14.05.1984

VERBRECHENAnregendes Medium

Ein „Tatort“-Krimi diente als Vorlage für eine Krimi-Tat. *
Peter Hemmer, Rechtsanwalt in München, reist gern mal auf die Nordseeinsel Langeoog. Dort hat er sich mit einem Gastwirt angefreundet, bei dem er sein Bier trinkt und der ihm eines Tages eine schöne Geschichte erzählte.
"Ist dir eigentlich klar", so der Wirt nach Hemmers Schilderung, "daß an jedem Tag während der Saison viele hundert Kurzurlauber oder Dauergäste mit ihrem Geld vom Festland auf die Insel kommen, um es hier auszugeben, und hast du dich schon mal gefragt, auf welche Weise dieses Geld zum Festland zurücktransportiert wird?"
Ein hübsches Thema für den Anwalt, der "im Zweitberuf Krimis schreibt": Hemmer, 47, setzte sich hin und entwarf das Drehbuch für den Fernseh-"Tatort" mit dem Titel "Haie vor Helgoland". Am Ostermontag wurde der Film gesendet. Sehbeteiligung: 42 Prozent, rund 17 Millionen Zuschauer.
Die Handlung mit, so Hemmer, einem "Stück Realität als Ausgangspunkt": Drei Männer knacken die Kasse des Helgoland-Dampfers, wollen den sogenannten Frachtbegleiter, der das Geld unter Verschluß hält, kampfunfähig machen und fesseln. Doch weil sie fürchten, wiedererkannt zu werden, erschießen sie den Mann. Kommissar Paul Stoever, dargestellt von Manfred Krug, macht sie am Ende dingfest.
Doch die "Realität als Ausgangspunkt" hatte Realität auch zur Folge. War das Gespräch mit dem Wirt von Langeoog für Hemmer nur "Auslöser für mein Drehbuch", so wurde die "Tatort"-Sendung für zwei der 17 Millionen Zuschauer offenbar zum Auslöser, gleichfalls so ein Ding zu drehen.
Zwei Wochen nach der Ausstrahlung, in der Nacht zum vorletzten Sonntag, klingelte an Bord der "Roland von Bremen", die nach einer achtstündigen Butterfahrt in Richtung Helgoland an der Columbuskaje in Bremerhaven festgemacht hatte, das Telephon.
"Hafenpolizei", meldete sich eine Stimme, und: Auf der Kaje sei das Auto
des Schiffszahlmeisters aufgebrochen worden, man werde eben mal "vorbeikommen". Aber vorbei kamen nicht Polizisten, sondern zwei Männer mit Strumpfmasken. Sie fuchtelten mit einer Pistole herum, drängten den Zahlmeister in seine Kajüte, fesselten ihn und verschwanden unerkannt mit den Tageseinnahmen in Höhe von 60 000 Mark.
"Ich fühle mich total unschuldig", meint Autor Hemmer dazu. Ob TV-Krimis zur Nachahmung von Straftaten anregen - die Erkenntnisse der Wissenschaft auf diesem Gebiet seien "gleich Null", weiß Hemmer, der sich "durch Jahre mit diesem Thema beschäftigt" hat.
Allenfalls wird da, denkt er, via Bildschirm "ein Schnittmuster geliefert", von dem dann einer Gebrauch macht, der ohnehin so etwas zu tun vorhatte: "Es wäre auch ohne das dazu gekommen." Und immerhin findet Hemmer bestätigt, daß Fernsehen eben "ein anregendes Medium" ist.

DER SPIEGEL 20/1984
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