13.08.1984

NAHOSTWerk des Satans

Treibminen im Roten Meer - höchster Alarm bei allen Anrainer-Staaten. Der Täterschaft verdächtigt wurde der Iran, Beweise gab es nicht. *
Irans Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani inspizierte die Flotte seines Ajatollah.
Mit einem Feldstecher in der Hand schlenderte er über die Decks von Kriegsschiffen, die an der Straße von Hormus stationiert sind, und stärkte mit flammenden Reden den Mut der Marinesoldaten der Islamischen Republik.
Mehr als 250 Minen habe der Iran von Nordkorea erhalten, erzählte er und verwies voller Stolz darauf, daß fortan eine Truppe islamischer Kampfschwimmer bereitstehe, die Ziele des Ajatollah auch unter Wasser durchzusetzen: "Mehr als 5000 Froschmänner haben ihren Kursus im Minenlegen absolviert."
Der einflußreiche iranische Politiker wollte damit angeblich nur andeuten, daß sein Land in der Lage sei, die Straße von Hormus, den Ausgang des Persischen Golfes, zu blockieren, wenn eine Verschärfung des Krieges mit dem Irak dies für den Iran erforderlich mache.
Das war Ende Mai. Anfang Juli waren sich Militärexperten des Nahen Ostens und des Westens nicht mehr so sicher, ob Chomeinis gelernte Minenleger ihre Kenntnisse nur im Persischen Golf anwenden wollen. Denn am 10. Juli lief ein sowjetisches Frachtschiff im Golf von Suez, nur fünf Kilometer von der Kanaleinfahrt entfernt, auf eine Mine. Bis vergangene Woche waren es mindestens 15 Schiffe, die entweder direkt von Minen beschädigt wurden oder in deren Nähe Sprengkörper im Wasser explodierten, darunter waren die Hamburger Frachter "Medi Sea", "Este" und "Linera".
Am schlimmsten traf es den unter liberianischer Flagge fahrenden Tanker "Oceanic Energy", der, leckgeschlagen, in den Hafen der saudiarabischen Stadt Dschidda geschleppt werden mußte. Glimpflich kam noch die "Georg Schumann" aus Rostock davon, bei der nach Minenberührung und anschließender Explosion lediglich die Lukendeckel aufflogen und die Maschinen stehenblieben.
Minengefahr bestand offensichtlich vor allem an der Südeinfahrt zum Roten Meer, der Straße Bab el-Mandeb, "Tor der Wehklage", und in der Nähe des Suezkanals. Schiffsversicherer Lloyd's in London empfahl seinen Kunden, erst einmal vor dem Roten Meer die weitere Entwicklung abzuwarten. Die Rotmeer-Anrainer waren alarmiert, allen voran Ägypten, das um die Kanalgebühren fürchtet, und Israel, das seine Schiffahrt zum Rotmeerhafen Eilat gefährdet sah.
Aus Furcht, Einzelheiten über die mysteriösen Minen könnten die Schiffahrt im Suezkanal beeinträchtigen, versuchten die Medien am Nil zunächst, die Explosionen als technische Pannen herunterzuspielen. "Abgedriftete Sprengladungen von Bohrinseln im Golf von Suez" oder auch "letzte Überbleibsel des Oktoberkrieges von 1973" sollten die Ursache sein. Doch bald ließ sich die Gefahr nicht mehr verniedlichen.
Unter größter Geheimhaltung wurden ägyptische Minensuchboote zum Golf von Suez und ins Rote Meer befohlen.
Auf dem Militärflughafen Kairo West setzten C-5 A-"Galaxy"-Transportmaschinen der US Air Force auf. Sie brachten Spezialhubschrauber des Typs RH 53 D "Sea Stallion", auf Kairos Bitte aus dem US-Luftwaffenstützpunkt Norfolk eingeflogen.
Auch andere Rotmeer-Anrainer handelten. Zweitausend Kilometer weiter südlich luden äthiopische Soldaten sowjetisches Material auf dem Flughafen Asmera aus: Hubschrauber und technisches Gerät, das sofort zum Hafen Massawa geschafft wurde.
Ägyptische Skyhawk-Maschinen, saudiarabische Hunter, MiGs mit nordjemenitischen, äthiopischen und sowjetischen Hoheitszeichen sowie amerikanische F-16-Düsenjäger patrouillierten von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang über dem Roten Meer. Drei französische Kreuzer und drei britische Zerstörer fuhren derweil die Gewässer am Bab el-Mandeb ab.
Die meisten Minen wurden an der Südspitze der Sinai-Halbinsel und vor den saudiarabischen Häfen Dschisan und Kunfidha entdeckt. Kenner behaupten, dies sei kein Zufall: Dschisan ist ein wichtiger Marinestützpunkt der Saudis, dort werden auch die Rüstungsgüter umgeschlagen, die für den neuen amerikanischen Horchposten bei Abha im Assir-Gebirge sowie für den von Amerikanern und Saudis unterhaltenen Luftwaffenstützpunkt Chamis Muscheit bestimmt sind. Aber auch in der Nähe der Farsan-Inseln sowie beim Dahlak-Archipel vor der äthiopischen Küste wurden Minen gesichtet.
Ungeklärt blieb, wer die Minen gelegt hat und welche Motive die Täter geleitet haben könnten. "Zwei Staaten sind es, die mit diesen Vorgängen zu tun haben", sagte General Abu Ghasala, Ägyptens Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Der General meinte den Iran und Libyen.
Ägyptens Linke sehen die Täter woanders: Sie machen die Amerikaner verantwortlich. "Wer weiß", fragt ein kommunistischer Schriftsteller, "ob das nicht die gleichen Minen waren, mit denen die Reagan-Clique die nicaraguanischen Häfen vermint hat?"
Konservative Moslem-Brüder und linke Nasseristen, engagierte Gegner des israelisch-ägyptischen Friedens, sind natürlich fest überzeugt, den Judenstaat treffe alle Schuld, weil alles Übel dieser Erde vom Zionismus ausgehe.
In Beirut und Paris bekannte sich die Teheran nahestehende schiitische Extremistengruppe "Dschihad Islami" (islamischer heiliger Krieg) als verantwortlich und behauptete, 190 Minen gelegt zu haben.
Teheran selbst reagierte zwiespältig. Der iranische Rundfunk pries die Minenleger und frohlockte: "Die Imperialisten hatten schon längst eine solche Lektion verdient." Aber die Regierung distanzierte sich, und Chomeini selbst klagte: "Wann immer eine Untat auf der Welt begangen wird, behauptet man, Iraner und die iranische Regierung hätten dabei die Hand im Spiel. Das ist reine Propaganda."
Daß die Organisation Dschihad Islami ohne diskrete Hilfe eines befreundeten Staates das Rote Meer vermint haben könnte, erscheint kaum denkbar, trotz aller Erfahrungen mit Sprengstoff, die jene Extremisten im Libanon gesammelt haben. Sie brüsten sich damit, in Beirut die amerikanische Botschaft und das Hauptquartier der US-Marines zerstört zu haben.
Arabische Experten komplizieren das Bild noch weiter und behaupten, die bisher gefundenen Treibminen entsprächen genau jenen, die vor nicht allzu langer Zeit an den Pfeilern der neuen Meeresbrücke zwischen dem Golf-Emirat Bahrein und Saudi-Arabien angeschwemmt wurden.
Noch während seines Staatsbesuchs in Jugoslawien gab Ägyptens Präsident Mubarak bekannt, daß sein Land das Recht habe, jedes Schiff, das den Suezkanal passiere, zu durchsuchen. Prompt filzten ägyptische Beamte jedes Badeboot von Touristen, das sich auch nur ein wenig vom Strand entfernte.
Bis Ende voriger Woche führte die Suche zu keinem Ergebnis. Verängstigt sind vor allem Ägyptens Mekka-Pilger. Erst am vergangenen Donnerstag schifften sich unter inbrünstigen Anrufungen Allahs 1200 von ihnen nach Dschidda ein.
Solches Risiko wollen nur noch wenige auf sich nehmen, immer mehr ziehen es vor zu fliegen, auch wenn das die Pilgerreise verteuert. Daß zwei ägyptische Schnellboote jedes Pilgerschiff eskortieren, beruhigt die Mekka-Pilger ebensowenig wie Sanitätspersonal an Bord.
In Ägypten machte unterdes die ultraislamische Moslembruderschaft Front gegen den Iran: "Dieser Chomeini schadet noch uns allen", sagte ein Sprecher. "Aber nun wissen wir Sunniten wenigstens mit Sicherheit, welch einen gefährlichen Irrglauben die schiitische Sekte darstellt. Denn ein Moslem, der das Leben frommer Pilger aufs Spiel setzt, vollbringt ein Werk des Satans."
[Grafiktext]
LIBANON-ISRAEL Suez-Kanal Golf von Suez ÄGYPTEN SUDAN Dahlak-Archipel Farsan-Inseln ÄTHIOPIEN DSCHIBUTI Babel-Mandeb SOMALIA ROTES MEER SYRIEN JORDANIEN IRAK IRAN SAUDI-ARABIEN Dschidda Kunfidha Chamis Muscheit Abha Dschisan JEMEN V. R. JEMEN minenverseuchte Gebiete km
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 33/1984
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