen und Demonstrationen", erfüllte die "Aufgabe, die mir aufgetragen worden ist", und auch mehr als dies.
Bei etlichen Krawallen wollen ihn Berliner Turnschuhkämpfer ganz vorn geortet haben ("Er war unheimlich militant drauf"). Vom vielen Steinewerfen, erzählt ein altgedienter Mitstreiter, müsse er schon "einen Tennisellenbogen haben". Am Winterfeldtplatz, so überliefern Streetfighter, habe Troeber, den sie "Piwi" nannten, angesichts einer Beamtenkette gerufen: "Tötet sie!"
Sein V-Mann-Führer honorierte jeden Einsatz mit mageren fünfzig Mark. Dennoch sah Troeber schon bald die "Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt nur von diesem Verdienten zu bestreiten". Stolz gab er später an, er habe es gar nicht mehr "nötig gehabt, das Sozialamt weiter zu belasten".
Anfang Juni letzten Jahres bekam er den Auftrag, in Berlin die Vorbereitungen für die Krefeld-Demo auszuspähen und dann ins Rheinland zu fahren. Troeber zog Kampfkleidung an, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Schuhe, Hundehalsband, und machte sich, als die Bush-Krawalle losbrachen, auf ins Getümmel.
Der Staatsanwalt ermittelte zunächst gegen ihn wegen eines Steinwurfs auf Beamte, was ihm eine Anklage wegen schweren Landfriedensbruchs hätte eintragen können; so lautete auch der Haftbefehl vom 28. Juni 1983. Weitere Recherchen entlasteten ihn in diesem Punkt, lieferten aber den Anhalt für eine andere Verwicklung.
Bei einer Vernehmung im September letzten Jahres gab der Wuppertaler Polizeihauptwachtmeister Siegfried Köster, 20, zu Protokoll, er könne Troeber als Krawallmacher identifizieren. Troeber habe "einen hellen Helm (Halbschale)" getragen, das Gesicht sei "bis zur Nasenspitze mit einem Tuch vermummt" gewesen.
Als der junge Polizist auf Troeber zuschritt, fühlte er sich plötzlich bedroht: "Die Person hatte die typische Stellung eines Angreifers, die rechte Faust war schlagbereit über dem Kopf auf mich gerichtet." Köster wehrte den Hieb mit seinem Schild ab und schlug zurück. Er traf den Mann, den er "hundertprozentig" für Troeber hält, am linken Hinterkopf. Tatsächlich diagnostizierte dort ein Arzt im Krefelder Krankenhaus bei Troeber eine "1 cm lange Platzwunde".
Der V-Mann bestreitet. Er habe sich "auf der Demo nie gewalttätig oder gesetzwidrig oder in einer Form, die man mißverstehen könnte, verhalten". Es müsse sich "um eine ganz gewaltige Verwechslung handeln".
Dem Polizisten Köster ist vor allem in Erinnerung geblieben, daß der damals Festgenommene stammelte, er müsse "dringend mit dem Innensenator in Berlin telephonieren". Keiner dürfe "seinen Code-Namen erfahren". Nachdem Troeber in die seinerzeit eingerichtete Sammelstelle für Festgenommene gebracht worden war, holten ihn die Berliner telephonisch auf dem kleinen Dienstweg wieder heraus. Ihr Mann zog vor, erst einmal nach Holland abzutauchen. Bei der Rückreise in die Bundesrepublik wurde er dann festgenommen.
Noch einmal kümmerte sich der Verfassungsschutz um seinen Agenten. Ein "Herr Meiser vom Landesamt" bat den zuständigen Krefelder Ermittlungsrichter, am Telephon mit dem inhaftierten Troeber reden zu dürfen, weil "dieser suizidgefährdet" sei. Meiser: "Ich will ihn seelisch aufrichten." _(Während des Besuchs von US-Vizepräsident ) _(Bush, am 25. Juni 1983. )
Während des Besuchs von US-Vizepräsident Bush, am 25. Juni 1983.

DER SPIEGEL 15/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad